Danke. Das sind gewaltige Unterschiede, die zu einem Gutteil erklären, warum Spaniens NM seit ca. 20 Jahren ganz oben mitspielt.
Der Pool an möglichen Spielern scheint sich auch auf andere Weise zu verkleinern.
Aus irgendeinem Grund gelingt es in Italien nicht den migrantischen Teil der Bevölkerung in den Spitzenfußball zu integrieren.
In Deutschland, England, Frankreich bildet diese Gruppe einen mehr oder weniger großen Anteil der Nationalteams. Bei Italien gibt es Kean. Früher mal Balotelli.
Sonst fällt mir da wenig ein.
Der „migrantische“ Anteil ist in Italien schon spürbar kleiner als in Deutschland oder Frankreich. Wenn man die OECD-Definition nimmt, reden wir grob von gut 22 % in Deutschland, rund 19 % in Frankreich und etwa 14–15 % in Italien. Das ist ein Faktor, aber sicher nicht die ganze Erklärung.
Ich glaube ohnehin nicht an die eine Erklärung X oder Y. Italiens Problem ist strukturell.
Denn Talent ist ja weiterhin vorhanden. Italien hat die U19-EM 2023 und die U17-EM 2024 gewonnen. Man kann also schlecht behaupten, dort komme gar nichts mehr nach. Die Frage ist nicht, ob Talent da ist. Die Frage ist, was danach mit diesem Talent passiert.
Und genau da liegt für mich der große Unterschied zu Frankreich. Frankreich hat ein viel breiteres, systematischeres und zugleich brutal selektives Fördermodell. Fast 1.000 schulische Sportsektionen, Pôles Espoirs, Clairefontaine, professionelle Leistungszentren. Das ist ein harter Filter, aber eben ein klarer und glaubwürdiger Weg nach oben.
In Italien fehlt es genau daran. Wenn der Verband 2026 erst ein neues technisches Jugendprojekt startet, um die Förderung besser zu koordinieren, dann sagt das schon einiges über den Zustand des bisherigen Systems.
Dazu kommt das massive Nord-Süd-Gefälle. Wer aus dem Norden kommt, hat im Nachwuchs offenbar ein Vielfaches der Chancen, später bei einem Topklub zu landen. Auch das ist kein Detail, sondern ein strukturelles Problem. Das Infrastrukturthema kommt noch oben drauf: veraltete Stadien, schwächere Rahmenbedingungen, insgesamt weniger Modernisierung.
Der für mich vielleicht wichtigste Punkt ist aber ein anderer. In Frankreich ist Fußball für viele Jugendliche ein realer Aufstiegspfad. Nicht nur wegen der Ligue 1, sondern weil Frankreich ein echtes Exportland ist. Europa ist voll von französischen Spielern. Der Traum endet dort nicht bei Marseille oder Lille, sondern führt sichtbar weiter zu Arsenal, Barcelona, Bayern oder sonst wohin. Das macht den Weg glaubwürdig.
In Italien ist dieser Horizont viel enger. Weniger italienische Spieler in der Serie A, deutlich weniger internationale Anschlussfähigkeit, viel weniger das Gefühl: Über den Fußball kannst du wirklich ganz nach oben kommen. Und genau das ist der Punkt. Fußball taugt in Frankreich viel stärker als soziale Aufstiegserzählung als in Italien.
Es ist also nicht nur der kleinere migrantische Anteil das Problem. Das größere Problem ist, dass Italien seinen Talentpool insgesamt schlechter erschließt und schlechter weiterentwickelt. Davon sind Spieler mit Migrationshintergrund besonders betroffen, weil in einem schwächeren, weniger offenen und weniger glaubwürdigen System gerade sie den Fußball eben seltener als echte Chance wahrnehmen.
Am Ende fehlt Italien also nicht einfach nur Talent. Italien verliert Talent.
Ich glaube, das geht in die richtige Richtung, trifft es aber nicht ganz. Wer Erstligaprofi wird, hat danach ausgesorgt, egal, ob er nur in Frankreich spielt oder mit 23 von Lille nach Mainz oder San Sebastian wechselt. Aber Frankreich hat auch eine viel desolatere Sozialstruktur und insbesondere in den Banlieus setzen viel mehr aus reiner Perspektivlosigkeit voll auf die Karte Profifußball. Wenn es aber bessere Möglichkeiten (Lehre und einige Jahre später den Meister machen, lockeres BWL-Studium und zum Bürohengst werden…) alternativ gibt, ist der Anreiz, alles auf die eine Karte Profifußball auszurichten, geringer. Das wird ja auch immer als Erklärung gesehen, warum Brasilien und gerade Argentinien so unfassbar viele Fußballer pro Bevölkerung hervorbringen.
Das französische System rund um Clairefontaine und der stärkere Jugendfokus der Vereine wird schon der wichtigste Faktor sein, aber für den Gesamtpool an Talenten, die es tatsächlich durchziehen, dürfte die kaputtere Gesellschaft in Frankreich mindestens mal… hilfreich sein.
Ich glaube, du triffst einen wichtigen Punkt. Der Auslandswechsel an sich ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, ob Jugendliche und ihre Familien den Weg in den Profifußball überhaupt als realen Aufstiegspfad wahrnehmen.
Da ist Frankreich m.E. glaubwürdiger als Italien.
Wegen Clairefontaine, der stärkeren Jugendstrukturen und weil französische Spieler überall in Europa sichtbar sind.
Mit anderen Worten: Nicht Perspektivlosigkeit allein macht den Unterschied, sondern Perspektivlosigkeit plus ein funktionierender Förderweg. Genau das hat Frankreich eher. In Italien ist der Weg enger, schlechter koordiniert und weniger glaubwürdig. Deshalb mobilisiert Frankreich Talent härter und Italien verliert es früher.
Aber ist da Italien so viel besser?
Auf jeden Fall, sowas wie die Banlieus in so ziemlich jeder französischen Großstadt gibt es in dem Ausmaß mW in keinem weiteren süd- oder westeuropäischen Land.
Über das Wort viel kann man meinetwegen diskutieren. Aber Frankreich hat da schon eine Spezialstellung.
In der SZ war heute noch eine Analyse zum Scheitern der Italiener, war ganz interessant zu lesen. Offenbar ist der Verbandspräsident eine ziemliche Gurke.
Spannend:
der Autor macht darauf aufmerksam, dass die italienische Liga fast komplett auf das 3-5-2 setzt, aber höchst konservativ interpretiert, sprich, mit Fokus auf die Defensive. Aus der Dreierkette wird so in der Praxis ganz schnell die Fünferkette. Taktisch also auf die Torverhinderung ausgelegt, weniger auf offensive Abläufe. Auch bemerkenswert, dass die wenigen innovativen italienischen Trainer eher im Ausland arbeiten als im eigenen Land. In der Liga gibt es wohl nur ganz wenige Ausreißer, die einen progressiveren und mutigeren Ansatz pflegen, etwa Fabregas bei Como, aber die werden dann sehr schnell medial eingenordet oder kritisiert.
Ich denke schon, dass das auch ein Problem ist. Alles sehr festgefahren und risikoarm. Damit gewinnst du heute nicht mehr viel, zumal die anderen Nationen taktisch-strategisch mittlerweile auch auf einem hohen Level sind. Gattuso wirkt da wie der unfreiwillig passende Coach. Im Relegationsspiel wunderte ich mich, dass er in Unterzahl den schnellen Kean rausnahm, dafür aber den Typ Strafraumstürmer Esposito brachte.
Sehr gut zusammengefasst.
Ich plädiere ja für ein offensives 3-5-2, welches dann eigentlich ein 1-3-1-3-2 ist.
Ganz einfache Erklärung warum bei Nagelsmann Undav die Rolle hat die er hat:
Darf ich noch eine kleine Ergänzung zu der Diskussion einbringen? Das soll kein Vorwurf sein @ChrisCullen, ich hoffe das ist klar. Ich fand es nur einfach wichtig auch diese Seite zu beleuchten.
Es ist wirklich wunderbar, dass französische Jugendliche, insbesondere aus den Banlieues, über den Fußball reale Aufstiegschancen haben. Wenn der Fußball für viele die einzige wahrgenommene Möglichkeit ist, gesellschaftlich aufzusteigen, dann kann das zu Problemen führen, da eben viele Jugendliche nicht aufsteigen können, die einfach nicht dazu gemacht sind Fußballer_innen zu werden.
Viele Jugendliche haben auch andere Interessen und könnten sich ein erfülltes Leben z. B. als Künstler, durch Ausbildung oder Studium vorstellen. Wenn jemand, der eine Fußballausbildung genossen hat, später einen anderen Weg einschlägt, ist das kein „verlorenes Talent“, sondern ebenfalls eine Erfolgsgeschichte.
Meine Aussage meint, ein verlorenes Talent für den Fußball. Der italienische Fußball verliert das Talent. Das ist ein Unterschied. Dass man hoffentlich durchaus andersweitig erfolgreich durchs Leben gehen kann versteht sich von selbst. Das habe ich nicht thematisiert.
Wenn das Wörtchen wenn nicht wär’ … Die Wahrscheinlichkeit, es zum Profi zu schaffen, liegt doch bestenfalls im Promille-Bereich. Und ob für die Tausende, die es nicht schaffen, die langjährige Fokussierung auf den Fußboden, gefolgt vom geplatzten Traum, die ideale Voraussetzung für eine anderweitige Karriere ist, sei mal dahingestellt …
Ist natürlich schwierig zu bewerten, wie so eine Ausbildung einen im späteren Leben beeinflusst. Jeder Mensch entwickelt sich ja individuell und manche wachsen an der Ausbildung, andere scheitern eher daran.
Also die Idee, dass das alles gescheiterte Existenzen sind, die in St. Denis die Molotowcotails werfen, sehe ich nicht.
Du lernst auf diesem Weg auch etwas. Da werden Werte vermittelt. Der Teamgedanke, Leistungsbereitschaft, Disziplin. Das sind Dinge die einem auch hilfreich sein, wenn es nicht zum Fußballprofi reicht.
Ich denke, die Akademien haben da auch eine gewisse Verantwortung, dass sie die Jugendlichen nicht einfach auf die Straße setzen, Au revoir und das war’s. Dass es Fälle gibt, die das nicht verkraften ist sicherlich so. Das ist im Einzelfall immer tragisch. Aber, ob tatsächlich so viele sind? Ich glaube nicht. Wir hören ja eh immer von denen die es nicht gepackt haben vom verschnupften Göktan spricht man heute noch. Aber von all den anderen die einfach einen anderen Weg genommen haben, hört man natürlich nichts. Da ist auch viel selektive Wahrnehmung mit dabei.
Es gibt ja diverse Untersuchungen zu dem Thema.
Wenn man nach einigen Jahren mal auf die „Gescheiterten“ im Fußballsinne zurückblickt, stellt man fest, dass die allermeisten sich auch ohne Profidasein ein vernünftiges Sozial- und Berufsleben aufbauen konnten.
Keine Überraschung: Diejenigen mit einer guten schulischen Ausbildung und familiärem Rückhalt schneiden dabei am besten ab.
Gattuso tritt zurück
Keine EM 2032 in Italien?
ntv.de Hiobsbotschaft nach WM-Debakel: UEFA droht Italien mit Entzug der Fußball-EM 2032 - ntv.de
Aber ein ansprechendes Trikot für die WM haben sie!
Die Magnum, p.i . Edition