Es wabert hier nur so vor Schubladen, Redundanzen und vorgefertigten Urteilen. Argumente sind immer nur dann zutreffend, wenn sie die eigene feststehende Meinung belegen, ansonsten sind sie natürlich unzureichend oder naiv.
Wir haben diese Saison das dritte Spiel verloren. Wahnsinn, Erdbeben, Niedergang, Frechheit, oder um es mit einem beliebten User zu sagen: alles Clowns bei Bayern, und warum spielt der Vollversager Müller immer wieder? Andere fordern im munteren Dissens Müller immer auf dem Platz, auch wenn er schlecht spielt. Fest steht nur eines: es muss Schuldige geben, mindestens aber einen Schuldigen, und wer fällt uns denn da ein…? Natürlich, der Trainer, der, soviel steht fest, mindestens die Unverschämtheit besitzt, jung zu sein, und warum redet der immer so eloquent und selbstbewusst daher, obwohl er bisher nur „Retortenklubs“ trainiert hat, was erlaubt der sich?
Es ist ein wenig ermüdend.
Und nein, mir liegt es fern, alles rosarot zu malen. Ich hab es schon vor Wochen für möglich gehalten, dass wir heuer ohne Titel rausgehen, in anderen Threads musste ich mich dafür schon als deutscher Negativist bezeichnen lassen. Ich habe durchaus Kritikpunkte, würde auch an Julians Stelle manches anders lösen, habe bereits an Spielern rumgemäkelt bezüglich Fokussierung und Konstanz und meckere generell gerne an unserer Chancenverwertung rum. An der taktischen Ausrichtung weniger.
Gestern waren wir die erste Halbzeit schlapp, schlapp, schlapp. Expected Goals-Wert bei etwa 0,1. Die eine Chance nutzen wir sogar, wow. Aber die Wechsel waren in punkto Offensiv-Leistung total nachvollziehbar, natürlich kann man streiten, ob man Müller nicht immer drauf lässt, weil er mit Jamal harmoniert und selbst bei unglücklicher Leistung durch Einsatz und Coaching Wert hat. Dann verursachst du zwei saudumme Elfer (übrigens durch zwei Spieler, die jetzt über Wochen stark bis überragend spielten) und merkst eine Viertelstunde vor Schluss, dass du am Verlieren bist. In den letzten 10 Minuten hast du noch drei glasklare Chancen und versiebst sie.
Erinnern wir uns ganz kurz zurück: nach Paris herrschte hier, ja, auch hier Hochstimmung, weil die Mannschaft geliefert hat, weil Nagelsmann Paris ausgecoacht hat (Zitat nicht von mir, sondern vom gegnerischen Trainer) und einige haben sich überlegt, ob wir überhaupt noch ebenbürtige Gegner im Wettbewerb haben. Ich hab mir da schon gedacht: abwarten. Nach dem Los City war ich mir sicher, dass in unserer netten Community schon wieder die Messer gewetzt werden und war mir auch des ersten Opfers bewusst (außer ein Spieler macht drei Eigentore oder so).
Ich würde mir selber qua eigener Laufbahn, Alter, Ausbildung, Lektüre etc. eine gewisse Grundahnung von Fußball zubilligen, muss aber sagen, dass ich die selbstsichere Ausstrahlung, die einige hier Grundsatz- und Abfertigungsurteile en masse loswerden lässt, sehr verwundert wahrnehme. (Zum Beispiel habe ich die Stanisic-Entscheidung gegen Paris nicht verstanden, musste aber danach anerkennen: hat funktioniert.)
Was ich aber ganz sicher nicht verstehe: wie hier im Drei-Tage-Takt so gesprochen wird, als befände ich mich an einem BVB- oder Löwen-Stammtisch (zuweilen übrigens inclusive des Tonfalls und der Wortwahl so einiger Teilnehmer), der immer ans jeweils letzte Ergebnis seine Maximalforderungen dranhängt, und übrigens hat er’s ja immer schon gewusst, oder zumindest sagt er es schon seit langem.
Mir fällt da als Antwort auf die dauernden und sich wiederholenden (Stichwort Redundanz) Abgesänge auf Trainer X, Sportdirektor Y oder Spieler Z nur noch ein Zitat von Klopp ein, der in einem sehr lustigen Interview über seinen Torwart Roman Weidenfeller mal sagte: „Was soll ich tun, ich hab keinen anderen. Den muss ich mir schönsaufen.“
Wenn wir heuer keinen Titel holen, werden sich die Wünsche vieler hier bestimmt erfüllen. Bis dahin saufe ich mir diese Saison schön, zumindest aber meine Lektüre der zukünftigen Forumsbeträge.