Danke für den anregenden Artikel, @Georg, den ich mit Interesse gelesen habe.
Ich finde die Forderung nach einem Boykott der WM legitim und ich finde auch die Forderung legitim, dass man über einen Boykott diskutieren können muss. Deine Analyse hat für mich aber eine entscheidende Unzulänglichkeit: Du analysierst das Problem des Boykotts als ein Problem innerhalb des Systems des Fußballs. Du diskutierst die Gründe, Rechtfertigungen und möglichen Konsequenzen für den Fußball.
Zitat aus dem Text:
Das Motiv für die Ablehnung ist nachvollziehbar. Die Spitze des deutschen Fußballs will keinen WM-Boykott mit all seinen Folgen. Zu wichtig ist die Eroberung des lukrativen US-Sportmarkts. Und zu gefährlich ist das Risiko eines Präzedenzfalls: Auf den ersten großen Boykott der Neuzeit könnten schnell Forderungen nach weiteren folgen. Länderspiele in China? Champions-League-Spiele in Budapest? Dreesen und Co. scheuen den Dammbruch und weitere Boykottforderungen. Der FC Bayern erinnert an sein Verhalten rund um kritische Sponsoren.
[…]
Statt frühzeitig an möglichen Druckmitteln zu arbeiten, saßen die größten Verbände Europas das Geschehen aus – in der Hoffnung, es würde schon nicht so schlimm werden. Denn kurz vor Turnierstart lässt sich wie schon vor der Katar-WM leicht mit fehlender Zeit und gespielter Überraschung argumentieren.
Die entscheidenden Akteure sind Akteure aus dem Fußball, die handeln oder auch nicht auf Basis von Gründen aus dem Fußball in Hinsicht auf mögliche Konsequenzen für den Fußball.
Dabei ist ist völlig klar, dass sich der Boykott nicht gegen die FIFA richten würde, sondern gegen die USA bzw. die aktuelle Regierung der USA. Er wäre kein Statement etwa gegen eine von der FIFA geduldete Dopingpraxis im USMNT, sondern gegen die aktuelle politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten.
Der Boykott wäre kein Boykott aus sportlichen Gründen, mit sportlichen Zielen (Eingreifen der FIFA gegen das Doping im USMNT), sondern ein politischer mit politischen Zielen bzw. einer politischen Botschaft, und als solcher würde er in den USA auch verstanden werden.
Weil der Boykott ein politischer wäre, ist eine Analyse, die ihn auf seine sportlichen Konsequenzen hin untersucht und die Abwägung der Gründe dafür und dagegen lediglich durch die Brille des Fußballs und für den Fußball analysiert, wenigstens zu kurz gesprungen, wenn nicht sogar komplett am eigentlichen Problem vorbeianalysiert.
Die an sich legitime und interessante Boykottfrage des Artikels hätte daraufhin erörtert werden sollen, ob der deutsche Gesetzgeber oder die deutsche Bundesregierung zu wenig mutig, zu abhängig oder zu langsam seien, ob Merz, Wadephul oder die Regierungsfraktionen zu mutlos seien, ob die möglichen Konsequenzen eines Boykotts für Deutschland zu ertragen und zu rechtfertigen seien, wenn die USA (und nicht die FIFA) darauf reagiert.
Was Dreesen und Neuendorf zu dem Vorschlag sagen, warum sie dafür oder dagegen sind und welche Konsequenzen ein Boykott für den DFB und den Weltfußball hätte, ist sicher auch interessant, aber für die Beurteilung der Frage, ob der DFB (= Deutschland) die WM boykottieren sollte, eher zweitrangig.