Wenn ich den Artikel nochmal lese, wird da kein Boykott gefordert, sondern eine Debatte darüber.
Ich bin @Georg sehr dankbar und finde, er hat das sehr sachlich aufgearbeitet. Nachdem er die hochgradig peinlichen Äußerungen der Offiziellen entlarvt hat, tut er nichts weiter als genau das: eine Diskussion anzustoßen. Ohne Polemik und mit deutlich realpolitischem Bezug.
Die Polemik liefert dann die in Teilen die Kurve, sorry, wenn ich das so deutlich sagen muss.
Das hat niemand gefordert und der Tonfall ist leider sehr typisch. Sobald jemand auch nur ansatzweise humanistische, moralische und/oder rechtsstaatliche Prinzipien ins Spiel bringt, kommen die Verharmloser und Relativierer aus ihren Löchern. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum das einen so triggern kann, zumal wenn man in Europa, in Deutschland gar, lebt und von all diesen Dingen profitiert.
Es geht auch nicht darum, dass alle unsere, ich zitiere, Ansichten haben sollen/müssen. Darum geht es auch im Artikel nicht. Es sei denn, man hält die Tatsache, dass in den USA die Regierung mittels den marodierenden ICE-Truppen ihre eigenen Bürger abknallt, für eine Ansicht und nicht für das, was es ist: staatlich legitimierten Mord.
Ich finde auch, dass die Debatte sich zu stark darauf fixiert, ob es nicht Wahnsinn sei, dass Deutschland die WM boykottiert. Wir sind uns doch alle einig, dass dies im Alleingang nicht passieren wird. Ebenso, dass eine übereinstimmende Aktion des gesamten Europa sehr unwahrscheinlich ist. Und trotzdem geht es um eine Debatte darum, so wie in jeder progressiven und freien Gesellschaft über gesellschaftliche Dinge debattiert werden sollte, unabhängig davon, wie hoch eine direkte Einflussnahme sein mag. @ChrisCullen hat das in seinem Post ja aufgegriffen und die passenden Fragen gestellt. Leider ist kaum einer darauf eingestiegen.
Und natürlich könnte die Fußballgemeinde zumindest insofern Druck machen, als sie klare Forderungen an die amerikanische Regierung stellt. Etwa bezüglich der Ein- und Ausreisebedingungen. Es kann halt nicht angehen, dass Fans aus aller Welt gewisse Prozeduren über sich ergehen lassen müssen, nur weil sie die falsche Hautfarbe oder einen falschen Pass haben.
Ein Boykott ist natürlich immer das letzte Mittel, nicht das erste. Aber würde man wirklich eine WM in einem Land stattfinden lassen, in dem Bürgerkriegs-ähnliche Zustände herrschen? (Wer das zumindest momentan noch für eine Übertreibung hält - nun, wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln.) Man könnte Trump auch schlicht mal die Frage stellen, wie das in einzelnen Bundesstaaten so läuft, wenn Fans aus aller Herren Länder auf ICE-Truppen prallen oder ob er gedenkt, deren Terror bis dahin oder währenddessen stillzulegen. Und so weiter.
Ein weiterer Hebel ist natürlich das gesamte Geschäftsgebaren der FIFA, aber auch die konsumistischen Entscheidungen jedes einzelnen. Ich persönlich bin da bei @Armaster , dem ich jetzt schon zur stabilen Verweigerung gratuliere. Die WM ist ein Riesengeschäft. Ein Satz wie
…ist bestenfalls zynisch. Oder borniert oder naiv.
Es gibt soviel Dinge, in denen wir von den USA abhängig sind. Was aber den Fußball anbetrifft, ist unsere (europäische) Machtposition mindestens mal gut aufgestellt. Nur mal angenommen, ganz Europa wäre sich einig, dass man nicht in die USA fährt. Soll man das ernsthaft für keinen Hebel halten? Warum schließe ich das von vornherein aus als Druckmittel?
Und was das Werbegeschäft betrifft: natürlich spielt das eine riesige Rolle. Man kann sich ja mal anschauen, wie die Konzernbosse allmählich unruhig werden angesichts der nicht-sportlichen Entscheidungen der Trumpisten. Sollte die WM als sportliches Großereignis an Wert verlieren, würde da NATÜRLICH etwas wegbrechen.
Ich würde, auch wenn ich den Frust teile, gerne präzisieren. Ich bin nicht so naiv, dass ich glauben würde, die Mehrheit aller Bevölkerungen wäre von Menschen wie Oke Göttlich besetzt.
Ich halte es aber auch für fragwürdig, ob die deutliche Mehrheit aus Trump’schen Trotteln (sorry für die Alliteration) besteht.
Das Problem liegt, wie ich vermute, vielmehr darin, dass die sehr, sehr breite Mehrheit nichts davon wissen will, dass man für seine Werte auch mal einstehen muss. Wie @Georg im Artikel schließt: über das hinaus, was man auf (geduldiges) Papier schreibt. Die meisten Menschen wollen möglichst nicht behelligt werden in ihrem kleinen Furz-Leben, solange sie sich ihres Wohlstandes und Wohlseins relativ sicher sind. Und ich sage das auch deswegen so deutlich, weil ich mich da keineswegs ausschließen möchte. Auch ich werde wohl die WM kucken, auch ich möchte in keinen Krieg ziehen oder auf irgendwas verzichten.
Aber zumindest bin ich mir dessen bewusst und hinterfrage mich selbst (und nicht diejenigen, die versuchen, was zum Besseren zu verändern).
Aha. Abgesehen davon, dass eben niemand einem deutschen Alleingang das Wort redet: für Werte einzutreten, etwa dass der Staat nicht seine Bürger ermorden sollte, ist also eine “Ideologie”. Das auswärtige Amt hat übrigens offenbar auch eine “ideologische” Brille auf, denn wie ich höre, empfiehlt man Touristen schon jetzt, bei Reisen in bestimmte Gegenden der USA etwas genauer hinzuschauen, ob die Reise notwendig ist.
Wenn du die USA nach wie vor für eine Demokratie hältst, haben wir schon ein Problem. Lustig ist es übrigens auch: ständig Trumps “America first”-Bullshit zu verteidigen oder zu relativieren, aber dann Stichworte wie “Eurozentrismus” einwerfen.
Europa hat eine zumindest theoretische (wenn es zusammensteht) enorme Machtposition im Fußball. Diese Macht zu verwenden und einzusetzen, ist kein Zentrismus, auch kein irgendwie gearteter Moralismus, sondern schlichte Machtpolitik. Es ist die Sprache der Politik. Fragt sich nur, wofür man sie einsetzt. Ich weiß, es ist für egoistische Zyniker kaum zu ertragen, aber ich finde die @folkfriend’sche Idee ja persönlich super: