Ich auch nicht. Ich habe @Gratschifters Ausführungen nur als Steilvorlage für meinen eigenen Beitrag benutzt, man kann auch sagen: missbraucht. Ich bekenne mich schuldig, es in der Auseinandersetzung mit @Gratschifter am notwendigen sprachlichen „Softening“ (Relativierungen, Einordnungen, Erläuterungen, ich wisse, dass er es nicht so gemeint habe usw.) vermissen lassen zu haben. Dadurch konnte mein Beitrag stärker als Abrechnung mit der Person @Gratschifter wirken, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Sei bitte versichert, @Gratschifter, dass mein Beitrag nicht gegen Dich persönlich gerichtet war.
Betrug? Nein. Nur ein kleiner Teil der weltweiten Vermögen wird illegal erworben. Ich behaupte mal, dass über 90 Prozent aller Vermögen auf dieser Welt legal erworbene Vermögen sind.
Was die „Ausbeutung von Mutter Erde“ angeht, so höre ich das immer wieder als Schlagwort in der politischen Diskussion und frage mich dann oft, ob die Leute, die diese Formel gerade verwenden, mir in dem gleichen Moment auch erklären könnten, was sie damit eigentlich meinen, oder ob sie nur eine Phrase wiederholen, die mittlerweile zum Standardrepertoire der Kommunikation moderner Gesellschaften gehört, die sie für sich übernommen haben, weil sie sich sachlich und moralisch intuitiv irgendwie richtig anfühlt und das gute Gefühl vermittelt, auf der „richtigen Seite“ zu stehen.
Was soll das heißen, „Ausbeutung von Mutter Erde“? Was wird da ausgebeutet? Welche endlichen Ressourcen der Erde, die für uns als Menschheit lebensnotwendig sind, beuten wir als Menschheit unwiederbringlich aus und zerstören damit unsere eigene Lebensgrundlage auf diesem Planeten?
Mir fallen zum Beispiel spontan keine endlichen Ressourcen der Erde ein, die wir als Menschheit „ausbeuten“, die nicht ersetzbar wären: Der Sauerstoff geht uns nicht aus; wenn das Süßwasser verbraucht ist, können wir Salzwasser desalinieren. Nahrung ist eine Ressource, die ständig in größeren Mengen erneuert werden kann, als sie die Menschheit verbraucht. Wenn uns das Öl ausgeht, werden wir auch ohne Öl auskommen. Wenn uns die Kohle ausgeht, werden wir auch ohne Kohle auskommen. Wenn uns die Steine ausgehen, können wir mit Holz bauen, und das Holz geht uns nicht aus, weil wir es nachwachsen lassen können (nicht ganz ernst gemeintes Beispiel, aber das Schema stimmt). Alle endlichen Ressourcen sind im Prinzip substituierbar. Alle für den Menschen lebenswichtigen Ressourcen sind erneuerbar bzw. unbegrenzt vorhanden. Wo genau ist also das Problem der Ausbeutung von Mutter Erde?
Wenn Du von Ausbeutung von Mutter Erde sprichst, meinst Du wahrscheinlich auch Dinge wie Plastik in den Ozeanen, die Überfischung der Meere, die Abholzung der Regenwälder, die Übersäuerung der Böden, die Verschmutzung der Luft und den Verlust der Biodiversität.
Ich würde diese Probleme zwar nicht mit dem Begriff „Ausbeutung“ beschreiben (Du möglicherweise auch nicht), aber es sind reale Probleme.
Nur: In all diesen Punkten hat die Menschheit in den letzten zehn bis zwanzig Jahren gewaltige Fortschritte erzielt. Die weltweite Luftqualität, ein Problem insbesondere in großen Städten, verbessert sich ständig. Im Ackerbau ist der Hochpunkt der Landnutzung und der Beanspruchung der Böden durch Intensivierung der Produktion und technischen Fortschritt bereits überschritten. Die Rate der globalen Abholzung von Wäldern verlangsamt sich und ist mit einfachen weiteren Anpassungen komplett reversibel usw. Ich möchte in diesem Zusammenhang das sehr informative und sehr gut lesbare Buch Not The End of the World von Hannah Ritchie wärmstens empfehlen, das einen faktenbasierten Blick auf den Zustand unseres Planeten in diesen Fragen und die Zukunft der Menschheit wirft und zu dem Schluss kommt, dass a) es bei vielen der genannten Themen um den Planeten und die Menschheit viel besser steht, als es die oft grenzwertig dystopische öffentliche Diskussion vermuten lässt, und dass b) die Menschheit es schaffen kann, allen bald zehn Milliarden Menschen ein gutes Leben in materiellem Wohlstand zu sichern, ohne dabei den Planeten zu zerstören oder „auszubeuten“.
Was Deinen zweiten Punkt, die Ausbeutung von Menschen, betrifft, so stimme ich Deinem ethischen Imperativ sofort zu: Die Ausbeutung der Schwachen zugunsten der Starken im globalen Wirtschaftsprozess ist falsch und zu verurteilen. Auch die Näherin für H&M in einem bangladeschischen Sweatshop oder der 16-jährige Junge, der in Pakistan Adidas-Bälle zusammenklebt, haben Menschenwürde und dürfen nicht zum Mittel unserer wirtschaftlichen Zwecke gemacht werden. Sie sollen fair bezahlt werden und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten können.
Ich bin mir aber ehrlich gesagt nicht sicher, inwieweit auf einer ganz praktischen Ebene ausländische Unternehmen für die Einhaltung von Arbeits- und Entlohnungsstandards z. B. in südostasiatischen Sweatshops realistisch verantwortlich gemacht werden können und ob es, wenn diese Unternehmen praktisch nicht in der Lage sind, die von uns hier definierten Standards dort einzuhalten oder durchzusetzen, für Länder wie Bangladesch oder Vietnam besser wäre, wenn die Arbeit, die diese Unternehmen bringen, dann dort gar nicht stattfände.
Nein, einen Grundkurs in Kapitalismus brauchen sicher die wenigsten. Aber ich wünsche mir in solchen sehr abstrakten und von starken Überzeugungen geprägten Diskussionen, bei mir gerade im Bereich der Wirtschaft, oft etwas mehr Verständnis für fundamentale fachlich-sachliche Zusammenhänge, bevor Urteile gefällt oder weitreichende Behauptungen mit Wahrheitsanspruch aufgestellt werden, und allgemein etwas mehr Konkretisierung und empirische Fundierung in der Diskussion, denn allzu oft lese ich Schlagworte wie „Ausbeutung der Mutter Erde“ oder „Ausbeutung der armen Länder“ oder „Überschreitung der planetaren Grenzen“ oder „die Milliardäre bereichern sich auf Kosten der Armen“ oder „der Kapitalismus führt zum Untergang der Erde“ oder ähnliches und frage mich dann: Was soll das eigentlich bedeuten? Was heißt das? Was sind „planetare Grenzen“? Was ist „Kapitalismus“? Wie drückt sich „Ausbeutung“ aus? Woran erkennt man sie? Wie läuft das Behauptete ab? Wer macht da was? Stimmt die Behauptung eigentlich empirisch? Und so weiter.
Fundierte Kritik an den negativen Auswüchsen des Kapitalismus (auch so ein Schlagwort) ist immer berechtigt! ![]()
(@cheffe: Dieses Segment soll kein persönlicher Angriff auf Dich sein! Ähnlich wie oben bei @Gratschifter habe ich Deine Formulierung von der „Ausbeutung von Mutter Erde“ nur als Anstoß genommen, um diese Behauptung und die Leute, die sie routinemäßig im Munde führen, einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Jede Schärfe, von der Du Dich zu unrecht getroffen fühlst, darfst Du gerne meiner Niedertracht zuschreiben, an Dir liegt es nicht.
)
@Gratschifter: Danke für Deine fulminante Antwort. Schon allein für die Mühe, die Du Dir meinetwegen gemacht hast, habe ich Dir ein Like gegeben.
Nein, ich bin, und ich war auch gestern, ganz ruhig. Ich fühle mich durch Kommentare wie Deinen eher auf eine angenehme Weise herausgefordert, als sie mich wütend machen.
Nein, das habe ich weder gesagt noch unterstellt.
Oh doch. Du darfst Dich hier gerne umhören, auch im Moderationsteam (@justin, @jep, @Lukenwolf1970). Ich gehöre sicher nicht zu denen, die anderen Menschen nicht zutrauen, für sich selbst zu denken und die Äußerungen anderer Menschen für sich selbst bewerten und einordnen zu können, ohne dass ihnen dabei ein intellektueller Babysitter über die Schulter schauen muss, damit sie sich ja nicht von bösen Scharfmachern und Demagogen verführen lassen.
What??
Das stimmt. Ich habe Deine Ausführung nur als Ausgangspunkt für meine eigenen Überlegungen gewählt, aber das konntest Du – zu Recht – missverstehen. Entschuldige bitte.
Die Fragen, die sich mir stellen, sind andere:
- Welcher Grad von Eingriff in die persönliche Freiheit ist gerechtfertigt? Der Entzug von Eigentum ohne die Möglichkeit, sich dagegen wehren zu können, ist ein Eingriff in die individuelle Freiheit, das Eigentum und die Möglichkeit, seine Persönlichkeit nach seinen vollen Möglichkeiten entfalten zu können. Freiheit und das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung sind einige der höchsten Güter des Menschen in liberalen Gesellschaften. Eingriffe in das Eigentum dürfen nie Selbstzweck sein, sondern allenfalls Mittel zum Zweck, und als solche müssen sie gut begründet sein. Warum sind 10.000 Euro Einkommen pro Monat (oder 100.000) grotesk? Warum ist es nicht grotesk, so eine Frage zu stellen?
- Wie sehr werden die Innovationskraft, die Leistungsbereitschaft des Einzelnen (um sich das teure Auto, das schöne Haus mit dem großen Garten, den Urlaub in der Südsee, die Finca auf Mallorca, die regelmäßigen Shoppingtrips nach Paris und Shanghai, die Weltreisen für die Kinder, den Besuch der großen Kunstmuseen der Welt usw. leisten zu können) und die Kapitalakkumulation in Unternehmen und damit das Wirtschaftswachstum und schlussendlich der Wohlstand aller darunter leiden, wenn das Einkommen bei einer Million Euro pro Jahr gedeckelt wird? Wenn Milliardäre „verboten“ werden?
- Warum haben so viele Menschen ein Gesellschaftsverständnis, in dem der Staat im Zentrum steht und der Ausgangspunkt aller Überlegungen ist und das Individuum erst an zweiter Stelle kommt? Warum scheint es für viele Menschen mehr rechtfertigungsbedürftig zu sein, dass Menschen einen möglichst großen Teil ihres Einkommens behalten dürfen, als es aus ihrer Sicht für den Staat rechtfertigungsbedürftig ist, dass er es den Menschen im großen Umfang wegnimmt?
Versteh mich bitte nicht falsch. Ich bin kein Libertärer und ich lebe gerne in einem hochentwickelten Sozialstaat, der seinen Bürgern in vielerlei Hinsicht Lebenssicherheit bietet. Ich bin auch damit einverstanden, dass der Staat dafür rund 50 Prozent der Wirtschaftsleistung absorbiert und für seine Zwecke umverteilt (die eigentlich unser aller Zwecke sind oder zumindest sein sollten).
Aber die ursprüngliche Position, dass sich der Einzelne vor dem Staat rechtfertigen muss, statt dass der Staat sich vor dem Einzelnen rechtfertigen muss, wenn es um Eingriffe in die Freiheit und das Eigentum des Einzelnen geht, halte ich für den fundamental falschen Denkansatz (sorry, @Gratschifter
).
Ich bin auch immer wieder verblüfft, mit welcher Leichtigkeit manche, auch hier im Forum, hohe Steuern auf Einkommen und Vermögen fordern, ohne zu sagen, was mit dem Geld eigentlich geschehen soll. Sind hohe Steuern auf hohe Einkommen ein Selbstzweck? Fehlt es dem Staat an Geld? Wenn der Staatshaushalt seit dem Jahr 2000 real um ca. 30 Prozent gewachsen ist (was der Fall ist), aber das Land nicht größer geworden ist, warum hat der Staat dann heute immer noch zu wenig Geld? Wenn der Staatshaushalt in Zukunft noch weiter wachsen würde, wann hätte der Staat genug Geld? Woher kommt eigentlich dieses Vertrauen, dass der Staat nur noch etwas mehr Geld einnehmen und für seine Zwecke ausgeben müsste, damit wir endlich in einer besseren Gesellschaft leben können? Warum leben wir eigentlich noch nicht im Paradies angesichts der 30 Prozent realen Budgetwachstums seit 2000. Was passiert eigentlich mit dem vielen Geld? Warum fragt das niemand? Warum rufen alle nur nach noch mehr Geld für den Staat? Denn gefühlt passiert ja eher das Gegenteil: Die Staatseinnahmen wachsen seit Jahrzehnten stärker als die Inflation, aber unter dem Strich funktionieren wesentliche Bereiche unserer Gesellschaft trotzdem immer schlechter: Die Infrastruktur bröckelt, die Bürokratie wird immer byzantinischer und träger, die Schnittstellen zwischen Staat und Bürger sind ein Horror, überall fehlt es an Ressourcen.
Wie kann das sein?
Bitte verzeiht mir, wenn ich nicht glaube, dass es mit ein bisschen mehr Geld für den Staat (nur ein bisschen! Versprochen!) irgendwie wieder besser wird.
Ich habe nichts gegen „Steuererhöhungen für Reiche“, aber bitte vorher das System reparieren. Sonst haben wir irgendwann 90 Prozent Steuern auf alles und das Land wird trotzdem kaputt sein.
EDIT: Korrektur einiger Fakten im letzten Abschnitt; keine Veränderung der Gesamtaussage.


