@Andy: Die Analogie im dem Social-Media-Statement, das Du zitierst, ist sehr gelungen. Ja, genauso ist es. Wenn ein Einzelner aufhört, seine Steuern zu zahlen, während alle anderen weiterzahlen, ändert sich an der Qualität der öffentlichen Güter praktisch nichts. Individuell erfahren wir unter Umständen jedoch eine große finanzielle Erleichterung (je nachdem, wie hoch unsere Steuern sind).
Beim Klima ist das erst einmal genauso. Ob Deutschland alleine gar kein CO2 mehr ausstößt oder seine heutigen Emissionen sogar noch verdoppelt, macht für das Weltklima praktisch keinen Unterschied. Nur mal zur Einordnung: Deutschlands CO2-Emissionen betragen momentan rund 600 Millionen Tonnen pro Jahr. Das ist die gleiche Menge, die Chinas CO2-Emissionen von 2022 zu 2023 zugenommen haben (von 11,35 Milliarden Tonnen auf 11,9 Milliarden Tonnen). Also wohlgemerkt: zugenommen, Deutschlands gesamte Emissionen, in einem Jahr.
In der Zeit seit 2000 sind Deutschlands jährliche CO2-Emissionen insgesamt ungefähr so hoch wie das, was China allein in einem bis drei Jahren an Emissionen hinzugewinnt. Und China ist ja nur ein Emittent. Die nicht ganz unwichtigen USA und Indien (dessen CO2-Emissionen jedes Jahr mit zunehmenden Raten wachsen) beispielsweise gibt es auch noch.
Quelle: Our World In Data
Daran kann man erkennen, dass es für das Weltklima wirklich keinen Unterschied machte, ob Deutschland heute im Meer versänke oder seinen Ausstoß verdoppelte.
Der entscheidende Unterschied beim Thema der CO2-Emissionen im Vergleich zu den Steuern liegt in der Durchsetzbarkeit der Regeln.
Wenn ich meine Steuern nicht zahle, bekomme ich irgendwann Post vom Staatsanwalt und werde, wenn nötig, gerichtlich gezwungen, meine Steuern gemäß der geltenden Gesetzeslage zu zahlen. Wenn ich mich, wie etwa Uli Hoeneß, besonders schwerer Steuervergehen schuldig mache, muss ich vielleicht sogar ins Gefängnis.
Der Staat hat das hoheitliche Machtmonopol und kann seine Bürger zur Einhaltung der geltenden Regeln zwingen.
Im Falle der CO2-Emissionen bzw. der global vereinbarten Regeln zum Klimaschutz gilt das nicht.
Wenn eine Partei (ein Land) sich nicht an die gemeinsam getroffenen Vereinbarungen zum CO2-Ausstoß hält (die immerhin gibt es ja), kann kein anderes Land daherkommen und dieses Land verklagen und ultimativ in den Knast stecken.
Daher gibt es massive Anreizprobleme: Wenn erst China und inzwischen Indien jedes Jahr so viel an CO2-Emissionen zulegen, wie ich, Deutschland, in toto ausstoße, warum sollte ich dann meine Industrie und letztendlich meine gesamte Wirtschaft und den Lebensstandard meiner Bürger mit Schwung an die Wand fahren, nur um so viel CO2 einzusparen, wie diese Länder schon nach kurzer Zeit durch ihren eigenen Ausstoßzuwachs wieder aufgeholt haben?
Es ist sogar noch schlimmer: Das Argument, dass Deutschland eine global wichtige Aufgabe dabei zukomme, als Pionier der CO2-Reduktion einen gangbaren Weg aufzuzeigen, wie man seinen CO2-Ausstoß signifikant reduzieren und gleichzeitig eine moderne Industrienation bleiben kann, um dies sozusagen als Vorbild für andere Länder vorzuexerzieren, die die von Deutschland pionierten Techniken und Methoden dann adaptieren könnten, krankt daran, dass
a) Deutschlands Weg empirisch nicht wirklich funktioniert (Deutschland senkt seinen CO2-Ausstoß nur langsam, während die Strompreise zu den höchsten der Welt gehören und das Wirtschaftswachstum schwächelt) und dass
b) China, und nicht wir, die Erneuerbare-Energien-Revolution rockt. Bis wir hier in Deutschland ein halbwegs funktionierendes EE-plus-Industrie-Modell auf die Beine gestellt haben, hat China die gesamte Welt schon locker mit Solarpaneelen, Windrad-Innovationen, Elektroautos und allem anderen, was man für CO2-armes Wirtschaften braucht, versorgt.
Es ist, kurz gesagt, gleich in mehreren Hinsichten vollkommen egal, was wir hier in Deutschland in Sachen Klimaschutz und CO2-Reduktion machen. Es funktioniert nicht richtig, es ist quantitativ irrelevant und bis wir irgendwann aus den Puschen gekommen sind und etwas Nachahmungswürdiges gebaut haben, hat China die Welt schon dreimal gerettet.
Die Gründe, warum ein Land wie Deutschland seine Klimaziele trotzdem einhalten sollte, sind ethische:
a) Wir, als der globale Westen, haben historisch sehr davon profitiert, dass wir unseren Wohlstand bereits aufbauen konnten, als CO2-Ausstoß noch kein Thema und kein Problem war. Es ist unsere Pflicht, heute dazu beizutragen, dass andere Länder, die dieses historische Fenster in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung verpasst haben, trotz des CO2-Problems eine ähnlichen Wohlstandsaufbau erreichen können wie wir. Dazu zählt auch, dass wir CO2 einsparen, das diese Länder dann an unserer statt ausstoßen können.
b) Bei der Reduktion der CO2-Emissionen handelt es sich um ein globales collective action-Problem (ein Problem kollektiven Handlens): Man fährt besser, wenn von der gemeinsamen vereinbarten Regel abweicht, als man fährt, wenn man sich daran hält, und es gibt keine zentrale Autorität, die die Regeleinhaltung für alle verbindlich durchsetzen kann.
Es ist aber ethisch reflexiv inkonsistent, wenn man von anderen etwas erwartet oder verlangt, was man selbst nicht zu leisten bereit ist, und sei der Beitrag, den man selbst leistet, für die Lösung des Problems auch noch so unbedeutend. Deshalb muss auch Deutschland sich an die gemeinsam vereinbarten CO2-Reduktionsziele halten, wenn es ein ethisch integrer Akteur auf der Weltbühne sein möchte.
Ich hoffe, @Andy, Du findest diese Antwort ausreichend und zu Deiner Zufriedenheit? Ansonsten frag bitte gerne noch mal nach.