Sprachsensibilität

Da stellst Du interessante Fragen. Ich möchte eher allgemein darauf antworten. Wenn einen bestimmte Themen persönlich belasten, kann ein emotionaler Ton nicht ausbleiben. Je größer allerdings die Wut, desto geringer die Überzeugungskraft. Das ist nun mal so, das muss man einfach berücksichtigen.

Dann gibt es Themen, die einem am Herzen liegen. Meine persönliche Einschätzung dazu: ich benenne gerne meine Position, glaube aber nicht, jemanden mit Argumenten von einer Haltung überzeugen zu können, die konträr zu seiner eigenen ist. Gefühle anzusprechen ist bekanntlich sehr viel wirkungsvoller. Das erleben wir tagtäglich. Da ist die Grenze zum Unseriösen schmal. Es erfordert sehr viel Bewusstsein, hier den richtigen Ton zu treffen. Wie leicht man da sogar ohne eigenes Zutun Widerstände erzeugen kann, erlebte ich eines Abends beim ersten Date einer sich anbahnenden Affäre. Schon damals ernährte ich mich seit Jahrzehnten weitgehend vegetarisch (nicht vegan). Das wusste die Lady offenbar aus einem gemeinsamen Bekanntenkreis. Was sie nicht wusste: ich hatte nicht das geringste Interesse daran, Leute davon zu überzeugen, also auch sie nicht. Sie erzählte mir daher proaktiv, dass und warum sie sich nicht vegetarisch ernährte, obwohl sie es generell für sinnvoll halte. Ohne diese Suada aktiv ausgelöst zu haben, hörte ich mir das eine geschlagene Stunde lang in Ruhe an; obwohl das Thema nicht gerade obenan auf meiner Tagesordnung stand. Mir war klar, dass sie es erstmal loswerden musste, um die Sorge zu bändigen, von mir bekehrt werden zu sollen.

Wenn Menschen überzeugt sind, den Schlüssel fürs maximale Allgemeinwohl gefunden zu haben, glauben sie häufig alles dafür tun zu müssen, um möglichst viele daran partizipieren zu lassen - und um Widerstände zu überwinden. Dabei laufen sie naturgemäß Gefahr die Freiheit ihrer Mitmenschen zu beschneiden. Hier im Forum besteht diese Gefahr im Grunde nicht, man kann sich ja jederzeit entziehen und muss keine praktischen Konsequenzen womöglich gemachter verbaler Zugeständnisse vorweisen. So gesehen also alles easy.

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Ich bin ja in 99/100 Fällen mit dir einer Meinung und ecke selbst oft genug im Politik-Thread an.
Gerade beim Thema Israel bin ich da schon über die Stränge geschlagen, weil ich da oft auch impulsiv Sachen geteilt habe, die so nicht ganz richtig sind oder nicht ganz Schwarz/Weiß wie ich es ursprünglich dachte (Bspw die Omnipresenz von AIPAC in den USA).

Bei Veganismus und CO2-Fußabdruck hat sich auch bei mir die Meinung gewandelt.
Vor ein paar Jahren war für mich die Sache klar:
Jeder Mensch muss weniger bis gar kein Fleisch essen und seinen eigenen Fußabruck stark reduzieren.
Damit erreicht man aber die Bevölkerung nicht, bringt sie gegen sich auf und die großen Unternehmen kommen damit davon einfach weiter zu machen und es ändert sich nichts.
Es braucht da mMn schärfere Gesetze, die die Unternehmen dazu bringen/zwingen die Fleischherstellung zu reduzieren, effizienter mit Energie umzugehen und das der Bevölkerung Alternativen angeboten werden - also dass bspw grüne Energie günstiger zu haben ist und vegane Alternativen deutlich billiger sind.

Bei Männern ist die Sache etwas komplizierter.
Ich sehe auch, dass die Gewalt, die von Männern ausgeht vielfältig ist und auf sehr vielen Ebenen (auch unterbewusst) entsteht.
Nur wird man bei den meisten Männern eher eine Trotzhaltung hervorrufen, wenn man sie unter Generalverdacht stellt.
Es gibt mit Sicherheit auch einen großen Teil der Männer, die bspw Gewalt und Ungerechtigkeit durch Frauen erfahren haben und selbst nicht zu physischer Gewalt gegriffen haben.
Diese fühlen sich dann mit solchen Verallgemeinerungen ungerecht behandelt und sind dann erst recht nicht dazu bereit auf deine validen Punkte einzugehen und ihr Verhalten anzupassen oder zu verbessern.

Besser ist mMn eine völlig wertfreie Darstellung der Tatsachen und der Realität, denn jeder Mensch fühlt sich ja in seinem eigenen Leben als Held seiner/ihrer Geschichte.

Ich kann aber auch ehrlich gesagt die gefühlte Ohnmacht nachvollziehen, die bei dem Thema aufkommt.
Wir können hier so viel schreiben, wie wir wollen und doch werden Frauen tagtäglich Opfer von Gewalt und systematischer Unterdrückung.

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das erscheint mir der Kasus Knacktus zu sein…

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auch ein guter Punkt…

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danke scho mal - sehr interessante Antworten - das was (hoffentlich) noch kommt, lese ich heute Abend…
ab 14 Uhr stehen noch große, wichtige Gespräche im „echten Leben“ an…

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Spannend, was du hier so unterstellst. Scheinst heute wohl mit deinem Konfro-Fuß aufgestanden zu sein. Tob dich ruhig aus.

Bin zwar nicht genannt, aber trotzdem meine 5 Cents.

Wie schon einmal erwähnt, wird das Schriftliche meist härter und schärfer empfunden. Von daher sollte man da ein Auge drauf haben.

Bei mir ist es so, dass ich in der Schriftform eher kürzer bin. Bin aöso eher der Typ für den One-liner als den Aufsatz. Das holt oft die Essenz raus, verschweigt aber manchmal auch Punkte. Und: vom Grundsatz her ist meine Hand immer ausgestreckt. Das sind dann aber persönliche Einstellungen.

Finde es gut, dass Du dieses Thema angehst.

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nichts anderes hätte ich von einem Fänger erwartet! :wink:

Ich finde die Frage(n) auch interessant bzw. recht schwer zu beantworten, weil man/ich das ja nicht unbedingt einsetzt. Von daher eine willkommene Reflektionsaufgabe.

Zunächst mal andersrum: Ich neige zu bösartigen, unbeherrschten Antworten nicht, weil/wenn ich unbedingt Recht haben will. Mich nerven nur gerade in der komplexen (nicht nur: komplizierten!) Welt in der wir leben einfache, bornierte Meinungen die dann mit unglaublicher Vehemenz bis hin zu Beleidigung (spöttischen Kommentierung) derer, die anderer Meinung sind, verteidigt werden. „Mein“ Lieblingsuser hier war da ein Prototyp (und in unseren Scharmützeln habe ich diese Lektion - was regt dich eigentlich so auf? - über mich gelernt). Also: Je bornierter eine Meinung vertreten wird, desto unversöhnlicher können auch meine Posts werden. 2. Kategorei, nahe damit verwandt, sind Themen bei denen ich berechtigte Annahme habe, mehr Ahnung als der Andere zu haben, wo es weniger um „Meinungen“ sondern um (wissenschaftliche oder empirische) Tatsachen geht und „der Andere“ auch da einfach drauf beharrt (Dunning-Kruger, Mount Stupid. Manchmal kann ich drüber schmunzeln, aber wenn’s zu krass wird…auch da war der Kollege, der jetzt nicht mehr da ist, und der wahnsinnig Ahnung von vielem, aber eben nicht von allem hatte, ein Beispiel). 3. Grund.für mich, aus dem Sattel zu gehen, ist, wenn mir etwas unerstellt wird, wie neulich die „Ferndiagnose“ „Narzissmus“ Diskussion.

So, nun kurz zum „positiven“: Ich denke, dass ich in Kontroversen, die nicht so emotional sind, oft schaffe, zu Beginn meines Post hervorzuheben, welche Gemeinsamkeiten ich sehe, wo sich meine Meinung mit der des Anderen deckt, um voin dort aus dann das Terrain zu betreten, auf dem ich anderer Meinung bin. Quasi Umsetzung des (therapeutischen) „Yes mode“ Prinzip.

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Nein, überhaupt nicht. Aber [Du = Einzelperson] kannst doch nicht einfach behaupten, »Wort« sei »adjektiv«. Selbst Alex widerspricht Dir, zwar auf eine weichere Art als ich, aber mit dem gleichen Druck.

PS: Ich finde, ich bin eh schon ruhiger geworden. Aber Sprachpräskription triggert mich.

Also, zuallererst muss ich mal feststellen, dass wir uns hier unterhalten über:
Fußball, Musik, Film, Literatur, Politik, Gesellschaft. Und noch so manches mehr.

Und das sind meine größten Leidenschaften, Interessen, Steckenpferde:
Fußball, Musik, Film, Literatur, Politik, Gesellschaft. Und noch so manches mehr.

Will sagen:
Leider hab ich bei nahezu allen Beiträgen hier konjunktivisch viel Mühe, meine Emotionen so im Zaum zu halten, dass nicht mein inneres HB-Männchen im Quadrat springt.
Neben dem HB-Männchen befindet sich noch was anderes, nämlich ein Bullshit-Detektor. Der schlägt zuverlässig aus, sobald sich andere User einer Argumentation oder Wortwahl bedienen, die mir sinnfrei/unzulässig/abstoßend/fehlerhaft etcetera erscheint.

Wenn das passiert, ist es eigentlich nur die Frage, ob sich das HB-Männchen der Sache annimmt oder mein Resthirn genügend Kapazitäten aufweist, um mein prinzipielles Harmoniebedürfnis mit ins Spiel zu bringen.
Und natürlich ist es auch abhängig von der Tagesform. Manchmal ist man eben auf Krawall gebürstet. Und bestimmt haben viele hier auch kommunikative Triggerpunkte, was bedeutet, dass man mit der einen Art besser umgehen kann als mit der anderen. Persönlich will ich mich vor allem nicht langweilen, deswegen reagiere ich zum Beispiel sehr empfindlich, wenn ich das Gefühl habe, dass sich mein potenzieller Kontrapart ständig wiederholt, womöglich sogar noch meine Argumente ignorierend…

Soviel zur emotionalen Grundlage.

Nun hat, wie es meine Vorredner schon teilweise andeuteten, der Schriftverkehr hier den maßgeblichen Vorteil, dass die Gedanken, die mir eventuell in Sekundenbruchteilen durch den Kopf schwirren, abgetippt werden müssen. Selbiges braucht bei mir altem Sack, der immer noch schneller sprechen könnte als schreiben (im Gegensatz zu jungen digital natives) zumindest lange genug, um schlimmste Exzesse zu vermeiden und einen möglicherweise versöhnlicheren Tonfall anzuschlagen, so er mir denn dienlich oder passender erscheint. Es ist ja die Frage, was ich erreichen will:
Ausschließlich meinen Standpunkt klarmachen?
Flagge zeigen?
Eine Debatte anstoßen?
Jemanden übel beschimpfen?
Selbst etwas lernen oder erfahren?

Je nachdem, wie ich diese Fragen beantworte, wird sich auch mein Ton orientieren, meine Wortwahl anpassen. Sogar meine Art der Argumentation. Bin ich auf eine gemeinsame Ebene aus, empfiehlt es sich eher nicht, das bayerische Schimpfwort-Lexikon vom Polt Gerhard auszuschöpfen. Und so gäbe es viele weitere Beispiele und Ebenen.

Und dann muss ich den Text ja auch erst noch losschicken. Ist nur ein Klick, schon klar, aber immerhin - ich kann’s mir ja sogar nochmal durchlesen.

Was aber schon durchklingt bei mir:
So sehr ich hier überaus leidenschaftlich dabei bin, so emotional involviert ich auch sein mag - ich bin, glaube ich, einfach nicht der Typ, der ausschließlich extrem ernsthaft mit sich und mit anderen umgeht. Vielleicht hab ich das im Laufe des Lebens auch gelernt/lernen müssen:
Es existieren auf dieser Erdscheibe, also auch auf MSR, ein Menge an Meinungen, die ich wahlweise für hirnverbrannt oder abstoßend oder sonstwas halten mag. Würde ich da jedes Mal austicken, wären meine Energiespeicher noch leerer als ohnehin schon. Zumal es ja auch so viele tolle, interessante, inspirierende Beiträge hier gibt, und dann halte ich mich im Zweifel halt an diese.
Depressive Zustände über die elendige Menschheit habe ich oft genug. Schlimm ist es eigentlich nur, wenn man sich wie ein Alien fühlt, sprich niemand versteht, was mein alleiniges Genie wieder ausbrütet. Umso wichtiger, und nun komme ich zu Dir, mein lieber @folkfriend, ist es doch zu wissen und zu erfahren, dass man sich mit seinen Haltungen und Wertungen in guter Gesellschaft befindet. Diese Grunderkenntnis hat mich ja auch erst zu MSR gebracht, nicht wahr? Der gute Geschmack, Bayern-Fan zu sein :wink:.

Und sollte wirklich mal (ist ja auch schon passiert in den letzten drei Jahren) eine Konfrontation ganz mies ausgehen, bin ich schon jemand, der reflektiert, wie sich die Community äußert und verhält. Wer kritisiert wen und was, stehe ich ganz allein da? Wie darf ich mein Gegenüber einschätzen? Work in progress, ohne Frage.

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alle sind gemeint, die Liste erhob keinen Anspruch auch Vollständigkeit - ich habe die aufgezählt, die mir in diesem Bereich besonders aufgefallen sind :innocent:

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War auch etwas enttäuscht nicht erwähnt zu werden!

:sob:

Aber vielleicht auch nicht, war ja eher das gute alte zweischneidige Schwert:

Wir, lieber @Faenger, sind wohl zu mittig im Diskurs - aber wir nehmen das einfach mal auch als Auszeichnung? Es heißt ja nicht von ungefähr „die goldene Mitte“ :joy:

Aber Spaß beiseite:

Wirklich toll, @folkfriend wie Du das sprachliche Thema hier selbstkritisch auf arbeitest!

Wieder mal viel gelernt:

Und das meint natürlich nicht nur den Thread hier sondern auch die ganze neue Boateng Diskussion in mehreren Threads, die jetzt der Auslöser für diese neuerliche Sprachanalyse war - diesmal mit dem Fokus „versöhnliche Sprache“, Danke an @ChrisCullen!

Man kann eben aus solchen Diskussionen, wenn man offen für alle Seiten/Aspekte bleibt, einfach unglaublich viel lernen und auch an sich selber „feinjustieren“…

Dafür großes Danke an alle Diskussionsteilnehmer!

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Ich fand die Liste ebenfalls sehr fragwürdig, vermutlich gut gemeint, so wie hinterher alle gemeint sind, aber: Wie heißt das so schön - das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Den Grund, aus dem Du diesen Austausch zum Thema „Sprache & Worte als Schutz & Waffe“ erbeten hast, den finde ich hingegen sehr richtig und wichtig. Und zwar vermute-unterstelle ich, daß Dich der Gegenwind rund um das Toxische Männer-Boateng-Gewalt-Thema inzwischen auch ein bißchen nachdenklich gemacht hat, ob Du da immer richtig liegst mit deinen Methoden. Gut so. Das scheint mir die Grundvoraussetzung für das Thema zu sein - die Infragestellung nicht des Gegenübers und seiner Rhetorik. Sondern hin und wieder (im stillen Kämmerlein gern) auch mal der skeptische Blick in den eigenen Spiegel.

Von mir können in diesem Zusammenhang nach all meinen Vorrednern nur Dopplungen und Wiederholungen kommen. Ich fasse zusammen, was ich alles bei Euch gelesen habe, wo ich mich einreihen und anschließen möchte.
Zuerst @ChrisCullen. Ich möchte Deinen Beitrag gern auf @folkfriend - Weise beantworten: „Wenns nen 1000 Herzchen Button gäbe - hier hätt ich ihn gebraucht.“
Die sokratische Quintessenz…

… klingt nach Phrasenschwein, so oft wurde sie schon abgedroschen. Aber der Schlüssel zum demütigeren „Ich weiß, daß ich nicht(s) weiß“ von @ChrisCullen steht davor:

Und das trifft vollständig auch auf mich zu. Wie oft habe ich mich in meinem Leben schon felsenfest überzeugt geglaubt, um dann durch Scheitern lernen zu müssen, daß ich mal wieder nicht alles, zu wenig wußte und noch weniger recht hatte.

Ich glaube, das könnte ein erster Schlüssel sein - eine gewisse Demut, die aus der Erfahrung resultiert, daß ich ein Mensch, fehlbar, mit vorübergehenden Überzeugungen bin - und auf keinen Fall sicher sein kann, Recht zu haben.
Es ist besser, wenn diese Erfahrung schmerzhaft war und auf der beschämenden Erkenntnis beruht, daß ich mich mal wieder vergaloppiert hatte - wenn’s weh tat, gibts nen emotionalen Lerneffekt. Sonst seltener.

Den zweiten Schlüssel finde ich ebenfalls bei @ChrisCullen :

Besser hätte es Rosa Luxemburg auch nicht formulieren können, vermute ich.

Mit meinen schlichteren Worten:
Je lauter die Stimme herrscht, die behauptet, recht zu haben, desto heftiger interagiert mein innerer Bullshit-Detektor (thx to @cheffe).

WIr hatten das mit der Brechtschen Ausrede an die Nachgeborenen schon: „Der Zorn auf das Unrecht verzerrt die Gesichter“ ist gern in aller Munde, wenn es darum geht zu legitimieren, daß ich mich nicht mehr um Höflichkeit und Anstand im Umgang schere.
Beispiele von links illustrieren dies: Ich nehme hier mal die Rhetorik der RAF („und natürlich darf auf Bullenschweine geschossen werden“) oder des SDS („Wenn in Vietnam Menschen mit Napalm verbrannt werden, dann ist es in Ordnung, wenn Kaufhäuser und BILD-Transporter brennen.“) Gern auch die Antifa „Haut die Bullen platt wie Stullen“ und „All Cops are Basterds“. Tarantino-Fans mögen sich dran ergötzen - ich finds zum Kötzen.

Je älter ich werde, desto häufiger erinnere ich mich an Goethes Faust-Zitat: „Das WAS bedenke. Mehr bedenke WIE.“ (auch wenns dem Homunculus hier eher um die Bauanleitung für den neuen Menschen und weniger um Rhetorik-Beratung ging…)
Je häufiger ich falsch lag und mir dies im Nachhinein eingestehen mußte (wozu mir dieses Forum immer wieder verhilft, weil ich ständig mehr oder weniger knapp am eigentlichen Ziel - eine gelungene Kommunikation, von der beide profitieren- vorbeischrappe), desto mehr denke ich:
Meine Sprache, meine Rhetorik sollte ein Abbild sein der Werte, die ich zu vertreten glaube. Mein Umgang mit anderen Menschen sollte immer auf der Annahme beruhen, daß nicht nur ich recht habe. Meine diskursive Auseinandersetzung sollte mehr und mehr auf einem meiner Lieblings-Phrasenschwein-Postkarten-Sprüche beruhen:

„Jedes Ding hat drei Seiten.
Eine, die ich nicht sehe.
Eine, die Du nicht siehst.
Und eine, die wir beide nicht sehen.“

Die meisten Diskussionen bewegen sich ausschließlich in der Variante zwei: Ich zeige Dir, was Du nicht siehst. Mit den Jahren wird das abgeschmackt und langweilig.

Noch eines, woran ich arbeite:
Meine Hybris abbauen, meinen Messianismus reduzieren, meinen Glauben, daß an meiner Meinung die Welt genesen soll, weiter zurückfahren. Die Welt hat größere Lichter gesehen als mich - kein Grund, mich zum Inhaber der allein selig machenden Weisheit aufzuschwingen.
Und in diesem Wort („Glaube“) liegt auch die Crux aller Rechthaberei: „Ich glaube, daß ich recht habe.“ Mehr sollte eigentlich keineR von uns behaupten wollen. Und mit dem Glauben ist das so ne Sache - es gibt einfach zu viele Religionen, Glaubensrichtungen, Götter und Ideologien, als daß mich das Konzept der allein selig machenden Weisheit noch überzeugen könnte. Meist sind es auch nur Umbenennungen von Thor in Zeus in Jupiter in… Und genauso ist das mit den Meinungen auch.

Ein weiterer Aspekt des „An meiner Meinung soll die Welt genesen“ ist:
Die meisten anderen Menschen verfügen über denselben Bullshit-Detektor wie ich - und deren Nackenhaare stellen sich doppelt aggressiv auf, wenn einer daher kommt, der die Weisheit und Werte mit Riesenlöffeln gefressen zu haben glaubt. Was ich leise sagen will: Je heftiger Du verbal austeilst, desto weniger Leute überzeugst Du. Die Menschen halten aus Prinzip dagegen - weil Klugscheißer halt keiner leiden kann, auch moralische Klugscheißer nicht.
Und wenn ich dich richtig verstehe, unternimmst Du all diese Kreuzzüge doch, um die Zahl der Menschen, die Deine Werte teilen, zu vergrößern.
Mit Deiner Methode aber steht nach abgeschlossenem Gefecht nicht ein einziges Männeken mehr hinter Deiner Flagge - und die Männekes auf der anderen Seite sind noch überzeugter darin, daß Du falsch liegst und sie Recht haben.

Meine eigene Arbeit ist vor allem eine Auseinandersetzung mit meinem inneren HB-Männchen (für dessen Charakteristik ich @cheffe ebenfalls gern 1000 Herzchen rüberbeamen würde… :heart_eyes:).
Inzwischen würde ich es als meinen „eigenen Bullshit-Detektor“ bezeichnen wollen: Wann immer mein HB-Männchen hüpft, muß der @Gratschifter doppelt auf der Hut sein: Der nächste überhebliche @gratschifter-Vulkanausbruch steht unmittelbar bevor. Und vermutlich hinterläßt er dasselbe wie in den 57 Jahren zuvor - verbrannte Erde.

Anders gesagt: Wann immer mich die Sprachlichkeit anderer auf die Palme bringt, ist dies ein Grund innezuhalten und erst (länger) nichts zu machen. (Die Buddhisten atmen dann - ich kann das leider nicht: Mein Bullshit-Detektor springt auch leider an, wenn ich aufgefordert werde, „nur meinen Atem zu spüren“. Aber ich hab zumindest verstanden, was gemeint ist: Wenn ich Recht haben will, dann sollte ich mich zunächst mal auf was völlig anderes konzentrieren - sowas wie Atmen, Körperwahrnehmung, was auch immer hilft, um aus der inneren Raserei auszusteigen.) Das ist für mich Schwerstarbeit - auch mit 57 noch. Und mein HB-Männchen wird eigentlich nonstop getriggert (Hybris halt). Das sollte aber kein Grund sein, daß der Rest der Welt darunter ständig leiden muß.

Meine vorsichtige Antwort:
Behandle andere Menschen so, wie Du selbst gern behandelt würdest. Worte vornehmlich als Schutz und Waffe zu sehen - nun ja, mit dieser Rhetorik ziehst Du halt auch wirklich nur in den Krieg. (Auch wenn ich wirklich verstehe, daß Deine biografischen Erlebnisse -die Du andeutest- alles dazu beigetragen haben, daß Du Dich mit diesem Schutzpanzer ausrüsten musstest. Aber Du darfst diesen Schutzpanzer vorsichtig lockern, Teile ablegen und kucken, ob der erwachsene @folkfriend diesen „Schutz“, diese „Waffen“ überhaupt noch braucht.)
Argumentiere mit Menschen anderer Meinung, als ob sie Dein Freund wären - und nicht Dein Feind. Behandle andere Menschen so, wie Du beste Freunde behandelst - auch in Debatten, Diskussionen und inhaltlichen Streitereien.

Ich weiß, daß mir das selbst nur ansatzweise und oft erst nach einigem Nachdenken (aufgrund von Fehlern und Scheitern) gelingt - @justin weiß einige Lieder davon zu singen, @Alex einige ältere as well.
Aber wo stand geschrieben, daß das leicht wird mit dem Leben?

Und wie immer gehen meine letzten 5 cents an @Faenger raus, den Giganten der MSR-One-Liner - der unübertroffene One-Line-Hit des Jahres war:

In der @Faenger - Kürze liegt die Würze:

PS:

Dass ich schon wieder einen Roman gebraucht habe, nur um alles Wesentliche meiner Vorredner zu wiederholen - seht’s mir nach mit @Alex Worten: „der voluminöse @Gratschifter halt“…
:fairy: :man_shrugging:

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Danke tausendmal für deine so reflektierten wie notwendigen Ausführungen.
Das sind zu mindestens 99% meine eigenen Gedanken, die ich aber niemals so detailliert darstellen könnte. Du bist so eine unglaubliche Bereicherung des Forums, unfassbar eigentlich, dass du persönlich in einer so schwierigen Situation bist bzw. hoffentlich warst :folded_hands:

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Ich beantrage hiermit, dies meinem Account hinzuzufügen. Also ähnlich wie der Ehrenmoderator bei @jep
:wink:

Danke Dir @gratschifter

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Beantrage, dem Antrag meines Vorpetenten sofort nachzukommen!
Ehre wem Ehre gebührt!

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oder frei nach „Leben des Brian“: Ich beantrage, dass wir darüber abstimmen, ob wir dem Antrag, ob wir abstimmen sollen, zustimmen.

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„Ihren Antrag auf Erteilung eines Antragformulars /
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars /
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt /
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ’gen Erteilungsamt.“

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Reinhard Mey hat das wirklich sehr schön auf den Punkt gebracht (bzw. auf den Schlangensatz) :sweat_smile:

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Dieser Abschnitt ist für mich hier der Wichtigste. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit in den Austausch und solange die Grundregeln des gemeinsamen Beisammenseins respektiert und befolgt werden, soll auch jeder Mensch so sein dürfen, wie sie*er wirklich ist. Manchmal gesammelt, reflektiert, gelassen, lustig, verständnisvoll. Manchmal aber auch wütend, emotional, verzweifelt oder sogar aggressiv, wenn es gute Gründe dafür gibt. All das sind ganz normale menschliche Emotionen, die wir nicht unterdrücken sollten. Wenn wir sie unterdrücken, dann macht uns das nicht nur innerlich kaputt, sondern blendet auch einen Teil unserer menschlichen Realität und der tatsächlichen Situation aus.

Nehmen wir Mal ein ganz vereinfachtes Beispiel: Person 1 bekommt mit wie auf der Straße Person 2 & 3 eine 4. Person rassistisch beleidigen, bedrängen, während Person 4 körperlich völlig unterlegen ist. Klar könnte Person 1 in dem Moment versuchen alle freundlich anzusprechen, versuchen beide Seiten zu verstehen und dabei davon ausgehen, dass sie selbst vielleicht etwas nicht weiß, was dem Konflikt vorangegangen ist. Wie wäre die Reaktion der Beteiligten?

Dieses Beispiel zeigt für mich zwei Punkte:

  1. Wir sind hier im Forum vermutlich selten in einer solchen Situation akuter Gefahr oder einer ähnlichen extremen Konfrontation, die normalerweise einen recht natürlichen Zusammenhang mit aggressiven Reaktionen haben, weil sie in solchen Momenten als Schutzmechanismus nötig sind.
  2. Es gibt dennoch nicht die Verpflichtung in jeder Situation eine künstliche Neutralität zu bewahren oder immer davon auszugehen, dass die andere Person schon gute Gründe für ihr Handeln und ihre Worte hat, die sie natürlich hat. Aber in einer Gemeinschaft ist es manchmal auch nötig, das eigene Verantwortungsbewusstsein in die Hand zu nehmen und es von anderen einzufordern.

Was ich in meiner Therapie gelernt habe und aber noch lange nicht ansatzweise im nötigen Maße geschafft habe selbst in meine Handlungen zu integrieren ist im Moment zu reflektieren: Fühle ich mich gerade angegriffen, da es in dieser Situation und von meinem Gegenüber gute Gründe dafür gibt oder weil mich die Situation in die muscle memory einer meiner Erinnerungen versetzt und ich die Gefühle von damals gerade stark fühle?

Beides hat seine Berechtigung und beides sind wichtige Gefühle, die gefühlt und verstanden werden müssen. Aber nur eins von beiden führt in einer emotionalen, aggressiven Reaktion dazu, dass Verbindungen mit dem Gegenüber besser eingegangen werden können. Denn zu einer gesunden, starken Verbindung gehört in aller erster Linie, dass die persönlichen Grenzen respektiert werden. Und das Andere führt eher zu Unverständnis beim Gegenüber, denn die andere Person kann ja garnicht wissen, welche beschissenen Erfahrungen gerade der Grund für diese Emotionen sind und sie ist dafür auch ohne ihre Zustimmung nicht der richtige Adressat.

Ich bin selbst damit aufgewachsen, dass mir alle ständig vermittelt haben wenn ich ein Problem hatte, dass es meine Schuld war. In der Schule, in der Familie, überall war dieses stark hierarchische Miteinander für mich ganz normal, wo meine Emotionen, Bedürfnisse und Grenzen keinen Millimeter Platz hatten. Es ist viel Arbeit, ein langjähriger und schwieriger Prozess zu lernen, für mich selbst einzustehen. Deswegen ist für mich die Kommunikation von Menschen wie @folkfriend hier zu sehen auch manchmal wie ein Vorbild, um zu lernen, meinen eigenen Emotionen vertrauen zu können und aggressiv dafür einzustehen, wenn es in dem Moment berechtigt ist. Denn wenn ich es andersrum garnicht tue, dann gehe ich irgendwo im Dunkeln unter, wo mich niemand wahrnimmt und am Ende am wenigsten ich selbst. Ich halte es nicht für gut, wenn wir immer davon ausgehen, dass jede*r jeden nur überzeugen will in einer Debatte und dafür die bestmöglichen Mittel wählen sollte. Am Ende ist es total schwer zu bemessen, was genau zu einer Meinungs- oder Handlungsänderung bei anderen geführt hat und fast unmöglich vorauszuplanen. Für mich ist jeder Beitrag, jede Diskussion und jede Emotion wertvoll, solange wir unsere Grenzen respektieren :slight_smile:

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