Mythos: Gerd Müller

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Für mich als Kind der 90er-Jahre war Gerd Müller ein Mythos. Ich hatte den größten deutschen Stürmer aller Zeiten nie selbst live spielen sehen können, weder am Fernseher noch im Stadion. Nie konnte ich eines seiner zahlreichen Tore live bejubeln. Der Mythos Müller lebte in mir durch die Erzählungen meines…

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Eine schöne Würdigung durch einen Nachgeborenen. Wenn man wie ich seinen Werdegang seit den ersten Anfängen beim FC Bayern verfolgt hat, gibt es natürlich noch weitere Facetten. Zunächst mal war Rainer Ohlhauser ja der etatmäßige Goalgetter. Spätestens ab der zweiten BL-Saison drehte sich dann, gerade auch im Europapokal, fast alles um Gerd Müller. In der folgenden Spielzeit - also 1967/68 - geriet er aber, z.T. mit dem ganzen Team in eine Formkrise, die ihn auch vorübergehend seinen Platz in der Nationalmannschaft kostete. Was zur Folge hatte, dass am blamablen 0:0 von Tirana gegen Albanien und dem daraus resultierenden einzigartigen Ausscheiden in einer Qualifikation kein einziger Bayern-Spieler Anteil hatte. (Ich weiß nicht, ob es seither auch nur ein einziges Länderspiel ohne Beteiligung der Bayern gab.) Jedenfalls konnte das weder Müller noch sonst jemandem aus dem Team angelastet werden; damals ein unschätzbarer Vorteil. Im „Kicker“ war dann zu lesen, wie sehr es Müller schmerzte, die Trophäe für den Fußballer des Jahres im Sommer 1968 wieder hergeben zu müssen, zugunsten Beckenbauers. Ein Jahr später holte er sie sich nach einer überragenden Saison zurück, zum zweiten und letzten Mal. Und genau dies war ein weiteres Jahr darauf, nach der WM 1970, in der Müller Torschützenkönig geworden war, ein Problem. Denn dass statt seiner Uwe Seeler die Auszeichnung zum dritten Mal bekam, ärgerte ihn gewaltig. Einerseits verständlich, aber Seeler hatte seine angestammte Position als Mittelstürmer zugunsten Müllers aufgegeben und in der ungewohnten Rolle als hängende Spitze ebenfalls maßgeblich zu der großartigen Performance des deutschen Teams beigetragen. Müller erinnerte sich später an dieses Turnier als absoluten Karrierehöhepunkt, was sich, wenn man die WM mitverfolgen konnte, ohne weiteres nachvollziehen lässt. Und am Jahresende folgte noch eine schöne Belohnung: als erster deutscher Spieler wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.

Wenn Müller mal ausfiel, hatte das gerade in diesen frühen Jahren katastrophale Auswirkungen auf das Spiel der Bayern. In der ersten Halbserie der Saison 1968/69 steuerten sie einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg in der Bundesliga und damit die erste BL-Meisterschaft an, vor allem dank eines überragenden Gerd Müller, der aber im letzten Spiel vor der Winterpause wegen einer Tätlichkeit gegen Jupp Heynckes (damals Hannover 96) vom Platz gestellt und für 8 Wochen gesperrt wurde. Wovon immerhin die erste Hälfte in die spielfreie Zeit fiel. Aber als die Rückrunde ohne Müller begann, lief im Spiel der Bayern gar nichts mehr. Kaum aber war er wieder da (laut „Kicker“ wie ein Kastenteufel), kam der Erfolg zurück.

Mein Profilbild zeigt Müller in ungewohnter Rolle, nämlich als Torwart der Bayern. Abschließend hierzu der Kommentar des „Spiegel“:

"Der weiß, wo das Tor steht - selten traf das auf einen Fußballer so präzise zu wie auf Gerd Müller. Als Rekordtorschütze prägte er über viele Jahre den FC Bayern München, die Bundesliga, die deutsche Nationalmannschaft. Über andere Stürmer heißt es stets: Lasst sie bloß nicht in den eigenen Strafraum, da richten sie nur Schaden an. Für Gerd Müller galt das nicht. Er brillierte am 20. Oktober 1965 in beiden Strafräumen.

Kurz zuvor hatte er, mit zarten 19 Jahren, gleich bei der Bundesliga-Premiere als Rechtsverteidiger einspringen müssen, im Derby gegen den TSV 1860 München. Und dann wurde Müller einer der ersten Aushilfs-Keeper, als der FC Bayern am 20. Oktober gegen den HSV furios aufspielte. Gerd Müller erzielte in der 19. Minute das 2:0, wenig später prallte Schlussmann Sepp Maier mit Uwe Seeler zusammen: Knieverletzung. Er überließ sein Torwarttrikot Gerd Müller und wurde neben dem Tor behandelt.

Auswechslungen waren damals noch unzulässig. Später kam Maier, auch erst 21 Jahre alt, auf den Platz zurück und spielte mit zusammengebissenen Zähnen zu Ende, aber bis dahin musste einer seinen Job übernehmen - ausgerechnet der kurzbeinige Torjäger. Gerd Müller glänzte mit Flugkunst und gutem Stellungsspiel. Wie er zum Ball segelte, zeigen Bilder aus dem Volksparkstadion. 4:0 ging das Spiel aus, der FCB als Liga-Neuling demütigte den hohen Favoriten HSV. „Ausgespielt“, „deklassiert“, „geschlagen mit Mann und Roß und Wagen“, vermerkte tags darauf das „Hamburger Abendblatt“. Sepp Maier und Gerd Müller waren die Helden des Spieltages."

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Dieses nicht so bekannte Tor (ab 7:00) verdient es unbedingt, nochmal angeschaut zu werden. Müller, damals in der N11 absoluter Spezialist für entscheidende Last-Minute-Treffer, erzielte es kurz vor Schluss im wichtigen WM-Quali-Spiel gegen Österreich am 10. Mai 1969 in Nürnberg. Übrigens das einzige Länderspiel von Dieter Brenninger, der damals eine herausragende BL-Rückrunde spielte.

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Danke für den Bericht !

Ich habe Gerd Müller selbst nie erlebt, sondern habe ihn praktisch selber nur als Mythos wahrgenommen.
Es gibt etliche Szenen von früher auf youtube bei denen ersichtlich ist was das für ein Fussballer war.

Als ich groß geworden bin galt Gerd Müller eher als „Strafraumspieler“, was sicherlich richtig ist, da dies seine Paradedisziplin war und es in der Hinsicht keinen besseren gab.

Auf der anderen Seite ist es vollkommen falsch ihn nur darauf zu begrenzen, da er viel mehr Qualitäten hatte. Wenn man sich alte Spiele anschaut sieht man oft wie er nach hinten arbeitet, von hinten das Spiel aufbaut, auch mit Schüssen von der Strafraumgrenze erfolgreich war.

Es war einer der besten Fussballer die es je gab, und weit weg davon nur als „Straufraumspieler“ angesehen zu werden…

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Vielen Dank für die Berichte und die Infos! Die Ära Müller war auch weit vor meiner Zeit, manchmal erzählt mein Vater aber aus der Zeit und da merkt man schon, wie fasziniert er von ihm war.

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Hier noch eine Würdigung von www.spielverlagerung.de:

» Türchen 23: Gerd Müller (spielverlagerung.de)

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Das Finaltor gegen die Niederlande als Kunstwerk, sehr schön. Obwohl ich damals da schon mitgelesen habe, ist keiner der z.T. sehr interessanten Kommentare von mir. Schade dass der Kommentator „Schorsch“ da seit geraumer Zeit nicht mehr auftaucht, mit dem ich - speziell anlässlich des einen oder anderen der Vergangenheit gewidmeten Adventskalenders - manch netten Dialog führte, bei dem sein Wissen und Erfahrungsschatz (z.B. selbst mal gegen den bei der WM 74 auffälligen argentinischen Offensivspieler Carlos Babington gespielt zu haben - was er aber angesichts meiner angemessen bewundernden Reaktion sogleich wieder relativierte) dem meinen stets überlegen war. Und dann waren wir plötzlich - wie es dazu kam, weiß ich nicht mehr - auf einer literarisch-philosophischen Ebene und bei der von mir hochgeschätzten Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ von Manès Sperber, der denkbar gnadenlosesten Abrechnung mit dem skandalösen, ja verbrecherischen Versagen des Kommunismus im Kampf gegen den Faschismus durch einen Insider. Zu Werk und Autor hatte „Schorsch“ persönliche, familiäre Verbindungen. Hochinteressant und bereichernd.

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Ja, den Schorsch habe ich auch immer gern gelesen.

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Hallo jep,

„Ich weiß nicht, ob es seither auch nur ein einziges Länderspiel ohne Beteiligung der Bayern gab“

Ja, gibt es hin und wieder. Vor der WM 2014 gab es - rund um das Pokalfinale FCB-BVB - ein Testspiel gegen Polen. Da war Julian Draxler mit 20 Jahren Kapitän.

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Stimmt, dieses „denkwürdige“ 0:0 mit geschätzt fünf Debütanten, von denen kaum einer noch eine zweite Berufung erhielt.

Das tatsächlich denkwürdige Pokalfinale war natürlich auch der Grund für die spezielle Aufstellung.

Also eine richtige Erfolgsgeschichte mit vielen tollen Toren werden Länderspiele ohne Beteiligung des FC Bayern wohl nicht mehr. :wink:

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Das Schöne und gerade aktuell so gut zum Supercup-Spiel Passende an der Würdigung Gerd Müllers durch MR ist ja die vielfältige Verbindung zwischen FCB und BVB: Martin Rafelt ist bekennender BVB-Fan. Andererseits wird im SV-Kommentarbereich gerade wiederholt gefragt: „Kommentiert ihr weiterhin keine Spiele, an denen RM beteiligt ist?“ René Maric, Ex-Autor und Bayern-Fan, gehört seit Salzburger Zeiten zu Roses Stab und war gestern auch auf der Dortmunder Bank zu sehen.

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Gerd Müller, der besondere Mensch und fernab aller Starallüren.
Rummenigge erzählt von einer seiner ersten Begegnungen mit Gerd Müller-
"Ich war gerade 18 Jahre alt und sah Gerdmüller in der Kabine und selbstverständlich hat man so einen Star gesiezt. Und Müller - „Burschi, wir spielen doch in einer Mannschaft! Ich bin der Gerd!“
So war er immer.
In Fort Lauderdale hat er es sich nicht nehmen lassen, in seinem Restaurant alle Besucher aus Deutschland persönlich mit Handschlag zu begrüssen.
Und all die ganzen Privilegien, auf die andere Stars Wert legten bis hin zum Interviewtermin, waren nie sein Ding. Weder früher noch in seinen letzten aktiven Zeiten als Co-Trainer beim FCB.
Es gab nur einen einzigen Punkt, wo er ausgesprochen unleidlich wurde - wenn seine Mannschaft nicht gewonnen hat. Und das hat sich bis zum Schluß nicht geändert.
Er war einfach ein besondere Mensch und jeder, der ihn persönlich erlebt hat, kann das bestätigen.

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https://fcbayern.com/de/news/2021/08/matthaeus-lahm-und-pizarro-gedenken-gerd-mueller-im-deutschen-fussballmuseum

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U.a. die Bender-Zwillinge haben es vorgeschlagen:
Eine mögliche, dauerhafte Würdigung Gerd Müllers wäre die Umbenennung der Torjäger-Kanone nach ihm. Der holländische Supercup heißt ja „Johan-Cruyff-Schaal“, und der Welttorhüter bekommt von France Football alljährlich die Trophée Yashin.

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Den Vorschlag gibt es schon länger aber ob der Kicker da mitspielt?
Der FCB sollte eine Statue vor der AA errichten, und/oder eine Tribüne/Eingang nach ihm benennen. Da wird es sicherlich einiges geben.

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Es gab auch schon den Vorschlag das Campus-Stadion in Gerd-Müller-Stadion umzubenennen.
Das wäre für mich eine sehr schöne Geste. Es gibt auch die direkte Anknüpfung. Immerhin hat er die zweite Hälfte seines Lebens mit der Nachwuchsarbeit bei Bayern verbracht.

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Diese von Arnd Zeigler ins Netz gestellte Doku von 1967 zeigt am Ende die unglaublich sympathische, weil emotional ehrliche Kombination von Ehrgeiz und Bescheidenheit bei Gerd Müller. Er verfolgt gemeinsam mit dem Interviewer am Radio die Reportage vom unglückseligen 0:0 von Tirana im Dezember '67 und gibt unumwunden zu, enttäuscht zu sein über seine Nichtnominierung; er erklärt auch, worin er den Grund für seine Formkrise und die des Teams sieht: in dem zu kleinen Kader. Kurz vor Schluss, als das Desaster offenbar unabwendbar ist, wird er gefragt, ob es mit ihm besser gelaufen wäre als mit dem Debütanten Peter Meyer von Borussia Mönchengladbach: nein, das glaube er nicht. Das aus dem Mund dessen, der gerade ein Vierteljahr zuvor als Spieler des Jahres geehrt worden war. Nach Abpfiff: „bin fix und fertig“. Ob er nun vielleicht ganz froh sei, nicht mitgewirkt zu haben? Müller: die Abwesenden dürften die Gewinner sein. Alles auf den Punkt, ohne Wenn und Aber. Immerhin gerade erst 22 geworden. Interessant auch seine Aussagen zu Perspektiven nach dem Karriereende. Und frappant, wie exakt Cajkovski seine weitere Karriere einschätzt.

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Der FC Bayern hat bekannt gegeben, wie das Gedanken am Wochenende ausfallen soll:https://fcbayern.com/de/news/2021/08/reden-von-herbert-hainer-und-uli-hoeness---gerd-mueller-gedenken-mit-fans-in-allianz-arena

Das wäre mMn eine mega Idee!