Warum die AfD so viele Wàhler aus der Arbeiterklasse dazugewonnen haben.
Der Industriesoziologe Klaus Dörre hat in zahlreichen Studien Einstellungsmuster und Lage deutscher Industriearbeiter untersucht, oft in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften.
Klaus Dörre: Der Anteil der Arbeiter, der AfD wählt, steigt seit Jahren. Bei der Wahl zum Europaparlament waren es noch 33 Prozent, jetzt sind es bei der Bundeswahl 38 Prozent. Bei den Arbeitslosen kam die AfD auf 34 Prozent, fast das Dreifache der SPD. Bei den Landtagswahlen in Thüringen haben 49 Prozent der Arbeiter AfD gewählt, in Brandenburg 46 Prozent, in Sachsen 45 Prozent. Nicht nur der Wahlerfolg der AfD in dieser Gruppe ist überdurchschnittlich hoch, sondern auch der Zuwachs seit den letzten Wahlen.
Kann man das einfach mit Abstiegsängsten und Wohlstandsverlusten erklären?
Das greift zu kurz. Wir haben in verschiedenen Studien Industriearbeiter in der Automobilindustrie befragt. Das sind Leute, die relativ gut verdienen, aber um ihren Status fürchten. Bei VW zum Beispiel wurde die Beschäftigungssicherungsgarantie bis 2029 erkauft mit einer Produktivitätssteigerung um 30 Prozent im Dreischichtsystem. Die Arbeiter im VW-Werk Kassel-Baunatal sagten uns, das ist Schmerzensgeld für unsere verlorene Lebenszeit. Sie haben völlig zu Recht das Gefühl, dass ihre Probleme in den öffentlichen Debatten nicht vorkommen. Dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden, nicht anerkannt und ernst genommen zu werden, ist uns bei unseren Befragungen von Industriearbeitern immer wieder begegnet. Das erzeugt ein Gefühl der Kränkung, das Rechtspopulisten gekonnt bewirtschaften.
Geht es dabei nur um Arbeitsbedingungen und fehlende Sicherheit?
Nein, das geht viel weiter. Das betrifft auch so etwas wie Wertorientierung, kulturelle Prägungen, Lebensformen. Es geht natürlich auch um Geld, aber subjektiv wiegt es manchmal schwerer, wenn die eigenen Vorstellungen vom guten Leben gesellschaftlich missachtet werden. Wenn jemand auf dem Land lebt und in Eisenach in der Fabrik arbeitet, braucht er ein Auto, und vielleicht hat er auch Spaß daran, ein schnelles Auto zu fahren. Diese Leute registrieren sehr genau, wenn in Teilen der öffentlichen Debatte Autos, erst recht solche mit Verbrennermotor, verteufelt werden. Die Leute arbeiten hart, sie sind stolz auf ihr Häuschen und ihr Auto. Das ist ihr Entwurf vom guten Leben. Wenn das infrage gestellt wird, rappelt es. Sie wollen nach Feierabend ihre Ruhe haben und sich ganz sicher nicht „von Leuten, die von Bandarbeit keine Ahnung haben, irgendetwas vorschreiben lassen“ – das ist ein wörtliches Zitat aus unseren Befragungen.
Wer will ihnen denn in ihrer Freizeit Vorschriften machen?
Sie fühlen sich von bessergestellten Akademikern und einem grünen Diskurs bevormundet, der zum Beispiel ihre Liebe zum getunten Auto verachtet. Arbeiter in ländlichen Industrieregionen, Baden-Württemberg, Bayern, Nordhessen, waren lange Zeit klassische SPD-Klientel. Sie sind in ihren Wertvorstellungen relativ konservativ, etwa was die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oder die Zentralität von Familie angeht. Dieses traditionelle Familienbild sehen sie bedroht. Die AfD nutzt das aus. Die Festanstellung war für diese Arbeiter verbunden mit etwas, was wir Sozialeigentum nennen, also Partizipationsrechte, soziale Rechte, soziale Sicherungssysteme. Das konstituierte den Status eines Sozialbürgers. Je stärker das erodiert, etwa weil soziale Rechte oder die Festanstellung bedroht sind, desto aggressiver werden tradierte Geschlechterrollen und Familienbilder verteidigt, als sei das ein letzter Halt, wenn alle Sicherheiten wegbrechen.
Es will ihnen ja niemand ihre Familie oder ihre Vorstellungen von Männlichkeit wegnehmen. Woher kommt die Aggression?
Vom Empfinden, dass das, was man selbst als normal empfindet, infrage gestellt wird. Sie haben permanent das Gefühl, dass in den gesellschaftlichen und medialen Öffentlichkeiten über alles Mögliche, jede Minderheit und jede sexuelle Orientierung geredet wird, und dass sie selbst mit ihren Lebensentwürfen nicht mehr vorkommen. Und wenn doch, werden sie als spießig und provinziell missachtet. Das kommt bei ihnen als Angriff auf ihre Vorstellung von Normalität an. Aber es gibt immer auch das genaue Gegenteil, zum Beispiel queere Arbeiterinnen und Arbeiter, die ganz andere Lebensentwürfe und Beziehungsformen haben und das auch offensiv vertreten.
Und das alles ergibt eine explosive Mischung des Gefühls der Bedrohung und Zurücksetzung?
Das Unbehagen großer Teile der Arbeiterschaft hat viel mit dem Eindruck zu tun, dass die Würde der eigenen Arbeitstätigkeit und Statusposition verloren geht. Das ist Ehrverlust, eine altmodische, aber sehr treffende Bezeichnung von Max Weber. Das ist in der Arbeiterschaft sehr stark verbreitet. Französische und amerikanische Soziologen kommen in ihren empirischen Studien zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Es gibt nicht nur die Angst vor materiellem Statusverlust, man kann sich auch kulturell missachtet fühlen.
Das Interview geht noch weiter. Der hier beleuchtete Teil aus meiner Sicht auf, wie zersplittert unsere Gesellschaft ist. Die große Frage ist, was machen wir damit?