Lieber @cheffe, vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Dazu ein paar Gedanken.
Wenn ich nach soziologischer Theorie Struktur und Handlung unterscheide und Struktur als ein Netz von Normen und Institutionen in einer Gesellschaft verstehe, die das Handeln und Verhalten von Menschen erwartbar macht, dann kann ich die Rede von „struktureller Gewalt“ als Bezeichnung für den Umstand, dass diese Normen und Institutionen manche Menschen bei der Wahrnehmung ihrer Lebenschancen systematisch gegenüber anderen benachteiligen, akzeptieren.
Ein wesentliches Merkmal von struktureller Gewalt in Abgrenzung zu individueller Gewalt wäre es dann, dass es für die systematische Benachteiligung bestimmter Menschen durch strukturelle Gewalt keines Vorsatzes bzw. keiner gezielten Absicht eines Individuums bedürfte, wie es beispielsweise der Fall wäre, wenn jemand in seinem Laden schwarze Menschen nicht bedient, weil er Vorurteile gegen Schwarze hat. Für diese Form der Gewalt würde es ausreichen, dass jemand beispielsweise in einem schlechten Stadtviertel geboren wird, wo es keine guten Schulen gibt, er aber aufgrund eines Schulgesetzes, das ursprünglich aus ökonomischen Gründen und Gründen der organisatorischen Vereinfachung verabschiedet worden ist und besagt, dass Kinder in unmittelbarer Nähe zu ihrem Wohnort zur Schule gehen müssen, keine bessere Schule in einem besseren Stadtviertel aufsuchen darf. Wenn dieses Viertel vornehmlich von Ausländern bewohnt wird, hätten wir einen Fall von struktureller Benachteiligung einer gesellschaftlichen Minderheit. Niemand möchte diesem Kind absichtlich schaden, niemand ist hier individueller Täter, aber die Strukturen (hier ein Gesetz), in tückischer Zusammenarbeit mit der historisch gewachsenen Komposition des Viertels, sorgen dafür, dass dieses (Ausländer-)Kind – und mit ihm ganz viele andere aus demselben Viertel – gegenüber anderen (nicht ausländischen) Kindern aus anderen (nicht ausländisch geprägten) Vierteln systematische Nachteile bei der Entfaltung ihrer Lebenschancen haben.
Wenn wir solche Effekte meinen, wenn wir von „struktureller Gewalt“ reden, bin ich mit dem Begriff einverstanden. Dann hat er einen analytischen Mehrwert. Dann verweist er auf empirisch beobachtbare und beschreibbare Tatsachen, die problematisiert und verändert werden können, dann beschreibt er ein spezifisches Problem (systematische, aber nicht intendierte Benachteiligung bestimmter Menschen), das sich mit anderen Gewaltbegriffen nicht fassen lässt.
Womit ich nicht einverstanden bin, lieber @cheffe, ist die Verwendung des Begriffs der „strukturellen Gewalt“ oder eines Derivates davon als hochtrabende Umschreibung der Behauptung, dass wir alle oder fast alle, die wir Männer sind (unter anderem auch ich), Frauen Gewalt antun oder schlecht behandeln, ob wir es wollen oder nicht. Ich halte diese Behauptung für groben Unsinn. Ich beispielsweise habe noch nie einer Frau körperliche oder seelische Gewalt angetan und ich habe, weil Du es als Beispiel für strukturelle Gewalt nennst, auch noch nie einer Frau etwas „mansplained“. „Mansplaining“ ist ein völlig unterspezifizierter Begriff, der so, wie er verwendet wird, eigentlich nur als Kampfbegriff taugt und auch nur als solcher verwendet werden kann (und sicher auch wird). Wo verläuft denn die Grenze zwischen „Mansplaining“ und einer normalen Erklärung eine Sachverhalts von einem Mann an eine Frau? Ist eine nicht mansplainende Erklärung von Mann zu Frau überhaupt möglich? Oder ist schon allein die Tatsache, dass in einem Gespräch, in dem gerade etwas erklärt wird, der Erklärende ein Mann ist und der, dem erklärt wird, eine Frau, hinreichend für das Vorliegen von „Mansplaining“? Was sind die Kriterien, anhand derer man bei einer Erklärung „Mansplaining“ von Nicht-„Mansplaining“ unterscheiden kann? Mir scheint, dass jeder den Begriff so spezifizieren und abgrenzen kann, wie es ihm gerade gefällt, und damit ist der Begriff analytisch völlig untauglich und ein reiner Kampfbegriff, weil man damit potentiell jede Ansprache eines Mannes an eine Frau pathologisieren und als Nachweis von „struktureller Gewalt“ mitsamt dem Täter ächten kann. Er ist damit einzig und allein ein Mittel der diskursiven Machtausübung, nichts weiter, und damit eigentlich genau das, wogegen die Leute, die ihn im Munde führen, in anderen Kontexten sonst so vehement protestieren.
Aber ich schweife ab. Wo ich Dir eigentlich noch zustimmen wollte, ist die Beschreibung des Patriarchats als ein Zustand struktureller Bevorteilung von Männern und männlich konnotierten Eigenschaften gegenüber Frauen und weiblich konnotierten Eigenschaften in einer Gesellschaft. Damit kann ich etwas anfangen. Gemessen an vielen Indikatoren, die wir heute als wichtige Marker für gesellschaftlichen Status und den Zustand der Gleichberechtigung erachten, genießen Männer Vorteile gegenüber Frauen. Sie besetzen mehr Spitzenpositionen in Politik, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, sie haben bessere berufliche Aufstiegschancen, sie verdienen mehr Geld, sie haben die prestigeträchtigen Berufe. Männern wird ein größerer Teil der in unserer Gesellschaft mit Prestige besetzten Persönlichkeitsmerkmale zugeschriebenen: Mut, Stärke, Kraft, Ausdauer, Durchsetzungsfähigkeit, Verantwortlichkeit, Sachlichkeit. Männer sind immer noch die Träger der Familie und im gewissen Sinne die Stützen der Gesellschaft.
Aber wenn Du das Patriarchat als Form struktureller Gewalt liest, dann würde ich sagen, sind die Männer davon genauso Opfer wie die Frauen. Was der Begriff Patriarchat beschreibt, ist ein Set von Verhaltenserwartungen und Zuschreibungen von bestimmten Eigenschaften an die sozialen Rollen von „Mann“ und „Frau“. Diese Erwartungen und Zuschreibungen bevorteilen Männer nicht nur wie oben dargestellt, sondern verlangen ihnen auch ab, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Man ist nur ein richtiger Mann, wenn man sich „männlich“ verhält, das heißt, wenn man die institutionalisierten Rollenerwartungen nicht enttäuscht. Männer, in ihrem biologischen und vorsozialen Zustand, sind also auch Opfer „struktureller Gewalt“, indem sie Rollenerwartungen gerecht werden müssen, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, wenn sie gesellschaftliche Anerkennung erfahren wollen.
Ich halte es für wichtig, das festzuhalten: Wenn man das Patriarchat ernst nimmt als Form struktureller Gewalt, das heißt als ein Netz von gesellschaftlichen Normen und Institutionen, die menschliches Handeln und Verhalten formen und erwartbar machen (beispielsweise über die Zurverfügungstellung von Rollenbildern, denen Menschen entsprechen müssen, wenn sie keine Irritationen verursachen wollen), dann sind biologische Männer genauso Opfer wie Frauen, indem auch sie gezwungen sind, den an sie gestellten gesellschaftlichen Männlichkeitsvorstellungen und Rollenerwartungen zu entsprechen. Die Tatsache, dass das männliche Rollenbild in patriarchal geprägten Gesellschaften mit gewissen gesellschaftlichen Vorteilen im Vergleich zum weiblichen verbunden ist, ändert nichts an der Tatsache, dass Männer genauso Opfer des Patriarchats sind wie Frauen.
Das heißt aber NICHT – und dagegen verwehre ich mich auch –, dass alle oder fast alle Männer Frauen Gewalt antun, ob sie wollen oder nicht (und sei es auch nur durch ubiquitäres „Mansplaining“). Das ist in meinen Augen ein fundamentales Missverständnis davon, was mit „struktureller Gewalt“ überhaupt sinnvoll gemeint sein kann, und grob falsch.