Weltmeisterschaft 2022 in Katar

Sportdiplomatie

Gibt es so etwas in D?

Danke für dein angenehmes Feedback, @jep. Dein Feature ist klasse, ich hab’s mir angehört. Es geht zwischen Adorno, effective altruism, Bankbetrug und bezahltem Sex zwar etwas drunter und drüber, aber eine strukturierte Argumentationsführung war noch nie Kennzeichen des Freistils und gedankenanstoßend war es allemal.

Die Frage, die ich mir im Zusammenhang mit der Frankfurter Schule oft stelle: Wir sind eingebettet in „falsche“ Strukturen, unser Handeln wird determiniert von „falschen“ Institutionen, epistemische Autonomie ist eine Illusion - okay, gut. Aber was ist die Alternative? Wie soll eine bessere Gesellschaft aussehen? Eine, die auch funktioniert? Eine Gesellschaft atomisierter Individuen, in der Abhängigkeitsstrukturen und überindividuelle Institutionen prinzipbedingt keinen Platz haben, kann es nicht sein. Wir würden an den einfachsten Krankheiten sterben, es gäbe keinen Fortschritt, nichts. Eine total zentralisierte Gesellschaft, in der eine zentrale Macht die „richtigen“ Strukturen für alle verbindlich vorgibt und durchsetzt, auch nicht. Die empirischen Beispiele, die es in der Menschheitsgeschichte in dieser Richtung gegeben hat, sind erschreckend. Also bleibt im Prinzip nur eine bestimmte Form von Mittelweg übrig, so wie wir ihn jetzt auch leben, eine Gesellschaft, die versucht individuelle Freiheit und Spielräume der individuellen Persönlichkeitsentfaltung zu verknüpfen mit überindividuellen Institutionen und zentralisierter Machtausübung zum größtmöglichen Wohl ihrer Mitglieder - und die dabei unweigerlich Friktionen und „falsche“ Strukturen erzeugt und Anpassungsverluste hinnehmen muss, aber wenigstens anpassungsfähig und nach vorne offen ist.

Ich finde die Frankfurter Schule intellektuell anregend, aber ich kann diesem Systemwechsel-Vibe, der im Prinzip allen marxistischen und marxistisch inspiriereten Strömungen immer anhängt, nur wenig abgewinnen.

Hörenswertes Feature. Wenn du mal wieder über so etwas interessantes stolperst, @jep, immer nur her damit.

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… im besten Popperschen Sinne.

Hallo Alex, danke für Dein ausführliches Statement. Deinem Resümee kann ich mich vollinhaltlich anschließen. Keine der dargestellten Strategien vermag wirklich zu überzeugen. Aber mir hat das Zuhören genau wie Dir Spaß gemacht.

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@Alex: Die Frankfurter Schule war ja noch der Spätmoderne verhaftet. Ehrlich, ich glaube, Adorno wäre heute überfordert. Ebenso Gadamer, wie man ja in seinen Einlassungen zu Anfang des Ukraine-Krieges sehen konnte; diese waren ja stark von einem ideologischen Pazifismus geprägt.
Die Postmoderne, heute würde ich von einer Hyper-Postmoderne sprechen, erlaubt keine „Ganzheitlich systemischen“ Antworten mehr.
Ich möchte das am Beispiel Quatar exemplifizieren:

  • Habeck - als unsere Vertretung, wenn man es so nennen darf, „bittet“ in Quatar um Gaslieferungen. Die „Machtsituation“ dabei ist asymetrisch, wir brauchen in diesem Fall Quatar mehr als Quatar uns.
  • Nancy Faeser, eine Kollegin von Habeck und ebenfalls „unsere“ Vertretung, trägt eine One-Love-Binde, die wiederum der LGBTQ-„Flagge“ nicht allzu ähnlich ist: Ein Statement, und doch keines.
  • Das ZDF berichtet kritisch von der WM in Quatar.
  • Das ZDF schaltet Werbung von Quatar-Airways.
  • Der FC Bayern ist Werbepartner von Quatar-Airways und absolviert seine Wintertrainingslager auch dort.
  • Kein Spieler des FC Bayern würde auch nur auf fünf Prozent seines Gehaltes verzichten, wenn man sich nur von Quatar als Werbepartner trennte.
  • Der DFB „verdient“ mit der Teilnahme an der WM Geld, wenn auch nicht soviel wie vermutlich erwartet :face_with_head_bandage:
  • Die Spieler sehen sich genötigt, vor dem Spiel „Ein Zeichen“ zu setzen, was auch von den Medien, welche wiederum an der Werbung von Quatar Airways Geld verdienen, provoziert (mir fällt kein besseres Wort ein) wurde.
  • 2022 wurde Katar in die Gruppe der Major non-NATO ally aufgenommen. Im Nahen Osten kann man sie also - politisch - als „Verbündete“ betrachten.
  • Ganz allgemein noch das Gast-Gastgeber Problem: Muss sich der Gast, er nimmt schließlich die Einladung an, den Gepflogenheiten des Gastgebers unterwerfen oder muss der Gastgeber, wenn er schon einlädt, den Wünschen und Forderungen der Gäste nachgeben? Könnte es Kompromisse geben? Und wo? Wann sollte man sich auf Kompromisse einigen?
    (Diese Beispiele sind keinesfalls vollständig; es handelt sich um eine Auswahl aus dem Stegreif).

Jeder oben angesprochenen Protagonisten ist Teil eines ausdifferenzierten funktionalen Systems (Luhmann). Diese Systeme werden immer weiter ausdifferenziert, und diese Systeme funktionieren ja mit ausschließlich „eigenen“ Codes, und sie können mit anderen Systemen kollidieren (wie heißt das bei Luhmann?)
Und im Falle Quatars kollidieren eben diese ausdifferenzierten Systeme. Das war jetzt, zugegebenermaßen „Luhmann Light“. Es wäre sicher interessant, darüber mal eine auführliche Arbeit zu schreiben, obwohl dies vermutlich eine 24-bändige Monumentalarbeit würde.

Wir führen kein Leben „im Falschen“, sondern, wenn überhaupt, „neben“ vielen anderen Leben (Systemen).

@jep Nochmals danke für den Link! Ob er, wie Alex monierte, argumentativ etwas unstrukturiert war, weiß ich nicht, aber er war ästhetisch hervorragend produziert (mir gefielen vor allem die „richtig“ und „falsch“ Signale - die eine sofortige Einordnung möglich machten, indem man zustimmte oder ablehnte)

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Und dazu rührt die FIFA auch noch kräftig mit in der Suppe dergestalt, dass sie eigene, sehr weitgehende Anforderungen an Gastgeber wie Gäste stellt.

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Genau, stimmt, das habe ich ja völlig vergessen: Ein weiterer Mitspieler - wir haben es also mit einem Dreieck - neumodisch „Trias“ genannt - zu tun:
Gast : physisch-geografischer Gastgeber (Quatar) : institutioneller Gastgeber (FIFA).
Also: Kein 24-bändiger, sondern ein 124-bändiger Wälzer :rofl:

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Frage allgemein. Ich muss sagen dass ich seit dem Kanada Spiel extrem die Lust auf die WM verloren hab. Ist auch Fußballerisch alles eher ziemlich mau und wenig ansehnlich. Geht’s noch mehr Leuten so?

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Ich schau vereinzelt Spiele. England gegen USA fand ich trotz 0:0 einen munteren kick.
Deutschland werde ich zumindest morgen nicht schauen, finde das von den Spielern bis zum DFB zu peinlich.

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Mein Alibi-Boykott :wink: sieht eh so aus, dass ich nur sehr ausgewählt schaue, in der Regel die 20:00 Spiele. Und da hat mich das gestern schon auch ganz gut unterhalten. USA wie Kanada erstaunlich präsent. Zum Rest kann ich aber wenig bis gar nix sagen, da schrecken mich die mit den Namen der nationen verbundenen Leistungseinschätzungen von mir schon ab (Vorurteile, klar, aber wenn ich dir glaube, ja zu Recht).

Zu Deutschland: Da geht es mir anders als Erich. Einerseits schaue ich das aus Prinzip. Andererseits habe ich die Hoffnung auf eine Überraschung, die ich gerne live erleben will. Und Drittens geht es mir wie einem Gaffer bei einem Autounfall…so ein bisschen Fremdschäm-Anteil ist auch dabei.

Achja: Heute gehe ich nachdem mich ein Freund gefragt hat, sogar in eine Fußballkneipe (manche würden sagen: DIE Fußballkneipe in M.). ARG-MEX hat enorme Brisanz nach den bisherigen Ergebnissen.

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Früher gab es noch so was wie die berühmte Pingpong-Diplomatie. Klar, nicht in Deutschland.
Heute ist der Sport leider oft nur noch ein Vehikel um das Trennende zu betonen.

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Mit Sicherheit. Aber zu dem Zeitpunkt als die Daten veröffentlicht wurden, lagen offensichtlich noch nicht alle vor.
Beim klassischen Fernsehen wird es aber wohl weiter bei den ausgewählten Haushalten bleiben. Ich habe jedenfalls noch nichts anderes gehört.
Deshalb muss man so sagen, hat ein individueller Boykott, so man nicht zu diesen Haushalten gehört, gar keinen Sinn, da völlig ungehört verhallend.
Ist so wie wenn ich mir einen fetten Burger kaufe und den zuhause in die Mülltonne werfe um gegen die Fleischindustrie zu protestieren.

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Auszug aus einem Interview mit Mark Pieth, ehemaliger Vorsitzender der FIFA-Governance-Kommission, in dem er schön erklärt, wie die Einflussnahme arabischer Autokraten auch außerhalb des Sports bestens funktioniert:

Blockzitat Zum Schluss noch ein anderes, aber durchaus verwandtes Thema: Bei der Credit Suisse steigt die Saudi National Bank mit 10 Prozent ein. Rund ein Fünftel der zweitgrößten Schweizer Bank liegt wohl fortan in den Händen arabischer Investoren. Was sagen Sie dazu?

Blockzitat Wir haben ja darüber gesprochen, dass reiche Autokratien gegenüber den Demokratien auf dem Vormarsch sind. Das tun sie, indem sie sich überall einkaufen, sei es bei Banken, Firmen oder eben im Fußball. Dahinter steckt das Ziel, Kritik zu neutralisieren und Abhängigkeiten zu schaffen. Dieser Vormarsch ist antidemokratisch, weil er über kurz oder lang die Meinungsfreiheit tangieren wird. Solche Investoren sind trojanische Pferde in der Demokratie. Die Leute, die das Sagen haben in der Credit Suisse, beeinflussen die öffentliche Meinung. Indem der Vorstand der Bank den umstrittenen Einstieg der Saudis erklärt und verteidigt, ergreift er verharmlosend Partei für das dortige Regime.

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Das ist, glaube ich, unstrittig. Aufs Individuum reduziert, kann es dennoch sinnvoll sein: nämlich dann, wenn es der eigenen Klarheit dient. Auch gegen vieles andere, das wir mit Überlegung tun - sei es etwa in Fragen der Ernährung oder der Reiseaktivitäten -, lässt sich ja mit einigem Recht die fehlende Relevanz fürs große Ganze einwenden. Was auch häufig geschieht. Deshalb muss es aber nicht verkehrt sein. Nur lassen sich daraus i.d.R. keine Forderungen an die anderen ableiten.

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Das ist ziemlich plump.

Es gibt immer ein cross over, wo eine Abhängigkeit entsteht, diesen Punkt darf man nie überschreiten. Ansonsten sollte man denjenigen, die die Kontrolle haben, schon auch zubilligen, das sie wissen wo dieser Punkt ist und dich eben nicht verkaufen.

Ist aber für einige nicht immer so verständlich.

Pieth hätte eigentlich konsequenter gegen Blatter u d Infantino handeln müssen, anstatt sich jetzt über 10% Investments der Saudis an der CS zu verlieren.

So wie Blatter und Infantino die „Kontrolle“ hatten/haben?

Und bei deinem leicht Whataboutism-artigen Argument würde ich Pieth zur Seite springen: er wurde gefragt, hat also was dazu gesagt, kam ja nicht von ihm das Thema. Heißt ja nicht, dass er in seiner anderen Funktion, wenn auch mit geringem Erfolg, es nicht auch versucht hat.

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Empfinde eher Dein Argument als solches.

Pieth ist Jurist- einer der gescheitert ist, Blatter und Infantino die Grenzen aufzuzeigen, solange er im inneren der Fifa war.

Von Wirtschaft und Politik scheint er eher keine Ahnung zu haben. Die CS wird nie von Saudis dominiert werden, genauso wenig wie die DB, VW oder Daimler.

Jedenfalls nicht wenn es drauf ankommt.

Es sind schon teilweise Grenzen überschritten worden, Gas, Kokskohle, Stahl, Solar, Wind, aber noch nicht so weit das es ist korrigiert werden könnte.

Die Amerikaner haben verstanden, wir sind auf dem Weg.

Beispiel gefällig?

„Die US-Regierung verbietet den Verkauf und Import von Kommunikationsgeräten der chinesischen Smartphonehersteller und Netzwerkausrüster Huawei und ZTE. Sie stellten ein inakzeptables Risiko für die nationale Sicherheit dar, teilte die US-Telekommunikationsaufsicht FCC mit. „Infolge unserer Anordnung können keine neuen Geräte von Huawei oder ZTE genehmigt werden“, schrieb FCC-Kommissar Brandon Carr auf Twitter. Es bestehe auch die Möglichkeit, bestehende Genehmigungen zu widerrufen“

Die USA wollen unbedingt Kalter Krieg 2.0 spielen - und verpeilen so völlig, dass etwa der Kampf gegen den Klimawandel nur mit Russland und China zu gewinnen ist. Der Yankeestaat funktioniert nur mit Feindbild - Carl Schmitt lässt grüßen.
Ich habe selbst ein mobiles Endgerät eines pöhsen Chinesen - und werde das auch nicht ändern. Sorry, sleepy Joe…

Hört sich sehr nach Suppenkasper an, wie so einige Politiker. Entscheidend sind ja auch andere, und nicht die Schnackers.

Wir und Europa fangen jetzt an das zu machen, was man schon längst hätte machen müssen, Realitätsschock führt eben dann sehr schnell wieder zu Realitätspolitik. So langsam dämmert es den meisten, was man die letzten Jahrzehnte verträumt und versäumt hat.

Ja, jetzt läuft man verträumt den USA hinterher.
Und versäumt wird halt der Kampf gegen den Klimawandel.
Totrüsten ist jetzt wichtiger.

Man muss niemanden verträumt hinterherlaufen, nur mal mit Selbstvertrauen Führung übernehmen, die von allen, sogar der Amerikaner eingefordert wird.

Seit 20 Jahren laufen wir vor Verantwortung und Führung davon, wollen aber allen erzählen wie es geht.