Ich stimme @Brille und vielen Anderen hier zu: Die Frage, wie man sich zur WM in Katar praktisch verhalten soll, ist eine wichtige und durchaus vielschichtige, die man mit Gewinn debattieren kann. Es stellen sich viele Fragen, aber ich möchte an dieser Stelle ganz dezidiert auf die Frage eingehen, inwiefern das Beispiel des Umgangs mit der A8 von @jjs und ähnlicher gelagerter Fälle historisch belasteter Ereignisse und Dinge als Maßstab für den Umgang mit der WM in Katar herangezogen werden kann, nämlich meines Erachtens gar nicht oder nur äußerst unzureichend.
(Explizit ausklammern möchte ich vorab das moralisch komplizierte Problem historischer Schuld, also die Frage inwiefern wir als heutige Individuen oder Kollektive für die Verbrechen unserer Vorfahren, an denen wir kausal nicht beteiligt waren, verantwortlich gemacht werden können und sollen und welche praktischen Konsequenzen daraus für uns heute erwachsen.)
Das gesagt habend, scheint mir hier zunächst einmal wichtig festzuhalten, dass es bei der Frage der moralischen Evaluation der WM in Katar um ein praktisches Problem geht, nicht ein theoretisches: Soll ich die WM einschalten oder nicht? Soll ich nach Katar fahren oder nicht? Soll ich die WM boykottieren oder nicht? Es handelt sich um eine Frage des richtigen Handelns, nicht des richtigen Denkens. Oder anders: Unser richtiges Denken ist nur insoweit von Interesse, als es sich in entsprechendem, richtigem Handeln ausdrückt. Wenn sich unsere moralische Haltung dazu, ob die WM in Katar zu boykottieren oder einzuschalten sei, anschließend in keiner Weise in unserem praktischen Handeln widerspiegelt (ob negativ oder positiv), dann diente es einzig einer inneren moralischen Erörterung und hätte keinerlei weltliche Relevanz außerhalb unseres Kopfes.
Wenn wir hier also über eine praktisches Problem sprechen, bei dem es auf unser Handeln ankommt, dann ist damit auch unmittelbar klar, dass sein zentraler Sinn darin liegt, mit dem Handeln eine angestrebte Zustandsveränderung der Welt, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Ein ausschließlich in der eigenen innersten Privatsphäre verbleibendes Handeln, das völlig ohne über den unmittelbaren innersten Kreis hinausgehende Außenwirkung bleibt, politisch-moralisch zu debattieren, ist witzlos. Ein Boykott der WM in Katar ist als Handlung keine Handlung um ihrer selbst willen, sondern um damit ein bestimmtes, beabsichtigtes Ergebnis in der öffentlichen Sphäre zu erzielen.
Was genau beabsichtigt wird, kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Aber politisch relevantere Absichten als die Bestätigung des moralischen Ichs oder die Erzielung eines moralischen Distinktionsgewinns im Freundeskreis könnten beispielweise eine Vorenthaltung ökonomischer Ressourcen gegenüber den Verantwortlichen der WM in Katar sein, so dass sich die WM für sie finanziell nicht auszahlt.
Da die Scheichs und die FIFA und die Sponsoren usw. aber selbst bei einer Gesamtzahl von Null Zuschauern während des gesamten Turniers vor Ort und an den Fernsehern ökonomisch wohl kaum ernsthaft in Bedrängnis geraten dürften, liegt der mit Abstand relevanteste zu beabsichtigende öffentliche Effekt meines Erachtens mutmaßlich in dem einer Botschaft an die Verantwortlichen:
"Werdet euch des Unrechts gewahr, das ihr vollbracht habt! Macht das nicht noch mal!"
Und damit trennt sich an dieser Stelle schließlich die Frage der moralischen Bewertung eines Boykotts der WM von der eines Boykotts der Nutzung der A8 oder, grundsätzlich gesprochen, von der einer Unterlassung der Nutzung von Gegenständen und Institutionen, die auf historischen Verbrechen beruhen, für die wir individuell nicht kausal verantwortlich sind bzw. in der Gegenwart verantwortlich gemacht werden können.
Denn die heutige Nichtnutzung der A8 hätte jenseits einer abstrakten, verschachtelten Mahnwirkung für heutige Generationen („seid euch stets gewahr der Schrecken der Nazis!“) keinerlei realweltliche Konsequenz außer vielleicht der der bereits angesprochenen moralischen Selbstbestätigung darin, dass wir uns individuell möglicherweise emotional besser fühlen, wenn wir keine Nazi-Autobahnen benutzen. Aber praktisch gesehen können wir auch durch noch so viel Nichtnutzung einmal geschehene, historische Ereignisse nicht mehr rückgängig machen und für eine praktisch wirksame Signalwirkung in Bezug auf zukünftige Ereignisse fehlt der Adressat. Die Nazis sind tot.
Dieser Adressat fehlt hingegen nicht bei einem Boykott der WM. Denn im Gegensatz zu den Nazis gibt es die FIFA, die Al-Khelaifis, Katarischen Scheichs und Bauunternehmer, Čeferins, Rummenigges usw., also die Verantwortlichen an entscheidender Position, die relevanten Adressaten des Boykotts alle nach wir vor. Die Frage der moralischen Bewertung des praktischen Umgangs mit der WM ist also qualitativ fundamental anders gelagert als die des Umgangs mit der A8 oder anderen historischen Ereignissen, deren Verursacher heute nicht mehr leben bzw. an verantwortlicher Stelle tätig sind (und damit ähnliche Ereignisse gegebenenfalls noch einmal in ähnlicher Form verursachen könnten).
Daher halte ich den Vergleich mit der A8 und ähnlich gelagerten historisch motivierten Bezugspunkten für in der ethischen Bewertung nicht auf einem Niveau bzw. nicht kommensurabel mit dem des Boykotts der WM in Katar.
Alle weiteren moralischen Erörterungen der Frage unseres Umgangs mit der WM - ob wir sie boykottieren oder nicht, ob wir sie uns anschauen oder nicht etc. -, die nicht auf historische Ereignisse oder Umstände als Maßstab unseres Handelns rekurrieren, hängen stark mit unseren individuellen moralischen Relevanzkriterien und unseren ethischen Überzeugungen von Pflicht und Tugend und Bedeutung der Konsequenzen unseres Handelns zusammen. Das zu erörtern, wäre eine neue Frage und war hier nicht mein Ansinnen.