Am wichtigsten ist mMn, dass die Mannschaft ein System hat, das alle gerne spielen und in dem sich alle (Trainer und Spieler) auch wohlfühlen. Damit könnte man dann mMn auch mit dem nötigen Matchglück (fast?) alle anderen Teams schlagen, aber man kann eben auch ziemlichen Schiffbruch erleiden, selbst wenn man personell noch an ein paar Stellschrauben dreht oder die Abläufe noch optimiert.
Ich würde sagen, dass der Großteil des Bayernkaders das aktuelle System gerne spielt, weshalb es solche Lustlos-Auftritte wie in der letzten Rückrunde unter Tuchel nicht geben dürfte, als man schon merkte, dass ein großer Teil des Teams „keinen Bock“ auf seine Taktik hat. Die CL-Spiele gegen Arsenal und Real nehme ich hier aus, denn das Ziel Wembley kann einen Spieler auch mal dazu bringen, über seinen Schatten zu springen. Nimmt man mal die aktuelle Stammelf, würde ich sagen, dass sich Palinha, Upamecano und Kim wahrscheinlich in einem anderen System wohler fühlen würden, z.B. in einer Dreierkette wie bei Leverkusen mit einem Abräumer davor, aber der Rest des Teams deutlich eher bereit ist, Kilometer (auch gegen den Ball) abzureißen, als in einem defensiveren System. Von daher ist mir mittlerweile klar, dass man mit dem aktuellen Kader wahrscheinlich wirklich kaum anderen Fußball spielen kann. Defensiverer Fußball macht nur Sinn, wenn die Spieler auch mitziehen. Wenn nur 2 oder 3 nicht mitmachen, sind die Lücken da und werden genutzt. Positiver als ein solch unakzeptiertes Konzept ist der aktuelle Fußball vor allem deswegen, weil er zwangsläufig zu Spannung und spektakulären Spielen führt. Zu bedenken gebe ich, dass bei einem extrem erfolgsorientierten Verein, für den es lange Jahre (eigentlich bis Mitte der 2010er Jahre) völlig unerheblich war, ob man auch den schönsten Fußball spielte, Unruhe aufkommt, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Viele Fans (auch hier, ich schließe mich ein) sind so geprägt, dass spektakulärer Fußball zwar gerne genommen wird, aber ein passendes Ergebnis dann noch etwas schöner ist, als ein Punktverlust mit schönem Spiel. Und ich befürchte, dass auch in den Köpfen einiger Verantwortlicher diese Denkweise nicht komplett beerdigt wurde.
Ich würde sagen, dass man - auch wenn ich mir manchmal in der Schlussphase bei einer Führung mehr Leute hinter dem Ball wünschen würde - das Konzept erst mal so beibehalten sollte. Für Bundesliga und die restlichen CL-Gegner (außer vielleicht PSG) sollte es reichen, wenn die Spieler mit Freude zu Werke gehen und das haben sie zuletzt gemacht. Für die Duelle gegen die Großen kann man mMn auch mal ruhig alles auf eine Karte setzen.
Es wird ohnehin immer schwieriger, gegen die ganz großen Teams zu bestehen, weil diese ihre Flexibilität zuletzt erhöht haben.
Ich denke, gegen das Barca, das 2011 Europa total dominierte, wäre der Ansatz von Kompany sogar besser geeignet gewesen als gegen das aktuelle Barca. Damals war Barca mit Iniesta, Messi etc. spielerisch zwar noch viel stärker, aber hatte keine so schnellen Spieler auf lange Distanzen. Messi war auf den ersten Metern nicht zu halten. Messi wäre aber eher nicht in der Lage gewesen, über eine lange Distanz so wie Raphina den Gegnern davonzulaufen, weil dazu einfach seine Schrittlänge nicht reichte, um einen Spieler, der zwar langsamer beschleunigt, aber dafür eine höhere Endgeschwindigkeit hat, auf einem langen Weg zum Tor hinter sich zu lassen. Gleiches galt auch für David Villa. Somit wäre es absolut tödlich gewesen, wenn man defensiven Fußball gegen Barca spielt und nur mit ganz geringer Wahrscheinlichkeit (Inter 2010 und Chelsea 2012 haben sich das Weiterkommen mit Mauerfußball geradezu erduselt) von Erfolg gekrönt gewesen. Aktuell bin ich mir nicht so sicher, welcher Ansatz gegen Barca erfolgversprechender wäre. Sie haben auf jeden Fall auch das Zeug, um tief stehende Mannschaften zu zerlegen.
Blöderweise haben neben Barca auch Pep bei ManCity und auch Real in den letzten Jahren immer mehr Wert darauf gelegt, pfeilschnelle und abschlussstarke Spieler vorne zu haben, um sich eben nicht nur durch Ballbesitz nach vorne durchzukombinieren oder Gegner einzuschnüren, sondern eben auch durch einen schnellen Pass nach vorne ihre Leute wie Raphina, Haaland, Vinicius (neuerdings auch Mbappe) gefühlt von 0 auf 100 in Abschlusssituationen zu bringen. Und das ist für Teams, die hoch pressen so etwas wie Kryptonit. Bayern konnte 2020 gegen Barca draufgehen, als wie wenn es kein morgen gäbe, denn Barca hatte damals eigentlich keinen einzigen wirklich schnellen Spieler dabei, der bei einem Steilpass der Bayernabwehr hätte davonlaufen können. Da war Lyon im Halbfinale tatsächlich gefährlicher und wäre deshalb auch fast schnell durch Depay in Führung gegangen.
Dabei fällt mir gerade auf, dass bei Bayern so ein Spielertyp (schnell und abschlussstark) eigentlich völlig fehlt, obwohl er in Kompanys System, das doch auch einige hohe Ballgewinne erzwingt, ebenfalls super reinpassen würde. Außer Coman und evtl. Sane haben wir eigentlich niemanden, der nach einem Steilpass und noch 20-30 Metern Weg zum Tor, nicht noch von der Abwehr eingeholt werden könnte und bei den beiden ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Situation wie Raphina vor dem 1., 3. oder 4. Tor hatte, erfolgreich ausnutzen eher gering, selbst wenn sie frei vor dem Tor stehen.