Vielleicht darf ich trotzdem kurz, das Thema Islam noch einmal aufgreifend, zwei, drei stichpunktartige Anmerkungen zu der Muslim-Frage machen und sagen, warum mich @Kurts Analyse trotz seiner in Teilen korrekten Benennung der Probleme durch und mit muslimischen Minderheiten in Ländern, in denen sie nicht die historische Bevölkerungsmehrheit stellen, nicht überzeugt.
1. Kurt sagt, die islamische Religionszugehörigkeit ist eine hinreichende Bedingung für das Entstehen von Problemen mit muslimischen Minderheiten in den sie beherbergenden Gesellschaften (= wenn Muslim, dann auch Problemverursacher):
Was ist mit der jahrzehntelangen friedlichen Koexistenz muslimischer Gastarbeiter aus der Türkei mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft hier in Deutschland? Wenn eine muslimische Minderheit nach ihrer Migration in ein fremdes, nicht-islamisches Land, Zitat Kurt, „gnadenlos, immer und überall“ auf eine schrittweise Übernahme der aufnehmenden Gesellschaft mit dem Ziel der Errichtung eines islamischen Staates in ihrem Sinne hinarbeitet, warum ist das dann hier in Deutschland nicht schon längst erfolgreich geschehen? Millionen von Türken hätten ja immerhin inzwischen mehrere Jahrzehnte Zeit gehabt. An mangelnder Personalstärke und Zeit kann es folglich wohl kaum gelegen haben.
Dieses Argument überzeugt mich also schon empirisch nicht, weil das deutsche Beispiel es offensichtlich widerlegt. Außerdem gibt es in ganz vielen westlichen Ländern muslimische Minderheiten, die vollkommen problemlos und wenn im Konflikt, dann höchstens im Rahmen ganz gewöhnlicher politischer Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Religion und Gesellschaft oder die vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierung ihrer Minderheit in ihrer jeweiligen Mehrheitsgesellschaft leben. Von „gnadenlos, immer und überall“ auf Übernahme der Staatsgewalt o. ä. hinarbeitend kann also nicht die Rede sein. Das ist empirisch einfach nicht haltbar.
Spannenderweise würde ich genau dieses Problem der Übernahme des Staates zur Durchsetzung der eigenen Ideologie übrigens eher bei den (Überraschung!) radikal christlichen evangelikalen Christen in den USA feststellen, aber ich schweife ab…
2. Kurt meint ferner, ein Großteil der Probleme, die muslimische Minderheiten in den nicht mehrheitlich muslimischen Ländern, in denen sie leben, verursachen (sofern sie das tun, siehe 1.), sei auf ihren islamischen Glauben zurückzuführen. Anders gesagt: Wenn sie nicht Muslime wären, würde einer der Hauptgründe, vielleicht sogar der Hauptgrund dafür, dass sie Probleme verursachen, entfallen.
Was ist mit den Problemen, die denen, die von muslimischen Minderheiten verursacht werden, auf verblüffende Weise gleichen, die aber von gänzlich nicht-islamischen Minderheiten verursacht werden, zum Beispiel die Probleme, die von den von - soweit ich weiß - überhaupt keiner bestimmten Religion besonders geprägten Sinti und Roma verursacht werden, von welchen viele Städte des Ruhrgebiets immer wieder berichten? Was ist mit den Problemen durch die Gruppen russlanddeutscher Spätaussiedler - viele davon Christen -, die noch in den 90ern und frühen 2000ern vielerorts in Deutschland als echte Bedrohung wahrgenommen wurden (ein paar von denen machten zum Beispiel auch an meiner Schule große Probleme, indem sie nachmittags mit ihren getunten Autos die Schulparkplätze belegten und vielen Schülern Angst machten, ich erinnere mich noch gut)? Was ist mit der Bedrohung von sogar völlig „autochthonen“ Minderheiten wie linksextremen und rechtsextremen Zusammenschlüssen und Kameradschaften, beides garantiert samt und sonders zertifizierte Biodeutsche (gerade die Rechten natürlich )? Wenn diese Minderheiten ebenfalls empirisch auffällig Probleme verursachen, die denen, die Du, Kurt, bei Muslimen als unmittelbare Konsequenz ihres Glaubens diagnostizierst, eins zu eins gleichen (Gewalt gegen Sachen und Menschen, mangelnder Respekt gegenüber Andersdenkenden, mangelnde Akzeptanz allgemein akzeptierter gesellschaftlicher Normen usw.), wie kann dieser Umstand dann kausal im islamischen Glauben begründet sein? Könnte es nicht vielmehr sein, dass die Religionszugehörigkeit höchstens einer von vielen Faktoren ist - und womöglich nicht einmal der zentrale - die dazu beitragen, dass bestimmte Gruppen gesellschaftlich relevante Probleme verursachen bzw. in einem negativen Sinne gesellschaftlich auffällig werden?
Auch dieses Argument überzeugt mich also empirisch nicht, schlicht weil es genügend Beispiele von ähnlich gelagerten Problemen wie mit muslimischen Minderheiten auch im Zusammenhang mit anderen Minderheiten zu berichten gibt, die mit dem Islam überhaupt nichts am Hut haben. Die monokausale Verkürzung auf den Glauben ist einfach intellektuell faul. Als vereinfachende Heuristik zur praktischen Lebensgestaltung des eigenen Alltags auf Basis der eigenen Lebenserfahrung akzeptiere ich das, aber für einen ernsthaften öffentlichen politischen Diskurs ist mir das zu dünn, Kurt. Und Du bist doch nicht dumm, machst jedenfalls nicht den Eindruck auf mich, ist Dir das nicht zu dünn?
Soweit also nur ganz skizzenhaft zwei Bestandteile von Kurts Argumentation, die mir beim Lesen unmittelbar als durch empirische Beobachtung simpel zu widerlegen bzw. zu erschüttern aufgefallen sind. @Andy und einige weitere haben auf andere Dinge hingewiesen, @cheffe & Co. haben sich der dahinterliegenden Weltanschauung gewidmet, das erspare ich Euch und mir an dieser Stelle.
Und jetzt gerne weiter mit AfD und dem Ukraine-Krieg, sorry für die Störung!
Ich kann mich auch gut mit den Inhalten von Karl Popper identifizieren. So wie man sie natürlich als Rechtfertigung für den Kampf gegen Anti-Demokraten verwenden kann, muss man allerdings auch feststellen, dass sie auch relativ leicht missbraucht werden können. Wenn Pegida bzw. die AfD manche Muslime in Deutschland als intolerant bezeichnen, liegen sie der Definition von Popper nach absolut richtig, denn sie verweigern einen rationalen Diskurs und rechtfertigen alles mit dem Bezug auf ein Buch, das vor beinahe 1500 Jahren geschrieben wurde. Zudem rufen sie zu Gewalt gegen Andersdenkende und Anhänger anderer Ideologien auf bzw. wenden diese auch an. Stichwort: muslimischer Antisemitismus. Es handelt sich mMn definitiv auch eher um Intoleranz des ersten Grades.
Somit kann man Karl Poppers Schlussfolgerung „Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden.“ doch auch prima als AfD für sich in Anspruch nehmen, um zumindest gegen ausländische Kriminelle zu wettern bzw. sogar deren Aufenthalt in unserem Land zu hinterfragen, oder?
In der Tat! Ausgangspunkt der Überlegungen Sir Karl Poppers ist ja die Offene Gesellschaft, die sich Toleranz gegenüber jedermann auf die Fahnen schreibt. Und die sehen muss, wo diese Toleranz an ihre Grenzen kommt. Die AfD steht gerade nicht für diese Offene Gesellschaft; sie kritisiert die Toleranz ja nicht etwa nur in Hinblick auf genau zu identifizierende Feinde, sondern - das ist eben der rassistische Einschlag - auf muslimische Migranten allgemein sowie auf diverse andere Minderheiten. Die Offene Gesellschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie da, wo sie sich abgrenzen muss, dies mit rechtsstaatlichen Mitteln tut. Dass diese in ihrer Anwendung gelegentlich nachjustiert werden müssen, liegt auf der Hand: sich verändernde Rahmenbedingungen erfordern Anpassungsmaßnahmen. Was von der AfD zu vernehmen ist, lässt sich hingegen ohne weiteres als grundsätzliche Kritik an der Offenen Gesellschaft verstehen, wenn man nicht schon von Feindschaft sprechen will.
Im konkreten Fall bin ich @Faenger’s Meinung (siehe oben), aber prinzipiell hast du sicher Recht, was die Möglichkeit des Missbrauchs oder Missverstehens betrifft. Davon können viele Philosophen ja ein Liedchen singen, die größten unter ihnen. Nietzsche, Heidegger, sogar Hegel. Bei Hegel lässt sich das sogar beispielhaft feststellen, gibt es doch in der Auslegung seiner etwas schwer verständlichen Schriften sogenannte Links-Hegelianer wie auch Rechts-Hegelianer. Ob das nun für den Mann spricht oder gegen ihn, muss dann jeder selber entscheiden…
Grundsätzlich würde natürlich der (dann noch lebende) Philosoph entscheiden, ob es sich hier um einen Missbrauch oder gar um eine konsequente politische Umsetzung seiner Schriften handelt. In dieser Hinsicht hat Heidegger ja eine nicht so ganz glückliche Rolle gespielt, wie wir wissen, und bei Nietzsche kann man ganz froh sein, dass er nicht mehr erleben musste, wie die Nazis den Zarathustra gelesen haben. Vielleicht hat er sowas aber auch vorausgesehen und daraus folgte die geistige Umnachtung zum Ende seines Lebens…
Ganz vermeiden lässt sich das also nie. Höchstens, indem man so klar und unmissverständlich formuliert, wie das mein persönlicher Held und Sprach-Genie Schopenhauer vermochte.
Zurück zu Popper:
es wäre ja echt auch der (bittere) Gipfel der Ironie, wenn die AFD einen Philosophen kapern würde, dessen berühmtestes Werk im Titel „Die offene Gesellschaft“ trägt! Aber es würde eigentlich auch zu meiner Suada von oben passen und der heutigen Umwertung aller Werte. Da fällt mir gleich der passende Slogan für die AFD ein:
„Wir sind OFFEN, weil wir DICHTMACHEN!“
Klingt doch knackig, super für ein Wahlplakat.
Die Zeit wird zeigen wer Recht hat.
Ich wünsche mir ja dass die ganzen toleranten (außer gegen alles deutsche was rechts von ihnen einzuordnen ist) Menschen hier recht behalten und die nahezu ungebremste Einwanderung keine negativen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben wird.
Allein mir fehlt der Glaube.
Hey, du kennst mich doch mittlerweile: würde ich wirklich alle nicht tolerieren, die ich rechts von mir einordne, hätte ich keine Freunde mehr
bezüglich der „nahezu ungebremsten Einwanderung“: du hast aber schon die kürzlichen Asylbeschlüsse mitbekommen?
Habe heute Nachrichten gesehen. Hubertus Heil rekrutiert grade „massenhaft“ indische Computerfreaks, weiblich wie männlich. Ich würde denken, die sind größtenteils Hindus. Der Wirtschaft ist es recht, die fordert andauernd mehr Zuwanderung - diese linken woken Menschen, also was soll man sagen…
Zwischen einem angeworbenem indischen Computerspezialisten und einem illegal eingereisten Afghanen ist aber noch ein kleiner Unterschied.
Und die Asylbeschlüsse überzeugen mich nicht, solange sichere Länder nicht als solche bezeichnet werden und endlich auch konsequent rückgeführt wird.
Zum Thema „rechts“ etwas vom neuen Portal nius. Man muss nicht begeistert sein von dieser Plattform und natürlich auch nicht vom Autor des Artikels, aber ich finde, dass es durchaus interessant sein kann, verschiedene Perspektiven zu beleuchten.
Ich würde mal pauschal sagen, dass mindestens 1/3 (wahrscheinlich sogar mehr) der deutschen Wähler vielen dieser Aussagen durchaus etwas abgewinnen können und dass Schuler recht damit hat, dass die von ihm beschriebenen Positionen an sich durchaus verfassungskonform sind.
Es läge mMn vor allem an Parteien wie der CDU/CSU und der FDP, dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Menschen mit dieser Einstellung in Richtung AfD abwandern. Auch die SPD hätte da sicherlich Kapazitäten. Sozialdemokratie und hartes Vorgehen gegen nicht integrationswillige Immigranten schließen sich nicht unbedingt aus, wie man z.B. in Dänemark sehen kann.
Deal.
Ich wollte nur darauf hinaus, dass zwischen „quasi ungebremster Zuwanderung“ und den tatsächlichen Bemühungen, die unkontrollierte Zuwanderung in den Griff zu kriegen, eine Menge Grauzone passt.
Allerdings würde ich mir kein abschließendes Urteil über sämtliche Länder zutrauen, die man als sichere Herkunftsländer betrachten darf, oder womöglich eher nicht. Du?
Jedenfalls hast du einen wichtigen Begriff genannt: der kleine Unterschied. Sicheres Herkunftsland oder nicht. Indischer Computerfachmensch oder afghanischer Irgendwas. So viele Menschen, so viele Motivationen, so viel Interessen, so viele Schicksale.
Eventuell sollten wir uns alle mit Verallgemeinerungen zurückhalten.
Nun, du bist ein historisch geschulter Mensch. Wie würdest du es einschätzen, hat das bisher gut geklappt mit dem Einfangen der Abwanderungswilligen?
Du implizierst auch mit deinem Beispiel der dänischen Sozialdemokraten, dass das Einfangen nur so funktionieren kann, indem man sich thematisch und inhaltlich annähert.
Selbst wenn das so wäre:
es entspricht wieder dem Hinterher-Jagen des vermeintlichen Wählerwillens, anstatt einfach die Politik zu machen, die sich den Realitäten stellt und die man persönlich für richtig hält. Nennt man Prinzipientreue.
Am Beispiel Migration:
Die nackte Wahrheit ist, es wird in Zukunft sehr viel mehr Migration und Zuwanderung geben. Es wäre doch vernünftiger, den Menschen zu erklären, dass dies durch keine Mauer der Welt verhindert werden kann, und sich stattdessen der Handhabung zu widmen. Und natürlich schließt das eine maßvolle und auch punktuell restriktive oder konsequente Asylrechtslösung nicht aus, und ich bin der letzte, der glaubt, wir könnten unendlich viel oder alles leisten für sämtliche Menschen, die Zuflucht oder Glück oder was auch immer suchen. Sich den Realitäten zu stellen, gehört allerdings zu den Stärken konservativer Politik, wie ich sie früher kannte. Heutige Konservative haben offensichtlich andere „Stärken“.
Ich verstehe und akzeptiere die Motive jedes einzelnen Menschen der versucht nach Deutschland zu kommen. Keiner verlässt ohne guten Grund seine Heimat und geht in ein fremdes Land.
Wieviel Zuwanderung aus welchen Kulturkreisen verträgt unser Land ohne in die selben Schieflagen zu kommen wie die Länder aus denen die Leute fliehen? Das ist die Frage auf die unsere Politik passende Antworten finden muss. Findet sie diese nicht, dann kracht es früher oder später.
Never ever. Die nackte Wahrheit ist, dass in Zukunft an der Grenze geschossen werden wird, weil man sich in den letzten Jahren nicht getraut hat einfach mal ein paar Araber und Afrikaner abzuschieben.
Das Absurdeste daran ist ja, es geht hier um Menschen die bereits ausreisepflichtig sind. Und keinen in der Regierung interessiert der dauerhafte Rechtsbruch.
Bedeutet mir ist gerade kein besseres Wort eingefallen, klang auch für mich blöd. Du kannst es doch aus dem Kontext verstehen. Der Satz wurde einfach falsch wiedergegeben.
Vielleicht meinten Storch und Petry, dass mit Fußbällen scharf geschossen wird? Um zu sehen, wer von den Kids talentiert genug ist, um vernünftig zu stoppen? Wäre ja eine spannende Art von Sichtung. Eine Affinität zum Fußball hat die gute Beatrix ja.