Vorab:
Ich empfinde es so, dass nur wenige Themen so eine Flut an diskutablen Posts hervorbringen wie das bei Manuel Neuer der Fall ist.
Ich nehme mich da selber gar nicht aus. Mir stehen angesichts mancher Äußerungen bisweilen die Haare zu Berge, und ich kann mir vorstellen, andere empfinden meine Invektiven ähnlich.
Ich glaube, das liegt daran, dass - was wiederum wohl von wenigen bezweifelt wird - Manuel Neuers Fallhöhe enorm ist. GOAT-Gipfel halt. Und in den letzten Wochen schwankte das Urteil wirklich rasend schnell zwischen immer noch der beste deutsche Keeper und wann hört er endlich auf?
Aber zum Anlass des Artikels:
Ich hätte die Lösung am elegantesten gefunden, wenn man vor der Saison festgelegt hätte, dass Urbig den Pokalwettbewerb spielt, ohne wenn und aber. Einzig dies hätte vermieden, dass man den potentiellen jeweiligen Einsatz immer als Folge von Leistungsständen gesehen hätte.
Zur obigen Debatte und den beiden Polen, die ich jetzt mal auf @justin und @anon83403225 verkürze, hätte ich noch einen zusätzlichen Punkt beigetragen:
Angenommen, Urbig hätte gestern gespielt und uns mit einer Super-Leistung das Spiel gewonnen. Dann wären angesichts der wackligen Vorwochen Neuers Debatten losgegangen, womöglich auch intern. Deswegen vermute ich, diese Baustelle - die ich für wahrscheinlicher gehalten hätte als mögliche Fehler Urbigs - wollte man sich ersparen, was ich für nachvollziehbar hielte.
Trotzdem bin ich bei @justin, was die notwendigen Einsatzzeiten für Urbig betrifft. Und ich bin auch nicht überzeugt, dass es finanziell oder sonstwie Sinn macht, an einen Neuer-Nachfolger zu denken, der nicht Urbig heißt. Wozu braucht man denn sonst den wohl talentiertesten Keeper seiner Altersklasse - als Nummer 2? (Nicht zu vergessen, wir haben in der Jugend nochmal ein Supertalent.)
Ausnahmsweise nicht bei @justin bin ich, wenn es um die (wie gesagt, für uns alle schwer einzuschätzende) Leistungsfähigkeit von Neuer geht.
Ich zähle hier mit Sicherheit zu einer Minderheit, die Manuel immer noch stärker sieht als fast alle anderen deutschen Keeper. Ich empfinde die seit Monaten ausdauernde Fehlersuche bei ihm als mittlerweile fast neurotisch. Selbst hier wurde ja grade eben so gesprochen, als sei es bereits ein Fehler, wenn er einen Elfer nicht hält. Sowas Albernes hab ich ja noch nie gehört.
Und was sein Mitspielen betrifft: Ja, stimmt, es ist nicht mehr auf dem Peak-Niveau. Aber es ist immer noch besser als das der anderen. Ich kann das nicht belegen oder beweisen, aber ich wage eine Prophezeiung:
Sobald Neuer nicht mehr für uns spielt, werden wir - wer immer dann im Tor steht - den Unterschied merken. Und vielleicht müssen dann einige zugeben, dass Neuers Fähigkeiten mit dem Ball am Fuß auch deswegen so kritisch gesehen wurden, weil man sich einfach über viele Jahre an ein extrem hohes Niveau gewöhnt hat. Dass dies nicht selbstverständlich ist, werden wir erst merken, wenn der nächste spielt. Auch gestern waren mir wieder mindestens fünf bis sechs Szenen erinnerlich, in denen wir im Ballbesitz bleiben - wegen Neuer, der die Kugel unspektakulär weiterspielt, anstatt sie einfach rauszuballern.
Ich erhebe übrigens keinen größeren Anspruch auf totale Objektivität. Ich bin zwar recht überzeugt von meiner Einschätzung, aber andere haben auch gute Argumente. Gegen Neuer.
Für mich als ehemaligen Keeper bleibt er der GOAT, der eine Mannschaftssportart auf eine Weise verändert hat, wie es nur den Jahrzehnt-Sportlern gelingt. Ich gebe gerne zu, ich verehre ihn (als Sportler). Und es tut mir, muss ich zugeben, in der Seele weh, wie abschätzig viele über ihn sprechen, selbst wenn oft pflichtgemäß hinzugefügt wird, dass dies natürlich seine vergangenen Leistungen nicht schmälern soll. Für mich klingt das allerdings angesichts der Verbissenheit, mit der man praktisch jedes Tor, das Bayern kassiert, zum Neuer-Fehler hochstilisiert, eher schal.