Ich möchte zwei Leitmotive, die sich durch die Diskussion ziehen, kritisch ansprechen.
I.
Das eine ist der Aspekt der Männer als Tätern, den ich exemplarisch an dem Satz „Männer sind das Problem“ besprechen möchte.
„Männer sind das Problem.“ Wenn es um körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt und Ähnliches geht, sind Männer zweifellos insofern das Problem, als die überwältigende Mehrheit der Täter Männer sind.
„Wenn Gewalt, dann männlich“ ist eine empirisch korrekte Aussage, der mit einem Blick auf die relevanten Daten, Zahlen und Statistiken niemand ernsthaft widersprechen kann.
Aber ist es analytisch sinnvoll oder wünschenswert, auf dieser Stufe der Auflösung stehen zu bleiben?
Ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn ich in einer Diskussion über die Stabilität unserer Sozialsysteme sagte: „Ausländer sind das Problem” und dies damit begründete, dass Ausländer zwar nur knapp 15 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen, aber knapp 50 Prozent der Bürgergeldempfänger stellen?
Würden all diejenigen, die im Kontext von Gewalttaten sagen, dass Männer das Problem sind, dann auch sagen: „Ja, klar, Ausländer sind das Problem”? Oder würde nicht vielmehr die Differenzierung losgehen: „Man kann nicht alle Ausländer über einen Kamm scheren. Viele sind in armen Ländern ohne Chancen auf eine angemessene Bildung aufgewachsen und sprechen kaum Deutsch. Da kann man nicht erwarten, dass sie von Tag eins an dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Dass die Erwerbsquote nicht höher ist, ist auch keine Schuld der Ausländer, sondern vielmehr unserer mangelhaften Integrationsfähigkeit in Deutschland. Hier liegt das eigentliche Problem. Es mangelt an Betreuung, Wohnraum und Deutschkursen. Viele Ausländer sind übrigens auch Flüchtlinge, die Schutz suchen vor Gewalt und Verfolgung. Da darf der ökonomische Wert keine Rolle spielen. Es ist unsere ethische Verantwortung, ihnen Schutz zu gewähren – unabhängig davon, wie produktiv sie für unsere Wirtschaft sind."
All das würde gesagt und niemand würde widersprechen. Im Gegenteil, es würde als notwendige Differenzierung in der Diskussion eines komplexen Themas begrüßt.
Aber warum ist diese Differenzierung hier richtig und geboten, bei „Männer sind das Problem” jedoch nicht? Warum wenden die Leute, die im Kontext von Gewalttaten behaupten, Männer seien das Problem, nicht die gleiche analytische Sorgfalt an, um dem komplexen Thema gerecht zu werden, die sie den Leuten andererseits abverlangen würden, die im Kontext von Sozialleistungen behaupten, Ausländer seien das Problem?
Männer sind bei Gewalttaten genauso sehr das Problem, wie Ausländer es woanders sind. Oder Juden. Oder jedes andere Kollektiv, wenn aufgrund bestimmter biologischer oder kultureller Merkmale, die alle Mitglieder einer Gruppe teilen, auf ein problematisches Verhalten oder eine problematische Beschaffenheit aller Mitglieder dieser Gruppe gleichermaßen geschlossen wird. Wenn ich bei Aussagen über Ausländer Differenzierung erwarte, dann sollte ich sie auch bei Aussagen über Männer walten lassen. Es nicht zu tun, verrät Doppelstandards und logische Inkonsistenz in der Argumentation.
Was mich in diesem Zusammenhang persönlich am meisten wundert, ist, dass die Leute (ich meine niemanden Bestimmten aus dem Forum, bevor Missverständnisse auftauchen), die bei Themen wie häuslicher, sexualisierter und körperlicher Gewalt sagen: „Männer sind das Problem”, meist die gleichen – und oft sogar dieselben – sind, die bei Kollektivzuschreibungen für andere Gruppen (z. B. Frauen sind schlechte Geschäftsleute, Ausländer sind Schmarotzer, POC sind kriminell) auf einmal extrem hellhörig werden und sich solche völlig undifferenzierten Pauschalisierungen aufs Schärfste verbitten.
Ich fände es argumentativ wünschenswert, wenn überall der gleiche Maßstab angelegt würde. Das würde auch die Überzeugungskraft der vorgetragenen Argumente extrem stärken (jedenfalls mir gegenüber). „Männer sind das Problem“ ist das Problem.
(Kurzer Einschub: @cheffe: Wärest Du so nett, mir einmal kurz zu erklären, was Du darunter verstehst, dass Männer vielleicht nicht individuell, aber auf jeden Fall „strukturell“ Gewalt ausüben? Hast Du dafür ein Beispiel? Ich würde gerne besser verstehen, was Du meinst, als mich nur auf meine (vermutlich unzureichenden) Interpretationsfähigkeiten zu verlassen. Danke!)
II.
Ich möchte nicht inhaltlich Stellung beziehen zu der Petition gegen Boatengs Hospitanz beim FC Bayern. Ich möchte nur auf eine strukturelle Besonderheit der Argumentation aufmerksam machen, die mir an der Diskussion darüber aufgefallen ist.
Diejenigen, die sagen, dass…
- Boateng auch dort schuldig ist,…
- … wo er vor Gericht nicht schuldig gesprochen wurde, …
- … weil er das nur nicht wurde, weil Männer sich gegenseitig decken oder patriarchale Strukturen das verhindern
- …und Widerspruch dagegen mit dem Hinweis beantworten, man müsse sich die Strukturen im Hintergrund angucken…
… bewegen sich, was die Struktur der Argumentation angeht, fest auf verschwörungstheoretischem Terrain.
- 9/11 war ein Inside-Job…
- …auch wenn es dafür keine Evidenz gibt,…
- … weil die Leute, die die Evidenz beisteuern könnten, alle mit drin stecken…
- …und um das zu verstehen, muss man sich die Strukturen im Hintergrund angucken.
Im Fall Boateng werden die Vertreter den Vergleich mit Verschwörungstheorien empört zurückweisen und sagen: „Ja, oberflächliche Ähnlichkeit gibt es vielleicht, aber im Fall Boateng stimmt es.“
Nur genau das würden alle Vertreter von Verschwörungstheorien für ihren jeweiligen Fall auch sagen.
Natürlich ist die Theorie, dass Boateng vor Gericht nur deswegen freigesprochen wurde oder mit einer geringeren Strafe als eigentlich verdient davongekommen ist, weil patriarchale Strukturen oder „Männer" eine härtere Bestrafung verhindert haben, nicht ganz so abenteuerlich wie die Behauptung, dass 9/11 ein Inside-Job war oder „die Juden” über die Besetzung zentraler globaler Schaltstellen in Finanzen und Politik heimlich die Welt kontrollieren. Strukturell ist die Argumentation jedoch sehr ähnlich und ich würde diejenigen, die sie vortragen oder lesen und glauben, in ihrem eigenen Interesse ermutigen, sich ihrer Sache wirklich sicher zu sein. Habt Ihr belastbare Evidenz? Könnt Ihr ohne die typische verschwörungstheoretische Spirale, die Widersprüche dadurch auflöst, dass sie in die Verschwörung integriert werden, erklären, wie diese patriarchalen Strukturen oder Männerbünde, die systematisch für Ungerechtigkeit vor Gericht für bestimmte Gruppen (etwa Frauen) sorgen, diesen diese Gruppen benachteiligenden Einfluss ausüben? Was sind diese patriarchalen Strukturen? Wie wirken sie auf die Menschen vor Gericht ein? Wie sorgen sie dafür, dass Gerichtsurteile für schlagende Männer milder ausfallen, als sie objektiv ausfallen müssten? Wie sorgen sie dafür, dass bestimmte polizeiliche oder staatsanwaltschaftliche Untersuchungen nicht stattfinden, wenn die Opfer Frauen sind, obwohl sie objektiv stattfinden müssten? Was sind die konkreten Wirkmechanismen?
Einfach aus seelischer, intellektueller und emotionaler Hygiene sollte man mit Argumentationsfiguren, die strukturell verschwörungstheoretisch sind, echt aufpassen, wenn man sie selbst mit Überzeugung anwendet. Habe ich Evidenz? Kann ich meine Theorie logisch schlüssig und empirisch fundiert darlegen? Finde ich meine Argumentation selbst überzeugend, wenn ich sie aufschreibe und drei Wochen später mit innerer Distanz zu mir selbst in Ruhe noch einmal durchlese?
Ich betone das deswegen so nachdrücklich, weil ich selbst immer extrem skeptisch werde, wenn ich irgendwo etwas von „Strukturen im Hintergrund“ oder „strukturellen“ Einflüssen oder Faktoren lese, die Menschen systematisch auf eine bestimmte Weise agieren lassen sollen. Der Verweis auf Strukturen lässt einerseits konkrete Verantwortlichkeit verschwinden, ermöglicht es aber andererseits den Leuten, die so etwas behaupten, undifferenzierte Pauschalurteile zu fällen oder Wahrheitsansprüche zu erheben, ohne sie wirklich begründen zu müssen (und meist auch zu können).