@ChrisCullen: Pep Guardiola ist neben Jürgen Klopp wahrscheinlich der beste Trainer, den es im Profifußball gibt (beide aus unterschiedlichen Gründen, Klopp ist vielleicht der beste Psychologe und Guardiola der beste Taktiker, etwas vereinfacht gesagt).
Konkret in meiner zweiteiligen Kategorisierung würde Guardiola in die Kategorie Pragmatiker fallen, aber gelegentlich geht vielleicht der Ideologe etwas mit ihm durch.
Mit „zu sehr Ideologe“ meine ich, dass Tuchel in meiner Wahrnehmung in der Abwägung zwischen dem, was sein Kader kann und will, zu sehr an seinen eigenen Vorstellungen von gutem Fußball festgehalten hat und sich zu wenig in Form eines pragmatischen Nachgebens auf die Limitationen seines Kaders eingelassen hat. Aber vielleicht beurteile ich das auch falsch und tue ihm Unrecht, letztlich bleibt auch mir nur der Blick aus der Ferne.
@KurtRambis: Deine Schilderungen über van Gaal während der Alkmaar-Zeit sind interessant. Inwiefern hältst Du seine Situation und die Bedingungen, unter denen er agierte, übertragbar auf die Situation von Tuchel und den Bayern heute? Welche Lehren könnten die Bayern aus der Geschichte Van Gaal und Alkmaar für den Umgang mit Tuchel und mit ihren Trainern im Allgemeinen ziehen, wenn Du es auf den Punkt bringen müsstest?
Was den Wunsch der Mannschaft angeht, mit ihrem Trainer weiterzuarbeiten, darf man wohl getrost feststellen, dass der der Bayern heute in Bezug auf Tuchel nicht annähernd so stark ausgeprägt ist, wie es anscheinend der der Alkmaarer damals in Bezug auf van Gaal gewesen ist (sehr wohlwollend formuliert). So wie die Bayern gegenwärtig spielen, muss man annehmen, dass sie ihren Trainer nicht nur nicht vom Bleiben überzeugen, sondern eigentlich sogar am liebsten sofort loswerden wollen.
Was die zwischen @anon49020724 und Dir diskutierte Untrainierbarkeit angeht: Wenn die Mannschaft wirklich untrainierbar ist, dann muss das ja nicht zwingend an fehlenden neuen Spielern, sondern kann auch ein existierenden alten liegen. Wenn das der Fall wäre, dann nützten auch noch so viele neue Spieler nichts, um die Mannschaft trainierbar zu machen, wenn die Problemfälle gleichzeitig bestehen blieben.
Die Problemstellung, wer inhaltlich schwerpunktmäßig über die Transfers entscheidet, der Verein oder der Trainer (in Extremen formuliert), ist ein unauflösbares Dilemma. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Spielers bei einem Club ist höher als die eines Trainers, ergo scheint es sinnvoll, dass Spieler vom Club und unabhängig vom je aktuellen Trainer verpflichtet werden. Auf der anderen Seite wirkt die Arbeit des Trainers nur durch das Medium der Spieler, und es scheint folgerichtig, einem Trainer, den man wegen der Qualität seiner Arbeit verpflichtet hat (und den man an den Ergebnisse seiner Arbeit misst), stets das nach seinen Wünschen bestmögliche Medium zur Verfügung zu stellen, also in der Frage der sportlichen Notwendigkeiten ihn über die Transfers entscheiden zu lassen, und ausschließlich ihn.
Dieses Dilemma ist nie zu lösen, man kann als Verein in seiner Transferpolitik nur die eine oder andere Richtung etwas stärker betonen. Persönlich bin ich hin- und hergerissen. Bei Tuchel hätte ich mir fast gewünscht, ihm wären seine Wünsche erfüllt worden, einfach nur, um dann mal zu sehen, was er wirklich kann, obwohl ich aus betriebswirtschaftlichen Gründen grundsätzlich der anderen Richtung zugeneigt bin.
Allerdings ist die Richtung, einen Club allein über die Transfers entscheiden zu lassen, immer nur so gut, wie dieser Club dazu auch in der Lage ist. Bei den Bayern scheint es, gemessen an den Resultaten, im strategischen Bereich der langfristig konsistenten, zielgerichteten Kaderplanung, aber auch im operativen doing des Transfergeschäfts in den letzten Jahren leider an Fähigkeiten zu mangeln. Eine Transferpolitik, in der der Trainer das letzte Wort hat, wäre damit in den letzten Jahren trotz der hohen Umschlagshäufigkeit auf dem Trainerstuhl womöglich gar nicht das Schlechteste gewesen (das Operative ausgeklammert). Hoffentlich, @KurtRambis, und damit schließt sich dann der Kreis zu Deinem Profilbild Eberl, wird sich die Transferkapazität des Clubs bei den Bayern in nächster Zukunft wieder deutlich bessern, und zwar sowohl die strategische als auch die operative.
@Jo_1: Nun ja, ich bin nachsichtig mit Tuchel, was seinen Umgang mit den Medien angeht. Ich stelle mir vor, mein Job stünde im permanenten Interesse der Öffentlichkeit und ich würde tagein, tagaus von Journalisten, die meine Arbeit begleiten, Fragen gefragt, die ich für die Bewertung der Qualität meiner Arbeit und sogar hinsichtlich des Verständnisses für das, was meine Arbeit eigentlich ausmacht, für vollkommen irrelevant und sogar abstrus halte, dann würde ich nach einer gewissen Zeit wahrscheinlich auch irgendwann anfangen, gespreizt zu reagieren. Ich habe Verständnis für den Mann.
@Hibbs: Danke für Deine Zustimmung. Ich sehe, wir ticken in der Frage Tuchel ziemlich ähnlich.
@anon83403225: Das ist eine schöne Analogie, sehr anschaulich. Ich sehe es wie Du, ich glaube auch, dass sich einige der Spieler im Kader von Tuchel ins Gesicht geschlagen fühlen (so unberechtigt dieses Gefühl auch sein mag).