Den (fettgedruckten) Satz hab ich seit langer Zeit so häufig im Kopf…
Es ist eine Sache, diesen weltweiten Backlash an fragwürdigen Werten oder Weltbildern einfach mal als gegeben hinzunehmen. Ich habe unzählige mal mehr, mal weniger schlaue Analysen verschlungen, die mir wiederum unzählige Ansätze vermittelten, warum sich die einen abgehängt oder die anderen ungehört oder was weiß ich fühlen, und jetzt schlagen sie zurück.
Auch hier haben wir ja schon die Mär vom vermeintlich konservativen Zeitgeist gelesen, der die jahrelange progressive Agenda jetzt halt mal wieder in die Schranken weist.
Aber, ganz ehrlich:
Manche Dinge verstehe ich immer noch nicht, die den Leuten offenbar im Kopf rumschwirren (und was sie in die Arme von Erscheinungen wie Trump, Musk, Milei, Putin, Weidel etc treibt).
Es ist keine soziologische Analyse, aber ich ertappe mich manchmal bei der Beobachtung, dass vieles von dem ganzen Mist angefangen hat, als die USA Obama wählten.
Das ist das Perverse daran (sofern meine Beobachtung auch nur halbwegs stimmig ist):
In dem Moment, wo Menschen wie ich das sichere Gefühl hatten, dass wir vor großartigen Zeiten stehen, dass diese Wahl eine mindestens symbolisch unermessliche Aussagekraft hatte, welche gesellschaftlichen Errungenschaften und Durchbrüche möglich wären - in genau diesem Moment begann sich die Gegenbewegung zu formieren. Und heute haben wir den absoluten Gegenentwurf von Obama im Weißen Haus: scheiß auf Diversität, scheiß auf Minderheitenrechte, scheiß auf Frauenrechte, scheiß auf Gerechtigkeit oder gesellschaftlichen Fortschritt oder Vernunft oder Zusammenarbeit oder Wissenschaft oderoderoder.
Aber was geht eigentlich im Kopf von Menschen vor, die ihren Hass verbreiten angesichts etwa eines Themas wie der Gender-Forschung? Da kommen Wissenschaftler halt zu der Erkenntnis, dass es gerechtfertigt sei zu sagen, dass es über die binäre Formel Mann-Frau weitere Ausprägungen gibt, die biologisch, sozial oder sonstwie entstehen. Ja, sind die denn irre? Die müssen sofort mit Shitstorms zugemüllt werden, ach was, denen gehört die Lehrerlaubnis entzogen, sämtliche Bibliotheken müssen gesäubert werden…
Und ich denke mir:
Worin genau besteht eigentlich das Problem?
Ich meine, das ist doch nicht mal eine Frage von konservativ/progressiv oder gar von rechts/links oder solchen Schemata.
Klar, wenn Frauen plötzlich anfangen, Jobs zu wollen, die seit Jahrhunderten hauptsächlich Männern gehören, bedeutet das Konflikt. Selbiges bei Minderheiten in der Hautfarbe oder Herkunft, die die white supremacy nach hinten drängen.
Aber hinsichtlich Gender?
Was stört es mich denn, ob sich mein Gegenüber als non-binär definiert? Werde ich selbst dadurch irgendwie beleidigt oder beeinflusst, wird mir was weggenommen, ist meine Existenz irgendwie in Gefahr? So dass es gerechtfertigt ist, dass ich mich wehre, indem ich der anderen Existenz quasi bescheinige, nun ja: nicht-existent zu sein? (Präsident Trump: „Es gibt nur zwei Geschlechter. Fertig.“
Wie @Cosray8d oben sagt:
Welches verfluchte Mindset steckt da dahinter???
Ich benutze solche Wörter für gewöhnlich nicht gern, aber mir erscheint das Problem eben gar nicht darin zu liegen, ob jemand konservativ oder progressiv oder sowas Kategoriales ist - mir scheint das Problem eher darin zu liegen, ob man, sorry, ein rechtes Arschloch ist, das sich offenbar nur ungern der Tatsache stellt, dass nicht jeder einzelne Mensch genau so ist wie man selbst. Und zwar ausschließlich wie man selbst.
(Übrigens steht das „rechte“ hier nicht für die politische Ausrichtung.)
Ein Arschloch-tum, das sich eines Feindes besinnen muss, das gern tritt, und zwar bevorzugt nach unten. Das das Fremde braucht, um sich der eigenen Identität zu versichern, was nur in strikter Abgrenzung gegen das Andere möglich ist. Das das Männliche braucht, weil nur so der berühmte Schwanzvergleich möglich ist.
Und jetzt ziehen wir uns alle die Hemden aus und reiten auf einem Pferd davon.
Armselig.