Nach einer halben Nacht Schlaf bin ich immer noch geplättet von dem, was ich da gestern erlebt habe. Was für ein völlig irres Spiel.
Die erste Halbzeit war vogelwild. Haarsträubende Fehler von Neuer, ein Gegentor nach einem saublöden Konter, und dieses dritte Tor für Real lag eigentlich die ganze Zeit in der Luft. Es musste fast irgendwann fallen. Ein Mittelfeld existierte phasenweise praktisch nicht, und die beiden Raketen der Königlichen waren permanent einen Wimpernschlag davon entfernt, den nächsten Nadelstich zu setzen. Das hatte zeitweise etwas von zwei Actionfiguren, die sich gegenseitig genau dort treffen, wo der andere am verwundbarsten ist.
Das ist die eine Seite dieses Spiels mit seinen absurd vielen Facetten.
Die andere, und viel wichtigere, war das Mindset dieser Mannschaft. Wie soll man eine Mannschaft mit so viel Moral, so viel Glauben an die eigene Stärke und so viel Bereitschaft, immer wieder aufzustehen, nicht lieben? Ja, dieser Glaube war in der ersten Halbzeit stellenweise auch blauäugig. Aber viele andere Mannschaften wären gegen dieses Real Madrid nach solchen Rückschlägen irgendwann gekippt. Genau davon leben die Madrilenen doch seit Jahren: den Gegner zermürben, bis er innerlich nachgibt, und dann den finalen Stoß setzen.
Aber nicht mit diesen Kompany-Bayern.
Du schenkst eine hervorragende Ausgangslage nach 35 Sekunden wieder her? Egal, weiter. Voll drauf, Ausgleich. Du gerätst nach einem diskutablen Freistoß und einer schwachen Torwartreaktion wieder in Rückstand? Egal, wieder aufstehen, wieder anschieben, wieder ausgleichen. Und genau so ging das weiter. Immer wieder.
Klar, in der zweiten Hälfte kam dann auch das Großhirn wieder etwas stärker dazu. Aber was mich an diesem Abend wirklich beeindruckt hat, war nicht nur das Fußballerische, sondern diese Widerstandskraft. Dieser Wille. Dieser unbedingte Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit, obwohl dir das Spiel mehrfach aus den Händen zu gleiten droht. Wie viele Bayern-Mannschaften hätten das so weggesteckt? Viele sicher nicht.
Spannend fand ich auch, wie unterschiedlich man so ein Spiel im Stadion und am Fernseher erlebt. Ich habe gestern über weite Strecken ein anderes Spiel gesehen als das, was bei DAZN transportiert und kommentiert wurde. Im Re-Live heute wurde mir das erst recht klar.
Bestes Beispiel die Gelb-Rote Karte. Wer im Stadion gesehen hat, wie aufreizend arrogant Real Madrid immer wieder verzögert, gebremst und das Spiel zerstückelt hat, sobald es zu kippen drohte, der kann über diese Karte eigentlich nicht ernsthaft überrascht sein. Ob bewusst oder unbewusst, sie war folgerichtig. Sie hätten auch schon gegen Eder Miliato kurz zuvor für sein taktisches Foul gezückt werden können.
Dass die überragende Moral dieser Bayern danach fast in den Hintergrund gerät, nur weil die Herren in Weiß sich hinstellen, als hätten sie ohne den Schiedsrichter natürlich ganz sicher das Halbfinale erreicht, ist leider auch wieder typisch. So entwertet man eben gern den Erfolg des Gegners. In dieser Disziplin ist Madrid seit Jahren absolute Weltklasse.
Und genau deshalb war Real auch so ein unangenehmer Gegner. Nicht in erster Linie wegen überlegener Spielkontrolle oder großer taktischer Raffinesse, sondern wegen dieser Mischung aus Ekelspiel, brutaler Geschwindigkeit und individueller Weltklasse. Das ist in einer K.o.-Phase der Champions League eine riesige Hürde. Und genau deshalb ist dieser Abend auch so viel wert.
Das war wahrscheinlich eines der aufregendsten Champions-League-K.-o.-Spiele, an die man sich noch in Jahren erinnern wird. Dass Bayern so einen Abend über Moral, Charakter und den unbedingten Glauben an die eigene Stärke auf seine Seite gezogen hat, macht ihn umso größer.