War ja kein Vorwurf, Menschen kann man unterschiedlich bewerten. Pogacar ist für mich ein unglaublich aufregender Rennfahrer. Gerade weil er jede Gelegenheit für hartes Racing nutzt. Wann sieht man das Gelbe Trikot mal am letzten Tag in Paris alles auf Kopfsteinpflaster riskieren? Auch wenn die Zeit bereits bei Km 41 genommen wurde, musste er das Ziel ja schon noch erreichen.
Es gibt für mich nur wenige Rennfahrer, die so spektakulär sind wie er. Das kann man vermutlich nicht so gut nachvollziehen, wenn man beispielsweise nur die Tour schaut, aber die Frühjahrsklassiker sind gleich nochmal ein Level spektakulärer, wenn er dabei ist.
Dazu mag ich einfach seine Art in Interviews, aber auch seine Art im Peloton. Für mich Sinnbild einer neuen Sportlergeneration, die sich gegenseitig respektiert. Auch in seinen größten Niederlagen war er stets der erste Gratulant des Siegers, einer, der auch am schwächsten Tag (ja, den hatte er tatsächlich ) noch lächeln konnte und einer, der immer zuerst an sein Team denkt. Müsste ich Leadership im Sport definieren, wäre er mein Paradebeispiel.
Es stimmt, dass die Tour im Kampf um Gelb nicht spannend ist, wenn er dabei ist. Wäre sie aber auch nicht, wenn Vingegaard stattdessen vorne wegfahren würde, so wie es die letzten Jahre gewesen wäre. Aber Pogacar wird nicht ewig fahren, die junge Generation kommt bereits. Allzu lange muss man da nicht mehr warten. Ich persönlich kann mich für diese Dominanz immer noch begeistern – Bayern-Fans können sich ja auch immer noch für die x-te Meisterschaft begeistern . Es ist faszinierend, was er für Werte drückt. Ich kann da natürlich auch relaten, weil ich den Sport selbst äußerst ambitioniert betreibe, was es nochmal faszinierender für mich macht.
Vielleicht steckt in deiner eigenen Begründung schon ein gutes Stück der Antwort.
Du erklärst wunderbar, warum Pogačar für Experten die den Radsport eng verfolgen und das taktische Kleinklein im Peloton mitlesen können, ein Fahrer zum Niederknien ist.
Nur muss ein echter Massenstar seine Faszination eben nicht erst über Fachwissen freischalten. Die springt einen an, oder sie tut es eben nicht.
Pogačar fährt spektakulär, keine Frage. Aber genau seine Überlegenheit nimmt dem wichtigsten Rennen oft die Spannung, weil man das Ende schon in der Mitte kennt. Er ist sympathisch und fair, ein glänzender Leader obendrein, und ausgerechnet das wird für die ganz große Erzählung zum Problem.
Es fehlt der Reibungspunkt, an dem sich so eine Geschichte entzünden könnte.
Dazu hat der Radsport einen Kalender, den kaum jemand durchblickt, Teams, die dauernd ihre Sponsoren wechseln und dann noch der alte Glaubwürdigkeitsschatten, den der Radsport einfach nicht los wird.
Pogačar ist vielleicht der aufregendste und wohl auch kompletteste Rennfahrer seiner Generation und bindet trotzdem keine Massen weit über den Radsport hinaus.
Ich habe größten Respekt vor seinen unglaublichen Leistungen. Aber ein richtiger Fan werde ich eben nicht.
Das ist das Problem vom Radsport und nicht von Pogacar. Mehr machen kann er mMn nicht.
Auch für den „casual“ Sportfan nicht. Mir ist „Ästhetik“ im Sport generell egal, aber auch hier ist Pogacar mMn eher positiv zu bewerten. Er ist keine 50kg Bergziege sondern wiegt um die 65kg bei 1,76m. Er sieht „gesund“ aus. Er sieht im seinem Weltmeistertrikot mMn auch ziemlich cool aus und es ist ein Alleinstellungsmerkmal im Peleton. Das alles sind doch eigentlich Punkte die für viele Fans wichtig sind oder?
Der Radsport hat ein ähnliches Problem wie andere Sportarten, wo das Gesicht der Sportler verdeckt wird (NFL, NHL).
Ich glaube ehrlich gesagt, dass du mit deiner Meinung zu Pogacar eher nicht mehrheitsfähig bist. Natürlich weiß ich es nicht, kann ich ja auch gar nicht, aber es ist das erste Mal, dass ich von jemandem lese, Pogacar sei nicht charismatisch oder nicht begeisterungsfähig. Der Hauptkritikpunkt ist bei ihm sonst immer, dass er einfach zu gut ist.
Ich kann deine Punkte nur schwer nachvollziehen, wenn ich ehrlich bin. Pogacar ist kommunikativ begabt, sympathisch, extrovertiert, stellt sich immer, feiert mit den Fans, sorgt für besondere Interaktionsmomente wie nach Etappe 2 mit den mexikanischen Fans und vieles mehr. Viel charismatischer und nahbarer kann man bei so einer Tour kaum sein.
Man kann ihn ja dafür kritisieren, dass er dominant ist oder wegen seiner charakterlichen Eigenschaften die perfekte Sportswashingmaschine für UAE ist, aber wenn ein „GOAT“ im Sport jemals charismatisch war, dann ist es Pogacar. Und Pogacar ist auch der Grund, warum viele den Radsport lieben. Aus deinem Post lese ich eher heraus, dass du dich wenig mit ihm beschäftigt hast bisher. Was ja auch ok ist.
Zum Thema Glaubwürdigkeit könnte ich einen langen Post aufsetzen. Da ist so viel Doppelmoral dabei. Vor allem bei Fußballfans, die einmal Tour schauen, dann bisschen was kommentieren und wieder weg sind, bis wieder Tour ist. Aber das erspare ich euch und vor allem mir selbst an der Stelle.
Ich will Pogačar weder seine sympathische Art noch seine sportliche Ausnahmestellung absprechen. Das sollte aus meinen Posts auch klar hervorgehen.
Ich bin selbst am Radsport interessiert, finde seine Leistungen großartig und schaue keineswegs nur zufällig einmal im Jahr hinein.
Trotzdem fasziniert er mich persönlich nicht besonders. Ich schalte die Tour ein, weil mich die Tour interessiert. Die Landschaften, die Dramaturgie über drei Wochen, die verschiedenen Etappentypen, die taktischen Entwicklungen und das gesamte Ereignis.
Ich schalte nicht ein, weil ich unbedingt Pogačar sehen möchte. Wäre er nicht dabei, würde ich die Tour genauso verfolgen.
Genau deshalb bringt es für mich wenig, seine positiven Eigenschaften immer weiter aufzuzählen. Die bestreite ich ja gar nicht.
Sympathie, Nahbarkeit und außergewöhnliche Leistungen müssen nicht automatisch dazu führen, dass ein Sportler jemanden emotional mitnimmt. Bei mir ist das jedenfalls nicht der Fall.
Ob meine Wahrnehmung mehrheitsfähig ist, weiß ich genauso wenig wie du. Aber dass Pogačar innerhalb der Radsportszene sehr beliebt ist, beantwortet noch nicht die Frage, wie viel zusätzliche Begeisterung er über das bereits vorhandene Interesse am Radsport hinaus erzeugt.
Beim Helmvergleich bin ich eher skeptisch. NFL und NHL zeigen doch gerade, dass verdeckte Gesichter kein wesentliches Hindernis für enorme Popularität sind. Dort entstehen Identifikation und Stars über stabile Teams, regionale Bindung, Rivalitäten und eine intensive mediale Inszenierung außerhalb der eigentlichen Spielzeit.
Würde mich interessieren, was die tatsächlichen Gründe dafür sind. Denn Charaktereigenschaften sind es wohl kaum. Ich erkenne da zwischen den Zeilen eher eine Antihaltung, gegen die er schlicht nichts machen kann.
Menschen ticken eben so. Wir alle. Da kann man wenig gegen tun.
Ich bin noch viel schlimmer: ich habe noch nicht mal die Tour geschaut, kenne von Pogcar tatsächlich nur seinen Namen und habe lediglich gerade eure Kommentar hier gelesen.
Trotzdem möchte ich eine Anmerkung aus der Metaebene da lassen: ich glaube, man muss als Fan des professionellen Radsports genauso wie als Fan von Profifußball einfach den gedanklichen Spagat hinbekommen, die aktuell gezeigte sportliche Leistung von den ganzen negativen Begleiterscheinungen (Sponsoring, Doping-Geschichten hier, absurd hohe Finanzsummen, politische Verquickung, FIFA dort) zu trennen.
Ich finde nicht, dass man das zwingend trennen muss. Man kann es tun, wenn man das will. Und hier und da tue ich das auch. Aber nicht konsequent und immer. Denn wenn man das immer so macht, legitimiert man schnell die Seite, die man auch als Fan kritisch bewerten sollte. Egal, um welchen Sport es geht. Denn die, die bspw. Sportswashing betreiben, hoffen genau darauf: Dass alle trennen und den Sport Sport sein lassen, sodass alles andere nur nervt.
Pogacar kann man nicht mal nicht mögen, selbst wenn man will. Er schenkt Del Toro den Sieg in der Etappe, er zieht ihn Alpe d’Huez hoch, damit der sicher das weiße Trikot hat, obwohl er die Etappe selbst gewinnen könnte.
Ich glaube, ich verstehe, was ChrisCullen meint. Es gibt halt keine „Reibungspunkte“. Er scheint einfach ein toller Mensch, Fahrer und Teamkapitän zu sein. Er ist keiner, der die Leute provoziert, der auch mal nen Spruch raushaut, der nicht bei jedem ankommt. Es gibt Leute wie Jasper Philipsen, die mehr polarisieren. Meine Frau und ich freuen uns z.B. jedes Mal, wenn er einen Sprint nicht gewinnt, weil er eben teilweise schon sehr unfair bei den Sprints agiert. Wenn man dann aber sieht, wie sehr er seinen Kapitän van der Poel bei der Ankunft in Paris auf der Ziellinie feiert, fällt es mir dann aber auch wieder schwerer, ihn zu „hassen“
Der Toursieg war halt nach einem Drittel der Etappen entschieden, auch weil Vingegaard so halbwegs der einzige ist, der mit ihm mithalten kann und trotzdem chancenlos war. Der Sturz von Lipowitz war sehr schade, der hätte wirklich ne Chance aufs Podium gehabt.
Die Tour war trotzdem spektakulär und ich freue mich jedes Jahr wieder auf die Übertragung und lasse auch auf der Arbeit die Streams nebenher laufen.
Ehrlich gesagt gefällt mir diese Einordnung als „Antihaltung“ nicht. Finde ich schade.
Ich habe Pogačars sportliche Klasse mehrfach ausdrücklich anerkannt und auch nichts Negatives über ihn als Person gesagt. Warum sollte ich auch.
Dass mich ein Sportler trotz aller Qualität nicht besonders fasziniert, ist doch keine Geringschätzung seiner Leistung.
Ich bin am Radsport interessiert, aber kein Intimus. Mich packt vor allem das große Spektakel. Körperliche Übermacht, Wucht, Aura, das Gefühl, dass einer seine Gegner nicht nur schlägt, sondern regelrecht demoralisiert.
Indurain hatte für mich etwas davon. Pogačar ist sicherlich vielseitiger, offensiver und sportlich außergewöhnlich, aber bei mir löst er diese Wirkung eben nicht aus.
Das kann man anders empfinden. Aber aus fehlender Begeisterung eine „Antihaltung“ zu machen, wird dem, was ich geschrieben habe, nicht gerecht.
Steht ja auch nirgendwo? Es geht hier um charakterliche Eigenschaften. Und da ist deine Wortwahl schon ziemlich stark, finde ich. Ich kann die Bewertung halt einfach nicht nachvollziehen, weil sie nicht mit dem einhergeht, wie ich ihn erlebe und was ich bisher von anderen über ihn gehört habe. Das passt alles einfach nicht zusammen.
Wenn die Begründung die ist, die oben angeführt wird, dass er zu wenig provoziert und zu wenig Ecken hat, dann ist das vielleicht wieder ein Generationenthema, an dem ich hier ohnehin permanent scheitere. Ich finde aber nicht, dass man nur charismatisch sein kann, wenn man aneckt/provokant ist. Im Gegenteil werden mir solche Leute zu oft als positiv geframet. Brauche ich nicht.
Na ja, es ist doch nun mal so, dass ältere Generationen eher mit Leuten aufgewachsen sind, ich ja übrigens auch, die vermeintliches Charisma durch bestimmte Eigenschaften ausgestrahlt haben. Kahn/Effenberg im Fußball bspw. – Ich bin froh, dass sich da vieles verändert hat. Ich sagte neulich an anderer Stelle mal, dass ich gern Vorbilder aus der heutigen Sportwelt gehabt hätte statt der Effenbergs.
Ob das auf dich zutrifft? Keine Ahnung. Ich sehe halt einfach keine überzeugende Begründung für deine These, er sei nicht charismatisch. Dass du dich nicht für ihn begeistern kannst, habe ich dir nicht abgesprochen. Wie du ihn bewertest finde ich, um es mit deinen Worten zu sagen, nicht fair.
Danke für den regen Austausch. Ich lasse mich nicht in einen Topf werfen. Ich bin keine Generation. Die interessiert mich nicht. Auch nicht Effenberg. Ein andermal gerne wieder.
Also ich muss zugeben, dass ich Pogacar nicht übermäßig sympathisch finde und wenig mit ihm anfangen kann. Ich will ihm gar nicht absprechen, dass er charismatisch ist, aber ich kann mich wirklich gar nicht mit ihm identifizieren. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass ein solcher Star des Sports viel verdient, aber irgendwie kann ich mich nicht mit jemanden identifizieren, der seine Wahlheimat in Monaco hat und Uhren zum Radfahren (!) trägt, die sich ein Durchschnittsmensch niemals leisten kann. Und wenn ich dann noch weiß, dass sein Geld zu großen Teilen aus Sportwashing kommt, dann fällt es mir schwer ihn als nahbar zu sehen.
Auch die in einem Interview von Nils Politt angesprochene „Blacklist“ an der sich Pogacar beteiligt, sorgt jetzt auch nicht dafür, dass er mir als besonders fairer Sportsmann auffällt. Ja er ist sehr fair und stellt sich auch in den Dienst von De Torro (auch weil er sich es leisten kann), aber für meinen Geschmack sticht er aus dem restlichen Peloton auch nicht unbedingt in Fairness raus. Der Radsport ist einfach in der Hinsicht fairer als es Fußball ist.
Ziemlich überzogene Reaktion, findest du nicht? Jede Generation an Menschen hat Dinge, die sie geprägt hat. Das heißt nicht, dass du diese Dinge immer noch mit dir herumträgst, habe ich aber auch nirgends geschrieben. Ich habe dich auch in keine Schublade gesteckt.
Ich finde deine Bewertung eines Menschen einfach fragwürdig und finde, dass deine Argumente nicht zu dem passen, was ich über ihn von anderen bisher gelesen und gehört habe und wie ich ihn selbst wahrnehme. Mich interessiert, woher das kommt. Wenn es weder der Punkt ist, dass du Leute bevorzugst, die mehr anecken wie frühere Generationen an Sportlern, noch der Punkt, dass es wegen der Dominanz, UAE oder anderen Themen eine Antihaltung gibt, dann fällt es mir schwer, das zu verstehen.
Gerade weil deine Wortwahl/Bewertung ziemlich stark ist.
Aber gut, belassen wir’s dabei. Du hast das jetzt persönlich genommen und das wollte ich keinesfalls damit bezwecken. Ich habe dich auch nicht in einen Topf geworfen, sondern nur angemerkt, dass jede Generation ihre Vorbilder hat und mit gewissen Dingen aufwächst. Das bedeutet ja nicht zwingend, dass du dich deshalb da sehen musst.
Aber das sind ja zwei verschiedene Punkte. Hier ging es ja weniger darum, ob er ein bescheidener Wohltäter ist, sondern ob er Menschen begeistern kann. Der Zuwachs der Aufmerksamkeit der letzten Jahre ist zu großen Teilen auch sein Verdienst. Sportlich, aber eben auch charismatisch.
Ich habe die Diskussion schon so aufgefasst. Aber ich wollte sagen, warum er mich nicht (menschlich) begeistert. Für andere Menschen kann ich natürlich nicht sprechen, deswegen wollte ich meine eigene Perspektive geben.
Ich selbst verfolge den Radsport jetzt seit circa 4 Jahren, bin also definitiv kein langjähriger Fan. Dementsprechend fällt meine Beschäftigung mit dem Sport auch in die Zeit rund um die Stärke von Pogacar. Aber ich schalte nicht ein, weil ich den Menschen Pogacar sehen möchte, sondern weil der Sportler Pogacar so außergewöhnlich ist und ich das Gefühl habe sportlich etwas zu erleben, was sich vielleicht in meiner Lebenszeit nicht wiederholen wird.
Aber sein Charisma wirkt bei mir eher nicht. Dass viele das anders sehen, ist für mich kein Problem und wenn andere ihn neben dem Sport auch als Menschen gut finden und somit mehr Personen zum Radsport kommen, kann ich sehr gut damit leben.
Na ja, Du hast hast die verschiedensten Menschen in ein Generationenschema gesteckt, und zwar in kein angenehmes. Meines Erachtens grenzt das an Altersdiskriminierung. Und eine Argumentation ad hominem. Das ist bei @ChrisCullen nicht gut angekommen, und bei mir übrigens auch nicht. Also, nochmal in kurz: Du hast pauschalisiert, obwohl du ständig gegen Pauschalisierungen zu kämpfen scheinst. Aber denk Dir nichts, das ist menschlich.
PS: Dir zu widersprechen, kann schon unangenehm werden. Du wirst damit leben müssen, dass nicht alle Deinen Rad-Hero so toll finden wie Du. Ich finde, CC hat das schon einleuchtend argumentiert.