Das ist in der Tat ein starkes Argument gegen eine Internationalisierung der Frauenmannschaft der Bayern, an das ich nicht gedacht habe.
Ja, wenn die WSL weiter um so viel schneller wächst als alle anderen Ligen und das nie aufhört, dann ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie alle anderen Ligen sportlich und ökonomisch so stark dominiert, dass der relevante Frauenfußball nur noch dort stattfindet und alle anderen Ligen höchstens noch regionale Bedeutung haben, hinsichtlich des internationalen Interesses vielleicht ähnlich strahlkräftig wie eine dritte oder vierte Liga bei den Männern.
Worauf wartet man denn da? Den Zusammenhang verstehe ich nicht. Welche Voraussetzungen, die jetzt noch nicht gegeben sind, werden erst durch die EM 2029 geschaffen, sodass der derzeitige Mangel daran noch einen blockierenden Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Frauenfußballs in Deutschland hat?
@Tobizzel: Spannende Recherche, danke!
Zu Deiner Analyse: Die einzelnen Einnahmekategorien, die Du so analysierst, als ob sie
a) voneinander unabhängig wären
b) und von einem einzelnen Verein alleine zu beeinflussen wären,
sind mit Sicherheit
a) nicht voneinander unabhängig, sondern hochgradig korreliert,
b) und auch nicht von einem Verein alleine zu beeinflussen, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen Vereinen.
Zu Punkt a) Wenn man für zwei Vereine einen Wert aus Spieltagseinnahmen, TV-Einnahmen und Werbeeinnahmen kennt und ein Verein liegt deutlich vor dem anderen, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, welcher der beiden Vereine bei den anderen beiden Werten vorne liegt (nämlich derselbe).
Zu Punkt b) Wenn die Bayern ihre Einnahmen in den drei Kategorien erhöhen möchten, können sie das nicht alleine schaffen. Der Umzug nach Unterhaching zum Beispiel wird alleine wenig ausrichten. Zuschauer kommen, wenn die Spiele interessant sind. Spiele sind interessant, wenn auch andere Vereine gute Mannschaften haben und nicht bereits vorher feststeht, dass die Bayern 7:0 gewinnen. Für die TV-Einnahmen gilt das gleiche. Die Liga muss insgesamt interessant sein, als Liga, und das ist sie, wenn sie viele interessante Spiele hat. An jedem Spieltag gibt es zwölf Spiele, für die die Zuschauer mit ihrem TV-Abo bezahlen, aber Wolfsburg gegen die Bayern gibt es nur zweimal im Jahr. Dito die Werbung. Sponsoring auf Trikots und auf Banden ist für ein Unternehmen interessant, wenn es weiß, dass seine Werbung häufig und viel gesehen wird. Werbung wird häufig und viel gesehen, wenn die Stadien voll sind und viele Leute für möglichst viele Spiele ihr TV einschalten (und nicht nur für die Partie gegen Wolfsburg). Auch dafür ist es wichtig, dass die Liga insgesamt, als Liga, interessant ist, und nicht nur ein einzelner Verein.
Insofern wird der Umzug nach Unterhaching alleine wenig ausrichten für die Einnahmen der Bayern. Der Umzug heißt erstmal nur, dass es im Stadion mehr Platz gibt, aber das impliziert nicht, dass damit auch mehr Zuschauer kommen müssen. Mehr Zuschauer kommen, wenn die Spiele, die sie zu sehen bekommen, interessanter sind. Dafür braucht es gute Gegner, die Liga muss also insgesamt besser werden, mit besseren Mannschaften in der Breite. Für die verhältnismäßig geringen Werbeeinnahmen gilt das gleiche, und letztlich auch für die TV-Einnahmen.
Aus meinen Ausführungen folgt aber auch, dass ein Umzug der Bayern in die WSL oder eine Super League die Einnahmensituation schlagartig verbessern würde. Denn die englische Liga ist deutlich attraktiver als die deutsche, mit (mutmaßlich) viel mehr besseren Teams in der Breite, viel mehr Stars und viel mehr Zuschauerinteresse für die Liga insgesamt statt für einzelne Vereine.
(Dass Arsenal bei den TV-Einnahmen nur rund 25 Prozent vor den Bayern liegt, während es bei den Spieltagseinnahmen ohne das W7F-Turnier rund 1600 Prozent und bei den Werbeeinnahmen rund 520 Prozent sind, deutet entweder darauf hin, dass die Erfolgselastizität der TV-Einnahmen sehr gering ist oder dass entweder die Bayern dramatisch überbezahlt oder die Gunners dramatisch unterbezahlt sind (ich tippe auf Ersteres, also die Elastizität).)
Meine Prognose auf Basis meiner Beobachtungen zur Entwicklung des Frauenfußballs ist, dass die englische Liga schon bald – ähnlich wie bei den Männern – nicht nur den gesamten Markt dominieren, sondern auch einen Großteil der globalen Aufmerksamkeit, der interessanten Spieler, der interessanten Trainer, der interessanten Verdienstmöglichkeiten und der interessanten Geschichten auf sich vereinen wird. Die WSL wird die einzig global relevante Liga sein, und alle, die in der Szene etwas auf sich halten, werden dort arbeiten und spielen wollen. Dabei ist das Ganze ist ein sich selbst verstärkender und letztendlich unaufhaltsamer Prozess, wenn die andere Ligen sich nicht heute darum bemühen, mit der WSL ebenbürtig in Konkurrenz zu treten – und vielleicht ist es dafür sogar schon zu spät.
Für die großen Vereine aus dem Ausland wie Real, Barça, die Bayern, Lyon und PSG wird es dann irgendwann auch sportlich dünn, denn welche Spielerin und welcher Trainer will schon 30 Mal im Jahr auf gefühltem Kreisliga-Niveau vor leeren Stadien gegen unterklassige Gegner spielen, wenn das ganze relevante Geschehen in der Welt des Frauenfußballs eigentlich in England stattfindet?