Interessante Debatte habt ihr hier…
Es wird @anon44472850 vielleicht überraschen, aber ich bin diesbezüglich eher auf der Seite weniger Staat. Oder besser: anderer Staat.
Die Tendenz heute ist ja eher die, dass sich der Staat zunehmend in die eigenen privaten Räume einmischt und in die private Lebensführung. Speziell wenn es um gesunde Lebensführung geht. Ich sehe das sehr kritisch oder zumindest ambivalent.
Für mich besteht die klare Grenze dort, wo meine Lebensführung andere negativ beeinflusst. Das betrifft Mensch wie Tier oder Umwelt. Grundsätzlich hat der freie Mensch meines Erachtens das ausdrückliche Recht zur Unvernunft - solange es um ihn selbst geht. Und ich teile @ChrisCullen ‘s Ansatz, dass dieses Recht der freien Entscheidung, mir selbst zu schaden, auch Teil meiner Würde ist (wenn ich ihn recht interpretiere). Da hat sich der Staat nicht einzumischen.
Das ein oder andere Beispiel:
Ich bin klar für ein Böllerverbot, weil es auch im privaten Rahmen bei aller Gaudi oder Ästhetik eines Feuerwerks nachweislich der Umwelt und vor allem Tierwelt eminent schadet. Und ja, das betrifft ausdrücklich auch den eigenen Garten.
Ich bin ausdrücklich gegen ein ausuferndes Rauchverbot. Mir leuchtet nicht ein, warum ich unter freiem Himmel mit genügend Abstand nicht rauchen soll. Ich selbst rauche wirklich gern. Ich glorifiziere das nicht, ich weiß genau, dass ich damit eine Art langsamen Suizid begehe. Ich bin auch nicht von Kindesalter beeinflusst, ich habe erst mit 30 Jahren angefangen. Das ist natürlich strunzdämlich, keine Frage. Aber ich weiß, was ich tue, und tue es bewusst und gern, weil ich darin Vorzüge sehe, die sicher keinen Vernunftgründen entsprechen. Für Ernährung gilt ähnliches.
Mir ist die Problematik von Gesundheitskosten natürlich bewusst, und bis zu einem gewissen Grad kann ich auch akzeptieren, dass der Staat natürlich nicht bis zum Exzess die Folgen meiner ungesunden Lebensweise finanzieren muss. Allerdings herrschen diesbezüglich nun mal keine klaren Kausalitäten, sondern eher Korrelationen. Der Nichtraucher kann Lungenkrebs bekommen und der Raucher nicht. Ein super-solider Lebenswandel kann durch einen plötzlichen Herzinfarkt mit 25 beendet werden. Jeder Mensch hat unterschiedliche genetische Veranlagungen, für die er nichts kann. Das momentan beliebte Thema Zähne hängt eben nicht nur davon ab, ob man eine perfekte Pflege hinbekommt.
Zusammengefasst: ich will nicht, dass mir der Staat eine Lebensweise vorgibt, die bis ins Detail als vorbildlich gelten darf. Und ich bin auch ein entschiedener Gegner der ständigen, allseitigen Optimierung von Lebenszeit. Viel wichtiger als die Länge meines Lebens ist mir die Art meines Lebens. Zumal das Ergebnis von vornherein klar ist: wir werden alle sterben. Ich habe eine chronische, potentiell tödliche Krankheit, für die ich rein gar nichts kann. Man wird mir verzeihen, wenn ich daher etwas weniger Wert darauf lege, mein Leben durch Verzicht auf Nikotin oder Zucker so gut es irgend geht zu verlängern.
Weil ich oben anderer Staat sagte:
Statt durch Verbote oder nerviger Dauerbeschallung zur gesunden Lebensführung würde ich es hingegen begrüßen, bei der Prophylaxe anzusetzen. Meint: Bildung, Bildung, Bildung. Oben wurde es schon teilweise erwähnt: Schulfach Ernährung, Kochen und so weiter. Man könnte sich auch mal näher mit den Gründen befassen, warum so viele Menschen glauben, sich schädigen zu wollen oder zu müssen. Dann kommen wir nämlich zum Thema geistige Gesundheit, Sinn des Lebens und so weiter. Rauchen oder Trinken etwa ist für viele auch Eskapismus, Nerven-Beruhigung, Substrat für anderweitige Sorgen. Um so etwas kümmert sich der Staat ja auch kaum. Sollte er aber, mit Angeboten in der Schule, aber auch später. Ich betone: Angebote, nicht Verbote.