Transfermarkt: In Zeiten von detaillierten Datenanalysen und großen Scoutingteams: Kommen gefühlsgesteuerte Transfers noch zustande, wenn zum Beispiel der neue Trainer sich an einen Ex-Spieler erinnert und diesen intern vorschlägt?
Steidten: Auf jeden Fall. 90 Prozent meiner Arbeit ist es, Transfers zu verhindern. (lacht) Du musst den Fokus auf die Erkenntnisse legen, die deine Scoutingabteilung jahrelang mit dir erarbeitet hat. Du musst immer vor Augen haben, wo der Verein hinwill und welche Profile vorher festgelegt wurden. Trainer bringen natürlich auch sehr viel Erfahrung und Know-how mit und haben auch Spieler im Kopf, die sie besonders gut kennen und dementsprechend auch gut einschätzen können. Als Sportdirektor oder Kaderplaner musst du dann wirklich ehrlich sein und auch mal sagen, dass Emotionen beiseitegeschoben und Fakten auf den Tisch gelegt werden müssen. Deswegen hilft es total, wenn zuerst gemeinsam Profile und keine Namen besprochen werden. Wenn der gewünschte Spieler des Trainers dann zum Beispiel nicht mit dem Datenprofil übereinstimmt, sage ich ihm, dass wir gemeinsam etwas anderes besprochen haben. Es geht beim Recruitment nie um persönliche Bedürfnisse, sondern um Vereinsinteressen. In den meisten Fällen habe ich die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Trainern, wenn es um das Recruitment geht, aber als sehr angenehm und inspirierend empfunden.
Transfermarkt: Diese Herangehensweise hat wirklich jeder Trainer nachvollziehen können?
Steidten: Nein. (lacht.) Also musst du für deine Überzeugung kämpfen. Das kannst du aber nur, wenn der Verein in seinen Strukturen so klar unterwegs ist und diesen Weg weitergeht, egal, was von außen kommen mag. Hier ist das gemeinsame Commitment auf der sportlichen Führungsebene, von dem ich am Anfang gesprochen habe, besonders wichtig.
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Transfermarkt: Wann erlebten Sie Ihre intensivste Zeit als Verantwortlicher?
Steidten: Der erste Transfersommer 2023 bei West Ham, als wir zwölf Transfers in vier Wochen abgewickelt haben, war am Aufreibendsten. Das war wirklich ein Brett. In Deutschland konntest du Themen viel besser vorbereiten und planen, weil du dich in einem gewissen Budget bewegen durftest. Das Transferfernster im Winter ist für mich komplett unterschätzt, weil man dort in aller Ruhe Vorgriffe auf den Sommer vornehmen konnte. Der Sommer ist dagegen sehr oft geprägt von Emotionen, Situationen und Entwicklungen auf dem Transfermarkt. Die Hauptarbeit einer Scoutingabteilung und eines Kaderplaners findet aber natürlich vorher statt, um im Sommer schnell handlungsfähig zu sein.
Transfermarkt: Der FC Bayern tut sich wahnsinnig schwer bei der Suche nach einem neuen Flügelstürmer, kassierte gefühlt eine Absage nach der anderen. Wie können Sie sich das erklären?
Steidten: Das ist superschwer zu sagen, wenn man nicht beteiligt ist. Ich weiß aber, dass der Markt auf dieser Position total umkämpft ist. Und das gilt auch für Bayern München. Es ist immer kompliziert, wenn andere Vereine wissen, was du brauchst. Wenn der ganze Markt weiß, dass Bayern einen Außenstürmer benötigt, kannst du dir sicher sein, dass die Preise 20 bis 30 Prozent nach oben gehen. Dazu kommt die brutale Konkurrenz aus England, wo finanziell keine großen Probleme bestehen. Das ist für die deutschen Vereine wie Bayern oder Dortmund total schwer, da mitzuhalten. Das musst du durch gute Scouting- und Überzeugungsarbeit erst einmal wettmachen. *
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