Ja, und ich finde Deinen Hinweis auf den Wert nicht-menschlicher Existenz, die wir in unsere Entscheidungen, wie wir mit dieser Welt umgehen wollen, einbeziehen sollten, berechtigt.
Das passiert übrigens häufig auch. Für natürliche Ressourcen, die keinen Marktpreis haben, wird von der Politik häufig ein bestimmter Wert der Konservierung festgelegt, z. B. „30 % aller weltweiten Korallenriffe müssen erhalten bleiben“ und das fließt dann in ökonomische Entscheidungskalküle als Nebenbedingung ein.
Es wird in solchen Fällen keine ökonomische Schadens- oder Nutzenfunktion gerechnet, die einen monetären Erhaltungswert für einen Kubikzentimeter Korallenriff ausspuckt (z. B. 10 €), der dann seinerseits in die Berechnungen über weitere Ressourcenverwendungen einfließt (z. B. wenn die Kosten der Schadensvermeidung höher sind als 10 € pro Kubikzentimeter, zerstöre den Kubikzentimeter Korallenriff). Stattdessen gibt die Politik einfach vor: So und so viel Korallenriff muss erhalten bleiben, basta, koste es, was es wolle.
Das kann theoretisch zu relativ perversen Ergebnissen führen, weil „gehe niemals unter 30 %“ alle anderen Bedingungen schlägt und beispielsweise ein Projekt, das eine Million Menschenleben in Afrika retten würde, aber auch den Bestand der Korallenriffe unter 30 % drücken würde, dann nicht umgesetzt würde.
In einer ökonomischen Idealwelt würde man daher stattdessen versuchen, eine Schadensfunktion zu rechnen und dem Kubikzentimeter Korallenriff einen konkreten monetären Wert der Erhaltung zu geben, statt mit harten Nebenbedingungen zu arbeiten. Dieser Preis müsste nicht fix sein, sondern könnte sich im Laufe der Zeit an veränderte Bedingungen anpassen, genauso wie der CO2-Preis. Das heißt insbesondere, dass er immer höher werden könnte, je näher man sich von oben der 30%-Marke nähert. Wenn man das so macht, könnte jedoch zumindest theoretisch am 30%-Rand immer noch herauskommen, dass das Projekt, das die eine Millionen Menschenleben in Afrika rettet, für uns als Menschheit mehr wert ist als die Erhaltung von x Volumeneinheiten Korallenriff, obwohl das deren Bestand unter die 30%-Marke drücken würde. Perverse Entscheidungssituationen würden zumindest theoretisch vermieden.
Also ja, auch der Wert nicht unmittelbar menschlicher, natürlicher „Interessen“, für die es keinen Marktpreis gibt, kann in ökonomischen Kalkülen berücksichtigt werden und wird es auch.
Nein, das stimmt nicht. Das Problem ist unhintergehbar. Du hast ein Kilo Stahl und ein Kilo Kunststoff. Verbaust Du diese Ressourcen in den medizinischen Apparat oder in die Gebäudedämmung? Du kannst diese Frage nicht nicht beantworten. Wenn Du sie nicht explizit beantwortest, beantwortest Du sie implizit damit und dadurch, was Du am Ende tust. Solange Ressourcen knapp sind, musst Du die Frage ihrer besten Verwendung beantworten.
Die Gesellschaft tut das auch die ganze Zeit. Es wird nur in den seltensten Fällen bewusst reflektiert. Wir haben eine bestimmte Dichte an Feuerwachen, wir haben eine bestimmte Dichte an Krankenhäusern, wir haben eine bestimmte Dichte an Arztpraxen, wir haben eine bestimmte Dichte an Polizeistationen.
Du gehst das Thema zu philosophisch an. Dein Problem ist folgender Gedankengang:
Ich muss über die beste Allokation knapper Ressourcen entscheiden → in der Moralphilosophie ist das Ausrichten des Handelns an seinen Ergebnissen verbunden mit dem Konsequenzialismus/Utilitarismus → ich aber bin Deontologe, ich präferiere die Ausrichtung des Handelns an Grundsätzen, unabhängig von Ergebnissen → in der Ökonomik wird über die Allokation von Ressourcen anhand der zu erreichenden Ergebnisse entschieden → die Ökonomik ist utilitaristisch → ich lehne die Resultate der Ökonomik ab.
Wenn für Dich der Wert des menschlichen Lebens unendlich groß wäre, also gewissermaßen absolut wäre und nicht zu relativieren, dann müsstest Du konsequenterweise fordern, dass in die Wohnung jedes Menschen in Deutschland als Mitbewohner ein Arzt einzieht, der diesen Menschen sofort behandelt, sobald er das kleinste gesundheitliche Problem bekommt. Du müsstest fordern, dass wir die Krankenhausdichte ver-x-fachen, damit kein Behandlungsbedürftiger auf dem Weg zum Krankenhaus sterben kann. Du müsstest fordern, dass wir die Zahl der Polizisten ver-x-fachen, damit jedes Gewaltverbrechen im Keim erstickt wird, noch bevor der erste Mensch zu Schaden kommt. Und so weiter.
Vielleicht würdest Du das fordern, aber unsere Gesellschaft beantwortet diese Frage anders. Wir haben nicht einen Arzt in jeder Wohnung, wir haben nicht x-Mal so viele Krankenhäuser und Polizisten, wie wir wirklich haben. Wir haben entweder explizit oder implizit Entscheidungen darüber getroffen, wie wir Ressourcen nutzenmaximal verwenden, die nicht einzelne Werte absolut stellen, auch nicht den Wert des menschlichen Lebens.
Und wir können diese Entscheidungen auch nicht nicht treffen, weil wir eine bestimmte Konfiguration von Krankenhäusern, Arztpraxen, Polizeistationen, Feuerwachen und so weiter eben haben müssen, für die wir eine bestimmte Menge an Ressourcen aufbringen. Jede konkrete Konfiguration drückt damit implizit auch einen Wert des menschlichen Lebens und ganz viele weitere Werte aus, gemessen an der Menge an Ressourcen, die wir bereit sind, dafür aufzuwenden.
Das ist unhintergehbar.
Solange Ressourcen knapp sind (woher nimmst Du die 40 Millionen Ärzte für jeden Haushalt?), ist die Würde des Menschen ideell absolut, aber der Wert des Lebens ist es real nie. Der Wert ist immer relativ zu einem Preis, den man bereit ist, für seine Sicherung zu bezahlen.
(Der einzelne Arzt im Krankenhaus hat natürlich die deontologische Pflicht, jeden Verletzten, der in seine Notaufnahme kommt, so gut wie möglich zu behandeln, unbeachtet irgendwelcher Kosten-Nutzen-Abwägungen in dem Moment. Hier würde ich Dir selbstverständlich nicht widersprechen. Die Kosten-Nutzen-Abwägung ist auf der Stufe davor passiert: Wie viele Ärzte haben wir? Wie viele Notaufnahmen haben wir? Welche Apparate haben wir?)
Lass mich abschließend noch einmal wiederholen, weil der Ökonomik immer so riesige Skepsis entgegengebracht wird: Es geht nicht darum, irgendwie den Profit zu maximieren und dabei Menschen auszubeuten. Die Ökonomik beschäftigt sich im Kern mit der Frage der bestmöglichen Verwendung knapper Ressourcen so, dass dabei für die Gesellschaft der größtmögliche Nutzen herausspringt. Diese Frage muss beantwortet werden, sie ist unintergehbar. Die Methoden, die für ihre Beantwortung angewendet werden, und die Paradigmen, auf denen sie basieren, sind nicht irgendwie evil oder kalt oder so, sondern einfach notwendig und sinnvoll.