Sorry, dass ich noch einmal kurz auf Trump und die Ukraine im Zusammenhang mit dem, was ich gestern geschrieben habe, zurückkomme. Ich wollte das Folgende schon gestern schreiben, bin aber nicht dazu gekommen.
Hier ein Versuch: Die positivstmögliche Deutung des aktuellen Vorstoßes von Trump, ein vorläufiges Ende des Krieges in der Ukraine zu erreichen:
Trump will diesen Krieg beenden. Ob es nun daran liegt, dass Trump den Friedensnobelpreis gewinnen will, oder daran, dass er sich Putin gegenüber noch schuldig fühlt für dessen geleistete Hilfe im Wahlkampf 2016, oder daran, dass Putin handfestes Kompromat gegen ihn im Schrank hat, oder daran, dass Trump tatsächlich Angst vor einem Dritten Weltkrieg mit potentieller nuklearer Auslöschung der Welt hat (was ich persönlich für nicht unwahrscheinlich halte), oder aber an etwas ganz anderem, weiß ich nicht. Was für mich aber ganz klar ist: Trump will diesen Krieg unbedingt beenden.
Nun ist das Problem, dass Trump keinen Hebel hat, um Putin an den Verhandlungstisch zu bringen, egal wie sehr er einen Deal will. Er kann Putin nicht drohen und er kann ihn auch nicht über den Weg internationaler Organisationen wie der UN dazu zwingen. Also muss er einen anderen Weg wählen, um Putin zu beeinflussen. Der Weg, den er gewählt hat, ist ein zweifacher: Zum einen wirft er sich Putin vor den Augen der Weltöffentlichkeit an den Hals und schmeichelt ihm, indem er zu nicht unerheblichen Kosten für sein Ansehen bewusst und öffentlich Partei für Putin ergreift. Beim Treffen mit Zelenskiy im Weißen Haus zum Beispiel nahm sich Trump eine gefühlte Ewigkeit Zeit, um den armen Putin vor den Kameras der Welt gegen die unfairen Angriffe der „Democrats“ und der „liberal fake news media“ im Kontext des „Russia Hoax“, der russischen Beeinflussung der amerikanischen Präsidentschaftswahl von 2016, zu verteidigen. Der arme Putin habe ja so viel ertragen müssen! Er habe so viel durchmacht! „He’s been through a lot.“ Und es war alles bösartig und falsch, und er, Trump, rückt das Bild wieder gerade.
Der zweite Weg ist der, Putin bereits vor dem Beginn der eigentlichen Verhandlungen bedeutende Zugeständnisse zu machen: keine NATO-Mitgliedschaft für die Ukraine, Einfrieren der Grenze an der aktuellen Kontaktlinie, Wiederaufnahme Russlands in die G7, dann G8, Wiedereröffnung der amerikanischen Botschaft in Russland und der russischen Botschaft in Amerika, Einstellung offensiver Cyberangriffe gegen Russland und vieles weitere mehr. Putin wird so viel Entgegenkommen kaum fassen können.
Aber indem Trump Putin einerseits mit Versprechungen besticht und sich andererseits vor der Weltöffentlichkeit für ihn erniedrigt, ihm schmeichelt, ihn verteidigt und scheinbar bereitwillig für alles, was dieser sich nur wünschen kann, den roten Teppich ausrollt, schafft er gegenüber Putin eine riesige Erwartungshaltung, die dieser nur schwer enttäuschen kann: Ich erniedrige mich für dich, ich mache mich für dich zum Paria der westlichen Welt, ich nehme vor aller Welt unverhohlen Partei für dich ein, jetzt musst du aber auch mir entgegenkommen. Ich will, dass du dich mit mir an einen Tisch setzt und mit mir einen „peace deal“ für die Ukraine verhandelst. Das ist der Deal. Ich habe dir gegeben, jetzt gibst du mir.
Ich glaube, man muss sich die Beziehung zwischen Trump und Putin wie die Beziehung zwischen Mafiapaten vorstellen: Man teilt sich das Territorium auf und es gibt die implizite Erwartung, dass man sich als Zeichen des guten Willens gegenseitig Gefälligkeiten erweist. Im Übrigen lässt man sich in Ruhe und wünscht sich gute Geschäfte. Je größer der Nachteil ist, den man auf sich nimmt, um vom anderen einen Gefallen zu erhalten, desto größer ist die Verpflichtung des anderen, den Gefallen auch zu gewähren, um der Mafia-Ehre gerecht zu werden.
Trump nimmt gerade viele Nachteile in Kauf, was sein Ansehen und sein Standing im politischen Westen angeht, eine Währung, die für Putin vielleicht nicht wichtig ist, die aber in der westlichen Welt viel zählt. Und Putin sieht das. Er weiß, dass Trump gerade große Opfer für ihn bringt. Dementsprechend ist er gefordert, Trump ähnlich groß entgegenzukommen und bei etwas, das in seiner Welt eine starke Währung hat, nämlich die Herrschaft über die Ukraine, einzulenken und wenigstens einem vorläufigen Waffenstillstand zuzustimmen, im absoluten Minimum aber mindestens ernsthaften Gesprächen darüber.
Wenn meine Lesart stimmt, und sie ist nicht mehr als der positivstmögliche Rationalisierungsversuch eines x-beliebigen Internetkommentators ohne tiefere Kenntnis der Materie, über die er schreibt, geschweige denn Zugang zu Insiderinformationen, so I could be dead wrong, dann wird es bald zu Waffenstillstandsverhandlungen zwischen den USA, der Ukraine und Russland kommen und dann auch ziemlich schnell zu einem Waffenstillstand, den Putin anschließend auch nicht brechen wird, solange Trump noch Präsident ist (vorausgesetzt, es sind nur die nächsten vier Jahre). Denn das ist Teil zwei der Mafia-Ehre: Man bricht nicht einmal getroffene Abkommen, und wenn doch, dann droht man sich den Höllenfuror des Gegenübers auf den Leib zu ziehen (und Trump würde ich in Sachen Payback für gebrochenes Vertrauen grundsätzlich alles zutrauen).
(P.S. Wir haben in den letzten Jahren oft darüber gesprochen, wie sehr sich westliche Politiker, am sinnfälligsten Olaf Scholz, von Putins Atomwaffen abschrecken lassen. Der Politiker auf diesem Planeten, der von Putins Atomwaffen am meisten abgeschreckt ist, ist mit ziemlicher Sicherheit Donald Trump. Der Mann hat eine ganz tief sitzende, existenzielle Angst vor einem Atomkrieg.)