Faszinierende Diskussion, I like.
Grundsätzlich stimme ich @justin zu. Aktionsbasierte Rating-Algorithmen wie die von Whoscored oder Sofascore, die so etwas wie gelungene Aktionen (Tacklings, Pässe, Luftduelle, Torschüsse, …) zählen, nach bestimmten Kriterien gewichten und dann zu einem einheitlichen Score verdichten, sind strukturell darin limitiert, wie aussagekräftig die Aktionen, die sie berücksichtigen, für die Leistung eines Spielers sind und wie gut ihnen die Umrechnung der Erfolge und Misserfolge eines Spielers in einem Aktionstyp in den endgültigen Score gelingt.
Wenn diese Modelle relevante Aktionstypen nicht berücksichtigen oder irrelevante und damit potenziell verzerrende Aktionstypen berücksichtigen und/oder wenn die Umrechnung der Aktionen in den finalen Score schlecht eingestellt ist, ist der gesamte Score wertlos. Dann kann man zwar mit hoher Präzision feststellen, dass ein Spieler X im Jahr 2018 um 0,3 Punkte besser war als ein Spieler Y im Jahr 2024, aber eben nur genau in dem, was dieses Modell berechnet – wenn dies aber nur in einem losen Zusammenhang zur „wahren“ Leistung eines Spielers steht, taugt die ganze schöne Präzision und Vergleichbarkeit nichts und der Score hat nur sehr wenig Aussagekraft.
Daher sind subjektive Leistungsbewertungen nicht grundsätzlich wertlos. Wenn ein Modell z.B. keine dummy runs berücksichtigt, kann ein Spieler, der in einem Spiel außer zehn dummy runs, mit denen er Räume für andere Spieler geöffnet hat, in denen diese kombinieren und die zwei spielentscheidenden Tore schießen konnten, fast nichts gemacht hat, im Rahmen dieses Modells keine gute Note erhalten. Aber ein subjektiver Beobachter kann die taktische Genialität dieses Spielers als spielentscheidend bewerten und ihm dafür eine herausragende Note geben.
Euer Disput über Goretzka zeigt ja sehr schön, wie sehr die auf objektiven Daten und subjektiven Eindrücken basierenden Spielerbewertungen konfligieren können (in diesem Fall z. B. würde ich, der ich das Spiel selbst nicht gesehen habe, der subjektiven Einschätzung von Justin sehr viel mehr vertrauen als den Scores von Whoscored oder Sofascore).
Über die Noten von Kicker, BILD und Co. wird viel geschimpft, aber meiner Meinung nach zu Unrecht, denn sie erweitern mit diesem subjektiven Element, das auch Euren Streit über Goretzka befeuert hat, den Bestand an nutzbaren Informationen, um die Leistung eines Spielers möglichst akkurat zu beurteilen. Im schlechtesten, nicht-informativen Fall stimmen subjektive Note und objektiver Score überein, und man lernt nichts Neues. Im besten, informativen Fall konfligieren beide Bewertungen und man lernt etwas Neues, mit dem man dann umgehen kann, wie man möchte, es z. B. als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen nehmen. Auf keinen Fall jedoch wird man durch die Information der subjektiven Note dümmer als man vorher war.