"Teilweise anders erlebt": Kimmich mit Lob und Kritik am Campus

Interessante Frage. Über diesen Aspekt habe ich noch gar nicht nachgedacht. Man könnte es sicher so argumentieren wie Du, aber ich würde diesen indirekten Verletzungseinfluss auch als Teil der Abnutzungsverletzung des betroffenen Spielers modellieren. Wie ich in einem früheren Kommentar schon einmal sagte, meine ich mit Pechverletzung per Definition nur den vollständig von Änderungen in der Dimension der Zeit unabhängigen Anteil der Verletzungswahrscheinlichkeit. Das ist keine empirische, sondern eine analytische Größe. Wenn dieser Anteil empirisch null ist, gibt es die Pechverletzung, so wie ich sie verstehe, in der Realität nicht.

Der Mehrwert dieser etwas künstlichen Trennung zwischen „Pechverletzung“ und „Abnutzungsverletzung“ liegt für mich nur darin, analytisch die Unterscheidung zwischen einem zeitunabhängig gleichbleibenden und einem zeitabhängig wachsenden Anteil der Verletzungswahrscheinlichkeit eines Fußballspielers machen zu können, um darauf hinzuweisen, dass die Leute, die sagen, dass es aufgrund der dadurch zunehmenden Verletzungswahrscheinlichkeit nicht klug sei, Spieler viele Spiele pro Saison, viele Spiele innerhalb kurzer Zeiträume (beispielsweise drei pro Woche und das zwei oder drei Mal am Stück) oder viele Minuten in einem Spiel spielen zu lassen, zunächst den Nachweis zu erbringen haben, dass die Verletzungswahrscheinlichkeit pro Einheit Einsatzzeit durch häufige, viele und lange Einsätze auch wirklich signifikant steigt.

Wenn sich herausstellt, dass die Verletzungswahrscheinlichkeit eines Spielers mit zunehmender Nutzungszeit in einem Spiel oder in einer Saison pro Zeiteinheit seines Einsatzes* nicht signifikant steigt, sondern ungefähr konstant bleibt, dann ist die Sorge, dass ein Spieler sich mit zunehmender „Abnutzung“ auch mit zunehmender Wahrscheinlichkeit pro Zeiteinheit verletzen würde, unbegründet und man könnte zumindest aus Gründena der vorbeugenden Verletzungsprävention weit stärker darauf verzichten, „abgenutzte“ durch „frische“ Spieler zu ersetzen (mit Einschränkungen, siehe auch den Asterisk), als dies in der Diskussion hier im Forum oft suggeriert wird.

*absolut gesehen nimmt die Verletzungswahrscheinlichkeit natürlich in jedem Fall zu. Selbst unter der Annahme einer konstanten Verletzungswahrscheinlichkeit pro Minute hat wer 90 Minuten auf dem Platz steht eine deutlich höhere Chance, sich zu verletzen, als derjenige, der nur eine Minute auf dem Platz steht.

Vielleicht habe ich es bei dir überlesen, daher formuliere ich meinen Gedanken als Frage:

Hast du berücksichtigt, dass die Gefahr der „Pechverletzung“ unterschiedlich wichtige Spieler betrifft? Ein Spieler, dessen Leistung für die K.O.-Phase der Champions League entscheidend ist, wird diese mit höherer Wahrscheinlichkeit unverletzt erreichen, wenn er nicht in jedem Spiel aufläuft.
So gesehen wäre das, was das Risiko einer „Abnutzungsverletzung“ reduziert, ebenfalls wirksam, um den bestmöglichen Kader für die Finalspiele zur Verfügung zu haben.

Inwiefern berücksichtigt? Für einzelne Spieler habe ich eigentlich gar keine konkreten Aussagen getroffen. Ich habe lediglich eine analytische Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Typen von Verletzungen eingeführt, die eine differenziertere Diskussion über Verletzungen ermöglichen soll, als es die Standardannahme erlaubt, dass die Verletzungswahrscheinlichkeit eines Spielers pro Minute Einsatzzeit mit zunehmender Einsatzzeit steigt, bis hin zu der Grundsatzfrage, ob es diese steigende Verletzungswahrscheinlichkeit überhaupt gibt.

Deine Überlegung, dass auch bei konstanter Verletzungswahrscheinlichkeit pro Minute ein wertvoller Spieler mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit eine Verletzung vor einer wichtigen Saisonphase erleidet, wenn er in der Zeit vor dieser Saisonphase weniger spielt, ist natürlich trotzdem richtig (aber auch wenig überraschend).

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Naja, wenn sich herausstellt, dass das Risiko der „Abnutzungsverletzung“ nicht steigt mit der Spielzeit, wie du in deinem Gedankenspiel durchspielst (pun intended), dann bliebe eben doch die drohende „Pechverletzung“, die nur reduzierbar ist durch Reduktion der Spielzeit. Damit bliebe bezogen auf Unterschiedsspieler die Konsequenz letztlich die gleiche, ob die „Abnutzungsverletzung“-Gefahr durch Spielzeit gesteigert wird oder nicht:
Wenn man bestimmte Spieler zu einem späteren Zeitpunkt benötigt, sollte man lieber frühzeitig rotieren (können).

Das hinge davon ab, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Pechverletzung ist. Das Risiko kann hinreichend gering sein, um den Einsatz eines wichtigen Spielers wegen seines sportlichen Stellenwertes trotzdem empfehlenswert zu machen. Das ist eine empirische Frage. Kommt auf den Spieler an, kommt auf die Verletzungswahrscheinlichkeit an. Müsste man untersuchen.

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Stimmt. Dazu wird das Risiko der „Pechverletzungen“ noch relativiert, da es ein ganz grundsätzliches Risiko quasi zu jeder Sekunde gibt, was man natürlich in diesem Kontext vernachlässigen sollte. Verletzungen im Training wären allerdings zu berücksichtigen. Auf das Risiko von Sportverletzungen in der Freizeit (evtl. auch die Abnutzung durch Freizeitsport) könnte man auch nochmal einen Blick werfen. Wahrscheinlich verkompliziert das dann das Modell, und Manuel Neuers trauriges Skicksal hat sich zwar eingeprägt, kommt mir aber eher nicht repräsentativ vor.

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Ja, die abstrakte Verletzungsgefahr im Alltag oder bei als Hobby ausgeübten Sportarten könnte man auch noch berücksichtigen, ebenso wie das Verletzungsrisiko im Training. Ich erinnere mich, dass wir über den Fall Neuer hier im Forum damals intensive Diskussionen geführt haben, die Du mit der Suchfunktion sicher finden kannst, falls Dich das interessiert (ging stellenweise richtig ans Eingemachte und war spannend).

Für eine erste Näherung würde der Fokus auf Verletzungen innerhalb eines Spiels sicher reichen. Solche Verletzungen machen wahrscheinlich pro Zeiteinheit ohnehin, aber wahrscheinlich auch insgesamt den Löwenanteil des Verletzungsrisikos eines Profispielers aus.

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