Der erste Paragraph der Pressemitteilung des FC Bayern Veröffentlichung seines neuen Champions-League-Trikots, eine Stilkritik.
„Ein besonderes Trikot mit einer subtilen, aber eindeutigen Botschaft: Der FC Bayern führt bei seinem neuen Champions League Trikot das saisonübergreifende Thema, sein Münchner Erbe zu feiern, mit einem speziellen Hinweis auf seinen Status als deutscher Rekordmeister fort und zollt gleichzeitig dem Marienplatz Tribut – jenem Platz im Herzen der Stadt, auf dem der Club seit Jahrzehnten mit seinen Fans seine Erfolge feiert. Den Saum des Trikots schmückt ein einzigartiges Label mit der Aufschrift „Grüße vom Rathausbalkon“ – eine Botschaft mit Tiefe: Am Saisonende möchte der FC Bayern seinen Anhängern dort wieder die eine oder andere Trophäe präsentieren.“
Was fällt auf? Gehen wir den Text mal durch.
„Ein besonderes Trikot mit einer subtilen […] Botschaft.“
Die Probleme mit dem Text beginnen bereits beim Einstieg. Die Verwendung des Wortes „subtil” bedeutet, dass an dieser Stelle bereits nach dem sechsten Wort die Hälfte der Leser angehängt worden ist. Ein weniger anspruchsvolles Wort, wie „unterschwellig” oder „unaufdringlich”, hätte die Rampe in den Text hinein weniger steil gestaltet. So springen einige Leser bereits an dieser Stelle ab und ein Teil der übrigen weiß nach dem Satz genauso viel wie vorher.
„mit einer subtilen, aber eindeutigen Botschaft“
Bereits mit dem nächsten Satzelement gehen die Probleme weiter: „aber eindeutigen Botschaft”. Die Botschaft ist so eindeutig, dass man den gesamten restlichen Teil des gerade begonnenen Paragrafen dafür verwendet, sie ausführlich zu erklären. Wahrscheinlich just in case. Für die Dummen. Wie mich. Mir ist selten eine so eindeutige Botschaft untergekommen wie diese. (Zur Beruhigung: Ich habe sie immer noch nicht verstanden.)
„Champions League Trikot“
Hier fehlen die Koppelstriche. Korrekte deutsche Rechtschreibung würde „Champions-League-Trikot” verlangen. Aber gut, diese Regel ist wahrscheinlich ohnehin nur den wenigsten FC-Bayern-Fans bekannt oder wichtig, daher ist der Fehler verzeihlich. Vielleicht ist die „luftige” Schreibweise ja sogar eine absichtliche Falschschreibung als Signal des FC Bayern an seine Fans: „Wir sind ganz nah bei euch, wir erheben uns nicht über euch.” Fannähe ist schließlich wichtig – auch für die Verkaufszahlen. Brillanter Zug. Sehr subtil. Aber eindeutig.
„zollt … Tribut“
Nach „subtil” die zweite sprachlich anspruchsvolle Stelle im Text. Wenn ich von zu zollendem Tribut lese, muss ich unwillkürlich immer an das antike Rom denken. Aber Rorum Schmorum. Der FC Bayern zollt mit seinem Trikot auch dem Marienplatz Tribut – auf eine Weise, die so „subtil” ist, dass mir selbst nach mehrmaligem Lesen und längerem Nachdenken nicht klar ist, wie genau dieser Tribut eigentlich gezollt wird. Wenn schon subtil, dann aber richtig!
„Den Saum des Trikots schmückt ein einzigartiges Label“
Im nächsten Satz haben wir mit „Saum” und „Label” zwei Wörter in einem engen inhaltlichen Zusammenhang („das Label schmückt den Saum”), die sprachlich kaum weiter auseinanderliegen könnten. Hier knarzt und knirscht es gewaltig. Einerseits haben wir mit „Saum” ein Wort aus dem Mittelhochdeutschen, dessen Ursprünge sich etymologisch bis ins Germanische zurückverfolgen lassen und das garantiert in keiner Top-10.000-Vokabeln-Kompilation der deutschen Sprache auftauchen würde. Auf der anderen Seite haben wir mit dem Anglizismus „Label” ein Wort, das zwar heute allgegenwärtig, aber wahrscheinlich erst seit einigen Jahrzehnten breiten Teilen der Bevölkerung überhaupt bekannt ist. Der Kontrast zu „Saum” könnte deutlicher kaum sein: „Label”, das ist irgendwie hip, frisch, jung, modisch, cool, international. „Saum” hingegen ist alt, angestaubt, antiquiert, gediegen, großmütterlich. Man kann das Mütterchen am Spinnrad aus Grimms Märchen praktisch vor sich hinwerkeln sehen. Warum schreibt man nicht: „Den unteren Rand des Trikots schmückt ein einzigartiges Label” oder „den Saum des Trikots schmückt ein einzigartiges Etikett” oder „ein einzigartiges Schild” oder „eine einzigartige Plakette”? Ein „Label“, das einen „Saum“ schmückt – it ain’t jibin’.
„Grüße vom Rathausbalkon“ – eine Botschaft mit Tiefe:"
Diese Tiefe, sie ist einfach unfassbar. Der Grand Canyon ist nichts dagegen.
"Am Saisonende möchte der FC Bayern seinen Anhängern dort wieder die eine oder andere Trophäe präsentieren.“
Natürlich! „Die eine oder andere“ durfte – klar – nicht fehlen. Kein Artikel, kein Kommentar, keine Fernsehsendung und keine Pressemitteilung im Fußballkontext ist vollständig, wenn die Formulierung „die eine oder andere“ nicht mindestens das eine oder andere Mal fällt. Im letzten Satz noch die Kurve bekommen. Glück auf!