Kürzlich, es war noch vor dem Schwenk auf Harris, habe ich mit jemandem darüber räsoniert, ob ich bei der anstehenden Präsidentschaftswahl eher einer demokratischen Strohpuppe mit Mikrofon im Mund, durch die eine Gruppe von White-House-Beratern ihre Politik verkündet, oder Trump meine Stimme geben würde, wenn ich an der Wahl teilnehmen dürfte. Ich hätte mich für die Strohpuppe entschieden.
Trotzdem glaube ich nicht, dass man all die ja wirklich ziemlich befremdlichen Aussagen, die Trump den lieben langen Tag lang vom Stapel lässt, zum Nennwert nehmen darf. Für mich ist Trump ein Businessmann, der die Welt als ein Nullsummenspiel zwischen durch Transaktionen verbundene Parteien ansieht, die sich in Verlierer und Gewinner aufteilen und der eine nur gewinnen kann, wenn die anderen verlieren. Dies ist die beharrliche Substanz seiner Persönlichkeit über die Jahrzehnte seines Lebens hinweg, die bleibt, wenn man all die wandelbaren Attribute an ihr, die heute so und morgen anders sein können, abzieht. Dies ist die zentrale Lektion, die ich über diesen Mann aus dem Konsum einer ganzen Reihe von Interviews mit Trump aus den 80ern und 90ern bei der BBC im Programm Hardtalk, bei Letterman, bei CBS und diversen weiteren Ausschnitten von Interviews auf YouTube gelernt habe.
Eine der zentralen Policy-relevanten Aussagen von Trump, die sich wie ein roter Faden durch sämtliche seiner Interviews zieht und seine Weltsicht konzise beschreibt, ist die sich ständig wiederholende Aussage, dass Amerika von anderen „ripped off“ wird, womit er finanziell übervorteilt meint. In den 80er Jahren sind es die Japaner mit ihren Elektrogeräten und Autos, mit denen sie den amerikanischen Markt schwemmen, in den 90ern die Kuwaitis mit ihrem zu teuren Öl und heute sind es die Chinesen mit ihren Billigexporten und ihrem Klau der Arbeitsplätze der amerikanischen Industrie sowie die NATO-Partner, die ihren „fair share“ an den Militärausgaben des Bündnisses nicht leisten und sich ihre Sicherheit praktisch vollständig von den Amerikanern finanzieren lassen (womit er auch nicht ganz Unrecht hat). Dieser Geschichte eines konstanten finanziellen und ökonomischen „rip-offs“ Amerikas, den er ständig sieht, will er unbedingt ein Ende bereiten. Die anderen gewinnen, die Amerikaner verlieren, das muss gestoppt werden. Aus diesem tief sitzenden, für Trumps Persönlichkeit fundamentalen Denkschema entspringt sein Impetus, seine Nato-Partner zur Not ans Messer zu liefern, wen sie nicht zahlen, sein Vorschlag 100-prozentiger Einfuhrzölle auf chinesische Elektroautos einzuführen, überhaupt der ganze ökonomische Kampf gegen China bei gleichzeitiger finanzieller Stärkung amerikanischer Niedriglohnverdiener (ja, das will er wirklich, er hat sich in Interviews schon in den 80ern für höhere Mindestlöhne ausgesprochen, um durch die dadurch höhere Kaufkraft im Niedriglohnsektor die heimische Wirtschaft zu stärken). Derselben Logik gehorcht auch sein Kampf gegen die illegale Migration, die er zu Lasten der Arbeitsplätze amerikanischer Niedriglohnverdiener erfolgen sieht.
Kurzum, Trumps zentrales Anliegen ist meines Erachtens der ökonomische, meist unmittelbar finanzielle Vorteil Amerikas und dass sein Land in der Welt nicht eines ist, das von anderen „ripped-off“ wird. Weil dies so ist und weil Trump in seinen Ansichten im Laufe der Jahrzehnte keine zweiten so eindeutig als ihm wichtig zu erkennende Substanz verrät, würde ich allen anderen seiner politischen Aussagen hinsichtlich des Grades der Überzeugung, mit der er sie vertritt und Entschlossenheit, mit der er sie nach einer eventuellen Wiederwahl umsetzen würde, nicht allzu viel Gewicht beimessen. Dass Trump die Abtreibungsrechte der Frau in dunkelste Vorzeit zurückregeln würde, halte ich zum Beispiel für ziemlich unwahrscheinlich. In den 80ern und 90ern war er noch vehement pro choice und selbst heute ist er, aller Anbiederung an christlich-evangelikale Interessen- und Wählergruppen zum Trotz, bei diesem Thema öffentlich sehr zurückhaltend und lässt sich auch programmatisch nicht festlegen (jüngster Beleg: das diesbezüglich sehr zurückhaltend und uneindeutig formulierte Wahlprogramm der Republikaner, das auf der Republican National Convention vor ein paar Tagen verabschiedet wurde). Bei jemandem wie Trump, der für seinen Wahlerfolg alles und nichts gleichzeitig versprechen würde, spricht das dafür, dass er bei dem Thema lange nicht so entschlossen ist, wie viele hier zu glauben scheinen, und schon gar kein Hardliner.
Ich empfehle bei allen Aussagen, die Trump macht, die die Umsetzung einer bestimmten Politik für die Zeit nach der Wahl versprechen, die folgende Heuristik, um abzuschätzen, wie ernst er es damit meint: Geht es darum, dass jemand Amerika finanziell übervorteilt oder jemand auf Kosten von Amerika den free rider gibt? Geht es darum, dass Amerika verliert? Geht es darum, dass Amerika verliert und jemand anders gewinnt? Geht es um etwas, mit dessen Umsetzung Amerika (und Trump persönlich) sich auf der internationalen Bühne als Macher gut aussehen können? Dann kann man davon ausgehen, dass Trump die Ankündigung mit inhaltlicher Überzeugung vertritt und dass er sich nach einer Wiederwahl auch tatsächlich daran machen wird, sie politisch umzusetzen, ansonsten ist es bloße Wahlkampfrhetorik im Kampf um dringend benötigte Stimmen, für deren Umsetzung für die Zeit nach der Wahl aus der Härte der Wortwahl, der Entschlossenheit des Vortrags, des Grades der Anbiederung an sein Publikum und der Empörtheit im Ton nicht viel abzulesen ist.
(Ich bin mir auch nicht so sicher wie einige von Euch, dass Trump sich zum Diktator machen wird, und auch die vom Project 2025 ausgehende Gefahr für Amerika halte ich unter anderem dank Trumps Ichbezogenheit und seiner für strategisches Arbeiten denkbar ungeeigneten Sprunghaftigkeit im Handeln sowie des schieren Umfangs des Projekts - es sollen ja angeblich bis zu 50.000 leitende Beamte in Dutzenden Ministerien und Behörden ausgetauscht werden, das wird aus einer Vielzahl von Gründen niemals klappen, und schon gar nicht innerhalb von vier Jahren -, auch für geringer als viele von Euch, aber dazu vielleicht ein andermal mehr.)