Ich fand die Liste ebenfalls sehr fragwürdig, vermutlich gut gemeint, so wie hinterher alle gemeint sind, aber: Wie heißt das so schön - das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
Den Grund, aus dem Du diesen Austausch zum Thema „Sprache & Worte als Schutz & Waffe“ erbeten hast, den finde ich hingegen sehr richtig und wichtig. Und zwar vermute-unterstelle ich, daß Dich der Gegenwind rund um das Toxische Männer-Boateng-Gewalt-Thema inzwischen auch ein bißchen nachdenklich gemacht hat, ob Du da immer richtig liegst mit deinen Methoden. Gut so. Das scheint mir die Grundvoraussetzung für das Thema zu sein - die Infragestellung nicht des Gegenübers und seiner Rhetorik. Sondern hin und wieder (im stillen Kämmerlein gern) auch mal der skeptische Blick in den eigenen Spiegel.
Von mir können in diesem Zusammenhang nach all meinen Vorrednern nur Dopplungen und Wiederholungen kommen. Ich fasse zusammen, was ich alles bei Euch gelesen habe, wo ich mich einreihen und anschließen möchte.
Zuerst @ChrisCullen. Ich möchte Deinen Beitrag gern auf @folkfriend - Weise beantworten: „Wenns nen 1000 Herzchen Button gäbe - hier hätt ich ihn gebraucht.“
Die sokratische Quintessenz…
… klingt nach Phrasenschwein, so oft wurde sie schon abgedroschen. Aber der Schlüssel zum demütigeren „Ich weiß, daß ich nicht(s) weiß“ von @ChrisCullen steht davor:
Und das trifft vollständig auch auf mich zu. Wie oft habe ich mich in meinem Leben schon felsenfest überzeugt geglaubt, um dann durch Scheitern lernen zu müssen, daß ich mal wieder nicht alles, zu wenig wußte und noch weniger recht hatte.
Ich glaube, das könnte ein erster Schlüssel sein - eine gewisse Demut, die aus der Erfahrung resultiert, daß ich ein Mensch, fehlbar, mit vorübergehenden Überzeugungen bin - und auf keinen Fall sicher sein kann, Recht zu haben.
Es ist besser, wenn diese Erfahrung schmerzhaft war und auf der beschämenden Erkenntnis beruht, daß ich mich mal wieder vergaloppiert hatte - wenn’s weh tat, gibts nen emotionalen Lerneffekt. Sonst seltener.
Den zweiten Schlüssel finde ich ebenfalls bei @ChrisCullen :
Besser hätte es Rosa Luxemburg auch nicht formulieren können, vermute ich.
Mit meinen schlichteren Worten:
Je lauter die Stimme herrscht, die behauptet, recht zu haben, desto heftiger interagiert mein innerer Bullshit-Detektor (thx to @cheffe).
WIr hatten das mit der Brechtschen Ausrede an die Nachgeborenen schon: „Der Zorn auf das Unrecht verzerrt die Gesichter“ ist gern in aller Munde, wenn es darum geht zu legitimieren, daß ich mich nicht mehr um Höflichkeit und Anstand im Umgang schere.
Beispiele von links illustrieren dies: Ich nehme hier mal die Rhetorik der RAF („und natürlich darf auf Bullenschweine geschossen werden“) oder des SDS („Wenn in Vietnam Menschen mit Napalm verbrannt werden, dann ist es in Ordnung, wenn Kaufhäuser und BILD-Transporter brennen.“) Gern auch die Antifa „Haut die Bullen platt wie Stullen“ und „All Cops are Basterds“. Tarantino-Fans mögen sich dran ergötzen - ich finds zum Kötzen.
Je älter ich werde, desto häufiger erinnere ich mich an Goethes Faust-Zitat: „Das WAS bedenke. Mehr bedenke WIE.“ (auch wenns dem Homunculus hier eher um die Bauanleitung für den neuen Menschen und weniger um Rhetorik-Beratung ging…)
Je häufiger ich falsch lag und mir dies im Nachhinein eingestehen mußte (wozu mir dieses Forum immer wieder verhilft, weil ich ständig mehr oder weniger knapp am eigentlichen Ziel - eine gelungene Kommunikation, von der beide profitieren- vorbeischrappe), desto mehr denke ich:
Meine Sprache, meine Rhetorik sollte ein Abbild sein der Werte, die ich zu vertreten glaube. Mein Umgang mit anderen Menschen sollte immer auf der Annahme beruhen, daß nicht nur ich recht habe. Meine diskursive Auseinandersetzung sollte mehr und mehr auf einem meiner Lieblings-Phrasenschwein-Postkarten-Sprüche beruhen:
„Jedes Ding hat drei Seiten.
Eine, die ich nicht sehe.
Eine, die Du nicht siehst.
Und eine, die wir beide nicht sehen.“
Die meisten Diskussionen bewegen sich ausschließlich in der Variante zwei: Ich zeige Dir, was Du nicht siehst. Mit den Jahren wird das abgeschmackt und langweilig.
Noch eines, woran ich arbeite:
Meine Hybris abbauen, meinen Messianismus reduzieren, meinen Glauben, daß an meiner Meinung die Welt genesen soll, weiter zurückfahren. Die Welt hat größere Lichter gesehen als mich - kein Grund, mich zum Inhaber der allein selig machenden Weisheit aufzuschwingen.
Und in diesem Wort („Glaube“) liegt auch die Crux aller Rechthaberei: „Ich glaube, daß ich recht habe.“ Mehr sollte eigentlich keineR von uns behaupten wollen. Und mit dem Glauben ist das so ne Sache - es gibt einfach zu viele Religionen, Glaubensrichtungen, Götter und Ideologien, als daß mich das Konzept der allein selig machenden Weisheit noch überzeugen könnte. Meist sind es auch nur Umbenennungen von Thor in Zeus in Jupiter in… Und genauso ist das mit den Meinungen auch.
Ein weiterer Aspekt des „An meiner Meinung soll die Welt genesen“ ist:
Die meisten anderen Menschen verfügen über denselben Bullshit-Detektor wie ich - und deren Nackenhaare stellen sich doppelt aggressiv auf, wenn einer daher kommt, der die Weisheit und Werte mit Riesenlöffeln gefressen zu haben glaubt. Was ich leise sagen will: Je heftiger Du verbal austeilst, desto weniger Leute überzeugst Du. Die Menschen halten aus Prinzip dagegen - weil Klugscheißer halt keiner leiden kann, auch moralische Klugscheißer nicht.
Und wenn ich dich richtig verstehe, unternimmst Du all diese Kreuzzüge doch, um die Zahl der Menschen, die Deine Werte teilen, zu vergrößern.
Mit Deiner Methode aber steht nach abgeschlossenem Gefecht nicht ein einziges Männeken mehr hinter Deiner Flagge - und die Männekes auf der anderen Seite sind noch überzeugter darin, daß Du falsch liegst und sie Recht haben.
Meine eigene Arbeit ist vor allem eine Auseinandersetzung mit meinem inneren HB-Männchen (für dessen Charakteristik ich @cheffe ebenfalls gern 1000 Herzchen rüberbeamen würde…
).
Inzwischen würde ich es als meinen „eigenen Bullshit-Detektor“ bezeichnen wollen: Wann immer mein HB-Männchen hüpft, muß der @Gratschifter doppelt auf der Hut sein: Der nächste überhebliche @gratschifter-Vulkanausbruch steht unmittelbar bevor. Und vermutlich hinterläßt er dasselbe wie in den 57 Jahren zuvor - verbrannte Erde.
Anders gesagt: Wann immer mich die Sprachlichkeit anderer auf die Palme bringt, ist dies ein Grund innezuhalten und erst (länger) nichts zu machen. (Die Buddhisten atmen dann - ich kann das leider nicht: Mein Bullshit-Detektor springt auch leider an, wenn ich aufgefordert werde, „nur meinen Atem zu spüren“. Aber ich hab zumindest verstanden, was gemeint ist: Wenn ich Recht haben will, dann sollte ich mich zunächst mal auf was völlig anderes konzentrieren - sowas wie Atmen, Körperwahrnehmung, was auch immer hilft, um aus der inneren Raserei auszusteigen.) Das ist für mich Schwerstarbeit - auch mit 57 noch. Und mein HB-Männchen wird eigentlich nonstop getriggert (Hybris halt). Das sollte aber kein Grund sein, daß der Rest der Welt darunter ständig leiden muß.
Meine vorsichtige Antwort:
Behandle andere Menschen so, wie Du selbst gern behandelt würdest. Worte vornehmlich als Schutz und Waffe zu sehen - nun ja, mit dieser Rhetorik ziehst Du halt auch wirklich nur in den Krieg. (Auch wenn ich wirklich verstehe, daß Deine biografischen Erlebnisse -die Du andeutest- alles dazu beigetragen haben, daß Du Dich mit diesem Schutzpanzer ausrüsten musstest. Aber Du darfst diesen Schutzpanzer vorsichtig lockern, Teile ablegen und kucken, ob der erwachsene @folkfriend diesen „Schutz“, diese „Waffen“ überhaupt noch braucht.)
Argumentiere mit Menschen anderer Meinung, als ob sie Dein Freund wären - und nicht Dein Feind. Behandle andere Menschen so, wie Du beste Freunde behandelst - auch in Debatten, Diskussionen und inhaltlichen Streitereien.
Ich weiß, daß mir das selbst nur ansatzweise und oft erst nach einigem Nachdenken (aufgrund von Fehlern und Scheitern) gelingt - @justin weiß einige Lieder davon zu singen, @Alex einige ältere as well.
Aber wo stand geschrieben, daß das leicht wird mit dem Leben?
Und wie immer gehen meine letzten 5 cents an @Faenger raus, den Giganten der MSR-One-Liner - der unübertroffene One-Line-Hit des Jahres war:
In der @Faenger - Kürze liegt die Würze:
Wie schon einmal erwähnt, wird das Schriftliche meist härter und schärfer empfunden. Von daher sollte man da ein Auge drauf haben.
PS:
Dass ich schon wieder einen Roman gebraucht habe, nur um alles Wesentliche meiner Vorredner zu wiederholen - seht’s mir nach mit @Alex Worten: „der voluminöse @Gratschifter halt“…
![]()