Aber lieber @ChrisCullen, bei der Verwendung des Begriffs „Idiot” als Schimpfwort kann sich doch außer dem Angesprochenen selbst niemand unwillkürlich mitgemeint fühlen. Von welchen „Betroffenen“ redest Du? Wenn ich Dich mit abwertender Intention als „Idioten” bezeichne, wen außer Dir beleidige ich noch bzw. würdige ich noch herab? Wer kann sich legitimerweise davon mitgemeint und somit durch die Verwendung des Begriffs „Idiot” als Ausdruck der Abwertung herabgesetzt fühlen? Eine medizinische Diagnose der Idiotie gibt es nicht und wer würde sich selbst neutral als „Idiot“ bezeichnen und sich beleidigt fühlen können, wenn jemand anders seine neutrale, selbstgewählte Selbstbezeichnung als Schmähbegriff zur Herabwürdigung von jemand anderem verwendet?
Ich habe wirklich nichts gegen rücksichtsvolle oder sensible Sprache, aber die Forderung nach ihrem Einsatz muss mich wenigstens logisch überzeugen. Das ist hier nicht der Fall.
Ein Argument, das ich zumindest logisch gelten lassen würde, wäre es, wenn jemand sagte, dass man auf alle Schimpfworte, deren Schmähpotenzial in der Behauptung verminderter intellektueller Kompetenz des Adressaten liegt, grundsätzlich verzichten sollte, weil ihre Verwendung alle Menschen mit echten geistigen Behinderungen, beispielsweise low-IQ-Autisten oder klinisch geistig Zurückgebliebene, aufgrund des von mir beschriebenen Mechanismus’ herabwürdigt. Das würde dann aber außer „Idiot“ auch Schimpfworte wie „Depp“, „Schwachkopf“, „Dummkopf“, „Vollpfosten“, „Dösbaddel“ usw. betreffen, nämlich alle Schimpfworte, die auf verminderte intellektuelle Kompetenz rekurrieren.
Würde jemand das fordern? Wie sieht die Güterabwägung zwischen der Drastik des Eingriffs in das historisch gewachsene So-Sein der Sprache mitsamt der daraus resultierenden Konsequenzen für die Praxis der zwischenmenschlichen Kommunikation im Alltag auf der einen und dem Sensibilitäts- oder Rücksichtsgewinn im Umgang mit quantitativ marginalen Randgruppen auf der anderen Seite aus?
Wenn das jemand fordert, müsste er dann nicht konsequenterweise das Gleiche auch für alle anderen Schimpfwörter, die auf körperlichen Defiziten basieren, fordern? Müssten dann nicht auch „Blindschleiche”, „taube Nuss” und „Schnecke” untersagt sein? Müsste nicht generell jede Aufforderung, sich doch bitte zu beeilen oder doch bitte einmal genauer hinzusehen, untersagt sein, weil dies durch die Verwendung der Fähigkeiten Sehen und Bewegung in einem defizitären Kontext automatisch alle Menschen diskriminiert, die dies aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung (z. B. Sehschwäche, Gehbehinderung) nicht können? Müsste nicht die Frage, ob jemand schlecht gelaunt sei, untersagt sein, weil man damit das echte, schwere Leid von klinisch Depressiven, die sich ihre schwere Krankheit nicht ausgesucht haben, marginalisiert? Müsste nicht die Bezeichnung von jemandem als „rücksichtslos“ untersagt sein, weil durch die Verwendung dieses Wortes in einem negativen Kontext automatisch alle Menschen mit klinisch diagnostizierter antisozialer Persönlichkeitsstörung mit herabgewürdigt werden? („Rücksichtslos“ ist übrigens einer der Begriffe, der in einer der oben geteilten Publikationen über „ableistische Sprache“ als Alternative zu „Idiot“ vorgeschlagen wurde. Warum soll man „Idiot“ nicht sagen dürfen, aber „rücksichtslos“ schon? Ob diese Leute ihr Konzept wirklich zu Ende gedacht haben?)
Ich bin wirklich für vieles offen, sofern es schlüssig und konsistent begründet ist. Das kann ich hier jedoch auf breiter Front nicht erkennen. Warum soll ich „rücksichtslos“ sagen können dürfen, aber „Idiot“ nicht? Wo ziehe ich die Grenze zwischen kommunikativen Anforderungen an Sprache und ihre Regeln wie Verständlichkeit, Anschlussfähigkeit und Alltagstauglichkeit auf der einen und Sensibilität im Ausdruck auf der anderen Seite? Warum verläuft die Grenze hier und nicht irgendwo dort? Ich bin von dem Verbot von „Idiot“ einfach nicht überzeugt. Wenn Ihr noch gute Argumente habt, die ich übersehen oder unterbewertet habe, lasse ich mich aber gerne noch vom Gegenteil überzeugen.