Ja, die SZ und der Claudius Seidl. Beide sehr geschätzt. Sehr klug.
Aber ich habe mich gestern trotzdem auf eine kleine Widerrede eingelassen 
Claudius Seidl hat recht. Die demokratische Rechte hat den Kulturkampf nicht gewonnen, sondern der AfD. Wer jahrelang über Gendersternchen, Volkserzieher und linksgrüne Bevormundung schimpft, spielt auf dem Platz der AfD, und auf diesem Platz ist die AfD die bessere Mannschaft. Merz hat 2018 versprochen, sie zu halbieren, und ihr stattdessen das Vokabular geliehen, mit dem sie sich heute als einzige echte Opposition inszeniert. So weit folge ich Seidl ohne Widerwillen.
Nur zieht er aus der richtigen Beobachtung den bequemsten Schluss. Bei ihm klingt es, als seien die Sorgen der „besorgten Bürger" durchweg Einbildung, geschickt geschürt von zynischen Kulturkämpfern. Der Messermigrant als Phantasma, die Abschiebung als reine Grausamkeit, der Wähler als Getäuschter. Das ist mir persönlich zu einfach.
Es gibt reale Überforderung in unserer Gesellschaft. In den Kommunen, an den Schulen, auf dem Wohnungsmarkt, bei der Integration und bei der schlichten Frage, was ein Staat eigentlich noch durchsetzen kann. Diese Probleme wegzudeuten, weil ihre Benennung in den falschen Mündern verdächtig klingt, ist derselbe Fehler wie ihre Übertreibung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Der entscheidende Punkt liegt zwischen beiden Lagern.
Es sind die reale Probleme die der Nährboden des AfD-Erfolgs sind, aber eben nicht seine Erklärung.
Wer AfD wählt, tut das selten, weil ihn ihre kommunalpolitischen Konzepte überzeugen. Die gibt es kaum. Er tut es, weil die Partei aus Misstrauen und Trotz eine Haltung macht und aus dem Gefühl, nicht gemeint zu sein, eine Identität. Diese Haltung aber fällt nicht vom Himmel. Sie wird mitproduziert davon, wie über die Probleme geredet wird. Und hier schließt sich der Kreis zu Seidl. Denn ich finde, dass auch sein Ton sie mitproduziert.
Sein Essay tut genau das, was er anklagt. Er beklagt die Herablassung gegenüber dem einfachen Wähler in einer Prosa, die selbst vor Herablassung trieft. Das „dumm und naiv genug", der süffisante Schweinsbraten, der mitleidige Blick auf die Provinz. Das ist die Volkserzieherattitüde, die er Merz vorwirft, nur von der anderen Seite. Ein Text über das Scheitern im Kulturkampf, der eben selbst ein Stück Kulturkampf ist. Wenn Verachtung das Problem ist, dann hilft keine Verachtung mit anderem Vorzeichen.
Bleibt die strategische Frage, die Seidl für entschieden hält.Hätte ein anderer Kurs die AfD klein gehalten?
Das weiß er nicht, und ich weiß es erst recht nicht.
Das dänische Beispiel, das hier gern als Trost bemüht wird, taugt dazu schlechter, als es aussieht. Mette Frederiksen hat den rechten Rand zwar zeitweise eingehegt, aber gerade dadurch, dass sie die restriktive Substanz übernahm und ein gutes Stück der Tonlage gleich mit.
Wer Dänemark als Beleg anführt, plädiert also halb für genau das, was er eigentlich ablehnt. Darin steckt die unbequeme Lehre. In der Praxis nämlich, verschwimmt die Grenze zwischen einem Problem lösen und sich den Frame des Gegners borgen.
Sicher ist darum nur eines. Merz’ Strategie hat nicht funktioniert. Dass die AfD heute stärker da steht als je zuvor und die Union so schwach, beweist nicht, dass die Gegenstrategie funktioniert hätte. Ein gescheiterter Versuch ist kein Beleg für die unversuchte Alternative.
Was sollen wir denn dann tun, fragt man sich? Wenn man das so genau wüsste. Jedenfalls nicht einfach die Sprache der AfD kopieren, da hat Seidl absolut recht, auch wenn die dänische Erfahrung zeigt, wie unscharf diese Linie verläuft.
Aber eben auch nicht so tun, als verschwänden die Probleme, sobald man ihre Benennung den Falschen verbietet. Die Aufgabe der demokratischen Parteien ist die unbequemste von allen. Sie müssen reale Probleme tatsächlich zu lösen, ohne den rechten Deutungsrahmen gleich mitzuliefern, und ohne den linken, der große Teile der Wählerschaft vorsorglich für verloren erklärt.
Daran scheitert Merz sichtbar. Seidls Essay zeigt mir persönlich vor allem, dass die andere Seite den gleichen Fehler macht, nur eleganter.
Kommt gut durch die Hitze 