Özdemirs Hintergrund ist ein ganz anderer als der vieler Migrant*innen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind und leider merkt man ihm das in seinen Äußerungen häufig an.
Ich habe kein grundsätzliches Problem mit ihm, im Gegenteil, aber Özdemir ist für mich deutlich näher am typischen weißen, deutschen Politiker als an einem Mann, der für alle Migrant*innen sprechen könnte (mal abgesehen davon, dass es einen solchen ohnehin nicht gäbe, weil die Probleme deutlich komplexer sind).
Dass er einen „Shitstorm“ für die Aussage über seine Töchter bekam, geschenkt. Die, die ihn dafür kritisiert haben (=/= Shitstorm), haben viele richtige Punkte aufgeworfen. Ich kenne auch viele Frauen in meinem Umfeld, die sich nachts nicht allein auf die Straße trauen. Der Grund dafür sind Männer. In einem Umfeld mit vielen Migranten in „Problemvierteln“ sind es häufig Männer mit Migrationshintergrund. In Sozialbrennpunkten, in denen hauptsächlich Deutsche leben, sind es eben deutsche Männer. Beide Geschichten gibt es genauso wie eine Mischung aus beidem. Die einzige Gemeinsamkeit all dieser Menschen, die Frauen belästigen ist das Geschlecht. Man muss sich ja nur die Kriminalstatistiken vergegenwärtigen, um einen Eindruck davon zu bekommen, dass Gewalt gegen Frauen auch ohne den Anteil an Migranten ein Problem in diesem Land ist. Ein riesiges.
Ich verstehe jede Frau, die sich nachts nicht auf die Straße traut. Ich habe kein Verständnis für Menschen, die diese Thematik auf Ausländern abwälzen wollen.
Ich finde darüber hinaus eine weitere Entwicklung sehr schade. Über die Jahre hat es immer wieder Menschen mit Migrationshintergrund gegeben, die sich als Experten in ihrem Gebiet hervorgetan und einen überaus kritischen Blick auf die Migrationsfrage haben – teils sogar einen populistischen. Nichts dagegen einzuwenden, dass sie ihre Meinung kundtun und diese Meinung haben, solange sie sich sachlich begründen lässt. Darum geht es mir nicht. Mir geht es eher darum, dass einige Deutsche sich diesen Teil der Expert*innen im Migrationsbereich zusammensuchen, sie als Instanz für sich aufbauen, weil die eigenen Denkmuster und vielleicht auch die eine oder andere Erfahrung, die man in der eigenen „Blase“ gemacht hat, bestätigt werden.
Und die dann aber nicht mehr empfänglich sind für die vielen anderen Migrant*innen, die anderer Meinung sind und andere Perspektiven aufwerfen. Mir gefällt das nicht. Zumal ich es gefährlich finde, wenn Menschen wie Özdemir – bei allem Respekt vor seiner Lebensleistung – hingestellt werden, als könnten sie eher bewerten, wie mit der heutigen Migration umzugehen ist. Özdemirs Meinung ist gewichtig und auch wichtig. Aber sie ist längst nicht das letzte Wort in solchen Debatten und gar nicht mal selten auch nicht gehaltvoller als das, was Leute von sich geben, die in der Migrationsfrage nur eine Richtung kennen.