Hoffentlich hängen die Glocken der Erwartung da nicht viel zu hoch… 
Hab den Rasenfunk-Podcast (noch) nicht gehört (ja, Asche auf mein Haupt), also reagier ich nur auf eure Anmerkungen. Und geb ein bißchen meinem Bauchgefühl freien Lauf…
Also zuerst: Es ziemt sich nicht, dem Alex Monate nach seinem Double-Triple-Quadrupel-Abschied nun noch negative Fantasien über die Atmosphäre im Team hinterher zu schicken. „De mortuis nihil nisi bene“ - tot isser natürlich nich, unsa alla Alex. Aber far too far out of reach…
Mein persönlicher Eindruck war: Die ein oder andere Spielerin (zumindest die mit ein bißchen Humor im Gepäck und Schalk im Nacken… you know
) wird sich bisweilen ihr Teil gegrinst haben, wenn s zum abendlichen Coach-Gespräch ging … und dann anschließend wieder zwei Stunden am Nachtschlaf fehlten.
Ums mal klar zu sagen: Wir verdanken Alex Straus den Abschied vom Mittelmaß hinter Wolfsburg. Das sind keine Krokodilstränen - im Gegenteil: Er hatte einen längeren Prozeß von fünf oder mehr Jahren hierzu angekündigt. Geliefert hat er in knapp drei Jahren. Das war und ist sensationell gewesen. Ich denke, daß die erfahreneren Spielerinnen diese Entwicklung als das schätzen konnten, was es im Nachhinein war: Ein nicht zu erwartender Qualitätssprung des Teams.
Nicht zu unterschätzen auch: Die Spielerinnen des 24/25 Kaders haben unter Straus bis auf Lyon alles von der Platte geputzt und jeden Titel geholt, der möglich war. Der Erfolg verklärt verganene Unzufriedenheiten - auch und gerade bei Profifussballerinnen.
Damit hast du sicher recht. Aber: So manche Spielerin ließ durchblicken, daß sie vom unerwarteten Abgang des Alex Straus überrascht und teilweise auch kalt erwischt wurden. Und zur These, daß sich Trainer:innen abnutzen, gibts auch Gegenbeispiele. Ich finde das nicht eindeutig.
Was sich auf jeden Fall sagen läßt:
Straus hatte ein wenig durchlässiges Konzept seiner Start-Elf. (Darin bisher dem Vinnie bei den Herren sehr ähnlich). Die Spielerinnen weit unten in der Hackordnung hatten über die gesamte Saison kaum die Chance, sich zu zeigen: Zawistowka zum Beispiel, Ulbrich auch, die sich sicher mehr von der Aufgabe ihres Stammplatzes in Bremen erwartet hatte, als auf den Mannschaftsfotos der Trophäen aufzutauchen. Und auch ein paar andere Spielerinnen kamen nur zu Minuten, wenn sie für die verletzten „Lieblinge“ von Straus einspringen mussten/durften: Caruso, Zigiotti Olme, Dallmann, Lohmann blieben Rotationsspielerinnen und waren meist für das zweite Wechselfenster in der 80sten im Kader. Wohlgemerkt: Das sind alles Stammspielerinnen in ihrer jeweiligen Nationalelf.
Ich vermute, daß die ein oder andere Spielerin das nicht nur mit „Team-dabeisein ist alles“ und „11 Freundinnen müßt ihr sein“ quittiert hat. Ich vermute, daß Syd unter anderem aus diesem Grund ihre bayrischen Segel gestrichen hat. Da verletzen sich mit Obi und Georgia Lohmanns ärgste Konkurrentinnen um die Stammplätze - doch statt nun in der Start11 zu stehen, werden zwei weitere MF-Spielerinnen geholt. Und Syd bleibt Rotationsspielerin.
So ein bißchen habe ich die Fantasie, daß Straus Kumpel zum Pferdestehlen, Freund für schlechte Stunden, pushender Trainer - alles in einem sein wollte. Was er sicher auch war - aber für die Spielerinnen im zweiten Glied fühlt sich das Kumpelhafte und Freundschaftliche vielleicht bisweilen ein wenig anders als die erlebte Realität an. Georgia zieht mit Alex in s Tattoo-Studio - datt is solang cool, wie sie nicht auf der Bank Platz nehmen muß. Und Sepp Herberger hat Boß Rahn halt auch nicht in die Kneipe begleitet, sondern ihm Extra-Liegestütze aufgebrummt, wenn er ihn auf dem Rückweg vom nächtlichen Zug um die Häuser dabei erwischte, wie er heimlich ins Hotel kommen wollte. Trainer, Kumpel, best friend - ich halte das für einen Mythos.
Gleichzeitig bin ich mir mit einer Sache komplett sicher: Der Teamspirit, den die Spielerinnen immer wieder als besonderes Alleinstellungs-Merkmal der FC Bayern-Frauen hervorheben, ist meiner Meinung nach echt. Keine Show. Und ich würde sagen: Inzwischen fast schon unabhängig vom Coach - zumindest nicht allein drauf angewiesen. (Allerdings könnte ein unsensibler Coach da jede Menge Porzellan zerkloppen…)
Über Barcala läßt sich noch wenig sagen: Er wirkt frisch, fokussiert. Sehr präsent in Gesprächen, kommt sofort auf den Punkt. Eine Pressekonferenz, die bei Straus eine Stunde füllte, ist mit Barcala nach zehn Minuten vorüber - und dennoch hat der Spanier mehr inhaltliches gesagt als Straus nach einer Stunde.
Was ich bisher gehört habe über sein Training aus ein paar Interviewfetzen der Spielerinnen, klingt für mich nach überraschtem Respekt und so etwas wie professioneller Anerkennung. Das Training sei fordernd, schnell, auf hohem NIveau. Für mich klingts bisher nach frischem Wind und neuen Besen.
Die wenigen Interview-Passagen, die ich gesehen habe (wenn kein stieseliger Dolmetscher im Audio über das Original gebügelt wird) mit José Barcala, lassen mich hoffen und vermuten, daß er eine klare Spiel- und Trainingsidee verfolgt - und er kann sie auch erklären, wenn man ihn läßt.
Als die gestrige Pressekonferenz nach wenigen Fragen schon vorbei war, scherzte er: „Schade. Ich hatte richtig Lust, noch mehr Fragen zu beantworten.“ Ich glaube, daß war nur zur Hälfte ein Scherz. Er redet gerne über taktische und strategische Details im Fußball.
Natürlich ists mit vier (völlig unterschiedlich verlaufenen) Testspielen noch zu früh, um sichere Rückschlüsse auf sein Spielkonzept zu ziehen. Also bleib ich bei vermutenden Eindrücken:
Ich möcht sagen, Barcala spielt zum Teil Straus-Fußball - bloß: wesentlich schneller. Mit mehr Freiheit bei der Positionsbesetzung im Angriff - Dallmann, Tanikawa, Alara tauchten links, rechts, oben, unten, hinten, vorn auf - das sorgt für Verwirrung bei Teams mit einer Mann(
)deckungsorientierten Verteidigung. Während unter Straus bei Balleroberung zuerst Ballbesitz und -sicherung im Vordergrund standen, will Barcala offenbar sofortiges Umschaltspiel sehen, zum Teil mit rasantem Kurzpaß-Vertikalspiel (Tanikawa, Dallmann, Bühl), zum Teil mit Diagonalbällen über die gegnerische Kette (Simon, Ballisager, Glodis).
Kaum noch zu sehen: Eriksson und Glodis bauen langsam auf, irgendwann übernimmt das MF - bis dahin hat sich die gegnerische Defense längst sortiert.
Bei einigen Spielerinnen habe ich ein Gefühl von befreit aufspielen wahrgenommen; ich vermute dahinter ein libertäreres Herangehen von Barcala im Vergleich zu Straus: Weniger Forderung nach Positionstreue, mehr Aufforderung, ungewöhnliche Laufwege (mit wie ohne Ball) zu gehen.
Mögliche Knackpunkte: Bei zu überlegenem Spiel in der Offensive könnte die Konzentration bei Standards in der eigenen Abwehr gelitten haben. So habe ich Lyon erlebt: Das war zu leichtfertig, zu sehr Spitzenröckchen in der Abwehr. Anders gesagt: Wenn s vorne zu leicht fällt, wird frau beim Weg zurück gern leichtsinnig. Gegen Jena oder Essen kannste datt mal machen - Lyon oder Chelsea kassieren dich sofort.
Ich hab noch kein klares Gefühl für seine Stamm-Elf - wenn Barcala überhaupt eine hat:
Er hat sich jetzt erstmal auf Mahmutovic festgelegt. Davor hätte ich ein IV mit Gilles und Glodis favorisiert und erwartet (geprägt von Alex Straus halt). Aber Barcala kümmert sich da nich drum: Die am wenigsten erwartete Innenverteidigerin hat bisher nahezu durchgespielt - Stine Ballisager. Und : Ich fand sie überzeugend.
Kett schult grade zum dritten Mal in ihrer elend langen Profikarriere einmal wieder um - wird jetzt Rechtsverteidigerin. Hätte es unter Straus nie gegeben: Hansen hätte auf rechts gespielt, sicher datt.
Auf LV läßt sich auch bisher keine klare Tendenz erkennen. Caro Simons LV habe ich deutlich offensiver und spielgestaltender erlebt als Naschenweng.
Mittelfeld ham wer schon lang und breit diskutiert. Es riecht nach zwei Teams - Georgia und Zadi, Obi und Caruso. Aber ich traue Barcala durchaus zu, daß er noch weitere drei, vier Spiele wild rotiert, alles mögliche ausprobiert - um sich dann, wenn die englischen Wochen rollen, konkreter festzulegen. Er hatte halt die ganzen EM-Fahrerinnen bisher kaum im Training.
Meine Gewinnerinnen der Testspiele waren die drei Youngster: Tanikawa als Zehnerin - da kommt Freude auf. Alara war gegen Zürich überragend. Und Kett macht den Laimer - Kett kann das auch.
Großes Fragezeichen für mich bisher in der Sturmspitze - Harder wirkte bisher noch nicht zurück in alter Aggressionsstärke. Und Lea - könnte die zuletzt noch gedanklich im Urlaub gewesen sein (mit Herz und Kopf noch ganz woanders…)?
Ich bin gespannt wie sich das weiter entwickelt. So weit erst mal.