Ich stimme dir inhaltlich in deinen Beiträgen total zu. Philosophisch diklinierst du alles perfekt durch und aus deinen (oder Sartres) Gedanken könnten wir eigentlich 1 zu 1 eine traumhafte Realität schaffen, in der alle sich auf einer gemeinsamen Ebene wiederfinden, Fehler eingestanden und mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein angegangen werden können. Wenn das so möglich wäre, unterschreibe ich das gerne ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.
Das Problem, das ich sehe, ist dass in diesen Gedankenspielen die Frage der realen Machtdynamik in den Beziehungen (fast) komplett außer Acht gelassen wird. Meiner Ansicht nach findet es die einzige Erwähnung in dem Punkt, in dem du im anderen Beitrag oben erwähnst, dass es in Wirklichkeit leider wohl nicht so kommen wird.
Boateng hat nicht nur in seinen Beziehungen zu Frauen, die in den Gerichtsprozessen verhandelt wurden, mit seiner körperlichen Überlegenheit seine Macht missbraucht. Auch seine finanzielle Macht und sein kulturelles Kapital als Fußballstar hat er ausgenutzt, um eben nicht diese Verantwortung übernehmen zu müssen. Zudem hat der Trainer wohl seine Macht mit seiner zentralen Rolle im Verein genutzt, um dieses Angebot an seinen Freund Boateng in die Wege zu leiten und zu verkünden, ohne dass er sich verantwortlich dafür sah, sich mit den Gerichtsprozessen von Boateng auseinanderzusetzen. Und der Verein hat mit seiner milliardenschweren Wucht als einer der größten Vereine der Welt die Macht, sich all diese Fragen nicht stellen zu müssen, solange das eigene Geschäftsmodell und die Vereinsführung weiter so läuft, wie man sich das selbst vorstellt.
Boateng profitiert massiv von seinem Status sich quasi alles erlauben zu können. Kompany profitiert von einer fußballerischen Erfahrung eines zweimaligen CL Siegers im Team. Der FC Bayern profitiert von einem wohl kostenlosen, hochqualifiziertem Mitarbeiter.
Lassen sich also diese mächtigen Herren alle in einem freundlichen Gespräch davon überzeugen ihre Macht abzugeben und dabei auch die Vorteile abzugeben, die sie durch die Ausübung ihrer Macht bekommen?
Im Forum schaut es mir nach einer ganz ähnlichen Dynamik aus, die wir hier im kleinen für die Obrigen auskämpfen. Ganz ähnlich wie das auch in den Kriegen dieser Welt ist - die Politiker sitzen in den Bunkern, während die Bürger ins Schlachtfeld geschickt werden.
Aber die Realität ist ja auch: Wir alle sind in dieser Diskussion nicht die Repräsentanten von Kompany, Boateng oder Hainer, auf die unsere Wut oder unser Unverständnis eigentlich gerichtet sein sollte. Sondern wir sind eigentlich im Klassenverständnis so sehr auf einer Ebene, wie wir das selbst in der Diskussion manchmal garnicht sehen können. Und da stimme ich dir dann am Ende doch wieder zu, dass im Bezug auf unser Forum hier die Spannung vielleicht nicht ganz am richtigen Punkt ankommt.
Auch wenn wir an vielen Punkten total gegensätzliche Standpunkte vertreten, sitzen wir doch bildlich gesprochen alle am gleichen Tisch in einer gemütlichen Kneipe im Dorf, während die Verantwortlichen des Vereins irgendwo in einer mit großen Mauern abgeschirmten Villa weit weg auf einem Berg sitzen. Und wenn wir an den großen Mauern der Villa etwas rütteln wollen, müssen wir zusammen in der Dorfkneipe unser Kaltgetränk der Wahl etwas wohlgesonnener mit unseren Tischnachbarn trinken. Auch wenn ich sehr viel Verständnis und Sympathie für eine emotionale Reaktion gegen Aussagen habe, die patriarchale Machtstrukturen verteidigen. Manchmal sind die vielleicht auch nötig, damit jahrzehntelange Gewohnheiten in einem Selbstverständnis etwas aufgerüttelt werden können. Deswegen finde ich ganz ehrlich jeden Beitrag in dieser Diskussion wertvoll. Auch wenn manche Beiträge von der jeweiligen Seite vielleicht im Eifer des Gefechts als schmerzhafte Angriffe gesehen werden. Für mich ist dieser Schmerz bei uns auch in gewisser Weise eine Reflexion des Schmerz in der Geschichte der gewaltvollen Beziehungen von Boateng, über die wir hier als Stellvertreter streiten.