Woher nimmst Du die Überzeugung, dass Nagelsmanns Fußball keine systematische Idee zugrundeliegt (egal ob gut oder schlecht)? I beg to differ.
Ist es nicht so, dass nicht so sehr Nagelsmanns, sondern gerade Tuchels sehr geschlossene Vorstellung von einem idealen System die Schwächen des Kaders offenbart? Wie würdest Du die andauernden Diskussionen über flagranteste Fähigkeitslücken im Kader der Bayern hier im Forum interpretieren?
Die Diskussionen über Lücken im Kader gab es auch unter Nagelsmann. 6er und 9er wurden überall rauf und runter diskutiert. Genauso wie auch schon lange den spielstarken Abgängen der letzen Jahre hinterher geweint wird.
Es ist aber natürlich richtig, dass Nagelsmann auch ein System hatte. Ich würde sogar das Gegenteil behaupten: Tuchel hängt weniger am System fest als Nagelsmann.
Unter letzterem mussten manche Spieler häufig in ungewohnten und schlecht passenden Positionen/Rollen spielen. Gnabry z.B. hat gefühlt in jedem Spiel woanders gespielt.
Tuchel zwingt nur die Wasserträger ins System, damit diese die Grundstruktur halten. Die individual starken Spieler bekommen viele Freiheiten. Meiner Meinung nach ist das auch der Hauptgrund, wieso Sané deutlich besser performt.
Die Folge ist natürlich aber auch, dass einzelne Spieler damit mehr Verantwortung übernehmen müssen, bzw. man mehr von der einzelnen Leistung abhängt.
Ich würde sagen dass beide, trotz unterschiedlicher Ausrichtung, die gleichen Probleme haben. Ein Mittelfeld welches nicht ballsicher genug ist und dem defensive Spieler fehlen. Bei JN war man nach 70 Minuten ko, bei Tuchel können wir nachlegen.
Da hat man nach der WM auch einfach falsch trainiert. Auch nach Nagelsmanns Entlassung war die Mannschaft in den Spielen mit Tuchel schnell k.o. Aktuell ist das ja ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Natürlich hatte Nagelsmann eine Idee, nur war sie größtenteils für den FCB ungeeignet. Und sie hat beinhaltet, dass man 10 Jahre Legacy von strukturierten dominanten Ballbesitzfussball (LVG/Jupp/Pep) endgültig in die Tonne tritt (nach den Irrungen und Wirrungen von Salihamidzic Kovac und co).
Zum Glück haben UH und KHR im letzten Moment den Stecker gezogen, und KHR sich hier letztlich dann doch durchgesetzt
Die Ballbesitz-Strukturen sind schon länger weg als Nagelsmann. Die haben wir irgendwo zwischen Ancelotti und Kovac verloren.
Nagelsmann hat mit seiner Idee den Fußball seiner Vorgänger fortgesetzt. Die Idee war aber schon bei den Vorgängern falsch.
Ich kann mich noch gut an die Anfangszeit von Ancelotti erinnern; da hieß es von vielen, dass die Mannschaft - sinngemäß - endlich befreit wäre von den Fesseln des sehr strukturierten und disziplinierten Positions- und Passspiels unter Guardiola … und die Transferpolitik hat ja auch klar darauf abgezielt, vertikaleres Spiel und „mehr Spektakel“ zu bekommen. Die erhöhte defensive Anfälligkeit hat man entweder ignorierte oder bewusst in Kauf genommen - nach dem Motto, Manu wird’s schon richten
Kovac wollte dann dem FC Bayern defensive Stabiliät durch Underdog-Fußball beibringen, wogegen dann offenbar die Mannschaft rebelliert hat.
Flick hat die Flucht nach vorn angetreten und die Devise „lieber 5:4 als 1:0“ ausgegeben und die Mannschaft hat das im enstehenden Flow zum Sextupel umzusetzen geschafft.
In seinem zweiten Jahr sind dann die Probleme schon deutlicher zutage getreten, aber bevor er als Trainer ernsthaft in die Kritik hätte kommen können, hat er sich als Bundes-Hansi aus dem Staub gemacht.
Nagelsmann hat dann meines Erachtens durchaus versucht, über den Zentrumsfokus wieder mehr Stabilität und auch Ballbesitzspiel zu etablieren, hat aber mutmaßlich jedes zweite Spiel das Konzept ein wenig verändert, bis die Spieler irgendwann nicht mehr auf ihn gehört haben und auf dem Platz herumgelaufen sind, wie es ihnen gerade einfiel …
Und ein paar ältere Spieler haben wohl seine „Autorität“ von Anfang an nicht akzeptiert … (Lewandowski z.B.)
Tuchel ist dank Erfahrung wohl inzwischen auch da angekommen, wo Pep und Klopp, von unterschiedlichen Seiten kommend, schon länger sind: bei einer ausbalancierten Mischung zwischen Ballbesitzspiel und überraschenden, schnellen Momenten im (Offensiv-)Spiel.
Und er (Tuchel) setzt zunächst mal darauf, ein System stabil einzuspielen, bis die Spieler Positionen und Laufwege automatisch drauf haben, auch wenn das anfangs mal zu eher langweiligen ersten Halbzeiten geführt hat - da ist ihm dann pragmatisch das zu-Null wichtiger als das eigene Offensivpiel.
Also fast ein wenig so, wie ich den FC Bayern in den 70ern als Kind erlebt habe; Zitat meines Vaters: „Hinten dicht machen und vorne hilft der liebe Gott“ (bzw. Gerd Müller )
Lieber Alex, da liegt wohl ein Missverständnis vor, denn das habe ich so nicht gesagt, wobei die Frage wäre, was man als „System“ gelten ließe. Natürlich hat JN bestimmte Vorstellungen, Stichwort Zentrumsfokus. Was man bei Tuchel, finde ich, zumindest deutlicher sieht, sind gut choreographierte Gruppenmanöver (Laufwege, Passfolgen) während meinem Eindruck zufolge (der kann falsch sein) es bei JN eher darum ging, zumindest in der Praxis („aufm Platz“), auf Einzelleistungen abzustellen. Das meinte ich mit der „Fokus (liegt) auf Individualismus“ (Dribblings). Du erinnerst dich sicherlich auch an die vielen Wortmeldungen hier im Forum, die gerade das Fehlen von Spielzügen monierten. Die Abhängigkeit von individueller Form, die sich daraus ergibt, schwächt ein Team in der Gesamtperformance. Aber das ist nur ein Punkt, ein andere wäre die Abstimmung von Spielzügen etc. Wie lange es dauert, Routinen zu etablieren, sehen wir gerade - deren Etablierung hat Nagelsmann aus meiner Sicht aber nicht unbedingt zugearbeitet.