Mir ging es eben darum, dass Bayern Boateng nichts schuldig ist und auch generell nicht die Aufgabe hat, dass Spieler eine Arbeit haben oder wieder gut dastehen können.
An dieser Stelle darf auch gefragt werden: wer erzieht denn die Jungen im Sinne dieser Männlichkeitsvorstellungen? Es ist bestimmt nicht unfair zu behaupten: zu einem nicht geringen Teil sind es die Mütter. Frauen sind zu einem wesentlichen Anteil an der Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen mitbeteiligt. In der individuellen Lebenspraxis führt das zu interessanten Widersprüchlichkeiten. Denn Frauen, die ehrlich und offen mit dieser Thematik umgehen, stellen z.B. fest, dass die Ansprüche, die sie an ihr eigenes Erziehungsverhalten ihren Söhnen gegenüber an sich selbst stellen, keineswegs zwangsläufig deckungsgleich mit ihrem Gefühlsleben in puncto Partnerwahl sind. Und da wird es dann ja richtig spannend.
Das wirkt sich nämlich auch in der Gefühlswelt der nächsten Generation aus. Meine Frau brachte ihren Sohn (heute Mittvierziger) in die Ehe mit. Ich kannte ihn von Geburt an. Das Verhältnis zwischen ihr und mir war damals so kompliziert, dass sie einerseits keine Partnerschaft mit mir wünschte, andererseits aber bereits schon während der Schwangerschaft in Anbetracht des sich abzeichnenden Desasters der erst noch zu schließenden Ehe mit dem Erzeuger mich fragte, ob ich dann die Vaterschaft übernehmen würde. Und so kam es Jahre später. Nach unserer Heirat adoptierte ich den Achtjährigen. In der Zwischenzeit hatte sie mir viel zugemutet, was nicht jeder an meiner Stelle akzeptiert hätte; mir war es möglich, weil ich wusste, dass sie keine Spielchen mit mir trieb, sondern selbst an ihren inneren Widersprüchen litt.
Mein Sohn, zu dem ich ein ausgezeichnetes Verhältnis habe, sagt über seine geliebte, viel zu früh verstorbene Mutter: die Chance auf eine schöne Kindheit, die sie für ihn anstrebte, hätte sie durch ihr Verhalten fast vermasselt - wenn ich nicht so duldsam gewesen wäre. Und über mich - und da kommen wir wieder zu den Männlichkeitsvorstellungen -: er ist mir dankbar für alles, was ich ihm ermöglicht habe. Aber wenn er sich mit mir als Mann identifiziert, wäre es ihm lieber, wenn ich sie auf den Mond geschossen hätte. Das sagt er wohlgemerkt im Wissen, dass sich die Dinge in unserer Ehe dann noch einmal enorm, und zwar zum Positiven, geändert haben.
Dies nur als Beispiel, wie tiefgreifend patriarchale Strukturen wirken.
EDIT: Im Erziehungsverhalten war sie diejenige, die fortschrittliche Ideale zu verwirklichen suchte, während ich ganz klar die Realität repräsentierte durch Verhaltenserwartungen, z.B. an sein Verhalten seiner Mutter gegenüber. Aber auch durchs Einüben von Frustrationstoleranz beim gemeinsamen Sport und dergleichen. Das Erleben der Arbeitswelt durch den Vater, solche Dinge eben. Bezüglich ihrer Schwierigkeiten, sich für mich zu entscheiden, hatte sie mir mal gesagt, Frauen würden sich zwar verbal partnerschaftliches Verhalten von den Männern wünschen, aber häufig nicht so empfinden; heute mag das anders sein. Dass ich mich tatsächlich so verhielte, sei insofern eher ein Problem.
naja wieso dreesen hat gesagt er ist für resozialisierung … die kann es ja nur geben wenn man sich etwas zu schulden hat kommen lassen
Das ist ja wieder mal ganz großes Kino.
Herzlichen Dank für diese großartige Schilderung Deiner Erlebnisse.
Meine Deutung dazu ist, dass Patriarchat eben nicht nur ein Machtapparat von Männern über Frauen ist, sondern ein Geflecht von psychischen und sozialen Rollen, das von beiden Geschlechtern mitgetragen wird (wie sollte es auch anders sein).
Oft sind es gerade die Ambivalenzen in Gefühlen und Handlungen, die das System so stabil machen.
Frauen wollen sich befreien, aber begehren dennoch nach Mustern, die sie einengen. Männer wollen fürsorglich sein, werden aber dafür manchmal abgewertet, weil zu weich (in Deinem Beispiel).
Kinder wachsen in diesem Spannungsfeld auf und lernen, dass Liebe, Macht, Härte etc. verwoben sind.
Ich kenne das selbst auch. Ich bin zu einem sehr, sehr großen Teil von zwei Frauen aufgezogen und erzogen worden. Eine davon war für die damalige Zeit extrem unabhängig und konnte mit dem Patriachat so gar nichts anfangen. Sie hatte eher den Hang zum Matriachat
.
Männer gab es, die Rollen derer waren aber entweder sehr untergeordnet oder eher negativ besetzt.
Ich habe darum relativ lange gebraucht um mich in patriarchischen Strukturen zurecht zu finden. Aber als 1968 geborener musste man das ja um sozial überleben zu können.
Ich wusste sofort worauf mansplaining abzielt. Deutlich schlimmer in meiner Elterngeneration, ist es dennoch leider etwas was auch ich nicht komplett abgelegt habe. Kann man auch im beruflichen Alltag ständig beobachten. Natürlich lässt sich darüber streiten ab welchen Punkt es zum Problem wird und natürlich macht es keinen Sinn isolierte Situationen einzeln zu bewerten. Ich sehe es dennoch nicht als Kampfbegriff, sondern als Beschreibung eines offensichtlichen Aspekts vieler Mann-Frau-Beziehungen.
Deshalb finde ich persönlich es auch verständlicher und präziser, Männlichkeit als Konstrukt wie wir es seit Jahren leben und weitestgehend verstehen zu hinterfragen und zu problematisieren. Ich finde diese Art der Kritik konstruktiver. Gleichzeitig störe ich mich aber auch weniger an der Kampfphrase „Männer sind das Problem“. Denn ich kann verstehen, warum und woher das kommt und konzentriere mich dann lieber auf die inhaltlich womöglich sehr ähnliche Position, die dahinter steht, als mich in ewige Debatten darüber zu verstricken, ob man jetzt wirklich alle Männer über einen Kamm scheren muss. Wie gesagt: Männlichkeit wäre mir als Kern der Debatte dennoch lieber als „Männer“.
Letztlich sind nicht nur die Täter im Fokus, sondern auch die, die sie decken, es verharmlosen oder im ewigen „Abwägen“ mehr Position beziehen, als ihnen selbst lieb wäre und als sie selbst einsehen wollen. Eine Veränderung kann nur stattfinden, wenn diese Einsicht irgendwann großflächig da ist und die Strukturen hinter solchen Fällen aufgebrochen werden. Das funktioniert aber gewiss nicht, wenn die sich seit Jahren erkennbaren Mechanismen stets als „Einzelfälle“ abgetan werden.
Ja, wobei der entscheidende Aspekt von Strukturen ist, dass es bei der Auslösung ihrer Effekte keinen zentralen Akteur gibt oder braucht. Es ist nicht die Mutter, die ihre Kinder männlich erzieht (und die damit etwa die Verantwortung dafür trüge, dass ihre Söhne zu „Männern“ werden). Die ganze Gesellschaft ist in ihren Strukturen so eingerichtet, dass biologische Jungen zu Männern und biologische Mädchen zu Frauen werden. Es fängt mit der Sortierung der Spielsachen bei BabyOne oder Toys"R"Us an, geht über die allgegenwärtige Präsenz von gemäß den Rollenbildern agierenden Menschen in den Medien weiter, setzt sich mit dem Verhalten der Lehrer in der Schule fort und hört bei den Erwartungen potenzieller Sexualpartner nicht auf. Der Prozess ist daher auch viel treffender mit „Sozialisation“ als mit „Erziehung“ beschrieben.
Doch, im Gegenteil. Es ergibt ausschließlich Sinn, jede Situation einzeln zu bewerten, und…
…„Mansplaining“ taugt deswegen höchstens als Kampfbegriff (auch wenn er vielleicht im Einzelfall nicht als solcher intendiert wird), weil ihn jeder so auslegen kann, wie es ihm gefällt. Der Begriff ist beliebig, er hat keine definierten Grenzen noch konkrete Spezifikation. Was ist „Mansplaining“, was ist es nicht? So lange potentiell alles „Mansplaining“ ist, ist es gleichzeitig auch nichts und der Begriff dient nur als diskursives Herrschaftsinstrument zur Ausübung von Macht derjenigen, die einseitig darüber zu entscheiden sich das Recht herausnehmen, ob in einer konkreten Instanz „Mansplaining“ vorliegt oder nicht.
Sobald „Mansplaining“ klar definiert ist und man bei einer vorliegenden Situation objektiv entscheiden kann, ob hier ein Fall von „Mansplaining“ vorliegt, ändert sich alles. Dann sprechen wir gerne noch mal neu.
Tun wir hier nicht.
Ich kann nur allen dazu raten, hier weniger Emotionalität an den Tag zu legen, denn das vernebelt am Ende die Sicht.
Ich kenne das zu genüge aus diversen Fortbildungen zum Thema sexualisierte Gewalt im Sport. Speziell bei Vätern drehen da alle Sicherungen durch und an eine vernünftige Diskussion ist nicht mehr zu denken.
Aber mal was zum Thema Männer und Gewalt: Wir erleben teilweise schon eine Hypersensibilisierung. Männer werden heute mitunter von typischen (vermeintlich femininen) Aufgaben entbunden. So ist mir von einem Kindergarten bekannt, wo es männlichen Erziehern nicht erlaubt ist, die Windeln zu wechseln. Was passiert hier? Fördert dieses Verbot nicht eher die verfestigten Rollen und somit die Vorurteile?
Oder: warum müssen Trainer, wenn sie Kinder und Jugendliche trainieren, ein erweitertes Führungzeugnis vorlegen? Warum nur für diese Gruppe? Warum müssen sie überhaupt ein Führungszeugnis ablegen? Ein Boateng müsste das übrigens auch, wenn er diese Gruppe trainieren wird.
Darüber hinaus gibt es sogar die Idee einer deutschlandweiten Trainerdatenbank. Das halte ich für sehr bedenklich, denn dann werden Trainer unter Generalverdacht gestellt, so wie in dieser Diskussion alle Männer im Generalverdacht gestellt werden. Stellt euch vor, alle Männer der Bundesrepublik werden in einer Datenbank erfasst. Wäre das in Ordnung für euch?
Ich weiß, das Thema weicht leicht ab, ist aber ebenso wichtig. Das Grundprinzip ist aber meines Erachtens nach gleich.
Das stimmt natürlich. Deswegen schrieb ich auch, die Mütter seien es zu einem „nicht geringen Anteil“. Die anderen von Dir genannten Instanzen machen da ebenfalls kräftig mit, keine Frage.
Aber sicher doch.
Ich weiß, Du hättest gerne alles, was zwischen Menschen passiert, analytisch abgesichert. Im Bereich der Sprache und der Kommunikation ist mir dieser Anspruch deutlich zu theoretisch.
Und natürlich kann man den Begriff Mansplaining nach verschiedenen Kriterien abtasten. Ob Dir diese Kriterien ausreichen, um dem Begriff eine Chance zu geben, bleibt Dir überlassen, aber man muss auch nicht so tun, als sei der völlig aus der Luft gegriffen.
Stell Dir folgende Situation vor:
Du bist in einem Raum voller Menschen, die sich unterhalten. Das Thema kommt auf ein Fachgebiet, von dem Du zufällig etwas verstehst. Eine Frage taucht auf, Du könntest sie beantworten, aber Du wirst entweder ignoriert oder übertönt. Die anderen echauffieren sich, sind sehr laut und erklären die Fragestellung für zu kompliziert oder das Thema für überbewertet. Deine kleinlaute Bemerkung, in der die Antwort steckte, wird hingegen kaum bemerkt. Am Schluss dreht sich noch einer zu Dir um und erklärt Dir freundlich, worüber gerade gesprochen wurde - es wäre ja schade, wenn Du den Raum verlässt, ohne etwas gelernt zu haben.
So. Jetzt hast Du ein gutes Gefühl für weibliches Erleben mit Mansplaining.
Wärst Du jetzt so freundlich und würdest mir das analytisch einordnen?
Spaß beiseite, musst Du nicht. Ich glaub’s Dir nämlich auch so, dass Du das genau so erlebt hast.
Dass man Mansplaining als politischen Kampfbegriff verwenden kann - geschenkt. Manch Kämpfe müssen halt ausgefochten werden. Und ja, JEDER gute Begriff ist ein „Mittel der diskursiven Machtausübung“, das haben Debatten so an sich. Aber anzudeuten, hier wäre kein reales Geschehen die Grundlage, sondern man hätte sich quasi ein Wort gebastelt, um jemanden verbal zu knebeln, ist schon, nun ja, in einem weit entfernten theoretischen Elfenbeinturm angesiedelt. Der sicher sehr sachliche und analytische @cj76 hat sich in seinem Post ja auch sofort wiedererkannt. Und genau das brauchen wir:
Männer, die sich wiedererkennen in einem nicht per se als „schlecht“ zu klassifizierendem Verhalten, aber im empathischen Bemühen, Gesprächskanäle und -gewohnheiten zum anderen Geschlecht zu hinterfragen.
Ich empfehle gern den perfekten Film für diese Erfahrungswerte:
BARBIE von Greta Gerwig. Ja, genau der. Jeder Mann, auch Du, der diesen Film sieht, wird zugeben müssen, dass in ihm ein Mehr an KEN steckt als er vielleicht geglaubt hat.
Zu Deinem weiteren Text erntest Du von mir nur Zustimmung und Beifall. Natürlich sind es auch Männer, die unter patriarchalischen Strukturen leiden! Ich dachte eigentlich, das sei schon klar geworden. Warum should we all be feminists, wie eine bekannte Autorin fordert, Männer wie Frauen wie alle dazwischen und darüber hinaus? Weil wir alle unter diesen bornierten, steinzeitlichen, rückständigen, fragwürdigen Auswirkungen des Patriarchats leiden und ein besseres, freieres, befriedigenderes Leben führen könnten, wenn wir, ich entleihe @justin’s passenden Ansatz, eine gestrige „Männlichkeit“ endlich entsorgen würden anstatt sie sogar wieder salonfähig zu machen. Die Menosphere von heute kann mir, sage ich als Mann, aber sowas von gestohlen bleiben! Es ist ein Armutszeugnis, wenn prinzipiell intelligente Männer wie ein Elon Musk oder ein Mark Zuckerberg sich plötzlich wie wildgewordene Gorillas gebärden. (Von zurückgebliebenen oder -strebenden Typen wie Trump und AfD-Gesocks erwarte ich nichts anderes.)
Was ich an dem ganzen Begriff und der Thematik darum absolut nicht begreife:
Die Definition ist „ Mansplaining ist, wenn ein Mann einer Frau eine Erklärung gibt, die oft ungefragt, herablassend und herablassend ist und auf der Annahme basiert, dass die Frau weniger über das Thema weiß als er.“
Sorry für was brauche ich da den Begriff MANsplaining?
Geben nur Männer ungefragte Erklärungen ab? Gibt es das nicht zwischen Mann —> Mann? Oder Frau —> Frau? Oder Frau —> Mann?
Ich denke Frauen haben nicht so eine herablassende Haltung beim erklären, sie wollen wirklich helfen. Viele Männer wollen nur zeigen, dass sie es besser können bzw. draufhaben und trauen den Frauen nicht zu alleine Sachen lösen zu können.
Dann scheinst du nicht mit allzu vielen Frauen zusammen gearbeitet zu haben ![]()
Vor allem bei Frauen untereinander ist das extrem verbreitet.
Deswegen die Frage warum man so ein Kunstwort wie Mansplaining überhaupt braucht? Wie gesagt die Definition des Wortes ist kein exklusives Mann —> Frau Problem!
Ich habe es bei Frauen noch nicht miterlebt, aber vielleicht habe ich dann auch mit den „falschen“ Frauen zu tun gehabt.
Eher mit den richtigen ![]()
Natürlich gibt es, wenn auch seltener, etwas Entsprechendes bei Mann → Mann und auch Frau → Frau, stört aber nicht genügend, daß man dafür einen griffigen Namen hätte erfinden müssen.
Im Verhältnis Frau → Mann hat sich etwas Derartiges bisher nicht durchgesetzt, da viele Frauen im Hinblick auf die zu befürchtenden Schäden darauf verzichten. WOMANsplaining kann zu großer Verunsicherung und tiefsitzenden psychologischen Traumata beim betroffenen Mann führen, das möchte frau natürlich nicht riskieren. Vielleicht, eines noch fernen Tages, wenn sich die Männer daran besser gewöhnt haben werden…
Bleibt also MANsplaining. Der Normalfall und allgemein bekannt.
Oh Mann Alex. Siehst du alles immer nur aus theoretisch wissenschaftlicher Sicht? „Mansplaining“ ist ein typisch männliches Kommunikatonsverhalten so wie z B. „Whataboutism“ ein typisches Argumentationsmuster ist (ist es eindeutig wann genau Whataboutism beginnt? In den meisten Fällen nicht. Ist der Begriff deshalb unnütz/schlecht? Nein, er veranschaulicht ein Prinzip). Man muss ja keine Doktorarbeit über solche Begriffe schreiben und Du musst sie auch nicht verwenden, wenn sie Dir zu unspezifisch sind. „Pedantisch“ ist übrigens auch so ein Begriff (Wink mit dem Zaunpfahl).
PS: ich habe beim Abendessen mal die Frauen hier befragt, ob sie finden, dass es sowas wie „Mansplaining“ als Muster gibt. Einhellige Antwort: ja klar, männliches Ego halt. Und ich bin absolut sicher, dass meine 14-jährige Tochter allein durch dieses kurze Gespräch etwas mitgenommen hat für zukünftige Beziehungen.
Ich würde nie bestreiten, dass es Situationen gibt – und vielleicht sogar relativ häufig –, die Du oder ich als Fälle von „Mansplaining“ einstufen würden.
Aber da liegt bereits das Problem: Du oder ich. Gibt es objektive Kriterien für „Mansplaining“?
Stell Dir folgende Situation vor:
Du bist in einem Raum voller Menschen, die sich unterhalten. Das Thema kommt auf ein Fachgebiet, von dem Du zufällig etwas verstehst. Eine Frau ergreift das Wort und sagt etwas zu dem Thema, von dem Du dank Deiner Fachkenntnis weißt, dass es falsch ist. Ein paar Leute nicken bedächtig, scheinen gerade etwas zu lernen. Du räusperst Dich und ergreifst das Wort: „Äähm… Entschuldigen Sie, aber was Sie sagen, ist nicht ganz richtig. Truffaut verbrachte seine Jugend bei seiner Großmutter. Erst nachdem sie starb – mitten im Krieg, nebenbei gesagt –, zog er zu seinen Adoptiveltern. Eine Filmschule hat er nie besucht. Er war Autodidakt.“ Die Frau schaut verdutzt in Diene Richtung. Ein Mann erhebt das Wort: „Also dieses Mansplaining können Sie sich sparen. Unverschämtheit!“ Jemand anders stimmt ein: „Was bilden Sie sich eigentlich ein? Nur weil Sie ein Mann sind, meinen Sie die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, oder wie?“ Andere echauffieren sich, sind sehr laut und erklären die Biographie von Truffaut für zu kompliziert oder das Thema für überbewertet. Deine kleinlaute Bemerkung, dass Du doch nur sicherstellen wolltest, dass niemand mit einem falschen Wissen über Truffaut nach Hause gehen würde, wird hingegen kaum bemerkt. Am Schluss dreht sich noch einer zu Dir um und erklärt Dir freundlich, dass „Mansplaining“ glücklicherweise heute nicht mehr unkommentiert bliebe und dass es doch sehr schade wäre, wenn Du den Raum verlässt, ohne darüber zu reflektieren und vielleicht etwas über Dein Kommunikationsverhalten zu lernen.
So. Jetzt hast Du ein gutes Gefühl für Mansplaining als reines Herrschaftsinstrument, um in einer Diskussion Macht über den „Täter“ auszuüben und die Hoheit über den Diskurs zu behaupten.
Wenn „Mansplaining“ an objektive Kriterien gebunden wäre, sodass objektiv festgestellt werden könnte, ob in einem bestimmten Fall „Mansplaining“ vorliegt oder nicht, dann hätte ich sowohl gegen den Begriff als auch gegen seine Verwendung als Disziplinierungsinstrument für Männer, die sich in einer Diskussion gegenüber Frauen übergriffig oder geringschätzig verhalten, nichts einzuwenden.
Solange es dem „Opfer“ und dessen Bundesgenossen überlassen bleibt, die Grenze zwischen hinnehmbarer und mansplainender Erklärung in einer Diskussionssituation je nach Gusto zu ziehen, ist der Begriff nicht mehr als ein willkürliches Herrschaftsinstrument zur (ungerechtfertigten) Behauptung von Diskurshoheit. Er kann je nach Bedarf wie ein Ass im Ärmel in einem Pokerspiel gezogen werden, wenn man kartenmäßig gerade in die Enge gerät.
Würdest Du mir zustimmen, dass eine Objektivierung des Sachverhalts eine notwendige Voraussetzung dafür ist, dass der Begriff einen positiven Nutzwert haben kann, der NICHT in der einseitigen Bevorteilung einer Teilmenge aller Diskussionsteilnehmer besteht?
Eben nicht. Das reale Geschehen des „Mansplainings“ und die Eigenschaft dieses Begriffs als konzeptbedingt willkürliches Herrschaftsinstrument sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.
Selbst wenn es jeden Tag objektiv Millionen Instanzen von „Mansplaining“ gäbe, wäre der Begriff immer noch nur ein Herrschaftsinstrument zur willkürlichen Ausübung von Macht über andere Personen in einer Diskussion.
Solange „Mansplaining“ nicht objektiv festgestellt werden kann, sodass Beschuldigte auch unschuldig sein können im Sinne der Anklage, ist der Begriff für einen geordneten Diskurs untauglich und seine Verwendung abzulehnen.
Ich freue mich, dass wir uns über die Bewertung der Objekte des Patriarchats einig sind (Frauen und Männer). Wo wir uns möglicherweise nicht einig sind (ich habe über das Thema noch nicht lange genug nachgedacht), ist die inhaltliche Bewertung des Patriarchats. Sind alle männlich kodierten Umstände in einer Gesellschaft dysfunktional oder sind es nur bestimmte? Wie lassen sich wünschenswerte von nicht wünschenswerten „männlichen“ Eigenschaften, Verhaltensweisen, Normen und Institutionen unterscheiden? Kann man die wünschenswerten retten und nur die nicht wünschenswerten verlieren? …
Um die „Manosphere“, Elon Musk und Mark Zuckerberg zu kritisieren oder in ihrem Verhalten bizarr und lächerlich zu finden, muss man wohl nicht das Patriarchat abschaffen. Augenscheinlich gelingt es auch so.
Ich habe versucht, sehr genau zu erklären, was mich an dem Begriff „Mansplaining“ stört – und Dich auch stören sollte. Du bist doch sicher mit Herzblut der Meinung, dass Donald Trump und seine Helfershelfer nicht willkürlich darüber entscheiden können sollten, welche Menschen sie von der Straße aufgreifen und nach El Salvador ausfliegen, ohne dass es irgendwelche objektiven Standards dafür gibt, die den Prozess regulieren und nachvollziehbar machen.
Nach dem gleichen Prinzip solltest Du auch dagegen sein, dass bestimmt Menschen in einer Diskussion willkürlich festlegen können, welche Beiträge in der Diskussion angemessen sind und welche nicht, ohne dass es irgendwelche objektiven Standards dafür gibt, die den Beschuldigten auch unschuldig sein lassen können.