Danke Dir, @Ibiza. Nichts davon bestreite ich. Die Nazis haben viele Begriffe gebraucht und missbraucht die deswegen heute kontaminiert sind und nicht mehr verwendet werden: „Endlösung“, „Sonderbehandlung“, „Arbeit macht frei“, „jedem das Seine“, „alles für Deutschland“ – die Liste der Begriffe und Redewendungen, die man heute aufgrund ihres Nazibezugs nicht mehr benutzen darf oder soll, ist endlos. Die Nazis waren z. B. auch ganz heiß darauf, die Wirtschaft „anzukurbeln“. Der Begriff des „Ankurbelns“, den wir heute wie selbstverständlich im Zusammenhang mit Wirtschaft und ihrer ausbleibenden Aktivität verwenden, war ein echter Nazi-Favourite. (Ich möchte für viele weitere gern genutzte Nazi-Begriffe, die wir zum Teil heute immer noch selbstverständlich verwenden, sehr das Buch LTI von Victor Klemperer empfehlen.)
Wir sprechen hier aber über Begriffe im Kontext von Diskriminierung. Das ist ein gänzlich anderes Thema. Die Verwendung des Begriffs „Idiot“ soll jemanden diskriminieren. Mir fehlt nach wie vor die rationale, überzeugende Begründung, warum „Idiot“ diskriminierend sein soll, aber etwa „Dummkopf“ nicht.
(Kurze Pause) Es stellt sich heraus, dass meine Überlegungen nicht ganz falsch sein können. Ich habe jetzt gerade mal etwas gegoogelt. Die Artikel zu „ableistischer Sprache“, die ich gefunden habe (etwa hier, hier, hier, hier oder hier), wenden sich nicht spezifisch gegen das Wort „Idiot“, sondern – logisch konsistent – gegen die Verwendung aller abwertenden Begriffe, die sich auf minderwertige intellektuelle Kompetenz beziehen, schlechthin, also auch „Dummkopf“ etc., übrigens mit exakt der Begründung, die ich mir oben selbstständig erarbeitet habe.
Das ganze gilt dann oft auch für Begriffe wie „taub“ und „blind“ und ähnliche, die man aus dem gleichen Grund wie bei „Idiot“, „Dummkopf“ oder „dumm“ am besten gänzlich vermeiden sollte. Umgekehrt soll man aber im Umgang mit behinderten Menschen im Speziellen auch keine beschönigenden Begriffe oder auf die Behinderung abzielenden Komplimente machen oder Lobe aussprechen. Auch „Wahnsinn“ oder „verrückt“ zur Beschreibung eines Augenblicks (beispielsweise eines Tores) sind tabu.
Das ist alles sehr löblich und gut gemeint, aber ich wage mal die Behauptung, wenn die Empfehlungen der Ableistische-Sprache-Community vollständig in die Praxis umgesetzt würden, dass dann keine normale Kommunikation, die wir noch als solche erkennen würden, im Alltag mehr möglich wäre. Unsere alltäglichen Ausdrucksweisen würden sich drastisch transformieren, ganz abgesehen davon, wie schwierig es wäre, einen situationsangemessenen Mittelweg zwischen der Vermeidung, aber gelegentlich auch bewussten Nicht-Vermeidung „ableistischer“ Sprache zu finden, um niemanden zu diskriminieren. Da es außer der Forderung nach Rücksichtnahme auf bestimmte Minderheiten auch keinen rationalen Anspruch auf die Verwendung nicht-diskriminierender, gruppensensibler Sprache gibt, ist hier außerdem der willkürlichen Selbstdefinition immer weiterer, neuer Minderheiten, die dann ihrerseits weitere sprachliche Ansprüche an diskriminierungsfreie Sprache stellen, die dann ebenfalls mit gleichem Anspruch auf Durchsetzung vom Rest der Bevölkerung zu erfüllen wären, Tür und Tor geöffnet. Wo fängt es an, wo hört es auf?
Ich bin ein Fan präziser Sprache. Ich verwende sicher oft Wörter wie „Idiot“ oder „dumm“, wo ich auch andere, präzisere Begriffe wie, je nach Kontext, beispielsweise „rücksichtslose Person“ oder „unbedacht“ verwenden könnte. Ich werde schon aus Lust an der Präzision gerne versuchen, „ableistische“ Sprache gegen andere Sprache zu ersetzen, wenn diese präziser zu vermitteln in der Lage ist, was ich eigentlich ausdrücken möchte. Aber ich werde nicht grundsätzlich auf die Verwendung von Begriffen wie „Dummkopf“ oder „Idiot“ verzichten, wenn sie mir in einem bestimmten Kontext als die präzisesten oder passenden Begriffe vorkommen und wenn ich nicht Gefahr laufe, in einem konkreten Kommunikationszusammenhang jemanden zu verletzen.