Das ist global gesehen sicher nicht ganz falsch, aber auch erklärbar. Deutschland verteidigt gerade. Die Mentalität ist defensiv. Deutschland ist jahrzehntelang eines der führenden Industrieländer der Welt gewesen, speziell in den Bereichen Chemie, Maschinenbau und Automobilbau. German engineering, Made in Germany und so weiter. Inzwischen haben andere Länder in diesen Industrien aufgeholt und spätestens seit dem Beginn des Tech-Booms in den frühen 2000ern hat sich die Wachstumsdynamik ganz allgemein in andere Bereiche verlagert. Deutschland führt schon nicht mehr, der Ausgleich ist bereits gefallen, aber jetzt will man wenigstens nicht verlieren. Also stellt man sich mit elf Mann hinten rein.
Man sieht es wie im Brennglas auch in der politischen Diskussion: Es geht nur noch ums Verteidigen von Besitzständen und wer was von dem bekommt, was noch da ist. Es geht nicht um Ideen für morgen. Aufbruchstimmung, positive Energie, Mut, ein Kompany-Spirit, den ich so liebe, ist weit und breit nicht zu sehen.
Bedauerlich, aber historisch erklärbar. Immerhin haben wir noch etwas zu verteidigen. Noch.
Was den Frauenfußball angeht, sehe ich eher ein Problem des kollektiven Handelns. Die Liga kann nur wachsen, wenn alle mitmachen, wenn jeder Spieler (d. h. Verein) investiert und ins Risiko geht, um das Produkt – ein Wettbewerb von vielen Mannschaften – insgesamt attraktiv, hochwertig und aufgeladen mit Emotionen zu machen. Ein Verein alleine kann diesbezüglich nicht viel ausrichten.
Aber jeder Verein hat individuell einen Anreiz, die anderen die Investitionen tätigen zu lassen und selbst nicht zu investieren, sondern als Trittbrettfahrer von den getätigten Investitionen zu profitieren. Die Payoff-Matrix für einen einzelnen Verein sieht ungefähr so aus, hier am Beispiel des FC Bayern:
Man sieht, dass es für einen einzelnen Verein individuell stets rational ist, nicht zu investieren, egal, was die anderen Vereine (als imaginiertes Kollektiv) machen:
Wenn die anderen Vereine nicht investieren, aber man selbst investiert, reicht das alleine nicht um den Frauenfußball erfolgreich zu machen, man verbrennt viel Geld ohne Nutzen (in der Graphik die Auszahlung von -2). Wenn alle anderen nicht investieren und man selbst auch nicht, bleibt der Frauenfußball zwar am Boden, aber man hält sich finanziell immerhin schadlos (in der Grafik die Auszahlung von 0). Wenn alle anderen investieren und man selbst auch, hat man einen positiven Nutzen, der Frauenfußball wird für alle erfolgreich (in der Grafik dargestellt durch die Auszahlung 3). Aber wenn alle anderen investieren, aber man selbst nicht, ist der Nutzen des „Trittbrettfahrers“ sogar noch größer, weil er ohne eigene finanzielle Anstrengungen von den Investitionen der anderen profitiert. Der Frauenfußball wird für alle ein Erfolg, aber man selbst hat zusätzlich noch den Vorteil, dass man dafür kein Geld aufwenden musste (in der Grafik dargestellt durch die Auszahlung 5). (Die Auszahlungen der anderen Vereine bitte ignorieren, die Nummern dienen nur der Vollständigkeit.)
Diesem Anreizschema sieht sich jeder Spieler gegenüber. Aus Sicht jedes einzelnen Vereins heißt das:
Egal, was die anderen machen, ich bin immer besser dran, wenn ich selbst nicht investiere.
Das ist das klassische Problem des Freeridings bzw. Trittbrettfahrertums im kollektiven Handeln, das seine prominenteste Inkarnation auf dieser Erde wahrscheinlich beim Problem der Reduktion der globalen CO2-Emissionen hat.
Begegnen kann man diesem Problemen beispielsweise durch die Einsetzung einer zentralen Autorität, der gegenüber sich alle Spieler bindend verpflichten, bestimmte Ziele zu bestimmten Zeitpunkten zu erreichen oder der alle Spieler einen Teil ihre eigenen Entscheidungshoheit abtreten. Für eine schnellere und gezieltere Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland wäre es beispielsweise gut vorstellbar, dass eine zentrale Instanz, etwa eine Frauen-DFL, der jeder an der Frauen-Bundesliga teilnehmende Verein jedes Jahr eine bestimmte Summe Geld überweist und die im Namen der Liga (und damit aller Vereine) Geschäfte abschließen darf, beispielsweise in den Bereichen Werbung, Vermarktung und Infrastrukturausbau, die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland deutlich beschleunigen, stringenter und gleichzeitig effizienter machen würde. Denn mit einer solchen Instanz wäre das Trittbettfahrerproblem effektiv gelöst, und die Chance auf eine deutlich höhere Entscheidungsqualität und -geschwindigkeit kommt noch als Kirsche on top.