Lieber @AlAs, ich finde Deine persönliche Nachricht sehr mutig offen, aber ich lese aus ihr auch eine tiefe Betrübtheit und Verzweiflung heraus. Vielleicht darf ich versuchen, Dir diese dunklen Gefühle etwas zu nehmen.
Keines der katastrophischen Szenarien, die in diesem Thread diskutiert wurden, wird eintreten. In 50 Jahren von heute wird die Welt nicht im Klimafeuer untergegangen sein, Deutschland wird nicht von Migranten überrannt worden sein oder sich in einen autoritär-islamischen Staat verwandelt haben. Deutschlands Bürger werden nicht zu Milionen der politisch verordneten Armut anheim gefallen sein, das deutsche Pro-Kopf-Einkommen wird vielmehr deutlich gewachsen sein, und die AfD wird sich entweder in der Opposition zerlegt haben oder so normal geworden sein, dass sie eine ganz gewöhnliche Partei ist und Regierungskoalitionen mit ihr unproblematisch.
Alles andere ist dystopisch-katastrophisches Storytelling, das zwar gewisse Meriten darin hat, den Blick auf die politischen Spannungsfelder und potentiellen soziodemographischen Bruchstellen unserer Gesellschaft zu richten sowie allgemein die politischen Sinne zu schärfen, dessen konkreter Nutzen sich aber auch darin erschöpft. Wird irgendeines aus dem breiten Spektrum der hier diskutierten Katastrophenszenarien jemals eintreten? Nein. Nimm heraus, welches Du auch willst, die Wahrscheinlichkeit seines Eintreffens tendiert gegen Null.
Nimm zum Beispiel die AfD, um die ging es ja in den letzten gefühlt 200 Posts vor allem: Es ist ausgeschlossen, dass die AfD bei der nächsten Bundestagswahl (BTW) in zwei oder der übernächsten in sechs Jahren Teil der Regierung werden wird. Warum? Nun, entweder könnte sie alleine die Regierung stellen, aber dann müsste sie bei den BTW 25 oder 29 die absolute Mehrheit erreichen, und das wird sie mit Sicherheit nicht. Damit bliebe noch der Weg über eine Koalition, aber siehst Du ernsthaft eine der etablierten Parteien auch nur in die Nähe dessen kommen, in zwei oder sechs Jahren auf Bundesebene mit der AfD zu koalieren? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht.
Insofern: AfD demnächst im Bund an der Regierung? Keine Chance, weitergehen bitte. 
Aber lass uns ein hypothetisches Gedankenspiel wagen: Wenn es tatsächlich Parteien gäbe, die etwa bei der übernächsten BTW in sechs Jahren zumindest theoretisch in Erwägung ziehen würden, mit der AfD zu koalieren, dann bedeute das implizit, dass sich die AfD in der Zwischenzeit soweit normalisiert und entradikalisiert hat, dass sie mit der Partei, wie wir sie heute kennen, nicht mehr viel gemein hat. Unabhängig davon, wie wahrscheinlich diese Entwicklung ist (meine Meinung: höchst unwahrscheinlich), wäre dann eine Regierungsbeteiligung der AfD nicht mehr das Problem für Deutschland, welches es noch heute wäre.
Du siehst also auch hier: Die Möglichkeit, dass die AfD beziehungsweise vielmehr eine Partei, die unter dem Label „AfD“ firmiert, die aber ansonsten mit der heutigen AfD nicht mehr viel gemein hat, irgendwann einmal an einer Regierung beteiligt sein könnte, muss Dich nicht schrecken.
Aber die Funktion der AfD liegt eigentlich woanders. Sie liegt im Schaffen von politischer Aufmerksamkeit. Der wesentliche Hebel, über den die AfD Einfluss auf das politische Geschehen in Deutschland nimmt, ist nicht etwa der einer möglichen Regierungsbeteiligung (die nicht kommen wird), sondern dass sich wegen ihrer Popularität und der daraus resultierenden potentiellen politischen Bedrohung, die sie darstellt, die anderen Parteien irgendwie zu ihr verhalten müssen, zum Beispiel indem sie Teile ihrer Programmatik für sich adaptieren, um die rationalen Wähler, die die AfD deswegen gewählt haben, zurückzugewinnen und die Bedrohung damit wieder etwas zu entschärfen. Eine andere, noch etwas indirektere Wirkung liegt darin, dass die AfD Themen überhaupt erst auf das politische Tapet bringt, die ohne sie nicht oder zumindest nicht so intensiv in der politischen Sphäre diskutiert worden wären, zum Beispiel eben die Frage der Migration oder die spezifischen Bedürfnisse von Ostdeutschland als politischem Raum (letzteres zwar wahrscheinlich eher unfreiwillig, aber womöglich dennoch wichtig).
Kurz gesagt, die AfD bildet keine Bedrohung über eine potentielle Regierungsbeteiligung, aber über ihre pure Existenz regt sie die anderen Parteien zur Reflexion über ihr eigenes Schaffen an und ruft sie zum Handeln in bislang offenkundig aus Sicht signifikanter Teile der Bevölkerung (den Sympathisanten und Wählern der AfD) gar nicht oder nur unzureichend berücksichtigten politischen Themen an, und genau das - die Extreme bleiben draußen, aber über ihre Existenz zwingen sie die Mitte zur Reflexion über ihr politisches Handeln - kann man sich für eine florierende plurale, repräsentative Demokratie doch nur wünschen, oder?
Du siehst (wenn Du meiner Argumentation folgst), es ist alles halb so wild mit der AfD. Das gilt übrigens für die anderen Themen auch, ich habe mich jetzt hier dem vorherrschenden Gesprächsinteresse folgend nur auf die AfD konzentriert. Wie dem auch sei, jedenfalls hoffe ich, dass ich etwas dazu beitragen konnte, dass Du einen gedanklich entspannteren Samstag als Freitag verleben kannst. 