Der Politik- und Gesellschafts-Thread (Teil 3)

Ich hoffe wie die meisten anderen hier, dass die Afd Stimmen verliert - ich sehe allerdings keinen langfristigen Weg wie das passieren kann angesichts so vieler Faktoren, die der Afd zu gute kommen.

  1. Versagen des ÖRR im Umgang mit der Afd
  • nach wie vor fehlender Faktencheck in Talkshows und Interviews WÄHREND der Aufzeichnung
  • inkompetente Moderatoren die es weder schaffen den Schwall an Fakenews einzudemmen noch eine Antwort auf deren schwarze Rhetorik haben noch das Know How besitzen um Fakenews/Lügen zu widerlegen
  • Talkshow-Formate an sich (viel zu viele Gäste bei zu wenig Zeit)
  • Themensetzung durch Rechtspopulismus (bei Scholz-Merz-Debatte gab es zb keine einzige Frage zu Klimaschutz)
  1. Versagen der anderen Parteien
  • durch „inhaltliches Bekämpfen“ hat allein die Afd profitiert, da die wenigsten Politiker rhetorisch geschult sind um den Schwall an Lügen (gish galloping) etwas entgegen zu bringen
  • Übernehmen von Inhalten vor allem durch CDU/CSU, BSW und FDP aber auch SPD und Grüne wodurch „das Original“ profitiert und der Diskurs nach rechts verschoben wird
  • Weigerung für ein Verbotsverfahren zu stimmen
  1. Einfluss durch Medien und Geld u.A.
  • Social Media und Springerpresse helfen Afd mehr als allen anderen Parteien
  • Der Einfluss von Tiktok auf die Jugend
  • Elon Musk und andere Millionäre/Milliardäre, die Einfluss auf die deutsche Politik nehmen
  • Trump/Putin werden weltweit für Krisen sorgen und „je schlechter es Deutschland geht, desto besser geht es der Afd“

Das Beispiel Österreich zeigt, dass egal wie viele Skandale die Rechten haben - wenn die anderen nicht konsequent den Kampf gegen Rechtsextremismus angehen und keine erstrebenswerte Alternative anbieten - dann werden die Rechten immer mehr an Macht und Einfluss gewinnen.

Die Linken sind die einzigen in diesem Wahlkampf, deren Rhetorik der Afd gegenüber angemessen war.
„Jetzt halten sie doch mal ihren rechten Rand!“ - Jan von Aken

5 „Gefällt mir“

Keine Frage, solange die anderen Parteien das nicht kapieren wird das langfristig nix werden. Kurzfristig hoffe ich eben zumindest darauf, daß das Ende des Ampelchaos und eine Regierung ohne die am schlechtesten in der Regierung performende Partei der letzten Jahrzehnte - wie gesagt, 2 mal dabei zuletzt, 2 mal gedrittelt, wirklich „famos“ die FPD - ein paar AFD Protestwähler zurückholt. Es ist zwar natürlich nur ein Teil, die sie rein aus Protest wählen, aber diesen Teil (nur dessen Größe ist unklar, zumal viele Leute wohl nicht mal selber wissen warum genau sie gerade welche Partei wählen) gibt es ganz sicher…

Und irgendwann (mittel/langfristig) sollte man als Profipolitiker das doch echt mal kapieren schaffen, dass der AFD ganz sicher nicht damit beikommt ihre Inhalte zu kopieren…

Ja, Leute wie ein Merz oder Söder sind schwer von Begriff, soviel steht fest. Aber irgendwann werden auch wieder andere Gestalten da die Geschicke leiten bei der Union - HOFFENTLICH…

Und in den anderen Parteien sehe ich da die Chancen schon ganz gut, dass es nicht mehr ewig dauern bis das die meisten kapieren…

Eigentlich könnte es halt kaum offensichtlicher sein!

1 „Gefällt mir“

@jep ist unbedingt zuzustimmen: Bessere Politik kann die AfD nicht vollständig zurückdrängen. Wenn jedes Thema, das heute vordergründig zur Wahl der AfD motiviert, von der klassischen Politik „gelöst“ wird, wird die Partei neue Themen finden, die bei den Menschen, die sich prinzipiell vorstellen können, die AfD zu wählen, ebenso gut als Wahlmotivation dienen können. Bessere Politik kann das Problem AfD aber trotzdem lösen. Klingt paradox? Hier ist, warum.

Vielleicht lassen sich die Wählerinnen und Wähler der AfD auf der obersten Ebene in zwei disjunkte Kategorien einteilen:

  • diejenigen, die die Partei aus themenbezogenen Gründen wählen, z.B. weil sie die Positionen der AfD in der Migrations- oder Energiepolitik gut finden oder weil sie mit ihrer Wahl eine Aufforderung an die anderen Parteien senden wollen, ihre Politik in diesen Bereichen in Richtung der Vorstellungen der AfD zu ändern; und

  • diejenigen, die die AfD wählen, weil die Partei für sie bestimmte nicht-themenbezogene Bedürfnisse befriedigt, die die anderen Parteien nicht befriedigen können, solange sie nicht selbst zu einer AfD werden wollen, z. B. das Bedürfnis nach Anerkennung, das Bedürfnis nach einem starken Mann, das Bedürfnis, es den Eliten heimzuzahlen, das Bedürfnis, das System zum Einsturz zu bringen, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Rückkehr in eine bessere Zeit, ein rassistisches Bedürfnis oder Ähnliches.

Wähler, die die AfD aus thematischen Gründen wählen, aber keine darüber hinausgehenden Bedürfnisse haben, können möglicherweise von anderen Parteien mit einer anderen Migrationspolitik, einer anderen Energiepolitik etc. (zurück)gewonnen werden. Die Wähler der zweiten Kategorie können dies nicht. Eine Politik, die die AfD durch das Lösen von AfD-Themen zurückdrängen, aber ansonsten normale Politik bleiben will, ist in ihren Chancen daher grundsätzlich limitiert. Ein Teil der AfD-Wähler wird damit prinzipiell nicht erreicht.

Analytisch interessant aus Sicht der anderen Parteien ist eine dritte Kategorie Wähler: diejenigen, die die AfD grundsätzlich nicht wählen würden. Als Politikberater würde ich den anderen Parteien eigentlich empfehlen, sich zu fragen, was diese Wähler von denen der beiden anderen Kategorien unterscheidet und wie man dafür sorgen kann, dass es mehr von diesen und weniger von den anderen Wählern gibt. Eine naheliegende Antwort scheint Bildung zu sein. Aber es gibt wohl kein anderes Land, dessen Bildungssystem und Erinnerungskultur es einer Partei wie der AfD strukturell so schwer macht, erfolgreich zu sein. Und trotzdem liegt die AfD bundesweit bei 20 Prozent, im Osten vielerorts sogar bei 30 Prozent.

Als Politikberater würde ich daher relativ schnell zu dem Schluss kommen, dass wir uns damit abfinden müssen, dass es in modernen, offenen, freiheitlichen Gesellschaften mit nahezu unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten für jedermann ein Grundpotential für radikale, alternative, extreme oder populistische Parteien gibt, das deutlich über Null liegt, das bei Wahlen politisch mobilisierbar ist und das durch „gute Politik“ auch nicht eliminiert werden kann. Dieses Phänomen durchzieht praktisch alle entwickelten Demokratien. Nur in Ländern wie China und Russland gibt es keine Opposition. Nur in Ländern wie China und Russland gibt es Umerziehungslager für „Systemfeinde“. Die Möglichkeit der Opposition ist der Preis der Freiheit. Die Möglichkeit zur Ignoranz ist der Preis der Freiheit. Die Möglichkeit, die Freiheit zu verlieren, ist der Preis der Freiheit.

Es gibt einen Lichtblick: Ich vermute, dass die meisten Menschen, die die AfD nicht wählen, in die Kategorie derer fallen, die dies grundsätzlich nicht tun. Diese Menschen kann die AfD also durch das Bespielen bestimmter Themen nicht gewinnen, aber die anderen Parteien können sie durch das Nicht- oder Falschbespielen bestimmter Themen auch nicht an die AfD verlieren.

Das Potential der AfD nach oben ist also begrenzt. Wie hoch liegt diese Grenze? Bei 40 Prozent? Vielleicht bei 50 Prozent?

Nach unten begrenzt ist das Potential der anderen Parteien, die AfD zurückzudrängen, durch die Wähler der zweiten Kategorie, deren Wahlentscheidung für die AfD nicht mit Themen, sondern mit Emotionen, Ängsten, Identitätsfragen und Einstellungen verbunden ist. Sie sind für die anderen Parteien nicht zu gewinnen. Aber wie viele sind das? 15 Prozent, vielleicht 20? Viele, aber das ist der Preis der Freiheit.

Zwischen 20 und 50 Prozent liegt der Teil der AfD-Wähler, der durch gute Politik für die anderen Parteien erreichbar ist. Mit rhetorischer Abgrenzung, aber ohne gute Politik hat die AfD ein Potential von 50 Prozent. Mit guter Politik, ob mit oder ohne rhetorische Abgrenzung, eins von 20 Prozent. Gute Politik ist wichtiger als rhetorische Abgrenzung. Als Politikberater würde ich deshalb den anderen Parteien dringend empfehlen: Macht wieder mehr gute Politik, von der die Menschen das Gefühl haben, dass sie ihre Probleme löst. Dann hat die AfD vielleicht immer noch 20 Prozent. Aber mehr nicht.

Für mehr gute Politik statt mehr gute Rhetorik in der Auseinandersetzung mit der AfD!

6 „Gefällt mir“

Wieder mal eine luzide Analyse von @Alex. Hinzufügen möchte ich, dass auch Parteien der Mitte sich radikalisieren können. Ereignisse wie das Brexit-Referendum, Pandemien oder neue Kriegsszenarien können eine im Einzelnen schwer vorhersehbare Dynamik erzeugen. Insofern sind m.E. alle auf Prozente der AfD bezogenen Prognosen in ihrer Bedeutung zu relativieren.

4 „Gefällt mir“

Für die traditionellen Parteien wohl kaum, richtig. Für solche Konstrukte wie BSW mag das aber schon anders aussehen.

Und da kann durchaus auch noch mehr kommen in die Richtung die nächsten Jahrzehnte. Was dann auch der AFD wiederum kosten wird…

Von daher ja, schwer zusagen wie weit man die AFD langfristig mal wieder drücken können wird - ich würde tippen unter die 10% früher oder später (zb. in 10 Jahren, vielleicht aber auch erst 20), ja, unter 5% wird schon wirklich schwierig werden, richtig.

Es sind aber eben die letzten Jahrzehnte (davor gab es ja viele Jahrzehnte lang wiederum fast nur noch die 3 Altparteien im Bundestag) so viele neue Parteien am Durchstarten gewesen - das ist extrem schwer zu prognostizierten was da noch so alles kommen wird.

Für die AFD und ihr langfristiges Wählerpotenzial aber eben wohl sogar noch entscheidender als die der Altparteien mittlerweile…

1 „Gefällt mir“

Das liest sich ja ganz schlüssig, lieber Alex. Bloß, was ist denn „Gute Politik“? Da dürfte es hunderttausende verschiedene Meinungen geben. Das, was Unionwähler oder - Gott bewahre - AfD-Wähler für gute Politik halten, halte ich dagegen für zumindest in Teilen schlecht, rückwärtsgewandt oder verantwortungslos.
Viel zu wenige Menschen sehen das Große Ganze und wählen dann einfach die Partei, die ein vermeintliches Hauptproblem zu lösen verspricht. Was man sich als „Beifang“ einhandeln würde, negiert man einfach.
Fatal, einfach fatal.

5 „Gefällt mir“

Bist du Realist? Schau dir Söders Vorgänger an, schau dir Hubsi an! Ich habe für Bayern meine Hoffnung aufgegeben. Wenn du denkst es geht nicht blöder, dann kommt…

1 „Gefällt mir“

Du beschreibst ein echtes Problem, aber ist es nicht praktisch unvermeidlich, dass man, wenn man eine Partei wegen des Themas X oder der Person Y wählt, sich mit seiner Wahlentscheidung auch immer irgendeinen unerwünschten „Beifang“ einhandelt, sei es personell oder programmatisch, den man sich lieber nicht eingehandelt hätte?

Ich glaube, man kann dieses Problem nicht umgehen, man kann nur versuchen, es zu minimieren, indem man die Partei wählt, bei der der Abstand zwischen dem einem am meisten zusagenden Thema oder der einem am meisten zusagenden Person und dem einem am unangenehmsten erscheinenden Beifang am größten ist:

Maximiere(max(Positiv) - min(Negativ))

2 „Gefällt mir“

Mit solch fehlender Kinderstube wird kein einziger AfD-Wähler zurückgewonnen, eher im Gegenteil. So pöbelt eher ein angetrunkener Kiezlude von der Herbertstraße.

Sehe hier keine fehlende Kinderstube.

Die sehe ich, wenn Fragen einfach nicht beantwortet werden, wenn mit dem Fuß aufgestampft wird (warum denke ich da an Rumpelstilzchen?), wenn permanent Zwischenrufe gemacht werden und sich dann bei Erwiderung beschwert wird (warum denke ich da an Mimimi?), wenn gehetzt und gelogen wird, wenn sich in jeder Äußerung fehlender Anstand zeigt, dann, ja dann sehe ich fehlende Kinderstube!

4 „Gefällt mir“

Van Aken hat sich entschuldigt. Der zumindest hat eingesehen, dass seine Äußerung ziemlich drüber war.

Zur fehlenden Kinderstube kann sich unser Kanzler aktuell ja mal äußern. :sweat_smile:

1 „Gefällt mir“

War klar, dass dich das wieder stört, wenn einem Nazi öffentlich über den Mund gefahren wird.
Aber an der Grenze auf Frauen, Kinder und Jugendliche zu schießen ist ok! :ok_hand:

2 „Gefällt mir“

Sehe ich ähnlich. Man gucke sich jetzt Labour bei uns an, die letzten Jahre in D, von Biden zu Trump in USA. Einfach mal gute Politik machen? Hört sich gut an, in der Praxis stellt sich das als eine große Herausforderung da.

1 „Gefällt mir“

Meinst du die Kinderstube, die der Typ, an den das adressiert war, hat vermissen lassen, als er ständig dazwischengequasselt hat mit seinem Nonsense? Diese menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Leute von der AfD haben keine Rhetorik der Aufgeschlossenheit und des Entgegenkommens verdient. Wer sich so verhält wie dieser Sauhaufen, der will keine Debatten im demokratischen Rahmen und der hat sie auch nicht verdient.


Wer nach den letzten Wochen immer noch glaubt, die AfD bestehe hauptsächlich aus unzufriedenen Protestwähler*innen, der will das zwar glauben, bewegt sich aber längst nicht mehr auf dem Boden der Faktenlage. Fakt ist, dass gerade der widerwärtige Wettbewerb darum, wer nun krasser, härter und häufiger abschieben kann als die andere Partei genau dem entspricht, was die AfD will.

Die lachen sich doch kaputt über Fritze Merz, der nun deren Punkte übernimmt und in den Bundestag einbringt + noch so tut, als würde er damit Wähler*innen zurückerobern können. „Wir müssen ja nur in den Dialog gehen“ my ass. „Wir müssen ja nur deren rechte Scheiße kopieren“ und dann wird das schon. Großartige Idee!

Es ist verachtenswert, wie im Bundestag von oben herab über Menschen mit Migrationshintergrund debattiert wird. Es ist verachtenswert, wie vor allem zwei Parteien aus dem demokratischen Spektrum immer mehr die Rhetorik derer übernehmen, die sich nicht im Rahmen unserer demokratischen Grundwerte bewegen. Und es ist noch viel verachtenswerter, dass es nur noch wenige Parteien gibt, die sich nicht von diesen ganzen Ablenkungsdebatten beeinflussen lassen.

Am schlimmsten aber ist, dass in einem TV-Duell 30 Minuten über Migration gequatscht wird, was 1/3 der Sendezeit entspricht. Ein Gespräch darüber, wer nun am widerlichsten mit Menschen umgeht. Coole Sache. Und wie lange wurde über den Klimawandel gesprochen? Eine Minute. Probleme, die in allen Umfragen ganz oben mit dabei sind, die die Menschen beschäftigen? Nicht existent. Stattdessen werden immer wieder dieselben Argumente zum Migrationsthema auf den Tisch gepackt. Was für ein mediales Versagen es doch ist, wenn man den gesamten Wahlkampf damit verbringt, statt sich endlich mal auch auf die anderen Themen zu fokussieren.

Diplomatie ist kein Wegweiser, wenn es um die AfD geht. Jeder Schritt auf sie zu ist ein Stützpfeiler unserer Demokratie weniger.

5 „Gefällt mir“

Hast du dafür eine Quelle? Würde ich gern nachlesen. Google hat mir gerade auf die Schnelle nix ausgespuckt.

1 „Gefällt mir“

Huch, da ist aber jemand emotional an einem tristen Mittwoch-Nachmittag.
Starke Brandrede :fire:

2 „Gefällt mir“

Boah, das ist ja arg konstruiert. Das „sorry“ ist doch allenfalls eine Nonpology in dem Kontext, weil er es direkt hinterher murmelt. Das ist wie „Sorry, aber du bist ein Depp“. Da würde auch niemand auf die Idee kommen, das als Entschuldigung zu werten. Zumal die Linke damit anschließend Wahlkampf betrieben hat. Wenn ihm das so Leid tun würde, hätte er der Social-Abteilung aber mal ganz sicher einen Wink gegeben.

4 „Gefällt mir“

Mir kam seine Reaktion in der Sendung so vor, dass er selbst ein wenig erschrocken war über seinen heftigen Ausbruch und sich dann entschuldigt hat.

Oder sich von der Social-Abteilung überzeugen lassen, dass man seine Entgleisung ganz prima ausschlachten kann.

Wie würdest du die Aussage bewerten, wenn sie andersherum getätigt worden wäre?
„Nun halten sie doch mal ihren linken Rand.“

Irgendwie glaube ich, dass du das furchtbar verteufeln würdest.

Nicht besonders klug vom Bundeskanzler.
Könnte man fast als Eigentor bezeichnen, so kurz vor der Wahl.