Der Politik- und Gesellschafts-Thread (Teil 4)

das ehrt dich und andere - also trennen zu wollen und den Widerspruch auszuhalten…

allerdings verstehe ich bei dieser Herangehensweise nicht, wie man das mit dem eigenen Gewissen vereinbaren kann!

wie kann man zum Beispiel mit religiösen Fanatiker:innen, Rechtsextremen oder im Zweifelsfall sogar auf demokratischem Boden völlig gegensätzlichen politischen Menschen (also zum Beispiel links/grün vs. gelb/schwarz) befreundet sein in dem man diese Dinge ausblendet nur weil sie vielleicht nett und engagiert sind?

das begreife ich wirklich nicht!
man ist sich doch in so fundamentalen Lebenseinstellungen und Sichtweisen komplett fremd…

ich versuche das seit Jahren zu verstehen - es mag mir nicht gelingen…

Nunja - echte religiöse Fanatiker oder totale Rechtsextreme findet man ja Gott Sei Dank eher selten. Wenn man natürlich alles abseits der eigenen Meinung so definiert, wird es schwierig - aber im Alltag wird es ja viele Schattierungen geben.

Bei mir fängt das schon in der Ehe an. Meine Frau ist gläubig. Ich nicht. Und nun? Geheiratet habe ich sie trotzdem. Sie betet manchmal mit den Kindern. Ich nicht. Jeder lässt den anderen machen und respektiert das. Später wird das hoffentlich dazu führen, dass die Kinder beide Positionen hinterfragen und für sich eine eigene finden.

Ich verstehe nicht, wie man AFD wählen kann. Wirklich nicht. Trotzdem kann ich einen AFD-Wähler respektieren und mit ihm über Ehrenamtsangelegenheiten im lokalen Fußballverein austauschen. Das muss doch möglich sein.
„Diskriminierung fängt beim Ignorieren an“ und da sollte man selbst nicht an vorderster Front stehen.

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Ich mache da (also würde es eher in der Gegenwart beschreiben, aber ist ja ein andauernder Prozess) Erfahrungen :grimacing:

Weiß aber nicht ob ich schon bereit bin darüber zu schreiben :thinking:

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Sehr interessant, danke dafür. Bei mir handelt es sich um meinen kleinen Bruder :grin:

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Argumente sind ja auch nur eine Ebene der Auseinandersetzung. Es sind nicht immer nur absolut Überzeugte, die pro AfD argumentieren. Häufig habe ich dann zu Menschen, die selber ethische Ansprüche haben, gesagt: „Die AfD schürt den Hass. Das bedeutet doch, dass sie über keinerlei Lösungskompetenz verfügt.“

Wenn man die Gesprächspartner gut kennt, kann man sich auch individuell auf sie einstellen. Ich zumindest habe keine Lust, diese Themen ständig erschöpfend auszudiskutieren. Wenn eine Freundin, von der ich weiß, dass sie humorbegabt ist, in dieses Fahrwasser gerät, mache ich einen dreckigen Witz, eine sarkastische oder sophistische Bemerkung - und sie bricht verlässlich in schallendes Gelächter aus. Danach kann man sich erfreulicheren Gesprächsthemen zuwenden.

Nicht jede Gesprächssituation ist ja der definitive Entscheidungskampf zwischen Gut und Böse.

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das ist halt für mich die große Frage bzw. mein Problem:
wie kann ich einem Menschen Respekt entgegenbringen, die/der aktiv an der Abschaffung unser Demokratie, unseres Rechtsstaats und jeglicher Menschlichkeit beteiligt ist?

diesen Widerspruch bekomme ich nicht aufgelöst und für mich ist das Verrat und Verleugnen von eigenen Prinzipien! ich könnte in keinen Spiegel mehr blicken!

deshalb interessiert es mich so sehr, wie Menschen das bewerkstelligen, vor sich rechtfertigen (und z.B. ihren Kindern) und aushalten…

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Verstehe ich. Ein Teil des Problems ist allerdings auch, dass der- oder diejenige diese Konsequenz in der Regel gar nicht so sieht. Der Fanatiker ist im Alltag ja eher die große Ausnahme.

Das Leben ist kompliziert und vielschichtig. Eine sehr liebe Tante heiratete in dritter Ehe einen Spätheimkehrer aus zehnjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft, hoch dekorierter Wehrmachtsoffizier, Zögling einer der für ihre Härte berüchtigten preußischen Kadettenanstalten. Nach seiner Rückkehr hatte ihm seine Ehefrau, die Verbindungen zum Kreisauer Kreis (Widerstandsgruppe um Helmuth James Graf von Moltke) hatte, die rote Karte gezeigt. Meine Tante hatte einen Mischmasch von humanen Ansichten und solchen, die dem Einfluss ihres Mannes geschuldet waren. Eines Tages verfügte sie, dass das ikonische Foto seiner Auszeichnung durch den Führer aus dem gemeinsamen Schlafzimmer zu verschwinden habe. So geschah es. Kurz vor seinem Tod erbat er, es dort in seinem bettlägerigen Zustand wieder sehen zu dürfen; sie gab nach. Ihre positive Sicht auf ihre Zeit beim Reichsarbeitsdienst als Erntehelferin in Mecklenburg war, wie sie in späten Jahren erzählte, auch durch eine Liebesbeziehung mit einer Kollegin geprägt. Solche Details, wie sie ja typisch sind für die gegenseitige Durchdringung von privatem und öffentlichem Leben, erfährt man nur, wenn man noch miteinander im zugewandten Gespräch ist und nicht längst alle Brücken zueinander abgebrochen hat.

EDIT: Als 11jähriger zog ich aus einem Gespräch mit dieser wie gesagt sehr lieben Tante eine wichtige Erkenntnis. Ein immer superschlauer Schulfreund hatte über einen unserer Lehrer gesagt, er sei ein alter Nazi. Das mochte wohl stimmen, allerdings war diese Aussage als solche überhaupt nicht belastbar. Meiner Tante gegenüber plapperte ich sie recht gedankenlos nach, woraufhin sie mir eine freundliche Lektion über das erteilte, was man heute „Nazikeule“ nennt. Ich erkannte die Unbedarftheit meines Geredes; aber auch, dass ihre Rechtfertigungsrede kaum weniger pauschal war.

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Naja die Sache mit dem Respekt ist sicherlich ein bisschen differenzierter zu betrachten. Für mich ist mein Bruder zwar AfD-Wähler, aber ich bin der festen Überzeugung das er kein Gegner der Demokratie oder gar ein Menschenfeind ist. Da glaube ich einfach das der Blickwinkel häufig falsch ist bzw. auf bestimmte Probleme (die sicherlich existieren) zu großer Wert gelegt wird. Im Grunde fühlen diese Sorte Menschen ja nur eine gewisse Unzufriedenheit die eben von Politikern nicht angesprochen wird bzw. immer wieder angesprochen wird, es sich aber nix verändert. Wie ich schon mal erwähnte: Irgendwo halt verständliche und richtige Punkte. Nur leider suchen diese Menschen dann Zuflucht bei der AfD, die eben das anspricht obwohl sie dafür auch keine Lösung hat. Wie gesagt, dafür kann ich eben Verständnis und auch einen gewissen Respekt gegenüberbringen. (Stichwort: Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Nazi)

Dann gibts noch die andere Seite: In meinem Job (Erzieher im Kindergarten) hab ich beispielweise mit einem Vater zu tun, von dem ich weiß das er mit seinen Kindern auf AfD-Veranstaltungen war und selbst wohl ein, sagen wir mal, sehr deutsches Weltbild hat. Jetzt kann ich dieser Person auch mit Respekt und Freundlichkeit begegnen, obwohl wir so unterschiedlicher Ansicht sind, ganz einfach weil ich auf Arbeit bin. Und abseits könnte ich mir auch vorstellen respektvoll mit ihm zu diskutieren, da man sich mittlerweile eben schon kennt. Unabhängig seiner politischen Ansichten ist er nämlich auch ganz ok und vor allem auch ein liebevoller Vater. Ironischerweise ist aber auch mit einer ukrainischen Frau zusammen.
Es gab aber auch hier einen Vorfall: In einem Spätdienst von mir kam er und sprach mit mir darüber warum wir denn auch dunkelhäutige Puppen zum Spielen hätten. Hier gilt für mich eben dann aber auch „Keine Toleranz für Intoleranz“.

Es ist eben nicht ganz einfach so unterschiedliche Ansichten zu respektieren. Ich versuche eigentlich immer die Gedanken und die Beweggründe anderer nachzuvollziehen und eben diese dann zu respektieren, aber natürlich hat das auch Grenzen. Aber so versuche ich das alles mit meinen Prinzipien in Einklang zu bringen

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danke für die bisherigen differenzierten und sehr persönlichen Antworten!

ich schreibe gleich nochmal etwas dazu, weshalb ich in diesem Punkt so unversöhnlich und hart bin

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Ich gehe vorsorglich schon mal in Deckung. :sweat_smile:

Im Gymnasium war ich mit jemanden befreundet, der hin und wieder mit dem Zaunpfahl gewedelt hat, bei seiner ersten Wahl Afd zu wählen (so zur Zeit von Petry).
Ich hab immer wieder versucht ihn davon zu überzeugen, dass er damit gegen seine eigenen Interessen wählt und Menschenfeinde unterstützt.
Gegen Ende unserer Freundschaft wurde mir aber klar, dass er inhaltlich von der Afd überzeugt war - zumindest was die Ausländerfeindlichkeit betrifft.
Ich hab das versucht zu ignorieren aber später hat sich gezeigt, dass er auch menschlich perfekt zur Partei passt.
Naja Freundschaft beendet - Zeit sich auf Schule und Fußball zu konzentrieren.
Nur musste ich dann feststellen, dass mindestens 50% meines Vereins genauso ticken.
Ich hab es mal wieder versucht zu ignorieren und mich auf den Sport zu konzentrieren bis dann die ersten rassistischen Beleidigungen kamen.
Zunächst subtil - man konnte es durch übliche Ruppigkeit wegerklären - bis es dann zu einer offenen rassistischen Beleidigung kam.
Zunächst war ich einfach nur baff und hab ihm im Eifer des Gefechts zurück beleidigt (natürlich bezogen auf seine fehlende Intelligenz).
Im Nachhinein wurde mir aber klar, dass es einige mitbekommen haben müssen, es aber ignoriert haben bzw es für völlig normal halten.
Naja kein Fußball mehr…

Dann kam Corona und ich musste mit ansehen wie meine eigene Mutter (selbst Immigrantin und davor Grünenwählerin) zur Querdenkerin und Verschwörungstheoretikerin wurde.
Dazu kamen rechte Narrative wie Selenskyj hat genauso viel Schuld am Krieg wie Putin oder „die faulen Ausländer“.
Ich und mein Vater haben am Anfang versucht sie mit Fakten zu überzeugen und die Videos, die sie uns schickt zu debunken - haben es aber nach ein paar Monaten aufgegeben.
Nun waren wir darauf bedacht ja keine Themen vor ihr zu diskutieren, die zu einem Streit oder langen Tiraden führen.
Bis zu ihrer Krebserkrankung hat sie sich weiter radikalisiert und hat sogar überlegt bei Querdenkerdemos mitzulaufen.
Schon beim Anblick von grünen Politikern bei den Nachrichten und insbesondere bei Lauterbach folgten hasserfüllte Kommentare.
Als sie dann von ihrer Erkrankung erfuhr wurde sie etwas ruhiger.
Nach der ersten Chemo ging es aber wieder von vorn los.
Bei Runde 2 wurde sie aber wieder ruhiger und wollte nichts mehr mit Politik wissen.
Ich vermute, dass ihr Hass und ihre Streitsucht zu enormen Stress führten und so ihre Erkrankung stark gefördert wurde.

Ich halte es momentan wie der Journalist Mehdi Hasan (hier zu sehen nach einer Debattenrunde bei Jubilee wo er Tipps gibt, wie man am besten gegen Rechte debattiert)

Man debattiert nicht mit Faschisten!
Solange man Menschen vor sich hat, die nicht gewillt sind auf Augenhöhe mit dir zu reden und demokratische Grundwerte zu achten ist jede Diskussion sinnlos.

Danger Dan (Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt):

„Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt“

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auch dir vielen Dank für den sehr intimen Einblick!

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Vielleicht kann man dieses Dilemma ein wenig auflösen, indem man sich klarmacht, dass der „Respekt“ nicht unbedingt den Ansichten, sondern eher dem Menschen an sich gelten kann.
Frei nach Schopenhauer hat ein jedes Lebewesen, das ungefragt auf diese Welt geworfen wird, Empathie verdient (ich verwende nicht das Schopenhauer’sche Mitleid, weil es im heutigen Sprachgebrauch missverständlich ist). Das heißt aber nicht, dass die Meinungen/Verirrungen des Individuums gleichsam respektiert oder mit Empathie versorgt werden müssen.

Und da wird’s dann schon tricky, glaube ich.
Persönlich habe ich da eine gewisse Grenze, ab der ich auch Freundschaften konsequent beende oder auslaufen lasse. Mir ist klar, dass die Menschen komplex sind und sehr wahrscheinlich auch ihre guten Seiten haben (dito umgekehrt), aber wie @folkfriend lege ich bei Freundschaften sehr viel Wert darauf, dass man sich bei fundamentalen Lebenseinstellungen nahe steht - welche das allerdings sind, mag sich wieder individuell ausprägen. Da spielt dann sicher auch eine Rolle, wie politisiert oder interessiert man selbst an gesellschaftlichen Konfliktlinien ist. In meinem Fall wäre es mir halt völlig unmöglich, etwa mit homophoben Menschen eine Freundschaft zu pflegen (und das sage ich leider mit empirischem Nachweis).
Breiter aufgestellt, also bei Geschäftsbeziehungen oder schlichter Bekanntschaft oder gemeinsam ausgeübten Hobbies, bin ich dann nicht mehr so streng.
Mit drei meiner Fußballjungs saß ich mal am Stammtisch, das Gespräch kam auf Politik, eine Bundestagswahl stand an. Wir bemerkten, dass wir mit unseren Wahlvorhaben eine mögliche künftige Koalition verkörperten (Schwarz-Grün-Gelb - das waren noch Zeiten, was?) und haben uns sehr darüber amüsiert. Ein Problem zwischen uns war das nicht. Wäre es eines gewesen, hätte sich jemand als AfD-Wähler geoutet?
Nun - für mich in der Tat, ich war der Spielertrainer dieser Truppe. Ein weiterer normaler, neutraler Umgang wäre mir tatsächlich schwergefallen, weil ich es immer auch als erstrebenswert ansah, unserer Bande von Freizeitfußballern ein anderes Mindset zu verpassen als ich es aus Vereinszeiten gewohnt war.

Und jetzt kommen wir dann zunehmend auf den Themenkomplex hin, den ich oben zu Beginn erwähnte, nämlich der Familie oder familiären Strukturen. Ich stelle mir die entsprechenden Abgrenzungen, ob gewollt/gesucht oder nicht, immer sehr schwierig vor.

EDIT:
Gerade auch ein sehr berührendes Beispiel an mehreren Facetten von @Cosray8d. Danke dafür.

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Erst einmal danke für die Einblicke, die Ihr gewährt. Gute Diskussion bislang!

Auf einer theoretischen Ebene kann ich @anon44472850 sehr gut verstehen. AfD & Co stehen gegen alles, was für ihn wichtig ist und wofür er steht. Und da macht er keine Kompromisse.

Oftmals sehe ich das ähnlich. Aber dann kommt einem auch irgendwie das Leben dazwischen. Ich habe eigentlich das Glück, dass in meinem engeren - und auch nicht ganz so engem - Umfeld niemand dabei ist, von dem ich zwingend annehmen müsste, er wähle AfD. Von daher musste ich da noch keine Entscheidungen treffen.

Nun wohnt mein bester Freund aus Jugendtagen knapp 3 Stunden entfernt. Wir sehen uns 1-2 mal im Jahr. Seit über 20 Jahren ist er verheiratet und seine Frau ist eine wirklich nette und sympathische.
Leider hat sie sich in den letzten Jahren wie so viele andere auch etwas einfangen lassen. Ab und zu diskutieren wir dann und kommen aber nicht wirklich auf einen Nenner. Allerdings lassen wir es auch beide nicht eskalieren. Sie hat mir ab und zu ein paar Videos geschickt, die ich aber ignoriert habe.
Wir haben beide für uns einen Weg gefunden, dem Thema zwar nicht aus dem Weg zu gehen, die Diskussionen aber auch nicht unbedingt zu suchen bzw. nicht bis aufs letzte auszufechten.
Denn grundsätzlich mögen wir uns, kennen uns lange und sehen uns ja auch nicht oft. Wie es dann wäre? Werde ich nie erfahren.

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Corona war ein richtiger Brandbeschleuniger (und das einzige Thema, das mich, wohlgemerkt Jahre nach dem Ende der Pandemie, zweimal veranlasst hat, diesen Thread für 24 Stunden zu schließen). Ich kenne mehrere Frauen, die sich wegen Corona erstmals politisch engagiert haben, und zwar in Richtung der Querdenker. Und diese Haltung legen sie auch nicht einfach wieder ab.

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@jep - du brauchst nicht in Deckung zu gehen :wink:

Hier mein Erklärungsversuch, weshalb ich mich so schwer tue bzw. es mir nahezu unmöglich erscheint, mit Menschen, die entsprechend radikale und menschenfeindliche Ansichten vertreten, im Austausch zu sein, ihnen Repekt zu zollen oder gar mit ihnen befreundet zu sein:

in meinem Leben bin ich desöfteren von Nazis gejagt worden, habe mehr als einmal ein AZ gegen den braunen Mob mitverteidigt, musste miterleben, wie Menschen schwer(st) verletzt wurden und wie wenig bis gar keine Hilfe kam, teilweise sogar das Gegenteil eintrat (wobei das „trat“ durchaus wörtlich zu nehmen ist - ein Gruß an die Polizei)!

Es hat einst den ganzen heldenhaften Einsatz meiner damaligen Freundin gebraucht (weil alle anderen sich wegduckten), damit ich überhaupt noch lebe bzw. nicht als Krüppel im Bett liege!

Ich habe selbst schwersten Missbrauch erduldet (das ist hier im Forum kein Geheimnis) und durfte erleben, wie sich konservative und Kirche dem Täter zuwandten!

Bei meiner Ex-Partnerin im Sauerland wurde ich nachts durch die Straßen gejagt, weil ich es während eines EM-Spiels gewagt hatte, gegen rassistische Sprüche in der Kneipe aufzustehen!

Ich hab ein meiner ursprünglichen Erzieherausbildung in Kigas und Jugendeinrichtungen so viel Leid erlebt - Täter war immer der gleich Schlag Mensch:
national, patriotisch, konservativ oder aber reiche Fatzkes - also genau das Klientel von AfD, CDU/CSU, FDP!

Wie oft ich mittlerweile im Netz oder persönlich von dieser Sorte Mensch bedroht, verfolgt oder angezeigt wurde (zur Einschüchterung, nichts davon war bisher von Erfolg geprägt - aktuell warte ich auf Post der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, wie es mit der aktuellen Anzeige gegen mich weitergeht) ist schwer zu zählen - und warum? Weil ich mich (und viele andere auch, die gleiches erleben) gerade mache - Minderheiten nicht alleine lasse - ein humanistisches, ökologisches und antifaschistisches Weltbild vor mir her trage!

Als es einst wirklich vor Gericht landete, weil ich mich gegen einen Täter zur Wehr setzte und dieser mich anzeigte, brauchte es einen „epischen“ Auftritt meinerseits, meines Anwalts und daraus resultierend des Richters, um den Staatsanwalt und seine abstrusen Forderungen in die Schranken zu weisen!

Und aus all diesen Gründen ist es mir unbegreiflich, wie man gewissen Menschen nur einen Hauch an Respekt entgegenbringen kann - und dazu gehören nun mal alle AfD-Wähler:innen!
NIEMAND muss sie wählen, schon gar nicht aus Frust oder Unkenntnis über ihre wahren Motive!

Und so wird es auch zukünftig kein Vergeben, kein Vergessen und keine Diskussion oder sonstiges mit ihnen geben - wir sehen überall auf der Welt wohin es führt!

(es mag im Einzelfall möglich sein, Menschen zur Vernunft zu bringen - den Scherbenhaufen, den man dabei aber hinterlässt durch Legitimierung, Raum und Reichweite oder meist Misserfolg ist so gigantisch und rechtfertigt die verzweifelte Mühe nicht)

P.S.
und bevor nun das, grundsätzlich richtige, Argument der Resozialisierung kommt - das greift für mich in diesen Fällen nicht bzw. kann erst nach entsprechender Strafe oder nach Selbsterkenntnis erfolgen!

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Ich kann aufgrund Deiner persönlichen Geschichten deine Unversöhnlichkeit nachvollziehen.

Die Zeit wird Dir weisen,ob es für Dich der richtige Weg ist. Aber wie gesagt ist es absolut verständlich.

Was ich nicht verstehen kann ist diesen Maßstab auf andere auszuweiten. Wie @jep ja sehr ansehnlich schildert gibt es eine Menge Grauzonen. Jeder Mensch ist auch individuell was seine Gefühlswelt angeht.

Ich glaube eine Welt ohne ein gewisses Mass an gegenseitiger Toleranz ist keine gute Welt.
Es gibt in meinem Leben auch Menschen die ich im Grunde hassen könnte. Aber ich habe festgestellt, dass das für mich keine Option ist. Ich schade mir selbst damit. Also ist Hass für mich über kurz oder lang keine Option.

Beim rechten Gedankengut teile ich die hier auch geäußerte Meinung zwischen der Sache und dem Menschen zu unterscheiden. Rechtes Gedankengut lehne ich immer ab. Ich will damit nichts zu tun haben. Es ist je nachdem mir aber nicht möglich den Menschen immer komplett abzulehnen. Die Welt hat einfach zu viele Schattierungen in meinem Augen.

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Deine Erlebnisse sind erschreckend, Deine Schlussfolgerungen nachvollziehbar - und ausschließlich Deine Angelegenheit.

Ernst J. Cramer, als Jude von den Nazis verfolgt, in die USA emigriert (seine Familie wurde ermordet), später stellvertretender Chefredakteur der „Welt“ - dort in den 60er Jahren für die überwiegend stark rechtsgewirkte Redaktion ein ungeliebter Kollege - und Herausgeber der „,Welt am Sonntag“, sagte: als er nach Deutschland zurückgekehrt sei, habe er sich klargemacht, dass „um mich herum immer Menschen leben und arbeiten würden, die in der einen oder anderen Form dem tausendjährigen Reich zu Willen gewesen waren, sei es gezwungen, sei es freiwillig, sei es gern, sei es mit Abscheu“. Er habe sich jedoch dafür entschieden, diese Menschen - aufgenommen „Mörder und ähnliche Verbrecher“ - danach zu beurteilen, ob bei ihnen „ein Erkennen und wenn nötig ein Wandel stattgefunden“ habe. „Anders wäre wahrscheinlich eine sinnvolle Arbeit in Deutschland überhaupt nicht möglich“.
(Brief an Heinz.Galinski, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin; zitiert in Maik Tändler, „,Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik“. DLF-Rezension hier kürzlich von mir verlinkt.)

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Wie schon von mir geschrieben und auch von @jep ausgeführt: Das ist viel zu sehr schwarz/weiß gedacht - bzw. in diesem Fall schwarz. (Oder braun? Oder blau? :thinking:)

Nicht jeder AFD-Wähler schafft unsere Demokratie ab.

In dem Moment, in dem man sich weigert, mit anderen ins Gespräch zu kommen, hat man doch seinen demokratischen Anspruch an sich selbst verloren?

Versuch dich da mal selbst zu reflektieren.
Meine jetzige Position habe ich auch nicht immer.

EDIT: Ist die Antwort auf den ersten Beitrag nach meinem letzten Post - nicht auf deine persönliche Geschichte, die ich erst anschließend gelesen habe.

Auch von meiner Seite vielen Dank an viele, die hier ihre persönlichen Erfahrungen offen geschildert haben - und an alle für die sehr sachliche Diskussion zu diesem sicher nicht einfachen Thema!

Als kleine Erweiterung der Diskussion, weil nicht direkt auf die AfD bezogen: das von @cheffe genannte Buch von Leonie Plaar heißt „Meine Familie, die Afd und ich“. Würde ich ein Buch schreiben, dann würde ich es „Meine Familie, die radikalen Evangelikalen und ich“ nennen. Ich habe ja schon einmal vor längerer Zeit darüber hier berichtet: meine Eltern sind Mitglieder in einer bibeltreuen Gemeinde, die ich als radikale Evangelikale mit missionarischem Eifer bezeichnen würde. Soll heißen: jeder, der nicht die Worte der Bibel so nimmt, wie sie geschrieben stehen, ist ein Sünder, verloren und muss bekehrt werden. In unserer Wohnung hing damals direkt im Eingangsflur das Bild „Der breite und der schmale Weg“ (vielleicht dem ein oder anderen bekannt) - da wurde direkt am Eingang klargemacht, was Sache ist: entweder für und mit uns auf dem schmalen Weg in den Himmel oder gegen uns und ab in die Hölle. Und so lebte es sich dann damals auch: entweder dafür oder dagegen. Kein Fernseher, keine Impfungen, Erziehungsmethoden teils aus dem alten Testament: das pure „Gottvertrauen“ als Komplettprogramm. Keine „irdische“ Literatur, erst recht keine gottlose Rockmusik - das war kulturelle Eindimensionalität von vorne bis hinten.

Ich hab schon recht früh bemerkt, dass das nicht meine Welt war. Mit 14 (und damit uneingeschränkt religionsmündig) habe ich mich erstmals der Teilnahme an den wöchentlichen Pflichtgottesdiensten widersetzt und mir jeden weiteren Schritt in meine persönliche geistige Freiheit, teils gegen harten Widerstand, erkämpft. Ich kann daher einerseits (in gewissen Ansätzen zumindest, denke ich) verstehen, dass man wie @anon44472850 sehr unversöhnlich sein kann: ich habe den Kontakt zu meinen Eltern irgendwann dann auch komplett abgebrochen, einfach wegen Sinnlosigkeit in jeglicher Beziehung. Andererseits ist Hass - wie @ChrisCullen sehr eindrücklich schrieb, wie ich finde, ebenfalls keine Lösung: es zerfrisst einen auf Dauer. Daher war der Beziehungsabbruch für mich die einzige Lösung. Meine Eltern leben in ihrer Welt, ich in meiner. Beide passen nicht zueinander - aber ich muss auch nicht so tun, als gäbe es diese fundamentalen Unterschiede nicht. Ich halte mich für tolerant, was religiöse Einstellungen fast jeglicher Art angeht: womit ich hingegen nicht klarkomme, ist Intoleranz gegenüber meinen im Kern von der Aufklärung geprägten Überzeugungen und ein Missionsbewusstsein, der Welt erklären zu müssen, wie man „richtig“ lebt.

Und vielleicht schließt sich ja der Kreis zur AfD hier ein wenig: ich halte die AfD für eine im Kern absolut intolerante Partei, die ebenfalls meint, der Welt erklären zu müssen, was das Beste ist. Natürlich hat jede Partei eigene politische Ziele und Vorstellungen, aber die Unversöhnlichkeit und das Ablehnen des „Anderen“ sticht bei der AfD für mich massiv hervor. Und erinnert mich in Teilen zumindest an Evangelikale.

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