Herzlichen Dank an Euch alle für die vielen tollen Beiträge in diesem Thread, die ich mit Gewinn gelesen habe. So macht Forum Spaß!
Ich stimme dem zu, was viele hier schon gesagt haben. Kompanys System ist defensiv ein "100%-System”, ein System ohne Sicherheitsmarge. Entweder die Verteidigungsarbeit in einer Situation funktioniert zu 100 %, oder sie funktioniert gar nicht. Wenn sie nur zu 95 % funktioniert, entsteht daraus potentiell eine Situation für den Gegner mit genauso viel Gefahr für das eigene Tor, als wenn sie nur zu 50 % funktioniert. Wenn die bayerischen Abwehrmechanismen aber zu 100 % greifen, ist das Defensivspiel der Bayern praktisch unpenetrierbar. Kompany spielt das mit voller Absicht so, das ist kein taktisches Versäumnis.
Warum macht er das? Kompanys Idee ist die gleiche, die damals auch Flick umgetrieben hat: Ich setze mein System so auf, dass der Gegner möglichst wenig Chancen bekommt, und wenn er doch mal eine bekommt, dann sind dem Torabschluss, mit dem die Szene endet, aber mindestens 60 m Entstehungsweg vorausgegangen, bei denen für den Gegner eine ganze Menge richtig und für die Bayern eine ganze Menge falsch laufen muss, damit es so kommen konnte.
Gegen Mannschaften, die Spieler haben, die 60-m-Konter mit Ausgangspunkt tief in der eigenen Hälfte mehrfach pro Spiel erfolgreich abschließen können, ist dieses System prinzipbedingt anfällig. Mit Frankfurt und jetzt Barça ist der FC Bayern in dieser Saison bereits auf zwei dieser Mannschaften gestoßen, gegen die es dann konsequenterweise auch einmal drei und einmal vier Gegentore gegeben hat. Solche Mannschaften kommen allerdings nicht jeden Tag. Der Saisonspielplan der ersten Wochen lässt das Problem gegenwärtig größer aussehen, als es tatsächlich ist (gegen Stuttgart und Leverkusen z. B. hatten die Bayern nullkommakein Verteidigungsproblem).
Weil diese Anfälligkeit allerdings prinzipbedingt ist, bin ich mir nicht sicher, ob das System mit neuen, besseren Verteidigern gegnerische Chancen sehr viel effektiver zu verhindern wüsste als heute. Das System von Kompany erlaubt dem Gegner grundsätzlich nur wenige Schüsse aufs Tor, in der Bundesliga sind es bislang glatte fünf pro Spiel. Angenommen, die Bayern hätten jetzt einen um 20 % besseren Verteidiger als Kim oder Upamecano, der dafür sorgen würde, dass ein Gegner pro Spiel im Durchschnitt 20% weniger Schüsse aufs Tor der Bayern abgeben kann als mit Upamecano und Kim. Dann bekämen die Bayern vier statt fünf Schüsse pro Spiel aufs Tor. Hätten sie zwei um 20 % bessere Verteidiger, wären es drei statt fünf. Gut und schön, aber wäre damit irgendeines der hier so heiß diskutierten Abwehrprobleme der Bayern, ob nun tatsächlich vorhanden oder nur vermeintlich, wirklich gelöst? Ich möchte es bezweifeln. Die hier mehrheitlich geäußerte Kritik setzt doch viel tiefer an als an der Anzahl der zugelassenen Schüsse pro Spiel.
Ich glaube auch nicht, dass diese um X % besseren Verteidiger im System der Bayern grundsätzlich besser aussehen würden als Kim und Upamecano (oder irgendein anderer Bayern-Verteidiger). Das System von Kompany bringt Spieler systematisch in Situationen, in denen sie, wenn der Gegner ein Tor erzielt hat, in der dem Tor vorausgehenden Szene schlecht ausgesehen haben. Dies ist eine notwendige Konsequenz des Spielsystems von Kompany: Es lässt nur wenige Chancen zu, aber die wenigen sind dafür solche, deren Anfänge 60 m vor dem eigenen Tor zu suchen sind und die gar nicht erst entstehen würden, wenn nicht irgendwo unterwegs mindestens ein Bayern-Spieler einen schwerwiegenden Fehler macht, der ihn schlecht aussehen lässt. Die „unauffälligen“ Chancen, die einzelne Spieler in der Entstehung nicht so schlecht aussehen lassen, entstehen in diesem System erst gar nicht. Innerhalb dieses Systems können bessere Spieler somit vielleicht dafür sorgen, dass insgesamt weniger Chancen für den Gegner entstehen, aber sie können nicht dafür sorgen, dass sie selbst in den Momenten, in denen es dann doch passiert, weniger schlecht aussehen. Rein optisch werden sie gegenüber Upamecano oder Kim keinen besseren Eindruck machen. Es wird nur weniger von diesen Situationen geben.
Um mit diesem Systemproblem umzugehen, gibt es nun drei Möglichkeiten.
- Man akzeptiert es. Mannschaften wie Frankfurt und Barcelona kommen nicht so oft, und selbst wenn sie kommen, müssen sie ja nicht zwingend so effektiv und effizient sein wie diese beiden in ihren Begegnungen gegen die Bayern in dieser Saison. Die beiden Spiele hätten bei nur leicht anderem Verlauf der Ereignisse jeweils ein komplett anderes Ergebnis zeitigen können.
- Man wechselt komplett das System. Die Empirie zeigt uns allerdings, dass auch alle anderen Systeme der Bayern in den letzten Jahren nicht für weniger Gegentore für die Bayern gesorgt haben als das von Kompany heute. Nicht einmal in dem besonders auf defensive Stabilität ausgerichteten Tuchel-System haben die Bayern weniger Tore kassiert als heute (1,32/Spiel vs. 1/Spiel).
- Kompany spielt weiter sein System, aber für Spiele gegen Mannschaften wie Frankfurt, Barça, Real…, bei denen eine signifikante Konterstärke zu erwarten ist, stellt er um.
Vermutlich werden die meisten von euch für 3. plädieren, ich hingegen plädiere für 1. So wie ich ihn einschätze, wird Kompany sowieso nicht umstellen. Er ist diesbezüglich wie Flick: Er weiß, dass sein System in der Theorie ideal ist, dass es, wenn nur alle Spieler an 100 % ihrer Leistung kommen, und so schwer ist das doch gar nicht, so viel erwarte ich doch gar nicht, unbesiegbar ist. Kompany wird lieber versuchen, von 95 % auf 100 % zu kommen, anstatt sein System fallweise anzupassen und es damit gewissermaßen zu verraten – und sich selbst dabei auch.
Im Moment würde ich ihn in diesem Gedanken noch folgen und unterstützen. Das Potential der Spieler der Bayern ist noch nicht ausgereizt, und mal gucken, ob man sie nicht noch auf 100 % bekommt.