Der Politik- und Gesellschafts-Thread (Teil 1)

Denkst Du bei dieser Beobachtung an einen bestimmten Krieg oder Kriege? Ich nehme das zumindest für den Ukraine-Krieg anders wahr (den ich an dieser Stelle apropos of nothing nur erwähne, weil er der einzige Krieg ist, für den ich mich traue, eine Aussage zu treffen), und die rechtliche Situation ist auch nicht ganz so, wie Du sie schilderst.

Ich bin selbst kein Völkerrechtler und ich lade alle, die sich mit dem Thema besser auskennen als ich, ein, mich zu korrigieren und zu ergänzen, aber im Zuge des Ukraine-Krieges kam ich nicht umhin, mir ein bisschen was zum Kriegsrecht anzulesen. Und rechtlich ist es so, dass es im Völkerrecht ein sogenanntes „ius in bello“ (Recht im Krieg), zu Deutsch „humanitäres Völkerrecht“ gibt, das dezidierte Anforderungen an das korrekte (rechtmäßige) Handeln aller Kriegsparteien in einem Krieg erhebt - inklusive des Aggressors -, welches sich inhaltlich im Kern mit dem korrekten Umgang der Kriegsparteien mit der Zivilbevölkerung auseinandersetzt. Zu den Anforderungen dieses Rechts gehört unter anderem, dass ein Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilbevölkerung gemacht werden muss und dass die Zivilbevölkerung aus den Kampfhandlungen so weit wie möglich herauszuhalten ist. Es dürfen zum Beispiel von keiner der Kriegsparteien zivile Ziele wie Schulen oder Opernhäuser angegriffen werden, auch dürfen bei einem Angriff zum Beispiel auf eine Stadt mit Fußsoldaten nicht einfach wahllos Zivilpersonen getötet werden, denen man dabei zufällig auf der Straße begegnet (so wie es jetzt beispielsweise die Hamas gemacht hat), um nur einmal zwei ganz konkrete, plakative Beispiele zu konstruieren. Grundsätzlich gilt, dass in den Kriegshandlungen der beteiligten Kriegsparteien gegeneinander das Leben von Zivilpersonen stets so gut wie möglich zu schützen ist. Es dürfen überhaupt nur militärische Ziele angegriffen werden, und bei deren Auswahl und der Auswahl der Mittel, mit denen diese Ziele bekämpft werden, ist darauf zu achten, dass dabei nicht unverhältnismäßig viele Zivilpersonen (nach Möglichkeit keine, aber auf jeden Fall so wenige wie möglich) als „Kollateralschaden“ zu Schaden kommen.

Und bezüglich des russischen Vorgehens in der Ukraine ist es perverserweise gerade der Kontrast mit dem Terrorangriff der Hamas vom Wochenende, in dem Zivilpersonen ja nicht nur bereitwillig als Opfer beim Angriff auf eigentlich militärische Ziele wie etwa militärische Stützpunkte in Kauf genommen, sondern allem Anschein nach von den Hamas-Leuten sogar gezielt aufgesucht und getötet wurden - wenn ich z. B. nur an das Musikfestival denke, lässt mich angesichts der ganzen willkürlichen, wahllosen Beliebigkeit dieser indiscriminate killings, bei dem sich der unmittelbare Zweck der Handlung in der rein performativen Ausübung von Gewalt an sich erschöpft, immer noch schaudernd zurück -, also perverserweise ist es gerade dieser Kontrast zur Hamas, der mir das Vorgehen der Russen in der Ukraine noch halbwegs zivil und in Übereinstimmung mit dem humanitären Völkerrecht erscheinen lässt, und zwar sowohl hinsichtlich der theorierischen Möglichkeiten der Russen hinsichtlich dessen, was Sie theoretisch alles an Grausamkeiten gegen die ukrainische Zivilbevölkerung anstellen könnten, als auch ihres tatsächlichen Handelns.

Denn wenn den Russen das Gebot das humanitären Völkerrechts, im Krieg einen Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilpersonen zu machen und das Leben von Zivilpersonen stets so gut wie möglich zu schützen, wirklich komplett egal wäre, wenn es also gar nicht wirken würde, dann wäre die Zahl der zivilen Opfer in der Ukraine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch einmal deutlich höher, als sie es ohnehin schon ist. Man könnte sogar argumentieren, dass es aus Sicht der Russen in Anbetracht ihres erklärten Kriegsziels der „Denazifizierung“ (und letztendlich Unterwerfung) der Ukraine eigentlich sogar rational wäre, die ukrainische Zivilbevölkerung wo immer möglich in großer Zahl zu liquidieren, einerseits um die Nazis so sicher wie möglich zu entfernen und andererseits um das Land schneller in die Submission zu treiben, als es ein rechtskonformer Krieg, in dem man brav immer nur militärische Ziele angreift, vermag. (Genau letzteres war ja auch ein Teil der Logik hinter den strategic air raids der Alliierten gegen deutsche Städte im zweiten Weltkrieg. Bombing the Germans into submission.)

Aber obwohl eine großflächige Vernichtung der ukrainischen Zivilbevölkerung den Russen zur Erreichung ihrer Kriegsziele zumindest nominell sogar helfen könnte, führen sie eine solche Vernichtung evidenterweise nicht durch, sondern versuchen sich zumindest annähernd an die international anerkannten Regeln des „ius in bello“ zu halten und annähernd darum zu bemühen, zivile Opfer zu vermeiden oder üben dort, wo sie dies nicht tun, die wahllose Gewalt gegen Zivilpersonen zumindest nicht so auffällig und auf so großer Skala aus, dass dies öffentlich wird. (Klar, selbstverständlich ist es möglich, dass in den Städten, die die Russen ziemlich zum Anfang des Krieges erobert und seitdem durchgängig unter ihrer Kontrolle haben und in die seither kein westlicher Reporter mehr einen Fuß gesetzt hat, sich die Leichenberge ukrainischer Zivilisten in den Straßen nur so stapeln, aber ich denke mal, dass das nicht der Fall ist, weil es in Zeiten der grenzenlosen digitalen Kommunikation der Rest der Welt sicher irgendwie doch mitbekommen hätte.)

Über die Gründe, warum sich die Russen zumindest annähernd und zumindest formal an das „ius in bello“ halten und Ukrainer nicht wahllos links und rechts umbringen, obwohl es ihnen technisch sehr einfach möglich wäre, können wir lange debattieren. Vermutlich ist es eine Mischung aus Furcht vor dem Verlust der Unterstützung von China sowie anderer Staaten, die den Russen noch gewogen sind, Abschreckung durch die Amerikaner, die in einem solchen Fall möglicherweise mit eigener militärischer Macht ernsthaft in den Krieg eingreifen würden oder zumindest glaubhaft damit drohen, sowie möglicherweise einem letzten Rest von Menschlichkeit und moralischem Gefühl für richtig und falsch (ja, auch sowas soll man ja nie ganz ausschließen), aber jedenfalls tun sie es.

Also kurzum: Es gibt international verbindliches Recht zum Schutz des Lebens von Zivilpersonen im Krieg, es gilt für alle Kriegsparteien, und vermutlich werden sich in den meisten Kriegen auch die meisten Kriegsparteien daran halten, zumindest, wenn diese Kriege „öffentlich“ stattfinden (letzteres ist aber nur eine bessere Vermutung).

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Was willst du uns denn damit sagen? Gibt es in der Regierung irgendjemanden, der diesen Angriff nicht verurteilt? Was genau soll den Baerbock noch nicht kapiert haben und wie kommst du zu dieser Annahme? Mich würde das wirklich mal interessieren.

Mal abgesehen davon, dass ich mit deiner Art zu posten wirklich nur sehr schwer zurechtkomme, finde ich es beeindruckend wie man sich 14 Stunden/Tag mit Fußball, 10 Stunden/Tag mit Außenpolitik und weiteren 8 Stunden täglich mit innerdeutscher Migrationspolitik beschäftigen kann. Vielleicht kannst du ja was bezgl. deinem Zeitmanagement hier kundtun. Da könnte ich sicherlich noch einiges lernen.

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Ich will hier keinen Definitionsstreit beginnen, dazu ist das Thema viel zu ernst und die Vorkommnisse viel zu grausam. Ob ich ein Volk vernichte, indem ich es „einfach“ töte oder indem ich ihm die Existenzgrundlage nehme, läuft schlussendlich auf das selbe heraus. In der Sache sind wir uns ja grundsätzlich einig und haben beide nicht die leiseste Ahnung, wie eine Lösung aussieht. Als Kind der 80er sehe ich einfach nur fassunglos die Nachrichten, frage mich wo der Wille zur Koexistenz geblieben ist und muss bedauerlicherweise feststellen, das ich recht hatte.
Dieser Planet wäre ohne Homo „sapiens“ (allein diese Bezeichnung ist Zynismus pur) besser dran :disappointed:

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Ich kann im Grunde nachvollziehen, warum Du so denkst. Ich ertappe mich ja selbst dabei, wie ich versucht bin zu denken: „Lass die Israelis den ganzen Drecksladen einfach in Schutt und Asche bomben, dann hat dieser ganze grausame Terror wenigstens ein für alle mal ein Ende.“

Aber ist es nicht genau dieser Reflex, der, wenn sogar ich ihn schon für mich selbst vorstellen kann, für jemand unmittelbar Betroffenen in Israel noch tausendmal stärker wirksam sein muss, der uns Außenstehende dazu auffordern müsste, genau deshalb die Israelis in ihrem weiteren Vorgehen in Reaktion auf diesen Terroranschlag um Mäßigung zu bitten und Mäßigung anzumahnen, weil wir um die archaische, primordiale Kraft dieses Reflexes wissen? Weil wir uns vorstellen können, dass die israelische Regierung und wahrscheinlich große Teile des israelischen Volks gerade nichts lieber täten, als den gesamten Gazastreifen von oben bis unten auf Meeresspiegelniveau herunterzubomben?

Ich denke, es kommt nicht von ungefähr, dass sogar Joe Biden diese Mäßigung in einem öffentlichen Statement angemahnt hat, und ich denke, dass dies auch vernünftig ist. Ich halte es für moralisch anständiger und politisch aufrichtiger, bei einem anstehenden Gewaltakt vorher um Mäßigung und Verhältnismäßigkeit zu bitten als hinterher exzessive Gewaltausübung zu beklagen - ganz grundsätzlich, nicht nur im Fall der anstehenden Vergeltungsaktion der Israelis, aber eben jetzt konkret hier, weil dies gerade Thema ist.

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Lieber @Alex, stimme deinen Ausführungen im Grundsatz zu, nur was die vermeintlichen Differenzen in der Kriegführung von RU in der Ukraine und den widerwärtigen Terrorakten Hamas jetzt angeht, nicht so ganz. Da gab es von russischer Seite das Massaker z.B. an der Zivilbevölkerung in Bucha, Raketenangriffe auf Einkaufszentren, gezielte Vergewaltigungen etc etc.

Und allgemein zur Situation:
Zum zynischen Kalkül der Hamas gehört es ja auch, die eigene Bevölkerung als Schutzschild zu benutzen. Und es dürfte doch klar gewesen sein, dass Israel (und auch kein anderes Land der Erde) ein derartiges Abschlachten von Zivilisten, wie es am Wochenende erfolgte, ohne entsprechende Reaktion hinnehmen wird. Wie allgemein bekannt, ist der Gaza-Streifen die am dichtesten besiedelte Region auf der Erde, Rückzugsräume gibt es da kaum. Die gewollte Eskalation und das - wahrscheinlich zu erwartende - Blutbad mit enormen Opfern unschuldiger Zivilisten dort ist doch einkalkuliert, um es propagandistisch auszunutzen. Ich sehe auch nicht, wie ein solcher Überfall mit den barbarischen Terrorakten, die es gab, in irgendeiner Weise der Befreiung Palästinas dienen könnte. Hier sind keine Rechtfertigungen oder Relativierungen angebracht: die Hamas ist eine islamistische Terrorgruppe, deren gesellschaftliche Vorstellungen in etwa den Verhältnissen entsprechen dürften, wie man sie im Iran antreffen kann. Das ist weder anti-imperialistisch oder emanzipatorisch, sondern ein rigides autoritärtheokratisch-patriarchaliches System. Ansätze zur Meinungs- und Medienpluralität, geschweige denn gesellschaftlichen Dissens und andauernde Massenproteste, wie sie z.B. in Israel die letzten Monate über gegen Netanyahus Bemühungen, die Demokratie auszuhebeln, stattfanden, wird es nicht geben können. Aber wie gesagt, um so etwas wie „Befreiung“ geht es ja sowieso nicht.

Das alles gilt m.E., ohne gleichzeitig die Übergriffe an und die Oppression der palästinensischen Bevölkerung durch Israel zu leugnen oder gutzuheißen.

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Kriegsrecht. Dieses Wort ist schon ein Widerspruch in sich.

Ich habe nicht umsonst den Wehr- bzw Kriegsdienst verweigert.
In dem Krieg in dem ich mal kämpfe, da gibt es bestimmt kein Recht mehr für irgendjemanden.

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Ich stimme Dir in jedem einzelnen Satz zu, aber ich verstehe nicht ganz, inwiefern das eine Replik auf meinen Beitrag ist. Ist es wahrscheinlich gar nicht, sondern Du hast meinen Beitrag nur als Sprungbrett für Deine eigene Meinungsäußerung verwendet?

@wohlfarth: Ich kann nicht verstehen, was Du gegen ein menschenfreundliches, ziviles Leben schützendes Kriegsrecht hast, wenn es schon Krieg geben muss. Wäre Dir denn ein Krieg lieber, der völlig regellos geführt wird und in dem sogar Du als Kriegsdienstverweigerer und zu alt, um noch eingezogen zu werden und an der Front kämpfen zu müssen, einfach so ganz legitim und straflos erschossen oder vergewaltigt werden kannst, wenn dem Feind danach ist und er sich gerade dummerweise in Deine Stadt verirrt hat?

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menschenfreundlicher Krieg
Krieg mit Regeln
legitim und straflos erschossen oder vergewaltigt

Brrrrrrrr, da schüttelt es mich. Auf diesem Gebiet bin ich anscheinend um viele Kilometer weiter links als jeder Linke.
Aber lassen wir das, da kommen wir nicht zusammen.

Ja, sorry, ich hatte ursprünglich geschrieben : RU und ISR, meinte aber eigentlich RU und Hamas (mit Bezug auf die Überfälle vom Wochenende). Es ging also um diesen Passus:

Ja, das verstehe ich. Aber wie ich oben schon ausgeführt habe, zeigt mir gerade der Vergleich mit dem, was die Hamas am Wochenende gemacht hat, dass die Russen relativ simpel noch deutlich mehr als die schätzungsweise knapp 20.000 ukrainischen Zivilisten, die sie bisher umgebracht haben, umbringen könnten, wenn sie es darauf anlegten.

Ich glaube, die Russen versuchen sich im Grade ihrer wahllosen Brutalität gegen Zivilpersonen im Rahmen ihres militärischen Agierens in der Ukraine stets unterhalb der Grenze dessen zu bewegen, was nicht nur den üblichen internationalen Aufschrei nach sich ziehen, sondern auch ernsthafte militärische und wirtschaftliche Reaktionen seitens der Amerikaner und Chinesen provozieren würde.

Die Hamas z. B. hat sich im Unterschied dazu um die Stärke der internationalen und israelischen Reaktionen, wie Du ja auch selbst gerade sehr schön dargestellt hast, nicht im mindestens geschert, ja, vielleicht hat sie sie sogar bewusst so provozieren wollen, wie sie jetzt beginnen auszufallen.

Sicherlich gibt es Unterschiede, aber z.B. konnten nach einiger Zeit die Hamas-Kämpfer wieder zurückgedrängt und die überfallenen Regionen/Orte für Hilfskräfte und Medien zugänglich gemacht werden. Diesbezüglich ist die Situation in der Ukraine anders, d.h. womöglich gibt es da noch vieles , von dem wir nicht wissen. Dazu kommt, dass RU eine große Atommacht ist, Hamas nicht, was die „Zurückhaltung“ seitens der USA erklären dürfte.

Ob man tatsächlich die Ausmaße der angewandten Brutalität in Kriegssituationen gradieren kann? Ich bin da eher skeptisch, Massaker gab es auch im Vietnam-Krieg von amerikanischer Seite. Unmöglich, sich da ganz hineinzudenken: aber ich könnte mir vorstellen, dass dann die Firnis der Zivilisiertheit vollkommen zerreisst, die affektive Aufladung ungeahnte Macht-Rauschzustände freisetzt, alle Hemmungen wegfallen. Wie Schiller mal an einer Stelle sinngemäß meinte, der „zivilisierte Mensch“ fällt, wenn er fällt, tiefer als der naturhaft „Wilde“. Heart of Darkness.

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Edit: @Alex, alles, was du oben zur Notwendigkeit von Aufrufen zur Mäßigung ausführst, finde ich vollkommen richtig. Die Kritik an der völligen Abriegelung des Gazastreifens wie auch die Rücknahme der angedachten Blockierung der EU-Mittel für humanitäre Projekte im Gaza- Streifen ist mMn. ebenfalls zu begrüßen.

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Ach jaaaaaa:

Genauere Angaben wurden aber nicht gemacht.

Ja okay…
Wie nennt man es eigentlich wenn die Russen den Ukrainern Gas und Strom abstellen?

Sorry wollte mich eigentlich raushalten. Aber deine unreflektierte Art hier ein Newsbeitrag nach dem anderen (fast) unkommentiert zu posten ist echt……… schwach!

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Zum Thema Kriegsrecht:
Ähnliche Gedanken wie du bzgl. der russischen Kriegsführung in der Ukraine hatte ich an anderer Stelle auch schon mal geäußert. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass die Russen in Sachen Eskalation noch ein paar Stufen mehr zünden könnten, und befürchte, dass sie das auch machen werden, bevor sie eine Niederlage einfach akzeptieren. Beim Ukraine-Krieg bin ich mir darüber hinaus auch nicht sicher, ob die zweifelsfrei begangenen Verbrechen durch russische Soldaten spontane Gewaltausbrüche sind oder von oberster Stelle forciert werden. Ich denke, dass es sich mehrheitlich um durch jahrelange Gewalt innerhalb des Militärs verrohte Soldaten oder Söldner handelt bzw. sogar um freigelassene Sträflinge, die einfach ihre Machtposition spontan ausnutzen und wohlwissend, dass ihre Verbrechen von eigener Seite wohl nicht gesühnt werden, ihre Gewaltphantasien ausleben. Ich sehe es so, dass die russische Generalität sich zumindest vage ans Kriegsrecht gebunden fühlt, wie z.B. auch die USA während des Vietnam-Krieges.
Die Hamas geht als Terrororganisation hingegen ganz anders vor und hat eindeutig zum Ziel, alle Juden (egal ob Soldaten oder Zivilisten) zu töten, demütigen, quälen etc.
Und deshalb habe ich weiter oben auch geschrieben, dass es angesichts dieses Gegners in der aktuellen Lage mMn keine Ratschläge oder Aufrufe zur Mäßigung geben sollte, wenn man sich denn als Verbündeter sieht. Ich denke, dass es zwischen uneingeschränkter Solidarität, wie sie der Bundestag heute einstimmig verabschiedete, und Anstachelung zu massiver Vergeltung schon noch einen Unterschied gibt. Evtl. hilft der Blick in die Geschichte mal wieder. Nach dem Attentat von Sarajevo hat der deutsche Kaiser Wilhelm II seinen Botschafter in Wien massiv zurechtgewiesen, weil er dem österreichischen Kaiser zu Mäßigung im Umgang mit den Serben riet. Wilhelm II. forderte seinen Bündnispartner geradezu auf, hart gegen die Serben vorzugehen. So etwas würde ich als bedenklich empfinden. Ein Aufruf zur Mäßigung ist mMn derzeit aber einfach (noch) nicht angebracht. Seit dem Holocaust wurden nie mehr so viele Juden an einem Tag umgebracht wie letzte Woche von der Hamas. Angesichts dieses Traumas verbietet sich mMn ein Versuch, die Israelis zu einem maßvollen Vorgehen zu ermahnen.
Nach 9-11 haben alle NATO-Mitglieder der USA logischerweise ihre bedingungslose Unterstützung zugesichert und nicht in irgendwelchen Nebensätzen gefordert, dass sie bei der Bekämpfung der Terroristen maßvoll vorgehen bzw. die USA daran erinnert, dass sie sich durch ihre Politik im Nahen Osten zu viele Feinde machten und sie dementsprechend über den Anschlag nicht verwundert sein sollten. Als die USA dann ein paar Jahre später die gleiche Karte beim Irak-Krieg noch einmal spielen wollten, war die uneingeschränkte Unterstützung nicht mehr da und das mMn auch zurecht. Ein ähnliches Vorgehen würde ich mir auch bzgl. Israel vorstellen, deshalb mein gestriger Post.
Von einer Zwangsauslöschung des Gaza-Streifens träume ich persönlich nicht und auch die Verantwortlichen in Israel werden diesen Wahnsinn nicht in die Tat umsetzen. Die Idee, dass sie den Gaza-Streifen solange abriegeln, bis die Hamas die Geiseln freilässt und sich vornehmen, dass sie sämtliche Terrorstrukturen dort beseitigen wollen, gehört allerdings mMn unterstützt.

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Wer auf die Einhaltung von internationalem Recht, Völkerrecht etc. pocht, kann dieses meiner Meinung nach nicht in den Fällen ignorieren, wo es opportun erscheint. Die völlige Abriegelung des Gazastreifens stellt, wie der UN-Hochkommissar für Menschenrechte betont hat, eben einen solchen Bruch internationalen Rechts dar. Ich halte es auch eher für unwahrscheinlich, dass diese geplante völlige Abriegelung den Umgang der Hamas mit den Geiseln beeinflusst. Realistischerweise muss man für deren Schicksal das Schlimmste befürchten (und ich hoffe inständig, ich liege in der Hinsicht falsch). Diese Abriegelung wird eher noch mehr Leute radikalisieren und der Hamas in die Arme treiben.

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reicht dir das - oder hast du noch Extrawünsche an Frau Baerbock?

Israel - Baerbock reist am Freitag nach Israel

Bundesaußenministerin Baerbock reist morgen nach Israel.

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Realistischerweise wird die Abriegelung des Gaza-Streifens nur dann zeitnah aufgehoben, wenn die Partner von Israel gemeinsam mit den Unterstützern der Hamas auf beide Parteien so einwirken können, dass ein Kompromiss zu Stande kommt. Wenn dafür keine Bereitschaft vonseiten der Hamas und der arabischen Staaten zu erkennen ist, dann wird Israel nicht von seinem Vorhaben abzubringen sein, mit katastrophalen Folgen für die Menschen im Gazastreifen. Da können dann auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte oder auch diverse Mitglieder der UNO vor der Vollversammlung oder vorm Sicherheitsrat eine Anklage nach der anderen vorbringen. Ich bin mir zudem ziemlich sicher, dass eine völlige Abriegelung z.B. vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag keine Anklage für die israelische Notstandsregierung nach sich ziehen würde, Kollektivbestrafung hin oder her.
Wie ich weiter oben schon erwähnt habe: das Kriegsrecht wird mMn im Krieg allerhöchstens als „Empfehlung“ gesehen und das wird mMn auch vor Gericht so gehandhabt, denn bisher gab es Anklagen eigentlich immer nur dann, wenn ganz klar genozidale Absichten erkennbar waren, z.B. im Bosnienkrieg, als man den Muslimen in Srebrenica, Tuzla etc. gar keine Chance gab, der Ermordung zu entkommen.

Mir ging es da um die Formulierung, man solle ein solche Vorgehen „unterstützen“. Was die Realität in solchen Fällen ist, wie auch in den von dir angeführten, darüber muss man sich wahrlich keine Illusionen machen.

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Darüber kann und sollte man natürlich diskutieren. Ich bin vor allem deswegen aktuell dafür, Israel vorerst die bedingungslose Unterstützung zuzusichern, weil es mMn die Verhandlungsbasis enorm schwächen würde, wenn die westlichen Partner Israel schon jetzt immer wieder dazu aufrufen würden, bei der Reaktion auf die Gräueltaten ja nicht zu hart vorzugehen. Hier muss mMn jeder Staat, der sich als Unterstützer Israels sieht, auch klare Kante zeigen.
Ein Aufruf zur Mäßigung ist doch genau das, worauf die Hamas und ihre Unterstützer warten. Wir reden hier im Übrigen nicht davon, dass mal wieder ein paar Raketen einen Luftalarm in gazanahen Siedlungen ausgelöst haben oder dass ein paar frustrierte Jugendliche Steine auf Soldaten geworfen haben und Israel deswegen komplett ohne Sinn und Verstand austickt. Ohne die Vorgänge vom letzten Wochenende würde ich in dieser Angelegenheit auch anders reden, aber angesichts dieser beispiellosen Verbrechen, die mMn auf einer Stufe mit den Terroranschlägen vom 11.9.2001 stehen, hat eine Zivilbevölkerung, die diesen Schlächtern zur Regierungsgewalt verholfen hat, auch etwas weniger Aussicht und mMn auch weniger Anrecht auf ein maßvolles Vorgehen des Feindes. (auch wenn mir bewusst ist, dass die meisten derer, die in den nächsten Wochen in Gaza leiden und womöglich sterben werden, nur wenig oder gar nichts für diese Gräueltaten können).

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