Der Politik- und Gesellschafts-Thread (Teil 4)

Ja. Aber nicht gegen unsere hoffentlich trotzdem zukünftige Bundesverfassungsrichterin. Denn nicht sie soll plagiiert haben. Wenn, dann soll von ihrer Arbeit abgeschrieben worden sein. Von ihrem Ehemann. Das legt zumindest ein sogenannter Plagiatsjäger namens Stefan Weber nahe, dessen Seriosität und Kompetenz u.a. von seinem eigenen Doktorvater bestritten wird. Er ist übrigens wegen übler Nachrede rechtskräftig verurteilt. Teil seines Geschäftsmodell: Man kann ihn gegen Bezahlung anonym beauftragen, Einzelpersonen zu überprüfen. Zu seiner Leistung gehört das öffentliche Verbreiten und Erzeugen von Zweifeln, Empörung und Verdächtigungen. Und sogar dieser Auftragseskalateur hat selbst getwittert und dabei ausdrücklich klargestellt, dass er Frauke Brosius-Gersdorf keinerlei Plagiatsvorwürfe mache.

Edit:
Es wird immer absurder. Eben lese ich in einem Interview mit dem Plagiatsforscher Jochen Zenthöfer Folgendes:

„Nach dem, was bisher bekannt war - und ich habe mir die beiden Arbeiten letzte Nacht sehr genau angeguckt und auch die Vergleiche gemacht - reden wir hier von einem Textübereinstimmungsanteil von unter 0,2 Prozent des jeweiligen Gesamttextes. Das bedeutet, ich sehe da keine Gefahr für die akademischen Abschlüsse der beiden Personen.“

Quelle Tagesschau

PS: Kann mal bitte jemand mich auf die CDU ansetzen? Den Plagiatsvorwurf bekäme ich nämlich mit Leichtigkeit begründet, dass diese Partei von Project 2025 abkupfert, schamlos wie Adam und Eva vor ihrem ersten Apfel.

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Wenn Frau Brosius-Gersdorf links sein soll, kann der Papst auch eine Dauerkarte für Roms Bordelle haben.

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Man weiß es halt nicht. :wink: Also sicherheitshalber den Daumen senken - und auf in den Kulturkampf! :roll_eyes:

Ich finde den Begriff des „Kulturkampfes“ unglücklich. Was ist damit überhaupt gemeint? Was soll das sein, ein „Kulturkampf“? Mit etwas Sarkasmus könnte man sagen, dass die Verwendung des Begriffs „Kulturkampf“ selbst schon Teil des Kulturkampfes ist.

Viele politische Präferenzen haben es an sich, dass sie nicht restlos rational zu begründen sind, insbesondere im Bereich der existenziellen Fragen: Wann beginnt das menschliche Leben? Ab wann genießt es Menschenwürde? Darf ein Mensch seinem Leben eigenständig ein Ende setzen? Dürfen andere ihn dabei helfen, wenn er das will? Ist es erlaubt, bei komatösen Patienten, die keine Aussicht auf eine Wiederkehr aus dem Koma haben, die lebenssichernden Maschinen abzustellen? Sind verletzende Eingriffe in den Körper von Menschen ohne deren Zustimmung (Stichwort Impfpflicht) erlaubt, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Für diese und ähnliche Fragen hat die Wissenschaft keine objektiven, endgültigen Antworten. Sie lassen sich mit gleichem Geltungsanspruch so oder anders beantworten, wobei die Antworten von individuellen Einstellungen, Prioritäten und Vorstellungen von einem guten Leben und einer guten Gesellschaft abhängen, die nicht für jeden Menschen gleich sein müssen.

Ein Richter des Bundesverfassungsgerichts kann qua seines Amtes auf die rechtliche Regelung solcher und ähnlicher Fragen teils erheblichen gestalterischen Einfluss ausüben, der auch durch Verfassungsänderungen durch den Gesetzgeber nicht beliebig zu ändern ist. Es ist in meinen Augen daher nur folgerichtig, dass Personen, die für ein Richteramt am Bundesverfassungsgericht vorgeschlagen werden, von den Parteien, die sie wählen sollen, auf ihre eigene weltanschauliche bzw. politische Haltung in solchen Fragen „abgeklopft“ werden. Dieses Abklopfen an sich wäre meines Erachtens mit dem Begriff des „Kulturkampfes“ völlig falsch bezeichnet.

Problematisch finde ich daher weniger die politische Inquisition von Frau Brosius-Gersdorf (die inzwischen ja sogar angeboten hat, sich der CDU-Fraktion für ein ebensolches „inquisitorisches“ Gespräch zur Verfügung zu stellen), sondern die maßlose sprachliche und begriffliche Entgrenzung der öffentlichen Begleitung dieses Vorgangs, die von interessierten Medien und Influencern wie Julian Reichelt vorgenommenen wird: „Linke Kulturkämpferin“, „ultralinke Juristin“, „erfüllt jedes Klischee einer linken Aktivistin“; Gerhard Strate sieht im Cicero das Bundesverfassungsgericht gar „auf der Reise […] hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Transformation und der Entmachtung etablierter Parlamente und Institutionen“, während Marc-Felix Serrao in der NZZ durch die Verhinderung von Frau Brosius-Gersdorf den Ruf des Gerichts „gerettet“ sieht.

Geht es nicht vielleicht eine Nummer kleiner? Mit solchen Einschätzung konfrontiert müsste man ja fast glauben, dass durch die Verhinderung von Frau Brosius-Gersdorf (und der Kampf ist ja noch nicht zu Ende) das Bundesverfassungsgericht und mit ihm Deutschland als liberaler Rechtsstaat insgesamt nur knapp ihrem sicheren Untergang entgangen sind.

Mal abgesehen davon, dass das Urteil „linke“ oder „linksextreme“ „Aktivistin“ oder Ähnliches bei weitem nicht unbedingt zutrifft, wie auch der oben zitierte Zeit-Artikel sehr schön zeigt, ist diese Frau, wenn gewählt, eine von 16 BVerfG-Richtern, die in spezifischen Rechtsfragen, zu denen das Gericht angerufen wird, urteilen, und nicht quasi eine autokratische Königin von Deutschland, die heute die Abtreibung bis zur Geburt legalisiert und morgen die Rente bis 70 einführt. Die Charakterisierung dieser Frau in den einschlägigen Medien sowohl hinsichtlich ihrer Macht als auch ihrer politischen Überzeugungen ist eine bis ins Extrem verzerrte polemische Karikatur dessen, was wirklich der Fall ist.

Was die Öffentlichkeit angeht, bin ich völlig desillusioniert. Viele, vor allem in den sozialen Medien besonders laute Menschen geilen sich an solcher Skandalisierung und Karikaturierung auf und werden nicht glücklich, bevor sie mindestens einmal am Tag aus irgendeinem Grund den Untergang Deutschlands oder gleich des ganzen Abendlandes in die Tastatur gehämmert haben. Viele glauben das, was sie da schreiben, auch wirklich. Diesen Menschen ist nicht zu helfen.

Für die Medien gilt leider Ähnliches. Für Urteile über Frau Brosius-Gersdorf als „ultralinke Aktivistin“ und das Bundesverfassungsgericht als auf dem Weg zu einer totalen Transformation der Gesellschaft, vorbei an den Parlamenten, gibt es eine Nachfrage. Medien, die Geld verdienen wollen, bedienen diese Nachfrage. Diese ökonomische Logik kann ich nachvollziehen.

Was mich stärker stört, ist, dass diese Hysterie und begriffliche Entgrenzung interessierter Medien und einer verhaltensauffälligen Internetöffentlichkeit bei der Diskussion nahezu jedes beliebigen politischen Sachverhalts vom politischen System nahezu unvermittelt aufgegriffen und gespiegelt wird. Die Hysterie, begriffliche Entgrenzung im Urteil und Kurzatmigkeit in der Themenbehandlung, die diese Öffentlichkeit auszeichnet, greift auf das politische System über und wird dort sprachlich und, so scheint es mir, oft auch in der Tiefe der Auseinandersetzung mit einem Thema übernommen. Politische Arbeit und der politische Prozess insgesamt werden immer mehr zu einem öffentlich ausgetragenen Schauspiel, wo es um Effekte und knackige Thesen zur Bespielung bestimmter Zielgruppen geht, wobei die Kürze der Lebenszyklen politischer Themen für eine Sorgfältigkeit und Durchdringungstiefe in der Meinungsbildung unserer Volksvertreter zu sorgen scheinen, die in einem inversen Verhältnis zur Lautstärke und Entschlossenheit der vorgetragenen Thesen stehen.

Am Beispiel der Ampel konnten wir sehen, wie sehr der durch die Transformation der politischen Öffentlichkeit bedingt empfundene Zwang einzelner Parteien, insbesondere der FDP (aber nicht nur), den Vorstellungen einer imaginierten oder tatsächlichen Wähler-Zielgruppe durch die Nibelungentreue zu einem karikaturesken Extrem- oder Zerrbild ihrer politischen Überzeugungen zu genügen, dazu geführt hat, dass diese Koalition in ihrer Schlussphase nur noch eingeschränkt politikfähig war. Am Fall Brosius-Gersdorf können wir gerade sehen, wie diese Transformation dazu führen kann, dass politische Urteile über Sachverhalte innerhalb des Systems vorschnell und nur noch bedingt sachgerecht gefällt werden und dazu neigen, extrem zu sein, und dass dies auch für die rhetorische Begleitung des Prozesses im Zuge der Selbstbeobachtung des Systems gilt.

Ich glaube nicht, dass dieses Maß an Aufgeregtheit, Zuspitzung, Unsachlichkeit und Lautstärke in der Begleitung des politischen Prozesses und im politischen Prozess selbst für die Qualität der politischen Entscheidungen insgesamt förderlich ist. Aber leider ist es wohl ebenso unausweichlich wie irreversibel. Die Politik wird damit irgendwie umgehen müssen. Wir auch. Aber vielleicht besser nicht mit der Adoption solcher unspezifischen Begriffe wie „Kulturkampf“.

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Dazu sehr treffend auch die Wirtschaftswoche:

Entscheidend und zutiefst verstörend ist etwas anderes – nämlich der sich verfestigende Anstandsverlust in der Union, der von ihr geduldete, unterstützte, schließlich angeführte Triumphzug der Pöbelei in diesem Land.
Die Union hat sich vor den Karren einer Schmutzkampagne gegen eine vor Wochenfrist noch weitgehend unbekannte Rechtsgelehrte spannen lassen und sogar den Versuch unternommen, sie mit Plagiatsvorwürfen öffentlich hinzurichten.
Sie hat damit abermals den politischen Comment beschädigt und ist mit Herzenslust in die Falle rechtspopulistischer Kulturkämpferei getappt. Sie hat erneut ohne Not „die Mitte“ preisgegeben und sich zum parlamentarischen Arm einer rechtsaktivistischen (Netz-Hetz-)Apo herabgewürdigt.

Ich stimme diesem zu. Hier ist nicht die Sensationsgier der Medien schuld, sondern in erster Linie die Union. Wer sich von Nius vor den Karren spannen lässt, sollte dringend seinen inneren Kompass prüfen.

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Dies ist eine in vielen Ländern zu beobachtende Strömung: die „Mehrheitsgesellschaften“ seien es angeblich satt, sich von Verfassungsgerichten wiederkehrend die Beachtung lästiger Frauen- und Minderheitenrechte vorschreiben zu lassen. Deswegen müssten sie entmachtet werden. Siehe auch Vance’s Diktum, Gerichte dürften die legitimen Rechte der Exekutive nicht mehr länger beschneiden. Und genau in diesem Sinne die jüngste SC-Entscheidung, die Trump von widrigen Urteilen niedrigerrangiger Gerichte über einzelne seiner Dekrete befreit, die ja nicht einmal parlamentarisch abgesegnet sind.

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Ich denke, beides kommt zusammen: sowohl die fadenscheinige, weil durch Plagiatsvorwürfe wohl eher unbegründete Ablehnung durch die Unionsfraktion als auch die sprachliche Aufgeregtheit generell, die @Alex hier (meiner Meinung nach zurecht) benennt. Den Vogel schießt hier aus meiner Sicht der Bamberger Erzbischof Gössl ab, der die (aus seiner Sicht zu liberale Haltung) von Frau Brosius-Gersdorf mit diesen Worten kritisiert:

„Ich möchte mir nicht vorstellen, in welchen Abgrund der Intoleranz und Menschenverachtung wir gleiten, wenn die Verantwortung vor Gott immer mehr aus dem Bewusstsein der Menschen verschwindet. Dann haben die Schwächeren keine Stimme mehr: nicht die Ungeborenen und nicht die pflegebedürftigen Alten; nicht die psychisch Kranken und auch nicht die sozial Schwachen, nicht die Menschen, die sich aufgrund von Krieg und Verfolgung auf die Flucht begeben und auch nicht die Natur, die gewissenlos ausgebeutet und zerstört wird.“

Zitiert von hier:

Als wäre eine Richterin, die in Abtreibungsfragen eine eher liberale Position einnimmt, gleichzeitig gegen die Pflege von Alten oder psychisch Kranken oder gegen Flüchtlinge zum Beispiel. Ich persönlich vermute sehr stark, dass die eigentliche Ablehnung durch die Unionsfraktion genau hier, bei der Abtreibungsfrage verortet ist.

Ein guter Einstieg in eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sieht definitiv anders aus.

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Kulturkampf ist wie so oft ein Phänomen, was wir aus den USA importiert haben.

Kann man den Gegner inhaltlich nicht schlagen, dann schafft man einfach neue Inhalte um die Gegner zu spalten.

Es gab eine Zeit, in der Immigration, LGBTQ+ und Selbstbestimmung deutlich positiver gesehen wurden bzw überhaupt nicht groß im öffentlichen Diskurs waren.
Durch Fakenews, Social Media und Bots sind sie aber Mainstream geworden.

Das ist auch Taktik der Rechten und Faschisten.
Kaum kommt ein Skandal über Trump ans Tageslicht und er schafft prompt neue „News“ also andere Skandale, die ihm weniger schaden oder mehr polarisieren während er konsequent seinen Anteil an den Skandalen leugnet und die Schuld anderen zuschiebt.
In wenigen Wochen sind die eigentlichen Skandale vergessen.

Gerade aktuell wie im Lehrbuch:

„Are you still talking about Jeffrey Epstein? This guy’s been talked about for years,“ Mr. Trump said. „Are people still talking about this guy? This creep? That is unbelievable“

The president went on to say: „I can’t believe you’re asking a question on Epstein at a time like this, when we’re having some of the greatest success, and also tragedy with what happened in Texas. It just seems like a desecration.“

Dem Kulturkampf begegnet man mMn am besten, in dem man, wie Bernie Sanders und seit neustem Zohran Mamdani, Inhalte betont.
Populäre Inhalte, zu denen man ohne wenn und aber steht und dabei glaubwürdig bleibt.
Man bestimmt dadurch das Schlachtfeld und zwingt den Gegner seine Schwächen zu entblößen (also schlechte, unpopuläre Inhalte).

Höflichkeit ist auch völlig fehl am Platz, wenn Skandale rauskommen und man auf diese eingehen muss.
Man muss diese klar benennen und sich nicht durch Kleinkriege ablenken lassen.
Nicht umsonst hat Tim Walz mit „weird“ kurzzeitig Erfolg gehabt und die Linke hat mit der starken Antwort auf den Fall der Brandmauer auch heute noch Erfolg bei Umfragen.

In einer Diskusion mit Spahn sollte man mMn bspw in jedem zweiten Satz betonen, dass er dem Steuerzahler Milliarden gekostet hat während er über Kürzungen bei Sozialausgaben sprechen/ablenken will.

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Ich möchte die CDU-Bundestsgsfraktion verteidigen (halbwegs).

Angeblich hätten bis zu 60 Unionsabgeordnete Frau Brosius-Gersdorf ihre Stimme nicht geben wollen oder wurden von der Fraktionsführung wenigstens als Wackelkandidaten eingeschätzt. Wir wissen nicht, wie viele von denen sich von Nius und Konsorten den Kopf haben verdrehen lassen und wie viele aus christlichem Glauben oder einer tiefen Überzeugtheit von christlichen Werten (es handelt sich ja schließlich immer noch um die Christlich Demokratische Union Deutschlands) einer Richterin ihre Stimme nicht geben wollten, die rechtlich beispielsweise nicht bedingungslos die Position der Geltung der Menschenwürde ab dem Moment der Empfängnis vertritt. Manche Abgeordnete mögen selbst keinen starken christlichen Glauben haben, diesen aber bei ihrer Wählerschaft/Basis wahrnehmen und sich daher verpflichtet fühlen, dies in ihrem Abstimmungsverhalten zu reflektieren.

Analytisch haben wir keine Möglichkeit, zwischen den „Christen“ und den „Kopfverdrehten“ zu unterscheiden. Wir wissen, dass es höchstwahrscheinlich beides gibt, aber grundsätzlich möglich wäre ein Anteil der Christen von 100 Prozent, weshalb ich der CDU-Fraktion in Gänze auch keinen Vorwurf machen würde. (Es kommt übrigens immer wieder vor, dass Fraktionen bestimmte Richter nicht wählen wollen, auch ohne dass es vorher ein Trommelfeuer extremster Polemik vonseiten interessierter Medien gegeben hat, weil die Positionen dieser Richter mit den Überzeugungen der Parteien bzw. Abgeordneten in Konflikt stehen.)

Wenn man sich auf das „Verlierer und Gewinner“-Spiel bei der Bewertung von Politik einlassen will (und dabei bitte reflektiert, dass schon dies selbst die Teilnahme an einer Form der Rezeption von Politik bedeutet, deren Konsequenzen wir hier ansonsten so wortreich beklagen), dann ist der große Verlierer in dieser ganzen Geschichte wohl Jens Spahn, der die Bereitschaft seiner Fraktion, Frau Brosius-Gersdorf zu wählen, völlig falsch eingeschätzt und das dann auch noch viel zu spät gemerkt hat, als es für eine alternative geregelte Fortsetzung des Verfahrens schon längst zu spät war und ihm nur der Ausweg eines glücklicherweise just aufgetauchten Plagiatvorwurfs blieb (dessen Berechtigung ich nicht einschätzen kann, weshalb ich es lasse).

@Lukenwolf1970: Dein Bischof ist nicht schlecht. Ohne Gott droht also ein „Abgrund der Intoleranz“, soso. Nur: Meinte Frau Klöckner nicht erst noch kürzlich, dass sie sich eine deutsche Kirche wünsche, die sich der Kommentierung der Tagespolitik enthalte? Sie wird offensichtlich nicht erhört…

@Cosray8d: Was ist denn der „Kulturkampf“? Ich habe immer noch eine nur schwammige Vorstellung von diesem Begriff. Kannst Du mir den mal erklären?

Wenn Zohran Mamdani zum Beispiel für New York City staatliche Lebensmittelgeschäfte mit staatlich regulierten Preisen als Lösungsbeitrag zur Bekämpfung teurer Lebenshaltungskosten in der Stadt vorschlägt, würde das dann auch unter den Begriff „Kulturkampf“ fallen?

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Deine auf diese Einleitung folgenden Betrachtungen mögen allesamt denkbar sein. Ob sie zutreffen, wissen wir nicht; für wahrscheinlich halte ich es nicht. In einer durch und durch säkularisierten Gesellschaft, in der die Kirchen, teils auch selbstverschuldet, zusehends an Mitgliedern wie auch an Ansehen verlieren, sollte es plötzlich gewaltige Gewissensbisse geben zum Thema Strafbarkeit der Abtreibung? In unserer aufgeklärten Zeit ist es doch seit Jahrzehnten gesicherte Erkenntnis, dass die Strafbarkeit nicht zu einer signifikanten Verringerung der Abtreibungszahlen, sondern nur zu allerlei riskanten Ausweichmanövern führt. Wenn Du ein praktisches Beispiel für Kulturkampf wünschst: hier ist es. Die US-Evangelikalen machen es vor. Für solcherart heuchlerische „Lebensschützer“ empfinde ich , wenn überhaupt irgendetwas, dann nur Verachtung.

Dabei ist das Thema selbst, wie Du vollkommen richtig feststellst, alles andere als eine Bagatelle. Wie alles, was mit dem Beginn und dem Ende des Lebens zusammenhängt. Es waren Sternstunden des Bundestags, wenn zu solchen Fragen offen und ohne Frakzionszwänge debattiert wurde. Das Verhalten jetzt - im letzten Moment erst Spahn und auch Merz so zu düpieren und die Kandidatin mit vorgeschobenen Beschuldigungen zu beschädigen - mutet demgegenüber wie ein Rückfall in die Steinzeit an.

Kurzer Exkurs: Anfang der 90er Jahre - ich erwähnte es gelegentlich - haben meine Frau und ich einen damals drei Wochen alten, mit dem Down-Syndrom und einem schweren Herzfehler zur Welt gekommenen Jungen angenommen. Die Eltern waren deutsch-polnische Spätaussiedler, die in beengten Verhältnissen und mit vor ihm bereits vier Kindern lebten und selber dementsprechend nicht mehr blutjung waren. Bereits damals wurde Schwangeren in diesem Lebensalter hierzulande eine Fruchtwasseruntersuchung ärztlicherseits dringend angeraten - und bei der Diagnose Trisomie 21 der Abbruch empfohlen. Es kursierten Berichte von Müttern, die diesem Rat nicht gefolgt waren und infolgedessen mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Dass dieses Kind es überhaupt ins Leben schaffen konnte, hatte es höchstwahrscheinlich seiner ausweislich ihres Vornamens fraglos polnischen Mutter und dem überragenden Einfluss der katholischen Kirche in ihrem Heimatland zu verdanken. Vermutlich hatte sie schon die Fruchtwasseruntersuchung abgelehnt. Kann ich eine bedingungslos den Schwangerschaftsabbruch als Problemlöser befürwortende Position einnehmen angesichts dieses von Herzlichkeit und Lebensfreude überströmenden jungen Menschen? Natürlich nicht.

Aus der Frage, wie in solchen Überforderungssituationen werdender Eltern eine allen Beteiligten gerecht werdende Entscheidung aussehen soll, nun aber ein ideologisches Kampfgebiet zu machen, die alten Schlachten erneut zu schlagen und das längst zu einer leeren Floskel mutierte Christentum im eigenen Parteinamen zu diesem Zweck wieder auszugraben: wie peinlich ist das denn? Wer sich wie ich als Christen bezeichnet und die Politik dieser Partei seit langem beobachtet - eine Politik, bei der man christliche Wesensinhalte in der Regel mit der Lupe suchen muss -, kann sich angesichts dieser Entwicklung nur … distanzieren, um es mal milde auszudrücken.

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Das ist ein sehr vielen belangen ein großartiger Beitrag. Er zeigt in wenigen Zeilen sehr anschaulich und eindringlich das Dilemma um das ungeborene Leben auf. Eines was wohl so lange anhält, wie es die Menschheit gibt.

Deine extreme Ablehnung der CDU wundert mich schon sehr. Sie ist für mich nicht ganz erklärbar. Gibt es da eine Geschichte dazu?

In Zeiten in denen so viele Kräfte an der Demokratie rütteln und sie gar abschaffen wollen, ist eine Partei wie die CDU trotz all der Kritik die man zweifellos an ihr üben kann doch ein wichtiger Anker unseres demokratischen Parteiensystems. Gar keine christlichen Werte? Ich weiß nicht so recht.

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In diesem Punkt stimme ich Dir zu.

Ich lehne auch nicht generell die CDU in ihrer Gesamtheit ab, sondern dieses Vorgehen der Fraktion. Und als besonders christlich würde ich die Politik der Union allerdings nun gerade nicht bezeichnen. Dafür fehlt es mir einfach an nennenswertem Engagement für die Schwächsten.

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Mein Vorwürfe:

  1. Merz lässt sich von der AFD vorführen. Anstatt den Strohmann zu erkennen, legitimiert Merz (mal wieder) die Talking Points der Rechten:

Zum Beispiel als Beatrix von Storch von der AfD Bundeskanzler Friedrich Merz am Mittwoch diese Frage stellte: „Frau Brosius-Gersdorf hat gesagt, dass ein Kind, dass neun Monate alt ist, zwei Minuten vor der Geburt keine Menschenwürde zukommt. Können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, diese Frau zu wählen?“

Zwar antwortet Merz so: „Auf Ihre Frage ist meine ganz einfache Antwort: Ja.“ Aber er stellt nicht klar, dass Frauke Brosius-Gersdorf nicht befürwortet, ein Kind im neunten Monat straffrei abtreiben zu können. Das hat die AfDlerin in den Sozialen Medien unterstellt. Quelle

Wenn man natürlich NIUS und AFD Stimmung auf Basis von Fake News machen lässt, ist jede Person unwählbar. Mein Anspruch ist allerdings, dass Politiker sich von Fakten leiten lassen und nicht von Stimmungen. Ein Fakt: Frau Brosius-Gersdorf wurde für den zweiten Senat vorgeschlagen. Und um was kümmert sich der zweite Senat?

Danach widmet sich der Erste Senat vor allem den Grundrechtsfragen, während der Zweite Senat vorwiegend als Staatsgerichtshof konzipiert ist. Quelle

Ein Volksvertreter hat nicht nur die Aufgabe, die Stimmung seine Volkes zu vertreten, sondern auch die Pflicht sich mit Themen intensiv zu beschäftigen um bessere wohldurchdachte Entscheidungen zu treffen. Wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir keine repräsentative Demokratie und könnten auf Basis jeder Kampagne neu das Volk entscheiden lassen.

Dazu fasst die taz zusammen:

Es ist also eine polemische Fehlinterpretation, dass Brosius-Gersdorf ungeborene Kinder rechtlos stellen will. Sie will verfassungsrechtlich vor allem die Rechte der Frau gegenüber dem Ungeborenen stärken, insbesondere in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft. Dieses Ziel ist in der Rechtswissenschaft keineswegs randständig und angesichts der bisher wenig frauenfreundlichen Karlsruher Rechtsprechung durchaus angemessen. Ein Veto gegen Brosius-Gersdorf kann die Union hierauf schwerlich stützen.

Wir nähern uns den amerikanischen „Vorbildern“ fließig weiter an.

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Ja, das kann man so sehen. Aber das ist ein ganz anderer Punkt als Dein vorheriger, auf den ich mit meinem Beitrag geantwortet habe.

Meiner auch. Aber ein wichtiger Teil meines Beitrags war darzulegen, dass wir nicht wissen können, wie viele der CDU-Abgeordneten, die gegen Frau Brosius-Gersdorf stimmen wollten, sich dazu von Nius & Co. und wie viele von ihrem Gewissen oder dem von ihnen so empfundenen Willen ihres Elektorats haben verleiten lassen.

Möglicherweise hat sich kein einziger der CDU-Politiker von Nius verleiten lassen.

(Es geht mir nicht darum, Tatsachenbehauptungen aufzustellen, sondern Möglichkeiten aufzuzeigen. Ich weiß nicht, wie viele der 60 Abgeordneten der CDU-Fraktion, die angeblich gegen Frau Brosius-Gersdorf stimmen wollten, Opfer von Nius & Co. geworden sind und wie viele ihrem Gewissen gefolgt sind, weißt Du es? Notabene: Ich halte es auch für unwahrscheinlich, dass keiner der CDU-Politiker Opfer von rechter Propaganda geworden ist, aber ich kann es nicht ausschließen, und nur darum geht’s mir.)

P. S. In der von Dir angegebenen Quelle zur Verteilung der Fälle auf die beiden Senate heißt es übrigens unmittelbar nachdem von Dir zitierten Satz, Zitat:

Das Plenum des Bundesverfassungsgerichts kann die Zuständigkeitsverteilung zwischen den Senaten allerdings abweichend regeln, wenn dies infolge einer nicht nur vorübergehenden Überlastung eines Senats unabweislich geworden ist. Von dieser Möglichkeit macht das Plenum des Bundesverfassungsgerichts regelmäßig Gebrauch, vor allem da der Erste Senat durch seine gesetzlich festgelegte Zuständigkeit für Verfassungsbeschwerden sonst wesentlich stärker belastet wäre als der Zweite Senat.

(Hervorhebung durch mich.)

Ich kann nicht ausschließen, dass ich am Samstag im Lotto gewinne.

Wenn es geht wie eine Ente, quakt wie eine Ente und riecht wie eine Ente, dann ist es höchstwahrscheinlich auch eine.

Sorry, dass ich hier etwas polemisch antworte. Aber die Union betont das C in ihrem Namen doch nur, wenn es gerade passt.

@jep hat doch völlig Recht, wenn er einen etwas höheren Anspruch an die Bundestagsabgeordneten hat, als sich über Nius zu informieren.

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Kurzer Einwurf, um mal dem „Kulturkampf“-Rumrätseln Einhalt zu gebieten. @cosray liegt zwar mit seiner Analyse zur gegenwärtigen Funktion des Kulturkampes in den USA und Europa weitgehend richtig, nicht jedoch in Sachen Ursprung.

Kulturkampf“ könnte man wikipedisieren, wenn man es denn wollte – und erhielte klare Angaben zur Frage, was das sein soll.

Die Historiker:innen unter uns hätten hier eigentlich aufschreien müssen, ist der Begriff des Kulturkampfes vor allem für unsere, die deutsche Geschichte zentral und ein wesentlicher Baustein unserer heutigen Gesellschaftsstruktur . Ich empfehle zum Einstieg eine nachdenklich-detaillierte Lektüre des Wikipedia-Artikels „Kulturkampf in Preußen“.

Kulturkampf mit meinen Worten (verzeiht mir die ein oder andere Verkürzung) meint den Kampf im 19. Jahrhundert um die Trennung von (zunächst hauptsächlich katholischer) Kirche und Staat im neugegründeten Deutschen Bund (in persona Preußen unter Bismarck und Papst Pius IX). (Es gab vergleichbare politische Auseinandersetzungen in vielen Ländern Europas, sogar in Übersee.)

Dabei waren Bismarcks Motive durchaus nicht so edel-aufklärerischer Natur – es war eher das letzte Rückzugsgefecht der bis ins 18. Jhdt. allmächtigen katholischen Kirche, die die Weisungshoheit in allen moralischen und in der Folge halt auch politischen Fragen beanspruchte. Bismarck hingegen führte einen Kampf gegen den erstarkenden politischen Katholizismus in der Gestalt der Partei „Zentrum“ und zugleich um die Stimmen der erstarkenden Arbeiter:innenschaft. Im Verlauf dieses sich zuspitzenden Konflikts, der sich nach den vierziger Jahren allmählich hochschaukelte und erst 1878-81 diplomatisch beigelegt wurde, kam es von 1871 bis 1875 zu durchaus einschneidenden Maßnahmen der preußischen Machthaber, die zum Teil bis ins 20ste Jahrhundert Bestand hatten:

  • 1800 katholische Priester wurden verhaftet, Kircheneigentum im Wert von umgerechnet über 100 Millionen Euro wurde beschlagnahmt
  • gewaltsame Ausschreitungen in Brandenburg und Schlesien (sog. „Katholikenhetze“)
  • der „Kanzelparagraph“ verbot Geistlichen, mit Verlautbarungen den „öffentlichen Frieden zu gefährden“ (ein pauschaler Maulkorb für politische Priester)
  • Verbot des Jesuitenordens sowie Untersagung des Aufenthaltes für Jesuiten auf deutschem Boden
  • Einführung der zivilen Ehe sowie Aufhebung des kirchlichen Primats der Eheschließung
  • Ersetzung der kirchlichen Schulaufsicht durch eine staatliche Aufsicht
  • Einflußnahme des Staates auf die Einstellung von Geistlichen
  • das „Brotkorbgesetz“ entzog der Kirche staatliche Zuwendungen
  • das „Klostergesetz“ löste alle Klostergemeinschaften auf (außer reinen Krankenpflegeorden), römisch-katholische Ordensleute wurden ausgewiesen

Nach sich zuspitzenden innenpolitischen Verhältnissen beendet Bismarck seinen „Kulturkampf“ gegen die katholische Kirche, und ging über zur Phase seiner „Sozialistengesetze“ und „Zollpolitik“, mit denen er sein Verhältnis zur Kirche wieder verbessern wollte. Am Ende hatte sich auch der protestantische Konservativismus gegen Bismarcks Säkularisierungspolitik gewendet. Außerdem brauchte Bismarck 1878 für seine „Sozialistengesetze“ (gegen „die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) die Zustimmung des katholischen Zentrums. Ein leuchtendes Vorbild für Realpolitik, der Herr Bismarck.

Dennoch: die säkularisierte Form unserer Gesellschaft, wie sie in der Weimarer Verfassung verankert wurde, mit einer prinzipiellen Trennung von Kirche und Staat – diese verdanken wir in Deutschland dem „preußischen Kulturkampf“ im 19. Jahrhundert.

Daneben gibt es den gegenwärtigen Gebrauch des Wortes „Kulturkampf“ - dieser bezeichnet den Kampf um die Vorherrschaft bestimmter kultureller oder politischer Werte und Weltanschauungen.

Die Neue Rechte reklamiert seit den 80ern den Begriff „Kulturkampf“ für ihre „Konservative Revolution“, bekämpft wird unter dem Begriff der „Leitkultur“ in der Folge alles, was propagandistisch herhält für das Feindbild einer Bedrohung des deutschen Volkskörpers: Gern und immer wieder und vor allem der Islam (dem gern und immer wieder christliche Werte entgegengesetzt werden), jede Form der Migration (Begriffe der „Überfremdung“, der „Blutsvermischung“, aber auch des „Ethnopluralismus“ – die „Identitären“ fordern in der Konsequenz immer wieder dasselbe: „Deutschland den Deutschen (weißen Männern und braven Frauenzimmern), alles andere raus“ => Remigration), sexuelle und politische Diversität (im Kampf gegen alles links-grün-versifft-kommunistisch Unterwanderte). Bekämpft wird unter dem Stichwort „Cancel Culture“ antifaschistische und antirassistische Arbeit, aber auch zunehmend die Legitimität der vierten Gewalt im Staate (die komplett als „Propaganda“-Maschine einer rot-grünen Verschwörung abgelehnt wird – alles FakeNews)

Bekämpft werden alle Lebensformen, die man unter dem Stichwort bunt-divers-multikulturell zusammenfassen könnte. Und alle politischen Strömungen, die einem völkisch-deutschen Ideal zuwiderlaufen.

Der Begriff „Kulturkampf“ wird seit Jahrzehnten, ausgehend von der „Nouvelle Droite“ in den 80ern, auf der extremen Rechten benutzt, um so etwas wie den politisch-moralisch-kulturellen Endkampf zu bezeichnen.

Das konservative Feulleton macht sich derzeit gern mal lustig über die epidemische Verwendung des Begriffes „Kulturkampf“ - gern in der FAZ

Aber wenns dem Poschardt paßt, dann ruft er selbst zum „Kulturkampf“ auf – gegen die „rot-rot-rot-grüne Propagandamaschine des ÖRR“ - und beschreibt die „Fahrraddemo als den Gipfel der national befreiten Zone in Deutschland“. „Omas gegen Rechts sind weiße Bio-Kartoffel-Omas gegen rechts“. Das ist Kulturkampf in deutsch-nationaler Rein-Kultur.

Um Deine Frage zu beantworten, @alex:

„Kulturkampf“ ist zuerst ein historischer Begriff, der den Kampf um die Trennung von Kirche und Staat bezeichnet. Dann ist es ein zentraler Ideologie-Begriff, der von der Neuen Rechten (von Oskar Moehler bis Götz Kubitschek) benutzt wird, um alles links-divers-multikulturelle zu bekämpfen. Und zuletzt ist es (read @cosray) vermutlich der letzte Schrei des Asocial-Media-Trollings: Identifikationsfiguren der Gegenseite ausmachen, mit Dreck überschütten (irgendwas wird schon hängen bleiben), persönlich beleidigen, mit Lügen überschütten, Fakten spielen überhaupt keine Rolle mehr – und am Ende ist der politische Gegner vernichtet. Und das temporäre Ziel erreicht.

@jep hat das in einem Satz zusammengefaßt:

@Cosray8d hat den taktischen Wirkmechanismus der rechten „Kulturkampf“-Strategie beschrieben – sie ist die Verinnenpolitisierung der früheren US-Methode: Wenns zu Hause politisch nicht läuft, muß mal wieder ein Krieg her. Ablenkung von Innenpolitik - gern mit Außenpolitik (Gaza, Ukraine, früher halt Irak, War against Terrorism) - inzwischen zunehmend mit dem Kampf gegen Personen.

Ich brauch leider länger als @jep - der schafft das mit einem Satz, den Zusammenhang zwischen der unerträglichen Hexenjagd gegen Brosius-Gersdorf und dem Begriff „Kulturkampf“ herzustellen.

Und möchte mich @Cosray8d anschließen -
Inhalte, Inhalte, Inhalte.
Fakten, Fakten, Fakten.

Watt andres hilft nicht gegen „Biedermann und die Brandstifter“.

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So wie ich es verstehe geht es im heutigen Kontext um „christliche Werte“.
Die USA und auch Deutschland wird als ein von traditionell christlichen Werten aufgebauter Staat betrachtet.
Das traditionelle Familienbild von Vater, Mutter und Kind (am besten weiß) steht dabei an erster Stelle.

All das, was dem nicht entspricht steht dem entgegen und ist Feindbild der Konservativen und Rechten.
Die Republikaner und auch (weniger) die CDU/CSU + (stärker) AfD machen sich dies zu eigen und nutzen es für Wahlkampf und um den Diskurs zu bestimmen.

Dazu zählt u.A. Verschärfung von Abtreibungsgesetzen, Immigrations- und Asylgesetzen, Selbstbestimmungsgesetze etc.

Ein Beispiel ist die Instrumentalisierung des Begriffes „woke“.
Obwohl es ursprünglich eine ganz andere Bedeutung hatte ist es jetzt ein abwertender Begriff für progressive Politik.
„Woke“ hört sich ähnlich wie „weak“ an und so wird die Assoziation geschaffen, dass alles Progressive Schwäche ausdrückt.

Spahn und Weidel - beides Homosexuelle Politiker - wehren sich als queer bezeichnet zu werden.
Es passt nicht in das Bild ihrer Wähler - vor allem da sie (also Teile ihrer Parteien) auch selbst gegen queere Menschen hetzen.

Sie drehen den Spieß um und werfen Progressiven vor Kulturkampf zu betreiben - also anderen Menschen ihre Werte aufzuzwingen.
Wenn jmd. für „pro choice“ statt „pro life“ ist, werden Opfer zu Tätern gemacht.
Eine vergewaltigte Frau, die abtreiben möchte wird zur Mörderin.
LGBTQ-Aktivisten werden als „groomer“ und Pädophile bezeichnet.
(Legale) Immigranten werden in den Generalverdacht gestellt, Vergewaltiger und Kriminelle zu sein.

Trump: „They’re eating the dogs, they’re eating the cats of the people that live there!“

Auch selbstbestimmte und erfolgreiche Frauen passen nicht ins Bild und werden zu Feindbildern gemacht.
Progressive Politikerinnen bekommen ungleich mehr Hetze und Hass ab.
Eine AOC wird fast täglich in Konservativen und Rechten Medien sexualisiert und erniedrigt.
Gesetze zu gleichen Löhnen und zur Hilfe von Alleinerziehenden werden verhindert „Familiengesetze“ geschrieben werden, die Mütter für viele Kinder „belohnen“.

Die Great Replacement Theory ist bei vielen Rechten ein gern gesehenes Thema.
Musk bspw will so viele Frauen wie mgl schwängern um seine (weißen) Gene zu verbreiten.
Daher auch das Thema „Remigration“ und Ethnopluralismus bei der AfD.

Aber wie gesagt - all das hat vor allem die Funktion das Schlachtfeld von der inhaltlichen Ebene zu einer polarisierenden Ebene zu verschieben.
Die Menschen sollen gegen ihre eigenen Interessen wählen und das schafft man in dem man spaltet und tribalisiert.
Die meisten Menschen auf dem Land haben weder groß mit Immigranten noch mit LGBTQ zu tun und trotzdem haben Rechte und Konservative dort mehr Erfolg.
Es ist ein für sie eigentlich unbekanntes Feindbild, dass es schafft eine Mehrheit für Rechte und Konservative zu gewinnen.
Diese Themen werden auch mit dem „Die da oben“ Narrativ assoziiert.

„Die da oben wollen uns diese fremden Menschen, diese fremden Kulturen aufzwingen“

Die Angst vor dem Fremden wird mit dem Hass auf die Mächtigen vermischt.

„Wegen denen da oben gehts mir schlecht und die kümmern sich nur um die Ausländer!“

Es wird ein künstlicher Neid erzeugt, der Menschen zu konservativen Positionen treibt.
Was schließlich zum Klassenkampf führt.

Nicht Arm gegen Reich

sondern

Ausländer gegen Arme gegen Geringverdiener gegen untere Mittelschicht…

Divide and Conquer

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Kurz: Ich kann dir nicht folgen, inwiefern ich einen ganz anderen Punkt aufgegriffen habe?

Natürlich besteht die Möglichkeit, aber du hast ja vorher mit Wahrscheinlichkeiten argumentiert. Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit, dass der erste Senat ein derart kontrovers diskutiertes Thema dem zweiten Senat überlässt?

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ich habe nicht so viel Zeit das unsägliche Verhalten der Union im Detail aufzudröseln - wie so oft gibt es aber Menschen, die das wunderbar aufbereiten:

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@Gratschifter & @Cosray8d: Herzlichen Dank für Eure außergewöhnlich ausführlichen Antworten, extra für mich. Vielen Dank! Ich weiß das sehr zu schätzen. Ich werde sie mir später in Ruhe durchlesen.

@Andy: Jetzt kann ich Dir auch nicht mehr folgen. Ich habe Dich wahrscheinlich einfach nur missverstanden. Lass es uns an dieser Stelle beenden, denn ich glaube, dass der Aufwand, den wir betreiben müssten, allein um uns zu verstehen, die Klärung des inhaltlichen Disputs nicht wirklich wert ist. Einverstanden?

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