Da der Zugang zu sauberem Trinkwasser und Hygiene ein eigenes UN-Menschenrecht ist und auch das sechste der 17 UN Sustainable Development Goals sich darauf bezieht, sind Verfügbarkeit und Zugang zu sauberem Wasser weltweit fraglos ein sehr sensibles Thema und jedwede Skepsis gegenüber unmoralischer privatwirtschaftlicher Ausbeutung höchst angebracht. Bezahlen für Menschenrechte? Sounds awfully wrong.
Allerdings möchte ich, nachdem ich mir das Wassergeschäft des Konzerns für drei der besonders umstrittenen Fälle Pakistan, Äthiopien und Südafrika einmal näher angeguckt habe, als advocatus diaboli zugunsten von Nestlé einwenden, dass dort, wo das Unternehmen in diesen Ländern Wasser fördert, abfüllt und verkauft, ansonsten leider fast gar kein sauberes Wasser für die Bevölkerung verfügbar wäre, weil es in der Regel mit Giftstoffen (wie z. B. in Pakistan mit Arsen) kontaminiert und nicht für den Gebrauch als Trinkwasser verwendbar ist - wenn es denn überhaupt Wasser gibt, weil sich die staatlichen Institutionen in den fraglichen Kommunen und Regionen nicht darum kümmern, Brunnen zu bohren, Leitungen zu legen und das Wasser zu reinigen.
Es ist also keineswegs so, als würde Nestlé in diesen Ländern mit seinen Brunnen einfach ansonsten frei verfügbares, sauberes Grundwasser ohne Gegenleistung für die Allgemeinheit abpumpen und damit praktisch der dortigen Bevölkerung auf eine höchst zynische Weise entziehen, sondern dort, wo Nestlé dieses Grundwasser hochpumpt, reinigt und abfüllt, wäre ansonsten, so bitter es ist, für die Bevölkerung oft gar kein Wasser verfügbar, und wenn doch, dann zumindest kein genießbares.
Ich finde somit, vor die Wahl gestellt, ob entweder
a) gar kein oder nur giftiges Trinkwasser kostenfrei für alle;
oder
b) sauberes Trinkwasser, aber dafür im Privatverkauf und bezahlbar nur für einige
wäre b) jederzeit meine präferierte Wahl (zumal in einem funktionierenden Staatswesen Nestlé ja mit seiner Wasserabfüllung auch noch bezahlte Jobs in armen Regionen schafft und auf seinen Umsatz und Gewinn Steuern bezahlt, die der Staat theoretisch für das Bauen eigener Brunnen oder die Reinigung das Trinkwassers aus den bereits verfügbaren einsetzen könnte).
Selbstverständlich wäre es noch besser, wenn der Staat an den Orten, an denen Nestlé seine Brunnen bohrt, seiner ureigensten Pflicht zur Gewährleistung der grundlegenden Daseinsvorsorge seiner Bevölkerung inklusive lückenloser Versorgung mit sauberem Trinkwasser nachkommen würde, das versteht sich von selbst, aber solange das nicht gegeben ist, fällt es mir schwer, Nestlé für seine geschäftlichen Wasser-Praktiken so rundheraus zu verurteilen, wie es die meisten Leute (auch von Euch) auf de ersten Blick wahrscheinlich instinktiv tun würden.