Vielen Dank für die teilweise anregende Diskussion zum Wahlergebnis, die mich zu folgender Frage an Euch veranlasst:
Dass die CDU 30 Prozent und die SPD 14 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten haben, wird für beide Parteien als schlechtes Ergebnis interpretiert, 16 Prozent für die AfD hingegen als gutes.
Warum eigentlich? Warum sind 16 Prozent für die AfD numerisch nicht ein annähernd genauso gutes oder schlechtes Ergebnis wie 14 Prozent für die SPD? Und warum werden selbst 30 Prozent für die CDU numerisch als ein schlechteres Ergebnis gewertet als 16 Prozent für die AfD?
Wer jetzt sagt: „Ja, aber schau doch mal, wo die Parteien herkommen! Vor 20 Jahren kämpften CDU und SPD noch um die 40-Prozent-Marke, heute liegen sie bei 30 und 15 Prozent. Vor 15 Jahren gab es die AfD noch gar nicht, und heute liegt sie bei 15 Prozent!“, dem antworte ich: Die Beobachtung an sich ist richtig, aber diese Form der Argumentation setzt voraus, dass die Wahlergebnisse dieser Parteien einem festen Trend folgen, der sich auch in Zukunft ungebrochen fortsetzen wird, gewissermaßen wie ein absoluter, notwendiger historischer Prozess. Demnach wären CDU und SPD irgendwann prozentual irrelevant und die AfD bei über 50 Prozent.
Aber ist das so? Gibt es diese Notwendigkeit? Wird die AfD mit fortschreitender Zeit zwangsläufig bei Wahlen immer größere Stimmenanteile gewinnen? Wer sagt denn, dass ähnlich wie historisch die Grünen nicht auch die AfD irgendwann - und möglicherweise bereits heute - eine Art obere Grenze der Zustimmung in der Bevölkerung erreichen wird oder zumindest einen Punkt, ab dem weitere nachhaltige Zugewinne wirklich richtig schwierig werden?
Wenn man die geschichtliche Notwendigkeit einer immer stärker werdenden AfD negiert; wenn man annimmt, dass auch für die AfD die Bäume nicht in den Himmel wachsen und sich die Stimmen von Wahl zu Wahl quasi wie von selbst vermehren - und der Einbruch der AfD von über 20 Prozent in den Wahlumfragen für die Europawahl im Frühjahr auf jetzt tatsächlich 16 Prozent deutet an, dass diese Annahme nicht vollkommen unbegründet ist -, was bleibt dann noch von dem Bedrohungspotential der AfD? Ich meine das nicht als Relativierung, sondern als offene Frage.
Persönlich bin ich ganz wie @Faenger Optimist und weil ich keine geschichtliche Notwendigkeit eines sich immer weiter fortsetzenden Aufstiegs der AfD sehe, diesbezüglich auch ganz entspannt. Ich glaube, dass das Stimmenpotential für die AfD, was sie aus sich selbst heraus in einem positiven Sinne, das heißt über aktiven Zuspruch zu der Partei, ihrem Personal und ihren Werten, generieren kann, so, wie die Partei heute aufgestellt ist, nur noch begrenzt über das gegenwärtige Niveau hinaus aufwärtsmobil ist. Alles, was (deutlich) über den Zuspruch von heute hinausgeht, halte ich nur über zusätzlichen Treibstoff von außen wie etwa schlechte Politik der anderen Parteien oder einen außergewöhnlichen Katastrophenfall für möglich.
Das Schlechte daran? Die anderen, etablierten Parteien können mittels mangelhafter Politik dazu beitragen, dass die AfD (noch) stärker wird. Aber aus derselben Quelle entspringt auch das Gute: Die anderen Parteien haben es in der Hand, über gute Politik dazu beizutragen, dass die AfD es nicht wird. Und eine AfD mit 15 oder 20 Prozent, denke ich, kann unsere Gesellschaft verkraften.