Es gibt ein ganz großes Problem bei der Bewertung von Jugendspielern: Wenn sie retrospektiv getroffen wird.
Ich störe mich massiv daran, wenn ich immer wieder das Argument lese: Ja, wer hat sich denn jetzt nach seiner Zeit beim FC Bayern wirklich so durchgesetzt, dass man dem hinterhertrauern müsste? Da war der FC Bayern ja offensichtlich im Recht.
So einfach ist das aus meiner Sicht nicht. Die Entwicklung von jungen Spielern ist extrem fragil. Es gibt Spieler, die mit 16, 17, 18 noch gar nicht so extrem viel mitbringen, wo man als (Top-)Klub sagen würde: Boah, der muss jetzt regelmäßig spielen. Die also kein Musiala sind. Als FC Bayern hast du natürlich mehrere Möglichkeiten, mit solchen Spielern umzugehen, wenn du möchtest, dass sich dieser Spieler gut entwickelt. Leihe, Verkauf mit Rückkaufklausel, oder eben links liegen lassen und ihn weiter Amateure spielen lassen – oder du setzt den Spieler ein, weil du an die Entwicklung glaubst und du der Überzeugung bist, dass du auch mit fünf Bundesliga-Einsätzen für ihn in der Bundesliga eine gute Hinrunde spielen können musst. Und dann schaust du dir seine Entwicklung an und bewertest, wie weit er wirklich schon ist.
Letzteres passiert beim FC Bayern eigentlich nie. Stattdessen werden in der Regel lieber Spieler für 10, 20 oder 30 Millionen Euro gekauft, die diese Position dann besetzen. Kann man sicher Argumente dafür finden, warum das jetzt gerade richtig ist. Man kann aber auch argumentieren, dass man damit Geld verbrennt, statt Geld zu generieren, indem man Campus-Spielern eine enorme Wertsteigerung ermöglicht, weil sie dann Einsatzzeit bekommen.
Worauf ich aber eigentlich hinaus will: Junge Spieler im Alter von 16 bis 20 Jahren müssen sich mit Vertrauen, Spielzeit und einer klaren Entwicklungsidee weiterentwickeln. Tun sie das nicht, stagnieren sie auf ihrem Level und verpassen wichtige Jahre ihrer Entwicklung. Ein Spieler, der beim FC Bayern mit 16 Jahren als eines der größten Talente seiner Altersklasse angesehen wird, dann aber erstmal an zwei, drei Klubs verliehen wird, die mit der eigenen Spielweise quasi nichts zu tun haben und die individuell viel schlechter sind als die Spieler beim FCB, könnte womöglich irgendwann die falsche Entwicklungskurve nehmen und sein Potenzial nicht voll ausschöpfen. Meiner Meinung nach haben wir das bei mehreren Spielern gesehen.
Oder in FIFA-Sprache: Ein 16-Jähriger hat beim FC Bayern eine Fähigkeit von 60, aber sein Potenzial liegt zwischen 75 und 90. Im Best-Case-Szenario wird er ein Weltklasse-Spieler mit 90er Fähigkeit. Im normalen Szenario wird er ein seht guter Spieler mit 80-85. Im schlechtesten Szenario wird er nur noch ein durchschnittlicher Bundesliga-Spieler von 75-80.
Beim FC Bayern kommt es meiner Meinung nach zu oft zum schlechtesten Szenario. Ein Spieler entwickelt sich nicht optimal, weil er a) kein Vertrauen spürt, b) es keine echte Perspektive für die Zukunft gibt (wo wollen wir mit dir konkret hin?) und c) er früh in seiner Karriere Notentscheidungen treffen muss, die ihn zu Klubs bringen, bei denen er sich wiederum nicht optimal entwickelt.
Wenn dieses fiktive Talent nun also ein paar suboptimale Wechselentscheidungen trifft ODER bei den Amateuren unterfordert wird ODER schlicht keine Chance bei den Profis erhält, wird es nie dieses hohe Potenzial ausschöpfen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit bei 75, bestenfalls 80 landen.
Und DANN stellen sich Fans hin und sagen: Tja. War wohl doch nicht so das Supertalent.
Das ist mir viel zu einfach. Es ist tatsächlich erschreckend, was man so über die Jugendarbeit beim FC Bayern über die Jahre gehört hat. Wie mit guten bis sehr guten Talenten umgegangen wurde und wie manche Spieler komplett falsch eingeschätzt wurden. Ich halte es für besorgniserregend, wie wenig aus dem gemacht wird, was der Campus bietet. Seit zwei, drei Jahren ist die Dichte an Top-Talenten extrem gestiegen. Jedes Jahr hört man vom Campus, wie viele starke Spieler Jahrgang X hat. Es ist frustrierend, dass der FC Bayern keinen Weg aus seiner altbackenen und nicht mehr passenden Strategie im Umgang mit diesen Spielern findet.
Einerseits Sparkurs predigen, andererseits Unmengen an Geld für Spieler ausgeben, die dieses Geld unabhängig von ihrer sportlichen Qualität verbrennen. Schade um die Talente. Wäre ich 16, 17, 18 und ein Top-Talent beim FC Bayern, würde ich mir auch zweimal überlegen, ob ich bleiben will. So wie Lennart Karl ja schon seit Monaten vollkommen zu Recht überlegt. An seiner Stelle würde ich fliehen, wenn es jetzt nicht doch die eher zufällige Chance gibt, einen Kaderplatz einzunehmen, weil Eberl und Co. diesen nicht noch mit einem 30-Jährigen für 20-30 Mio. Euro besetzt bekommen.
Als FC Bayern würde ich extrem progressiv mit meinen Talenten umgehen. Jedes Jahr 3-5 Spieler in den Kader integrieren, maximal 16-17 echte Profis und dann fuck off (und wenn 1-2 einschlagen, dann kommen im Jahr darauf eben 3-4 weitere Talente nach, die die Lücken besetzen usw.). Die jungen Spieler kommen dann eben bei Verletzungen rein und entweder wuppen sie es oder nicht. Beim FC Barcelona spielten dieses Jahr so viele junge Spieler, die beim FC Bayern gar keine Sonne gesehen hätten. Das sind alles keine Ultra-Mega-Talente wie Yamal. Da sind Spieler dabei, die der FC Bayern in dieser Kategorie auch am eigenen Campus hat. Aber man wird sich das nie trauen, weil man denkt, dass man diese Guerreiros braucht, um in der CL konkurrenzfähig zu bleiben, wenn sich jemand verletzt. Guess what? Wenn sich die falschen Spieler verletzen, hast du eh reingeschissen und die Saison ist vorbei. Da ist es dann auch egal, ob Guerreiro spielt oder eben ein Aznou. Ganz egal, wie gut es Aznou letztlich macht.