Ich habe mir das Spiel inzwischen auch im Re-Live angeguckt (zum Glück kannte ich das Ergebnis noch nicht). Ich fand das Spiel sehr unterhaltsam, weil es sehr intensiv und durchweg spannend war, getragen von der nach dem schnell aufgebauten Vorsprung der Südafrikaner in der Anfangsphase im weiteren Spielverlauf sukzessive schmelzenden Punktedifferenz zwischen beiden Teams, die den Neuseeländern gerade gegen Ende des Spiels jederzeit die Möglichkeit ließ, mit nur einer guten Aktion doch noch in Front zu gehen und zu gewinnen.
Was mir an diesem Spiel insbesondere, aber eigentlich über die vier Spiele dieser WM, die ich gesehen habe, hinweg aufgefallen ist, ist die partielle Artifizialität des Sports. Einige der set pieces, insbesondere der scrum und der ruck, aber auch das line-out, wirken im Kontrast zu den flüssigen Passagen des Spiels merkwürdig artifiziell, wie lange, sorgfältig gedrechselte Kunstprodukte, die sich graduell, little by little, im Laufe der Zeit immer weiter von dem, was man als ihre ursprünglichen Form phänomenal immer noch erahnen kann, entfernt haben. Dieses seltsame Stehenbleiben des Spiels bei einem ruck - wie eingefroren in der Zeit - in den Sekunden bevor der scrum-half den Ball verwertet, ihn aufhebt, passt oder kickt, begleitet von dem obligatorischen „use it“ des Schiedsrichters, wirkt eigenartig out of place. Der ganze ruck als solches, mit seiner Gestalt von wie eingefrorener, in einer Polonaise hintereinander aufgereihter Menschen, sowie der Grenzen der in ihm und an ihm erlaubten Bewegungen, was visuell einem choreographierten Ballett stärker ähnelt als einem offenen Wettkampf um einen Ball, nimmt für mich viel stärker Anleihen an einem Kunstwerk als einem natürlichen Erscheinungsbild in gemeinsamer sportlicher Aktivität engagierter Menschen.
Der Eindruck von Artifizialität und Choreographie erstreckt sich auch auf das laufende Spiel. Interessanterweise sind eben jene raren Spielsituationen, in denen die Spieler am ehesten wie „echte Menschen“ wirken - spontan handelnd, improvisierend, vom Moment absorbiert - gleichzeitig diejenigen Situationen, die im höchsten Maße irregulär erscheinen, abgepfiffen werden, von Offenheit, aber auch fundamentaler Unsicherheit über den nächsten Moment geprägt sind. Rugby wirkt selbst in seinen flüssigen, dynamischem Momenten wie ein choreographierter, eng formatierter Sport.
Auch die extrem strenge Regelauslegung des knock-on (des unerlaubten Beförderns des Balls nach vorne mit der Hand durch einen Spieler, selbst wenn der Ball die Hand nur zufällig berührt und es sich nur um Millimeter handelt) wirkt auf mich unnötig unnatürlich und „gewollt“. Vielleicht erliegt das Rugby hier derselben fatalen Entwicklung, die auch den Fußball heimsucht, dass allein die technische Möglichkeit, dass man Millimeter-Verstöße entscheiden kann, dazu führt, dass sie auch entschieden werden (zum Leidwesen des Spiels). Der try der All Blacks beispielsweise, der aufgrund eines minimalsten knock-ons drei Spielzüge früher zurückgenommen wurde, wäre in meiner idealen Rugby-Welt nicht zurückgenommen worden, und es gab noch weitere solcher Szenen.
Insgesamt hat mir diese WM als Späteinsteiger aber schon sehr viel Spaß gemacht, auch wenn das Rugby mit seinem starken und manchmal beißenden Kontrast von Statik und Dynamik, Artifizialität und Natürlichkeit phänomenologisch ein ungewöhnlicher Sport ist.
Wann findet die nächste WM statt?