@justin, beim Kern bin ich weitgehend bei dir, das vorweg, weil ich danach an ein paar Stellen abbiege.
Der Punkt mit der Heterogenität sitzt. „Afrikanischer Fußball" ist als analytische Kategorie tatsächlich zu grob. Zwischen Marokkos Positionsspiel, der Elfenbeinküste, Senegal oder dem Kongo liegen fußballerisch Welten, und genau diese Unterschiede verschwinden, wenn man das alles unter wild, unorthodox oder nicht so taktisch geprägt zusammenkehrt.
Solche Zuschreibungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sie haben eine konkrete koloniale Vorgeschichte. Das ist wichtig und ist keinesfalls eine Erfindung von Überempfindlichen. Das Leid der Kolonialzeit ist kolossal. Das sollten sich Kritiker mal überlegen.
Die Studienlage zur Kommentatorensprache, physisch beim schwarzen Spieler, intelligent beim weißen Spieler, ist auch ziemlich eindeutig. Dss Schweinsteiger das nicht böse gemeint hat, ändert erst einmal nichts daran, wie so eine Formulierung wirken kann. Da bin ich bei dir.
Eine Sache will ich dir sogar zurückgeben. Du schreibst an einer Stelle selbst, die Aussage bediene rassistische Stereotype. Genau so würde ich es auch formulieren, da sind wir vollständig beieinander.
Mein Vorbehalt gilt nur dem Schritt weiter, hin zu „all das ist rassistisch". Das ist für mich nicht dasselbe, und der Unterschied ist mir wichtig.
Wo ich also hängenbleibe, sind zwei Dinge.
Erstens der Satz, dass der „Verteidigungsreflex Teil des Problems" sei. Das stimmt sicher oft. Wahhrscheinlich öfters als nicht. Nur baut man sich damit schnell eine Position, gegen die man nicht mehr argumentieren kann, ohne sie scheinbar zu bestätigen. Wer widerspricht, beweist den Reflex. Wer schweigt, stimmt zu. Rhetorisch ist das elegant, erkenntnistheoretisch aber eine Sackgasse. Es trifft am Ende auch Leute, die nicht aus Abwehr oder Trotz widersprechen, sondern nach ehrlicher Abwägung zu einer etwas anderen Bewertung kommen. Hier sollten wir m.E. die Türe nicht zu machen. Wir sollten sie für die richtigen Argumente offen halten.
Zweitens der Schritt von „Betroffene haben ein Recht, ernst genommen zu werden" hin zu „also ist es rassistisch".
Das Erste unterschreibe ich sofort. Zuhören, nicht wegrelativieren, nicht so tun, als sei die Enttäuschung irrelevant. Das ist sie natürlich nicht. Aber die Erfahrung der Betroffenen ist für mich ein sehr wichtiger Ausgangspunkt der Bewertung, nicht automatisch schon ihr Endpunkt.
Subjektive Wirkung und sachliche Einordnung hängen zusammen. Sie sind aber nicht identisch. Ansonsten wird am Ende das Gefühl zur alleinigen Instanz, und das wäre mir ebenso unterkomplex wie die Pauschalisierung, die wir Schweinsteiger zu Recht vorwerfen.
Ein für mich wichtiges Detail geht in der ganzen Empörung vielleicht etwas unter. Ich weiß, das klingt erst mal nach dem üblichen „er hat doch auch Nettes gesagt", aber darauf will ich nicht hinaus. Schweinsteiger hat die Ivorer vorher ausdrücklich gelobt, athletisch, technisch gut, Diomande richtig stark.
Das Problem ist dieser angehängte Halbsatz über „afrikanischen Fußball", nicht die gesamte Analyse. Das macht die Formulierung kein bisschen besser, aber aus einem ungeschickten, stereotypen Zusatz wird für mich eben kein geschlossenes Weltbild über einen ganzen Kontinent.
Mein Fazit ist, dass die Kritik an der Formulierung berechtigt ist. Sie ist pauschalisierend, historisch belastet und analytisch schwach.
Aber ich tue mich schwer damit, daraus zwingend abzuleiten, das sei rassistisch. Präziser wäre für mich, und da zitiere ich nur noch einmal dich, dass die Aussage rassistische Stereotype bedient. Das ist kritikwürdig genug, ohne dass man den letzten Schritt zwingend mitgehen muss.